Beiträge von Bookworld91

    Fünf Dinge


    Mit zunehmendem Alter werden Krankheiten und Gebrechen immer häufiger. Seien es Rückenschmerzen, Probleme mit den Zähnen oder Knochen oder gar organische Beschwerden. Das muss auch Cora in „Die Liebe, später“.


    Nach einer Herzoperation ist viel Unklarheit in Coras Kopf. Sie reflektiert berufliche Erfolge , zerbrochene Freundschaft und eine Fehlgeburt. Aber auch ein Vermisstenfall lässt ihr keine Ruhe…


    Ich fand das Buch vorrangig anschaulich und spannend geschrieben. Sowohl für die Vergangenheit als auch in der Gegenwart nutzt die Autorin bildhafte und vergleichende Beschreibungen, was einen Lesegenuss gewährleistet. Die prosaische Sprache untermauert dies für mich, sorgt sie doch für Ruhe und Ästhetik. Auch die immer wieder auftauchenden Fünf Dinge Aufzählungen geben Struktur und Überblick.

    Allerdings herrscht viel Unklarheit. Was hat es mit den Vermisstenfall auf sich? Und warum stellt Cora so viel in Frage? Ist ihre Beziehung zu Amseln, das Wochenendballett, das, was sie sucht? Dieses Wirre im Roman passt nur bedingt zur Sprache.

    Ich gebe den Roman vier Sterne und freue mich auf ähnliche Bücher.

    Super spannend


    Viele Entführungsopfer haben auch Jahre später noch mit dem Folgen zu kämpfen. So ergeht es auch der Protagonistin Anka im Krimi „Blutwild“.


    Anka erhält Drohungen und Botschaften, die auf ihre Entführung vor sechs Jahren hindeuten. Doch der Täter ist längst gefasst- oder?


    Der Krimi ist spannend geschrieben. Das liegt zum einen am Schreibstil, der bildhaft und detailliert ist, zum anderen am gelungenen Mix zwischen Erinnerungen auf zwei Zeitebenen und de Gegenwart. Dadurch kann sich ein Bild für den Leser zusammenfügen.


    Anka als clevere Ermittlerin im Fokus der Gegenwart. Sie ist stur und geht ihre eigenen Wege, was zur Spannung beiträgt. Zusätzliche Spannung entsteht durch die übrigen Charaktere: wer ist der wahre Entführer? Und welche weitere Entführte spielt welche Rolle? Auch wenn es wirr scheint, wird am Ende alles aufgeklärt.


    Ich bin von den Krimi und seinen Plottwists sehr angetan . Auch wenn es Wirkungen gibt, macht am Ende alles Sinn. Für mich fünf Sterne.

    Wirrwarr


    Ein Event in einem Schweizer Luxushotel ist für Journalisten gutes Networking. So auch für Lo in „The Woman in Suite 11“.


    Nach einem Vorfall auf einem Kreuzfahrtschiff hat Lo eine Familienpause eingelegt. Nun sucht sie einen Job. Ob ein Event in einem Schweizer Hotel ihren Erfolg sichern kann?


    Zunächst fällt Lo als Protagonistin auf. Obwohl sie verzweifelt nach Aufträgen sucht, wird sie tough und clever dargestellt. Sie ist zwar Redakteurin, scheint jedoch ein Händchen für Kriminalfälle zu haben, wie ihre Erinnerungen zeigen. Wichtig für den Verlauf der Geschichte und clever eingesetzt: sie hat eine doppelte Staatsbürgerschaft, da sie als geborene Britin einen Amerikaner geheiratet hat.


    Im krassen Kontrast zur toughen Lo steht das Event. Für mich ist es mit vielen Fragezeichen verbunden. Was ist es für ein Event? Und warum kriegt Lo ein Upgrade? Viele Geheimnisse machen das Event spannend, auch wenn es sehr wirr ist. Teils erscheint es mir zu wirr, vor allem, da es keine Rolle spielt.


    Zu Geheimnissen kommen Los verdeckte Ermittlungen hinzu. Im Verlauf der Geschichte kommen viele Plotttwists zu Tage, die Einfluss auf die Ermittlungen haben. Jeder scheint eine Rolle zu spielen und es ist unklar, wer welches Ziel verfolgt. Das stellt Ruth Ware in ihrer beschreibenden Sprache voller spannender Worte da.


