Schreibwettbewerb Januar - März 2018 - Thema: "Kinderträume"

  • Thema Januar - März 2018:


    "Kinderträume"


    Vom 01. Januar bis 28. Februar 2018 - 18:00 Uhr könnt Ihr uns Eure Beiträge für den Schreibwettbewerb Januar/März 2018 zu o.g. Thema per Email an schreibwettbewerb@buechereule.de zukommen lassen. Euer Beitrag wird von uns dann anonym am 1. März eingestellt. Den Ablauf und die Regeln könnt Ihr hier noch einml nachlesen: Regeln Schreibwettbewerb.


    Bitte achtet darauf, nicht mehr als 500 Wörter zu verwenden. Jeder Beitrag mit mehr als 500 Wörtern wird nicht zum Wettbewerb zugelassen!



    Achtung: Achtet bitte auf die Änderungen! Annahmeschluß ist ab sofort immer am Monatsletzten um 18:00 Uhr.

  • Die Amsel von Rumpelstilzchen


    An einem strahlend schönen Spätsommermorgen geht die Frau durch den Garten. Obwohl es noch früh ist, sorgen die Sonnenstrahlen schon für angenehme Wärme und schnell verdunsten die Tautropfen auf dem Gras. Die Frau trägt über einem Arm einen Eimer, in der freien Hand hält sie eine Gartenschere und schlendert langsam von Pflanze zu Pflanze. Hier schneidet sie vertrocknete Blüten ab, dort einen abgeknickten Zweig und überall sucht sie aufmerksam nach Spuren von Nacktschnecken und Blattläusen.


    Als sie sich dem Johannisbeerstrauch nähert, flieht eine naschlustige Amsel mit lautem Geschimpfe und flügelschlagend in die nahe Hecke. Die Frau schaut ihr nach und sieht sich selbst wieder hinter einem dichten alten Johannisbeerbusch sitzen. Sie mag zehn Jahre alt gewesen sein. Ein langes, dürres Mädchen mit einer riesigen, unkleidsamen Brille und zwei straff gebundenen Zöpfen. Sie versteckt sich hinter dem Gebüsch, den Rücken gegen die Garagenwand des Nachbargrundstücks gelehnt. Hier stört sie niemand und befiehlt ihr, sich nützlich zu machen. Auf den Knien hat sie ihren größten Schatz.


    Ein Buch über Entdecker und Abenteurer, voll mit Fotos von fremdartigen Menschen und unbekannten Landschaften. Nur einmal wie Stanley und Livingstone durch Regenwälder ziehen, es James Cook oder John Franklin nachtun und unerforschte Küsten und neue Seewege entdecken oder gar wie Scott und Amundsen einen neuen Kontinent und den Südpol bereisen. Das hatte sie sich so sehr gewünscht und war doch nie weiter gekommen als zu einem Besuch bei der Großmutter in Niederbayern.


    Ein wehmütiges Lächeln liegt über dem Gesicht der nicht mehr jungen Frau. Bis heute hat sie keinen Regenwald, keine fremden Kontinente gesehen, ist über Europa nie hinausgekommen. Ganz still steht sie im Garten.

    Die Amsel hat sich wieder hervorgewagt und pickt nach den schon vertrockneten Beeren.

  • Späte Erkenntnis von Sinela


    Mit großen Schritten betrat Frau Pallatin das Klassenzimmer der 3 A, in dem es hoch her ging. Sie stellte ihre Tasche auf dem Lehrerpult ab, atmete tief durch und klatschte dann ein paar mal laut in die Hände

    „Setzt euch bitte hin!“

    Gelassen schaute sie zu wie die Jungen und Mädchen zu ihren Plätzen gingen.

    „Das Thema der letzten beiden Stunden waren Wünsche. Was ihr euch für Weihnachten und zu eurem Geburtstag wünscht. In welche Länder ihr gerne einmal reisen würdet. Und vieles mehr. Heute wollen wir über eure Berufswünsche reden. Habt ihr euch schon Gedanken darüber gemacht, was ihr einmal werden wollt?“

    Zahlreiche Hände wurden in die Höhe gestreckt.

    „Jasmin bitte.“

    „Ich möchte Krankenschwester werden.“

    „Ich möchte Sekretärin werden,“ rief ihre Banknachbarin. Nun ging es Schlag auf Schlag.

