Heute wird in jeder Schreibwerkstatt "gelehrt", dass ein Roman, wenn er am Buchmarkt reüssieren will, mindestens eine Heldenfigur benötigt beziehungsweise eine Figur, die für die Leserschaft ein Identifikationsangebot beinhaltete. (Eine häufiger Kritikpunkt in Rezensionen ist das Fehlen von Figuren, die einem sympathisch sind.)
Wobei allerdings nicht übersehen werden kann, dass das Modell mit der Identifikationsfigur noch im 20. Jahrhundert in einigen Literaturtheorien als Indiz gesehen wurde, um bei einen gediegenen und gutgeschriebenen, dazu mitreißenden Roman zu entscheiden, ob dieser Roman bereits als Literatur gelten konnte oder doch nur als einen Unterhaltungsroman .
Die Identifikationsfigur galt in dieser Zeit als ein wichtiges Charakteristikum des "minderen" Romans, also der (Trivial- und Unterhaltungsliteratur. Das bedeutete zwar keineswegs, dass ein Roman mit einer Identifikationsfigur im Zentrum, deren Geschichte erzählt wird, automatisch als "mindere" Literatur eingestuft wurde. Aber gerade in bestimmten Genres (historischer Roman, Kriminalroman, Stadt- oder Landesgeschichte, Roman über ein Gebäude / Brücke / Straße etc., Panorama usw.) wurde die Verwendung eines Erzählmodells mit Identifikationsfigur, an der die eigentliche Handlung "angehängt" ist oder deren Aufgabe es ist, die Leserschaft durch diese zu führen, als ein Schreibmodell gesehen, das die Gefahr einer "Trivialisierung" der Handlung bedeutet und das daher von einem seriösen Autor entweder nicht oder nur mit äußerster Vorsicht genutzt werden sollte.
So gesehen überrascht es nicht, dass der Auslöser für die Fragestellung hier ("Shirley" von Charlotte Bronte), ein Roman ist, der vor ca. 150 Jahren geschrieben wurde, also für eine Leserschaft, die ganz andere Lesegewohnheiten hatte, als die heutige Durchschnittsleserin oder der aktuelle Durchschnittsleser.
Was sich allerdings bis heute nicht verändert haben dürfte, ist der Umstand, dass auch damals eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller, die schon zu Lebzeiten Erfolg mit ihren Büchern hatte oder haben wollte, ihren "Markt" beziehungsweise ihre Leserschaft gekannt und das bei ihrem Schreiben berücksichtigt haben wird. (Die Dialoge mit französischen Sätzen in "Shirley" oder die Verwendung von Zitaten zeigen zum Beispiel, dass Bronte den Roman für eine Leserschaft schrieb, zu deren durchschnittlicher Allgemeinbildung gute Französischkenntnisse und eine gediegenen literarische Allgemeinbildung zählte. Ich bin zwar noch in einer Zeit aufgewachsen, wo eine solche Bildung etwas gegolten hat, im 21. Jahrhundert hat sich das jedoch gründlich geändert. Sicher kein Zufall, dass gerade die Verwendung von Zitaten oder französischen Dialogstellen von einer heutigen Leserschaft Großteils negativ wahrgenommen wird.)
Es stellt sich also die Frage, ob eine solche Erzählform (die offen lässt, wer die Identifikationsfigur beziehungsweise die Hauptfigur ist) für Romane des 19. Jahrhunderts wirklich etwas so Ungewöhnliches war. (Hinzu kommt noch, dass sich die Gattung Roman, wie sie heute gesehen wird, erst mit Anfang des 19. Jahrhunderts ausbildete. (Bücher, die vor dem 19. Jahrhundert als Romane bezeichnet werden, weisen zum Teil formale Merkmale und Erzählstrukturen auf, die für den "Roman" ungewöhnlich oder sogar fragwürdig sind.
Ein bekannter Roman, an dem solche Fragestellungen übrigens auch in der Literaturwissenschaft diskutiert wurde, ist "Vanity Fair" (deutscher Titel "Jahrmarkt der Eitelkeit") von William Makepeace Thackeray, der 1848. (Zum Vergleich: "Shirley" wurde 1849 publiziert.)
Der Originaltitel lautet übrigens: "Vanity Fair: A Novel without a Hero". Der "Hero" ist hier übrigens mehrdeutig: ohne eine Heldenfigur oder ohne Hauptfigur.
Obwohl Ich vermute einmal, dass es nicht der Roman ist, den jemand kennt, sondern die Verfilmung mit Reese Witherspoon aus dem Jahr 2004. Daneben gibt es noch eine englische Fernsehserie mit Natasha Little, und es ist zumindest auffallend, dass beide Verfilmungen trotz unterschiedlicher Schwerpunkte und Veränderungen gegenüber der Vorlage Becky Sharpe als die Hauptfigur inszeniert haben.
In diesem Kontext lässt die Aussage, dass Charlotte Bronte es ihrer Leserschaft überlassen hat, ob nun Caroline oder Shirley die Hauptfigur ist, noch weitere Interpretationen zu.