    Was mich allerdings stört ist, das vieles in die Länge gezogen wird. Manche Szenen sind nicht nötig und ziehen sich dennoch über mehrere Seiten, etwa Los Aufregung bei der Ausreise. Hier wäre kürzen sinnvoll gewesen.


    Durch die unnötigen Längen und die Wirren gebe ich vier Sterne. Das Buch empfehle ich jeden, der sprachlich spannende Krimis mit Twists sucht.

    Nachdenklich


    Wie verabschiedet man sich, wenn man nicht weiß, ob der Gegenüber anderen Tags noch lebt? Woran klammert man sich im Alter? Das wird in „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ thematisiert.


    Bo ist 89 Jahre alt und lebt mit seinen Hund Sixten in einer Dorfschaft in Schweden. Seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, kümmert sich ein Pflegedienst um ihn. Dabei wird dokumentiert, wie er immer mehr abbaut und er sich an seinen Hund klammert. Exakt den möchte Sohn Hans am liebsten abgeben- zu welchem Preis?


    Das Buch ist größtenteils in Bos Perspektive geschrieben. Das besondere hieran: er beschreibt seinen Alltag mit den Hund, richtet sich aber auch an seine Frau Fredrika. Auch ein Brief wird erwähnt, den er nachts an seine Frau geschrieben hat. Brisant ist, dass Bo in seiner Ansprache an Fredrika (Du) und auch während seiner gegenwärtigen Beobachtungen regelmäßig in Erinnerungen an seine Mutter, seinen Sohn und seinen Freund Trure verfällt.


    Thematisch dreht sich das Buch um Abschied, Erinnerungen und Verrat. Dabei steht Bos Verlustangst im Vordergrund. Befürchtet er erst, seinen freien Willen zu verlieren, geht es mit der Zeit um mehr: um seinen Lebensinhalt, seinen treuen Hund, der ihn viel bedeutet und seine Erinnerungen. Quasi stellvertretend für Bos Erinnerungen stehen die immer wieder eingeschobenen, aber belanglosen Notizen des Pflegedienstes.


    Mir persönlich hat dieses leise und ruhige Buch sehr gut gefallen. Es drängt sich nicht auf, macht aber nachdenklich. Man braucht etwas Zeit, um zwischen den Zeilen lesen zu können- aber das ist für mich vollkommen okay. Auch wenn manche Szenen in die Länge gezogen erscheinen, so ist es gerade das, was ich auch mitnehme: alles braucht seine Zeit. So auch dieses Buch. Ich bin zufrieden und gebe fünf Sterne.

    Gefährlicher Kult


    Auf YouTube, TikTok, Instagram und co positionieren sich immer wieder größtenteils junge Menschen, so genannte Influencer, ihrem Fans gegenüber. Doch was, wenn die Kameras aus sind? Darum geht es in „Belladonnas“.


    Nach dem Tod ihrer Eltern wurden die Zwillinge Chloe und Julie getrennt. Als sie im Erwachsenenalter aufeinander treffen, sind sie unterschiedlicher denn je: Julie ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und jobbt, Chloe ist ein Social Media Star. Als Chloe urplötzlich verstirbt, schlüpft Julie in ihre Rolle- und entdeckt die Schattenseiten des Ruhms…

    Die Idee ist nicht neu , doch die Einführung ist gelungen. Mit ruhiger, humorvoller Sprache werden die Zwillinge als Protagonistinnen eingeführt. Sowohl Julies Alltag als auch Chloes Videos nehmen einen Großteil des Anfangs ein. Durch Chloes Tod wird ein spannender Höhepunkt markiert. Dieser Punkt ist dramaturgisch gut dargestellt.


    Nach Chloes Tod jedoch beginnt der Wirrwarr. Julie reist als Chloe mit einer Gruppe Influencer, den Belladonnas, auf eine Insel. Dort scheint jede Bestätigung und Achtung von der Anführerin Bella zu suchen. Dabei erscheint die Zusammenkunft wie eine Sekte. Und genau das stört mich: Statt kritische Stimmen zu verdeutlichen oder reflektiert zu denken, bleibt Julie größtenteils still und denkt über ihre Tat nach. So entsteht der Eindruck, als wäre das Verhalten der Belladonnas okay. Hier hätte ich mir eine Fußnote oder einen Kommentar gewünscht, der auf die Darstellung der Influencer beziehungsweise deren toxisches Verhalten untereinander hinweist.


