Zitat
Original von SiCollier
Hier geht es nach dem Prinzip „Erst das Gesetz - dann der Mensch, wenn überhaupt“. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis, und es ärgert mich einfach.
Dann dieses „Anerkennen“, „Status haben“. Karahama immerhin einen geringen, Demira war gar nicht existent (nach S. 157, Kap. 14) Sorry, für so ein System habe ich absolut überhaupt kein Verständnis.
Ich habe allerdings nicht den Eindruck gehabt, dass dieses System im Buch als positiv rüberkommt bzw. die Autorin es als positiv darstellt.
Es ist allerdings auch anzumerken, dass in der Phantasy, in historischen bzw. historisierenden Büchern oder auch in der Science Fiction und auch in anderen Genre immer wieder den Hintergrund für die Konflikte eine fragwürdige Gesellschaft gibt. Allerdings dürfte bei MBZ noch etwas Anderes mitspielen - während in den meisten Romane so ein System als etwas rein Fiktives rüberkommt oder zumindest als etwas, was in der Vergangenheit vorgekommen sein mag, aber sich nicht auf die Gegenwart auswirkt, lässt sich die Situation, die MBZ in einer Fantasy-Gesellschaft zeigt, wohl nicht nur auf die Entstehungszeit übertragen, sondern sogar noch auf die Gegenwart, und sie wagt es, selbst ihre Sympathieträger/innen und Lichtgestalten hier als fragwürdig zu zeigen.
Nehmen wir die Protagonistin Domaris, die eindeutig eine Sympathieträgerin ist, warmherzig, liebeswürdig etc. Ehe mit Micon die große Liebe in ihr Leben trifft, ist sie eine Priesterin des Lichts und hat mit diesem Leben absolut keine Probleme. Die "problematische" Welt außerhalb ihrer "lichten" Hallen scheint es für sie nicht wirklich zu geben. Nach Micons Tod hat sie zwar ihre persönlichen Probleme mit seinem Verlust, aber eben mit sich selbst, nicht etwa mit der Gesellschaft, in der sie lebt.
Erst als sie mitbekommt, dass ihre Schwester Deoris da in eine schreckliche Sache geraten ist, versucht sie diese zu retten und muss sich so indirekt auch ein wenig mit der Welt außerhalb ihrer "lichten" Hallen einlassen. Doch mit Riveda gibt es auch noch den "idealen Schuldigen".
Mir fällt es jedenfalls recht leicht, mir Domaris als "Mädchen aus gutem Haus" vorzustellen: hübsch, begabt, liebenswürdig und angepasst - die typische Politikertochter, Gesellschafterstochter, Diplomatentochter oder einfach nur besseres Bildungsbürgertum, jedenfalls aus guten, geordneten Verhältnissen -- Domaris als Besucherin einer guten Schule, einer Eliteschule, einer Eliteuniversität, mit Chance zur besten Ausbildung, dank guten Kontaktnetz von Eltern etc. mit besten Berufschancen in einer Welt, wo ein "guter" Arbeitsplatz immer seltener zu finden ist. Sicherein warmherziger Menschen, der Gutes tut, indem sie auch brav ein wenig für soziale Unternehmungen spendet, und jemand, der wirklich nicht verstehen kann, dass es in ihrer "tollen" Welt Menschen gibt, die keine Arbeit finden, in Fragwürdiges wie z. B. Drogenkonsum absinken, obdachlos werden und Ähnliches. Für die "liebe" Domaris sind solche Menschen in ihrer "eigenen" Welt undenkbar, für sie trifft so etwas nur Menschen aus zweifelhaften Verhältnissen.
Erst als die eigenen Schwester da in eine kriminelle Geschichte geraten ist, ändert sich das für Domaris. Aber natürlich ist die Schwester nicht wirklich daran schuld, sondern nur der Typ, mit dem sie sich da eingelassen hat. In der "guten" Welt darf es so etwas doch nicht wirklich geben.