    „Ich werde Busfahrer.“

    „ Ich möchte Kindergärtnerin werden.“

    „Und ich Architekt wie mein Vater.“

    „ Nicht alle durcheinander!“

    Nach einigen Minuten war wieder Ruhe im Klassenzimmer eingekehrt. Die Lehrerin wandte sich an einen ganz hinten sitzenden Schüler:

    „Und was ist mir dir, Sven?“

    Der so angesprochene Junge richtete sich auf.

    „Ich werde Rentner!“

    Die Schüler lachten lauthals los. Selbst die Lehrein konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

    „ Hast du dir schon überlegt, bei wem du deine Ausbildung machen möchtest?“

    Sven strahlte die Lehrein an:

    „Ich werde bei meinem Opa in die Lehre gehen, der ist nämlich schon lange Rentner, der weiß bestimmt, wie das geht.“


    Die Männer und Frauen bewegten sich auf der Tanzfläche im Rhythmus der Musik. An der Bar warteten einige der Anwesenden auf ihre Getränke, während man sich an den Tischen rege unterhielt. Anekdoten aus der Schulzeit wurden erzählt, ebenso witzige Begebenheiten aus der damaligen Zeit. Das Klassentreffen der 3A war ein voller Erfolg.

    „Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie Peter Herr Krickl das nasse Handtuch auf den Sitz gelegt hat? Oder wie Carsten und Günter die Klassenzimmertür ausgehängt und versteckt haben?“

    Die vier Menschen am Tisch lachten.

    „Und Silvia, die ...“

    „Ach du scheiße!“, entfuhr es Klaus Weiland, der mit erstarrten Blick in Richtung Tür blickte. Die anderen am Tisch sitzenden taten dies daraufhin ebenfalls. Geschockt schauten sie auf den Rollstuhlfahrer, der gerade eben zur Tür herein kam. Dieser erblickte sie und fuhr zu ihrem Tisch.

    „Hallo Leute. Schön euch zu sehen.“

    Betretenes Schweigen, bevor sich Sonja ein Herz fasste:

    „Was ist denn ...ich meine ..“

    „Brech dir bloß keinen ab“, fiel ihr Sven ins Wort. „Ich bin an Multipler Sklerose erkrankt und seit 24 Jahren Rentner. Man sollte halt vorsichtig sein mit dem was man sich wünscht.“

  • Prinzessinnenträume von breumel


    Nur noch das Krönchen aus Marzipan – geschafft! Ein Traum von einer Torte, zartrosa mit silbernen Zuckerperlen, kleinen Fondantröschen und einer Prinzessin in der Mitte. Sie sah die strahlenden Kinderaugen schon vor sich.

    Einen Prinzessinnengeburtstag hatte sich ihre Tochter gewünscht. Kein Problem, schließlich hatte jede 5jährige mindestens ein Prinzessinnenkleid in der Verkleidungskiste, neben Ballerinatütü und Feenflügeln. Wenn sie groß war, wollte Mia einen Prinzen heiraten und eine echte Prinzessin werden. Zumindest das mit dem bedienen lassen hatte sie schon ganz gut drauf …


    Wovon hatte sie selbst eigentlich als Kind geträumt? Prinzessin, klar, aber spätestens als Captain Future im Fernsehen lief wollte sie Astronautin werden. Unsportlich und kurzsichtig hatte sich der Traum schnell erledigt, aber was kam danach? Sicher nicht Sachbearbeiterin in der Rechtsabteilung einer Versicherung…


    Richterin hatte sie werden wollen. Zumindest mit dem Jurastudium hatte es geklappt, aber für ein Staatsamt hatte sie weder die Noten noch den Ehrgeiz. Wenigstens konnte sie in ihrer jetzigen Position auch für Gerechtigkeit sorgen. Im Zweifel für den Kunden. Und ihre Kolleginnen und Kollegen waren ein nettes Team, mit dem sie auch in ihrer Freizeit ab und an etwas unternahm. Sogar ihr Chef war in Ordnung – kein despotischer König, sondern jemand, mit dem man reden konnte.


