Die Wölfe kommen - Jérémy Fel

  • Jérémy Fel: Die Wölfe kommen. Thriller, OT: Les loups à leur porte, aus dem Französischen von Anja Nattefort, München 2017, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-342-3-26143-2, Klappenbroschur, 397 Seiten, Format: 13,4 x 3,2 x 21,3 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle Edition: EUR 14,99. 


    DIE WÖLFE KOMMEN ist ein Episodenroman, In 13 Kapiteln, die jeweils mit dem Vornamen der Hauptfigur überschrieben sind, begegnen ein Dutzend Personen aus verschiedenen Gegenden der Welt dem Bösen. Diese Menschen haben sind alle von schweren Verlusten oder anderen schrecklichen Erlebnissen traumatisiert. Das Böse ist für sie eine reale Größe, es hat Gestalt angenommen. Sie nehmen es wahr als ein Knistern, ein Knacken, eine jähe Bewegung im Augenwinkel, als glühende Augen oder gebleckte Zähne. Im Wachen und Träumen sehen sie werwolfartige Ungeheuer, die Menschenfleisch fressen und krächzend auffliegende Raben, die sich an Leichen gütlich tun. Und nie weiß der Leser so recht, ob das nun Einbildung ist, ein Albtraum oder gar eine Wahnvorstellung.


    Die 13 Episoden sind nicht in sich abgeschlossen und scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben.


    1. Loretta  Greer, eine Farmersfrau aus Kansas in den 1970er Jahren hat eine Antenne für das Böse. Es nutzt ihr nur nichts. Ihre Tochter Maddie ist vor Jahren verschwunden und hat nie wieder von sich hören lassen. Und ihr 17jähriger Sohn Daryl zündet nach einem Streit den elterlichen Hof an.


    2. Duane  Parsons, 23, ein Callboy aus New York, entführt Josh, den dreieinhalbjährigen Sohn einer Stammkundin, um ihn vor deren Misshandlungen zu schützen. Er bringt ihn zum Vater nach Chicaco. Unterwegs lernt er die Kellnerin Mary Beth Doyle kennen. Ihr Trauma: ein gewalttätiger Ex und ein Sohn, der nicht bei ihr lebt. Duanes Trauma: Der Unfalltod seines Bruders.


    3. Claire  Millet, 21, Psychologiestudentin aus Annecy/Frankreich erholt sich von ihrer Masterarbeit, in der sie auch über den Fall Greer (Kapitel 1) geschrieben hat. Als nur Claire und Damien Lecointre, der Bruder einer Freundin, im Haus sind, erinnert sie sich plötzlich wieder an den Abend vor 14 Jahren, an dem ihre Mutter verschwand … und an ein Monster.


    4. Louise  Doucet, eine Hausfrau aus Nantes/Frankreich hat Sorgen: Ihr Mann betrügt sie, ihr Schwager Serge ist ermordet worden, ihre Schwester Beatrice sinnt auf Rache und in der Stadt sind schon ein halbes Dutzend Teenager verschwunden. Louise hat einen Sohn in diesem Alter …


    Muss man sich das alles merken? 

    Langsam wird man als LeserIn nervös. Geht das jetzt so weiter? Muss man sich all die Namen, Orte und Schicksale merken – und noch mehr? Werden die verschiedenen Figuren irgendwann zusammengeführt um vereint den Werwölfen, oder was immer das für ein Kroppzeug ist, den Garaus zu machen? Irgendwie streben alle nach San Francisco. Da wird dann wohl das Finale stattfinden.


    5. Walter  Kendrick, eine Unterweltgröße aus San Francisco, überfällt in Idaho das ahnungslose Ehepaar Lamb und entführt deren Adoptivsohn Scott. Er ist der Vater des Jungen und stammt aus Kansas. Scotts Mutter ist Mary Beth Doyle, die vor ihm geflohen ist, als sie schwanger war.


    Kansas, aha. Hier werden also die Fäden von Kapitel 1 und 2 wieder aufgenommen. Es scheint doch Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Kapiteln zu geben. Es kommen aber auch immer neue Figuren hinzu:


    6. Martin  Boyd, ein Londoner Verleger, tötet aus grundloser Eifersucht seine Frau Charlotte. Ihr gemeinsames Trauma war der frühe Tod ihres Sohnes Jules. Auf dem Tiefpunkt seines Lebens begegnet Martin der jungen Ausreißerin Kate, die von einer Gesangskarriere in den USA träumt. Sein Unglück ist ihr Glück.