Deoris wird offensichtlich von vielen Leser/innen als verzogener Fratz / Zicke etc. gesehen. Gar kein Vergleich mit der "tollen" Domaris, und es ist auch wirklich schlimm, dass eine aus der "guten" Gesellschaft (von den "Guten" ), die alle Möglichkeiten hat, diese gar nicht schätzt, sondern offensichtlich ein gewisses Gespür dafür zeigt, dass in der "heilen" Welt eigentlich vieles im Argen liegt. Deoris entscheidet sich letztlich dagegen eine Priesterin des Lichts zu werden, sondern wird eine Priesterin der großen Mutter, bricht also aus der "heilen" Welt aus und bekommt so Kontakt mit der Wirklichkeit, lernt Menschen kennen wie Demira, denen das System übelst mitgespielt hat und steht eines Tages vor der (beruflichen) Entscheidung zwischen Pflicht / Gesetz oder Menschlichkeit (Mitgefühl). Letztes ist stärker, immerhin erfährt sie dafür auch Bestrafung.
Ist das ein Hinweis dafür, dass MBZ der Ansicht ist, dass sich Deoris hier falsch entschieden hat? Die Antwort ist für mich eindeutig: nein. Deoris wird nämlich letztlich dafür belohnt, als es um das Leben ihrer ungeborenen Tochter geht, ist es diese Entscheidung, die ihr jene Hilfe bringt, die zuletzt die Rettung für diese ist.)
Anders als Domaris hat Deoris wenigstens ansatzweise etwas von einer Rebellin an sich und dass sie dabei auf Abwege gerät, zeigt vielleicht auch, wie übermächtig diese fragwürdige Gesellschaft ist, sodass es keinen Ausweg gibt.
Am Beispiel der Karahama-Geschichte wird die Unmenschlichkeit des Systems auch sehr schön aufgezeigt, denn zumindest dafür, dass ihr Vater sie nicht anerkannt hat, kann Karahama nichts. Verglichen mit anderen Opfern dieses Systems hat Karahama insofern das Glück, ihrem Vater ähnlich zu sehen, so dass er sich schließlich genötigt sieht, sie dich anzuerkennen. Dadurch bekommt sie letztlich doch die Chance in ein "normales" Leben, wenn auch nur bedingt in die "heilen" Hallen der Priester des Lichts. Für ihre Tochter Demira jedoch gibt es keine Wiedergutmachung, sie bleibt weiterhin ein gebranntes Kind.
ACHTUNG großer SPOILER
Mit der Verleugnung seiner Tochter Karahama wird übrigens bereits relativ früh gezeigt, dass der Vater von Domaris und Deoris, charakterlich keineswegs über jeden Makel erhaben ist, obwohl es sich bei ihm um einen Priester des Lichts handelt. Allerdings wird hier auch bereits seine Entlarvung als Schwarzmantel vorbereitet. Doch zeigt gerade der Umstand, dass sich schließlich ein Priester des Lichts als Schwarzmantel entpuppt, dass die "heile" Tempelwelt voller Vorurteile ist.
Es mag schon sein, dass das Problem hier auch damit zusammenhängt, dass wir Leser/innen der Autorin schon auf dem Leim gegangen sind, weil wir zunächst tatsächlich geglaubt haben, dass die "heile" Tempelwelt wirklich eine "heile" Welt ist, wo Verbrechen wie z. B. an Micon nicht stattfinden und wo inhumane Gesetze keinen Einfluss nehmen. (Immerhin zeigt die Geschichte von Karahama aber, dass selbst die "Guten" aus den "lichten" Hallen Taten begehen, die eindeutig nicht für ihren Charakter sprechen.)
Achtung! SPOILER!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Dass sich dann ausgerechnet unter ihnen der wahrscheinlich wichtigste Schwarzmantel verbirgt (zum Vergleich: Riveda wird erst im Verlauf der Handlung zum Schwarzmantel, ist aber bis zuletzt eher Grenzgänger) ist da recht aufschlussreich.