    Ihren Prinz Charming hatte sie schon vor Jahren gefunden. Zwar mittlerweile mit Bauchansatz und zurückgehender Haargrenze, aber sie liebte ihren Mann, damals wie heute. Dank zweier „Prinzessinnen“ fuhr er Minivan, statt auf einem weißen Ross umher zu reiten, aber ihre Leidenschaft für Pferde hielt sich in Grenzen. Eine Kutsche mit Funkfernbedienung und beheizten Sitzen war vermutlich nicht mal als Sonderausstattung zu bekommen, und selbst die englische Königin hatte zugegeben, dass Kutschen nicht gerade der Inbegriff der Bequemlichkeit waren.


    Köchin und Hausmädchen wären natürlich schön, aber wenigstens hatte sie eine Putzfrau für zwei Stunden die Woche. Und die Hemden ihres Mannes brachte sie in die Reinigung – wer nicht bügeln will muss zahlen! Das Rasenmähen erledigte der Nachbarsjunge gegen einen Taschengeldzuschuss. Dienstbare Geister ließen sich immer finden, man brauche nur die richtige Beschwörung.


    „Mamaaa, es klingelt!!!“


    Mia flitzte zur Tür, ihre kleine Schwester hintendran. Es war noch zu früh für die sehnlichst erwarteten Freundinnen, aber auch dieser Gast wurde mit Begeisterung empfangen.


    „Oma!“


    Ihre Schwiegermutter, ehemalige Grundschullehrerin und gesegnet mit einer Fülle an Spielideen, Schränken voller Bastelmaterial und Engelsgeduld. Nicht zuletzt ein kostenloser und noch dazu stets williger Babysitter. Da sollte noch jemand behaupten, gute Feen gäbe es nur im Märchen!


    Petra schmunzelte. So wie es aussah, waren ihre Kinderträume doch in Erfüllung gegangen – sie hatte ihnen nur erlaubt, erwachsen zu werden.

  • Der Braunwurm von Tante Li


    Mit elf träumte mir, ich säße in einem Lehnstuhl in unserem von warmen Licht durchfluteten Garten unter dem in voller Blüte stehenden Kirschbaum mit mächtigem Stamm und kräftigen Ästen. Um mich herum saßen in lockerem Halbkreis Klassenkameraden und Nachbarskinder auf dem Rasen. Meine beiden jüngeren Geschwister schmiegten sich links und rechts an die Stuhlbeine und meine Knie. Ich las vor. Alle lauschten aufmerksam.


    Wir hatten kaum das dritte Kapitel erreicht als sich am Rande meines Gesichtsfeldes etwas Dunkles bewegte. Das ignorierte ich zunächst. Die Konzentration auf meine Geschichte wollte ich durch nichts stören lassen. Beim nächsten Umblättern kam ich aber nicht umhin, zu bemerken, dass sich ein dunkles Wesen unserem Kreis genähert hatte.


    Leicht irritiert schüttelte ich den Kopf und las mit fester Stimme weiter. Vielleicht war es ja nicht Besorgnis erregend und würde wieder verschwinden, wenn wir es einfach nicht beachteten. Einige der Kinder, die am äußeren Rand saßen, rückten ein wenig näher an mich heran, hörten aber noch immer gebannt zu.


    Plötzlich nahm ich ein Kichern und Zappeln wahr. Eines der Randkinder spielte mit seinen nackten Füßen mit dem schmutzig braunen Tier. Nun schaute ich es mir doch genauer an. Es sah aus wie ein langes, zahnloses Walross. Mit seinen groben Barteln kitzelte es die Fußsohlen des Kindes, das am weitesten von mir entfernt saß. Die Aufmerksamkeit der anderen war gestört. Ich versuchte noch ein paar Absätze lang, sie wieder für meine Worte zu gewinnen; verlor jedoch gegen die Faszination, die das dunkle Wesen auf sie ausübte.


    Es bewegte sich wie ein riesiger Regenwurm über das Gras. Einige Kinder wagten sich näher und ließen sich auch die Füße kitzeln. Bei einem waren es aber nicht mehr nur die Barthaare sondern schon eine spitze Zunge, die zwischen den dicken Lippen hervor schnellte. Noch schien alles nur Spiel. Doch im nächsten Augenblick war der nackte Fuß von der langen Zunge ganz umwunden und mit einem Ruck im Maul des Braunwurms verschwunden. Und er saugte das Bein weiter in sich hinein.