Daneben wäre noch zu überlegen, ob für Charlotte Bronte nicht eigentlich Robert die Hauptfigur war. Vielleicht hat Charlotte Bronte nur deshalb den Blickwinkel in Bezug auf die Hauptfigur auf ihre Frauenfiguren gelenkt, um sich als Autorin gegen damalige Vorurteile zu schützen, wie ob eine Schriftstellerin überhaupt kompetent genug ist, eine überzeugende männliche Hauptfigur zu schaffen, die ihre Handlung trägt.
Indizien dazu ergeben sich aus der Rezeptionsgeschichte der Romane ihrer beiden Schwestern:
- Auf die (für ihre Entstehungszeit und auch im 21. Jahrhundert noch brisante) "Herrin von Wildfell Hall" von Anne Bronte bin ich vor fast 30 Jahren durch Zufall gestoßen, damals wurde sie in den einschlägigen Literaturgeschichten und Literaturlexika, wenn sie dort überhaupt als Autorin erwähnt wurde (und nicht nur als jüngere Schwester von Charlotte und Emily, dies auch durchaus abwertend) nur als Autorin des Roman "Agnes Grey" angeführt. ("Agnes Grey" ist eindeutig von ihren beiden Romanen der uninteressantere und "konservativere" Roman)
- Die Autorenschaft von Emily Bronte für "Sturmhöhe" wurde immer wieder in Frage gestellt. Zunächst wurde die Annahme als Fakt präsentiert, dass das Buch in Wirklichkeit ihr Bruder geschrieben hatte, später wurde ihm immerhin eine Mitautorenschaft unterstellt. Vor dreißig Jahren gab es noch die eine oder andere einschlägige/s Literaturgeschichte / Literaturlexikon, in dem diese behauptet oder wenigstens angedeutet wurde.
Interessant ist jedenfalls, dass in Brontes ersten Roman "Der Professor" (der allerdings erst nach ihrem Tod publiziert wurde), ein Mann die Hauptfigur ist.
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Romane mit unklarer Positionierung von der Hauptfiguren sind in der Gegenwart nicht mehr zu finden, ich vermute, aus den oben angeführten Beobachtungen. Der Markt wünscht es nicht und die "Schreibtheorien", die heute von Menschen, die selbst als Schriftstellerinnen und Schriftsteller reüssiert haben, sind ebenfalls auf die Notwendigkeit von Identifikationsfiguren als Hauptfiguren ausgerichtet.
Im 20. Jahrhundert gab es immerhin die "Landes"-Romane von James Michener ("Colorado Saga", "Mazurka", "Hawaii", "Karibik" etc.), in denen dieser die Geschichte eines Landes oder einer Region über Jahrhunderte erzählten und dazu Einzelepisoden aufeinander folgen ließ. Mit einer Hauptfigur, die in allen diesen Episoden auftritt und sie verbindet, wäre das, was er erzählen wollte, nicht möglich gewesen. Immerhin aber fällt auf, dass gewöhnlich in den letzten Teilen seiner Romane, die in der Gegenwart enden, häufig mehrere Episoden dieselbe Hauptfigur haben und dass seine Erzählung über Jahrhunderte zwar in einzelne Episoden aufgelöst ist, diese aber miteinander geographisch, durch die symbolische oder tatsächliche familiäre Verbindungen oder Gegenstände miteinander verknüpft sind.
Als Ganzes haben diese Romane keine Hauptfigur, allerdings haben die einzelnen Abschnitte, die auch als geschlossene Geschichte gesehen werden können, jeweils sehr wohl Hauptfiguren.
Eine ähnliche Struktur findet sich in "Die Brücke über die Drina" (1945 erstmals publiziert), ein historischer Roman des "jugoslawischen" Schriftstellers Ivo Andrić.
Ein anderer Autor, der unter dem Aspekt "Braucht eine Geschichte eine Hauptfigur" einiges bieten würde, ist James Clavell (1924-1994). Zwar gibt es in seinen historischen Romanen, um Beispiel "Shogun" (1975), "Noble House Hongkong" oder "Taipan" (eher bekannt: die Verfilmungen) stets die Hauptfiguren (auf denen die Verfilmungen ihren Fokus gelegt haben), doch gerade in einem Roman wie "Shogun" gibt es einfach so viele Handlungsstränge, dass sich schon die Frage stellt, ob John Blackthorne (historisches Vorbild: William Adams) wirklich der Held ist.
Ein weiterer Roman bei dem die Frage nach der Hauptfigur diskutiert werden könnten, ist "Doktor Schiwago" (1957 erstmals publiziert) von Boris Pasternak. Zwar zentrierte sich der Roman auf den Titelhelden (und die Verfilmungen zentrieren sich auch um diesen und Lara), aber wie meine Schwierigkeiten, den Inhalt für eine Bekannte zusammenzufassen mir gezeigt haben, ist der Roman keineswegs nur die Geschichte des Titelhelden.