    Und dann kapieren wir so langsam das System. Es gibt immer mehr Überschneidungen zwischen den einzelnen Handlungssträngen:


    7. Clement  Brécourt, ein Gangster, wird von Béatrice Valois entführt und gefoltert. Er soll den Mord an ihrem Lebensgefährten Serge Zariski zugeben. Clement beschuldigt einen anderen, doch so leicht ist die rachsüchtige Witwe nicht hinters Licht zu führen. (Bezüge zu den Kapiteln 1, 4 und 5)


    8. Mary Beth  Doyle, die Kellnerin, ist verzweifelt: Ihr Ex hat ihren Sohn entführt. Zur Polizei traut sie sich nicht, die hat Walter sowieso in der Hand. Also engagiert sie ein paar Leute und macht sich auf den Weg nach San Francisco um ihren Sohn auf eigene Faust zu befreien. Um jeden Preis. (Bezüge zu den Kapiteln 1, 2 und 5)


    9. Damien  Lecointre, 15, der Junge, der schon in Kapitel 3 einen zum Makaberen hatte, ist im Ferienlager. Ausgerechnet Steve ist dort Betreuer, der ihn als Kind schikaniert und missbraucht hat. Vor Steves Horrorstories vom menschenfressenden Wendigo braucht sich niemand zu fürchten, wohl aber vor Damiens Zorn. (Bezüge zu den Kapitel 1 und 3)


    10. Mary Beth  Doyle hat dem Unterweltkönig Walter Kendrick zum zweiten Mal im Leben ein Schnippchen geschlagen. Doch jetzt hat sie das Glück verlassen. Er hat sie in seiner Gewalt … (Bezüge zu den Kapiteln 1, 2, 5 und 8 )


    11. Benjamin  Leroi, 15, Nachbarssohn von Louise Doucet aus Kapitel 4, entdeckt durch Zufall, was den aus Nantes verschwundenen Teenagern zugestoßen ist. Doch mit diesem Wissen kann er nicht so einfach an die Öffentlichkeit gehen. Aus Gründen. (Bezüge zu den Kapiteln 1, 4 und 5. )


    Schickt die Teufel in die Hölle! 

    Hm. Wenn die Guten sich nicht bald zum Finale rüsten, wird das in diesem Buch nichts mehr. Es sind nur noch rund 80 Seiten. Was sind das jetzt für Ungeheuer? Werwölfe, Wendigos, der Kinderschreck oder eine nicht näher beschriebene Manifestation des Bösen? Und wann schicken die sie jetzt zurück in die Hölle? Na ja, zwei Kapitel lang haben sie ja noch Zeit.


    12. Scott  Lamb, der sich jetzt Scott Doyle nennt, macht es schwer zu schaffen, der Sohn eines kriminellen Psychopathen zu sein, zumal er selbst zu schwer kontrollierbaren Aggressionen neigt. Wie der Vater, so der Sohn? Es gibt da eine besonders unappetitliche Szene im Wald, die das deutlich macht, und die ich lieber nicht gelesen hätte. Seine gewalttätigen Neigungen im Zaum zu halten, wird wohl zur Lebensaufgabe für ihn. Vielleicht hilft ihm ja seine neue Freundin dabei, die Sängerin Kate – die Ausreißerin aus Kapitel 6. (Bezüge zu den Kapiteln 1, 2, 5, 6, 8 und 10)


    13. Kate , deren Nachnamen wir nicht erfahren, ist jetzt seit 3 Jahren mit Scott zusammen. Sie haben gerade Urlaub und fahren kreuz und quer durch die USA, Freunde und Verwandte besuchen. Nur um Kansas machen sie einen großen Bogen. Auch die früh verwaiste Kate hat ihr Päckchen zu tragen, ist aber von allen Hauptfiguren in dieser Geschichte am besten weggekommen. Sie hat auch einen positiven Einfluss auf Scott.


    Ist das Böse jetzt besiegt? Man könnte es meinen. Aber ein, zwei Mistkerle weniger auf der Welt machen keinen nennenswerten Unterschied. Der verdächtige Typ da mit den Blutspritzern auf dem Hemd, der gerade auf Französisch telefoniert … kennen wir den nicht?


    Wir ahnen es bereits: Die Wölfe werden weiterhin schleichen, die Raben krächzend auffliegen, rote Augen in der Dunkelheit leuchten. Das Böse ist noch lange nicht aus der Welt.


    In den ersten paar Kapiteln wird eine Spannung aufgebaut, die aber nicht wirklich aufgelöst wird. Man erwartet einen epischen Kampf zwischen Gut und Böse. Aber es sind nur Brutalos, Psychopathen und sonstige kranke Hirne unterwegs, die arglosen Mitmenschen Unsägliches antun, ganz einfach, weil sie Bock drauf haben. Und es wird ihnen nicht wirklich etwas entgegengesetzt.


    Das Konzept mit den sich überschneidenden Handlungssträngen ist interessant (wiewohl anstrengend), dient hier aber hauptsächlich als Vehikel für widerwärtige Grausamkeiten. Die Botschaft lautet wohl: Die Welt ist voller perverser Ar***l*cher, und wer Pech hat, muss dran glauben.

    Das dachten wir uns schon.


    Der Autor 

    Jérémy Fel, geboren 1976 in Le Havre, arbeitete nach dem Studium der Literatur und Philosophie zunächst als Buchhändler und nebenher als Drehbuchautor.


    https://www.amazon.de/Die-Wölfe-kommen-Jérémy-Fel/dp/3423261439/ref


             

    Und was die Autofahrer denken,
    das würd’ die Marder furchtbar kränken.
    Ingo Baumgartner

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