    Nun legte ich doch das Buch beiseite und hob vorsichtshalber die beiden Kleinen auf meinen Schoß. Der Junge mit dem eingesaugten Unterschenkel stemmte seinen andere Fuß gegen das Bartgesicht, um sich zu befreien; aber erlangte damit nur das Gegenteil. Das zweite Bein verschwand im Wurm und mit einem mächtigen Schlürfen wurde das gesamte Kind verschluckt. Entsetzt schnappte ich nach Luft. Das Untier nahm an Umfang zu. Mein Herz schlug hoch.


    Ich riet meinen engsten Freunden in den Kirschbaum hinauf zu klettern. Zwei befolgten meinen Rat, andere Kinder sprangen auf und liefen weg. Doch einige schienen gebannt von dem Braunwurm, ließen sich die Füße kitzeln, kicherten und blieben so lange sitzen, bis er auch sie in sich hinein geschlürft hatte.


    Mit jedem verschlungenen Kind wuchs das Ungeheuer. Ich half meinen Geschwistern in den Baum hinauf zu klettern und nahm mein Buch fest in beide Hände. Der Braunwurm näherte sich Stück für Stück. Schließlich hatte das Monster meine Füße erreicht. Aber ich hatte gute Schuhe an!

  • Nächtlicher Besuch von Inkslinger


    Der Donner rollt durch die Nacht. Wie die letzten Gäste eines runden Geburtstags, die um den längsten und polterndsten Rülpser wetteifern. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und hoffe, dass das Gewitter mich nicht findet. Hab keinen Bock, jetzt draufzugehen. Mein Chef würde 'Tod' nicht als Grund für unerledigte Arbeit gelten lassen, sondern mir messerwetzend folgen und mich zurückholen. Dann hätte ich richtig Probleme.


    Plötzlich höre ich meine Schlafzimmertür quietschen. Neugierig wühle ich meinen Kopf wieder hervor. Die vom Flurlicht geschaffene Silhouette kommt näher. „Mami, ich hatte einen Alftraum.“

    Ich klopfe einladend auf den freien Platz neben mir. „Was hast du denn geträumt, mein Schatz?“

    Rina krabbelt unter meine Decke. „Da waren Wölfe, die haben geheult und wollten mich fressen! Die waren 25 Meter groß und ich noch ein kleines Baby. So wie damals, als ich drei war. Aber ich war bewaffelt. Ich hatte meine Matchboxes dabei und die voll damit abgeworft. Dann sind die weggerannt und ich war gerettet. Aber ganz allein im Wald. Da war's kalt und dunkel und schaurig. Und dann war da ein Mann. Der sah irre aus. So wie Onkel Matthias. Der wollte, dass ich mit ihm gehe. Zur Schule. Hab ihm gesagt, ich muss in den Kindergarten. Aber er hat geschrien, alle Kinder mit Waffen müssen in die Schule. Er hat mich gepackt und ich bin aufgewacht.“

    Ich nehme sie in den Arm und streichle ihren Rücken. „Keine Angst, Schatz, du musst nicht zur Schule. Und die Wölfe kommen auch nicht her.“

    Sie hebt den Kopf und guckt mich mit großen Augen an. „Weil ich sie verjagt hab?“

    „Genau. Die trauen sich niemals hier hin.“

    Sie zeigt ihr bestes Zahnlückenlächeln. „Ich bin gut.“

    Ich lache. „Ja, Süße, das bist du.“


    Sie kuschelt sich wieder an mich und als ich schon ein bisschen eingedöst bin, fragt sie: „Sind wir reich?“

    „Geht so. Wieso fragst du?“

    „Wir haben kein Haus. Viele haben ein Haus.“

    „So reich sind wir nicht.“

    „Sind wir arm?“

    „Nein, wir haben genug.“

    „Haben wir denn bald mal ein Haus?“

    „Vielleicht.“

    „Kriege ich dann mein eigenes Zimmer?“

    „Nein.“

    „Wieso nicht?“

    „Nur echte Kinder haben ein Zimmer.“

    „Kann ich echt werden?“

    „Das geht leider nicht, mein Schatz. Ich kann keine Kinder bekommen.“

    „Ach so. Kannst du dir dann welche kaufen?“

    „Das heißt 'adoptieren', nicht 'kaufen'. Und nein, das geht nicht. Bin zu alt.“

    „Also bin ich ein Alleinkind? Solche, die immer alles kriegen, was sie wollen?“

    „Kann man so sagen.“

    „Ich will ein Haus mit einem Zimmer für mich.“

    Ich lache und küsse ihren Scheitel. „Okay, du hast mich überredet.“

    Das scheint ihr erst mal zu reichen. Sie sagt nichts mehr und ein paar Minuten später ist sie eingeschlafen.