    Insgesamt hat der Roman Potential. Er ist spannend geschrieben und die Idee ist gut, aber es wird nicht auf die Gefahren durch die Abhängigkeit und den „Gotteskult“ unter Influencern eingegangen. Für mich hat der Roman drei Sterne verdient.

    Authentisch


    Wie lebt es sich in einem Dorf, wo es kaum TV und Internet gibt? Das ist der Schauplatz von „Mathilde und Marie“.


    Marie flüchtet aus den hektischen Paris. Ihr Ziel ist zunächst unklar, ehe sie Jónina trifft und ihr in das Bücherdorf Redu in Ardennen folgt. Neben der Arbeit im Buchladen wartet eine besonderer Gemeinschaft auf Marie. Wie zum Beispiel die verschlossene ältere Dame Mathilde….


    Zunächst einmal gefällt mir, dass der Autor die Leser an einem real existierenden Ort mitnimmt. Redu, in den belgischen Ardennen gelegen, ist wirklich ein Bücherdorf mitten in der Natur- so wie es Woywod darstellt. Das ist sehr interessant und unterstreicht die Authentizität des Romans.


    Die Authentizität ist auch Teil der Protagonisten. Marie kommt zunächst unangepasst und wie ein Fremdkörper rüber. Was für die Einwohner von Redu Gang und Gebe ist, muss sie noch üben. So weiß sie zunächst wenig über die Natur und das Verhalten der Vögel. Gerade das macht Marie zu einem realistischen Charakter.


    Ähnlich verhält es sich mit Mathilde. Die ältere Dame ist ein wenig festgefahren in ihrem Denken. Sie kennt es nicht anders und sieht es nicht ein, etwas zu ändern. Solche Charaktere gibt es gerade, aber nicht nur, in ländlichen Gebieten zuhauf. Doch auch Mathilde lernt, sich zu öffnen- ein Prozess, der sehr spannend beschrieben wird.


    So authentisch Schauplatz und Protagonistinnen auch sind- der Roman zieht sich. Es kommt mir teils vor, als würde seitenlang nichts passieren, nur damit gewaltige Zeitsprünge folgen. Ich komme nicht umher, die Intention dahinter zu suchen. Das Zeitgefühl im Bücherdorf? Der spezielle Umgang mit Zeit und Raum? Bei mir bleibt diesbezüglich ein Fragezeichen und Ratlosigkeit.


    Insgesamt finde ich den Roman sehr authentisch. Ein Bücherdorf als Schauplatz hat seinen Reiz, genauso die entsprechenden Charaktere. Allerdings lässt mich das Zeitgefühl zweigespalten zurück. Insgesamt gebe ich vier Sterne.

    Kraft der Malerei


    Was hat es mit einen alten Gemälde auf sich, dass seit Generationen in der Familie ist? Und welche Rolle spielt das DDR Regime in der Familie? Das alles ist Thema in „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel.“


    Marlen ist noch ein junges Mädchen, als sie sich 1945 in einer Schublade vor russischen Soldaten versteckt. Ihre Retterin Wilma nimmt sich ihrer an und es gelingt Marlen, ihre Fähigkeit zum malen und zeichnen zu entwickeln. Dabei entsteht ein besonderes Gemälde…


    Hannah lebt 2023 in Berlin und fühlt sich mit Veränderungen konfrontiert. Ihre schwangere beste Freundin zieht aus, ihre Kollegin nutzt sie für ihre Bedürfnisse aus und ihr Vater, zu dem nie Kontakt bestand, tritt in ihr Leben. Und dann findet sie ein Gemälde im Nachlass ihrer Großmutter….


    Ich habe bereits „Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ von der Autorin gelesen, wo ebenfalls ein Familiengeheimnis offengelegt wurde. Hier erkenne ich ein ähnliches Muster: Marlen und Wilma haben einiges an Familiengeschichte, die mit den Bild verknüpft ist. Es drückt Unterdrückung, Machtgefüge und Gefangen sein aus. Das alles passt zur Besatzung, mit der ich durch Marlens Erinnerung direkt konfrontiert werde, aber auch zu der Unterwürfigkeit der Frauen in einer von Männer dominierten Gesellschaft. Marlen zum Beispiel konnte kein selbstbestimmtes Leben führen und nutzt das Kunstwerk zur Kommunikation, was ich sehr spannend finde.