    Der Wecker ätzt los und ich bringe ihn mit einen Handkantenschlag zum Schweigen. Die andere Hälfte des Bettes ist leer, aber warm. Klaas ist noch nicht lange fort. Für mich wird es auch Zeit. Von einer Traum-Mami zur Arbeitsbiene. Wie jeden Tag.

  • Teufel an der Wand von Bücherdrache


    Still und mit gesenktem Kopf sitzt das Mädchen am Küchentisch, das Gesicht hinter einem dunklen Haarschleier verborgen. Die Malstifte in ihrer Hand fahren eifrig über das Papier und begrünen die leere weiße Fläche mit einer fröhlichen Wiese, zeichnen Sonne und Wolken und kunterbunte Schmetterlinge.


    Wenn sie malt, versinkt die Welt um sie herum. All das Laute, das Beängstigende, all die Dinge, die ihre kleine Kinderseele noch nicht versteht und die sie ängstigen, verflüchtigen sich dann für eine Weile, und sie fühlt ein leises Glücksgefühl in sich. Auch wenn sie es nicht in Worte fassen kann, spürt sie, dass sie mit ihren Stiften ein Stückchen Welt gestalten kann, das heil und ganz ist und ihr allein gehört, auch wenn es nur die Größe eines Briefbogens hat.


    "Das wird wirklich sehr schön, Finchen", lobt die Oma und zieht den Stöpsel aus dem Spülbecken. "Aber jetzt komm her und hilf mir abtrocknen, Kind."


    Das Mädchen freut sich hinter seinem Haarvorhang, stolz darauf, dass ihrer Großmutter das Bild gefällt. Doch dann spannen sich ihre Schultern und die Buntstifthand erstarrt in der Bewegung, als sie die Haustür aufgestoßen wird und im Flur streitende Stimmen laut werden. Ihre Eltern kommen nach Hause. Schrill und giftversprühend der eine Teil, dunkel grollend der andere. Worte explodieren in den Nachmittagsfrieden wie Donnerschläge, böse, gemeine Worte, Stimmen, die anklagen und verletzen, drohen, schreien, schluchzen - Welle für Welle.


    Finchen schrumpft in sich zusammen, während draußen vor der Küchentür ein erbarmungsloser Krieg tobt. Seit Monaten geht das schon so, und es wird jedes mal lauter und schlimmer. Und sie hört alles mit. Das Mädchen sieht furchtsam zu ihrer Oma auf. "Werden sie sich jetzt scheiden lassen?"


    Die Hand ihrer Großmutter legt sich warm und fest auf ihre Schulter, ein Anker in der Not.

    "Nein, bestimmt nicht", beruhigt sie, doch auch in ihren Augen steht ein Funken Angst. "Aber wir wollen den Teufel lieber nicht an die Wand malen."


    "An die Wand malen?" Das Mädchen versteht die Redewendung nicht. "Was meinst du?"


    "Das sagt man nur so … man soll Dinge nicht herbeireden, nicht an die Wand malen, weil sie sonst vielleicht wahr werden."


    Finchens Augen werden groß. "Sie werden wahr? Alle Dinge?"

    Die Oma nickt.


    Später, als sie vom Einkaufen zurückkommt, ist es ruhig und friedlich im Haus. Die Eltern sind fort, aus der Küche dudelt leise das Radio. Die Großmutter schält sich aus ihrem Mantel.


    "Finchen?"


    Sie bekommt keine Antwort. Doch als sie die Küchentür aufstößt, die schweren Einkaufstaschen in der Hand, steht da ein Mädchen und malt. Papierbögen sind auf den Boden gesegelt, Stifte liegen wild im Raum verstreut, und dazwischen steht Finchen mit glühenden Wangen und bedeckt jedes freie Fleckchen Küchenwand mit bunten Bildern: Blumen, blühende Bäume, Häuser und Hunde und Katzen und eine große Sonne, und mittendrin ein kleines Mädchen zwischen ihren Eltern. Alle lachen und umarmen sich und obendrüber schweben ungelenke rote Herzchen.


    Finchen fährt herum und sieht die Oma entgeistert den Kopf schütteln.

    Sie strahlt. "Es wird alles wahr! Das hast du gesagt!"

  • Manche werden wahr von Suzann


    Oliver Gottswinter: Aufruhr in Weidenhöhe, Schneiderbuch-Verlag

    Elias späht um die Ecke und beobachtet, wie die Delegation des Schulamts zusammen mit Rektor Birken den breiten Flur, der in Weidenhöhe „Ehrenhain“ genannt wird, entlang marschiert. Ihr Ziel ist das Lehrerzimmer, in dem die Hauswirtschaftsgruppe ein Buffet aufgebaut hat.

    Simon flüstert nervös: „Gehen sie schon dran vorbei?“

    „Wir werden voll Ärger kriegen. Warum kommt grad heut dieses blöde Schulamt?“, jammert Florian, den immer als erstes der Mut verlässt.

    Rektor Birken versucht sein bestes die steife Stimmung der Schulamtsleute mit Smalltalk aufzulockern, als sein Blick an der Bildergalerie der ehemaligen Schulleiter hängen bleibt. „Was zum Teufel…?“ Seinen ersten Impuls stehen zu bleiben und die Sache genauer zu betrachten, kann er unterdrücken, schließlich ist er nicht erst seit gestern Leiter dieses Jungeninternats. Glücklicherweise fällt es sonst niemanden auf und nach weiteren fünfzehn Metern verschwindet die Gruppe im Lehrerzimmer.

    Elias ist enttäuscht, während Florian und Simon erleichtert aufatmen. Sie haben aber keine Chance die angehefteten Accessoires abzunehmen, denn der Gong läutet zur zweiten Pause und die Schüler strömen auf die Gänge. Es dauert nicht lange und Gelächter wird laut. Die Jungen machen sich gegenseitig auf die Bilder im Ehrenhain aufmerksam, auf denen die würdigen Gesichter der ehemaligen Rektoren mit Hörnern, Warzen und Augenklappen verziert sind.


    Elyas Okur, 12 Jahre, Nürnberg 1979

    Elyas schließt das schmale Taschenbuch und fühlt Traurigkeit in sich aufsteigen, weil er die aufregende Welt des Jungeninternats Weidenhöhe verlassen muss. 154 Seiten lang hat er sich wie ein Teil der Clique um seinen tollkühnen Namensvetter gefühlt, aber das Abenteuer ist vorbei und er muss wieder zurück in seine Welt. Er blättert noch einmal durch die Seiten und sieht sich die Illustrationen genauer an, denn während des Lesens hatte er dafür keine Aufmerksamkeit übrig. Ganz am Ende entdeckt er eine Liste.

    Skandal in Weidenhöhe

    Wettkampf in Weidenhöhe

    Weidenhöhe in Gefahr

    Die Aufzählung nimmt gar kein Ende. Aufgeregt streicht sein Finger über die Zeilen. Über zwanzig Buchtitel sind aufgelistet, die alle in dem Jungeninternat spielen. Freude steigt in ihm auf. Er kann nach Weidenhöhe zurückkehren, wenn er es schafft, sich diese Bücher zu besorgen. Ob die Stadtbücherei diese Bände hat? Kaufen kommt nicht in Frage. Das könnten sich seine Eltern niemals leisten.


    Elias Birken, Belcegiz, Türkei, Februar 2009

    Zufrieden klappt Elias den Deckel des Laptops zu. Sein siebzehnter und wohl persönlichster Roman ist fertig. Zwei Wochen vor dem Abgabetermin. Das ist ihm auch noch nie passiert. Diese Geschichte besaß ein Eigenleben. Sie hat sich praktisch von selbst auf den leeren Seiten seines Schreibprogramms materialisiert. Sein Blick wandert aus dem Fenster, vorbei an den robusten Pinien, über die Kiesel des Strandes bis zur glitzernden Oberfläche des Meeres. Um diese Jahreszeit ist es am Ölüdeniz menschenleer. Er liebt diesen Rückzugsort, wo er ungestört schreiben kann. Die Winter in seiner deutschen Heimat sind nicht wirklich inspirierend für ihn. Wer hätte gedacht, dass der schüchterne Junge mit der Vorliebe für Taschenbücher dreißig Jahre später ein erfolgreicher Autor sein würde, sinniert er. Manchmal werden Träume halt wahr.

  • Stark und mutig von Serendipity8


    Nur noch wenige Meter bis zur dunklen Höhle – der Ritter zog sein Schwert und atmete tief durch. Wenn er diesen Drachen besiegen würde, wäre er ein Held – das ganze Dorf würde ihn feiern und der König würde ihn mit Gold überschütten. Knack. Ein ungeschickter Schritt. Er war auf ein Stück morsche Rinde getreten. Sofort hielt er inne, wagte es nicht zu atmen, lauschte aufmerksam. Ein leises Schnauben drang aus der Höhle, gefolgt von einem Rascheln. Der Überraschungsangriff würde also nicht gelingen. Schnell rannte der Ritter den schmalen Pfad neben der Höhle hoch, die Geräusche würden jetzt auch keinen Unterschied mehr machen. Vorsichtig tastete er sich am Felsspalt vor, bis er knapp über der Höhle stand. Schon sah er wie sich der schuppige Kopf des Drachens aus dem Eingang schob. Er musste sich sehr zusammenreißen, nicht laut loszuschreien. Der Kopf des Drachen war größer als die Säulen vor dem Palast des Königs. Schnüffelnd schob sich der Drache weiter vor. Jetzt! Der Ritter stieß einen Kampfschrei aus und lies sich auf den Drachen fallen, schwang ein Seil um dessen Hals und hielt sich an einem Rückenstachel fest. Der Drache brüllte und schlug wild mit seinen Flügeln. Bevor der Ritter sein Schwert ziehen konnte, hatte sich der Drache schon in die Lüfte geschwungen und hielt auf das Tal zu. Er hatte sich das einfacher vorgestellt. Er würde warten müsste, bis der Drache sich nicht mehr im Sturzflug befand, um mit seinem Schwert etwas ausrichten zu können.


    Erst jetzt nahm er war, welch wundervollen Ausblick er hatte. So musste es sich anfühlen, wie ein Vogel zu fliegen. Wie klein die Siedlungen und Häuser doch waren. Und wie schön es wäre, wenn er einfach nur wegfliegen könnte – irgendwo hin, einfach weg, die Welt erkunden, weg aus dem Königreich, in dem ständig nur gekämpft wurde und der König das machte, was auch immer er wollte. BUM! Der Drache war mit seinem Flügel gegen einen Baum geflogen, krampfhaft versuchte der Ritter sich festzuhalten, doch …


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    1) „Simon! Essen ist fertig!“. Schnell legte Simon den Playmobildrachen und den Ritter auf seinen Schreibtisch. „Ich kooooomme, Mama!“, rief er und lief die Treppe hinunter ins Wohnzimmer, wo sein Bruder gerade mit Papa diskutierte, ob er nicht doch noch einer Runde Fifa auf der Playstation spielen durfte. Simon holte Besteck aus der Küche und schaute in den Backofen. „Mhm…Pizza! Lecker, Mama“, sagte er. „Auf geht’s Jungs. Setzt euch!“, sagte diese liebevoll.


    2) Erschrocken öffnete Yasin die Augen. Schon wieder ein lauter Knall. Sein Bruder drückte seine Hand. „Gleich hört es auf! Wenn es dunkel ist, dann gehen wir raus! Wir rennen, okay? Einfach rennen und dann schaffen wir es. Wir kommen an einen guten Ort, ich verspreche dir, es wird alles gut.“ So harrten die beiden Brüder in ihrem Versteck aus, während rings um sie Damaskus von den Detonationen erbebte.


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    Alle Kinder träumen davon, ein Held zu sein. Alle Kinder träumen von Freiheit. Einige jedoch haben für die Verwirklichung ihrer Träume bessere Voraussetzungen als andere.