    Zu der Kommunikation durch das Gemälde passt Alena Schröders Schreibstil. Sie schreibt alltagsnah, zugleich bildhaft und beschreibend. Ich bekomme durch Sprache und Schreibstil einen sehr authentischen Eindruck der einzelnen Situationen und kann das Buch gut lesen.


    Allerdings gibt es ein paar Faktoren, die das Lesevergnügen stören. So beschäftigt sich Hannah wenig mit dem Gemälde. Mir scheint, als würde es in der Gegenwart untergehen, was der Kraft des Bildes widerspricht. Generell scheint Hannah sich kommunikativ schwer zu tun. Sie sagt nicht nein zu den Bitten ihrer Kollegin und setzt ihren Vater erst sehr spät eine Grenze. Das ist sehr schade und passt nicht zu Marlens Kampf um etwas Selbstbestimmung.

    Insgesamt kann ich den Roman jeden empfehlen, der einen Familienroman mit leichten Schwächen sucht. Vier Sterne von mir.

    Auf der Suche


    Mütter und Töchter haben oft Konfliktpotenzial in den Beziehungen zueinander. Doch was, wenn man seine eigene Herkunft nicht kennt? Darum geht es in „Niemands Töchter“.

    Judith Hoerschs Roman spielt zu zwei Zeitebenen an zwei verschiedenen Orten. Eifel gegen Berlin. Achtziger gegen 2020er. Und doch sind die Schicksale von Alma, Gabriele, Isabell und Marie miteinander verknüpft.


    Alma wächst in den 1980er Jahren bei ihrer Mutter Gabriele in der Eifel auf. Ihre Bezugspersonen sind Oma Heidi und Opa Jupp. Isabell dagegen lebt zu Zeiten des Mauerfalls mit Mutter Marie und Vater Hagen in Berlin. Beide suchen im Berlin der 2020er nach der Wahrheit- und ihrer Identität….


    Ich finde den Roman sehr imposant. Hoersch versteht es, ihre Leser mit detaillierten Beschreibungen und bildhafter Sprache in ihren Bann zu ziehen. Der Einstieg war für mich persönlich etwas abrupt, aber ich habe schnell in die Geschichte eingefunden.


    Für mich war vor allem die Entwicklung der einzelnen Lebenswege inklusive der sich durchziehenden Konflikte interessant zu lesen. Auch wenn sich der Kontext erst nach und nach ergeben hat, fand ich die einzelnen Erzählstränge sehr anschaulich beschrieben und viele unterschwellige Konflikte werden angedeutet. Was sich durchzieht ist die Unterdrückung der Frauen und ihrer Meinungen. Das finde ich zwar schade, ist aber häufig Realität.

    Insgesamt finde ich das Buch tiefgründig und anschaulich. Es hat mir gefallen, wie sich alles nach und nach zusammengefügt hat und wie jede Frau sich am Ende etwas mehr selbst gefunden hat. Ich gebe fünf Sterne für einen leichten Roman, der sich genau wie die Protagonistinnen mit der Zeit entwickelt.

    Buchtipps


    Es kommt in der Literatur immer wieder vor, dass ein erkrankter Mensch etwas für den Ehepartner hinterlässt. Das können Briefe, Notizbücher oder Romane sein. Ich finde das Konzept spannend und bin neugierig, wie es in Libby Pages Roman „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ umgesetzt wurde.


    Tilly hat ihren Partner Joe an eine Krankheit verloren. Danach zieht sie sich zurück- ehe sie einen Anruf von Buchhändler Alfie erhält, dass er Bücher für sie hinterlassen hat- für jeden Monat des Jahres eins. Eine Reise durch die Welt der Bücher beginnt.


    Ich habe mich mehr oder weniger direkt in dieses Buch verliebt. Das Tilly nach und nach auftaut, es jeden Monat ein neues Buch inklusive Herausforderungen gibt (kochen!) und sich neue Perspektiven ergeben gefällt mir unglaublich gut. Hervorzuheben gilt auch, dass jeder Monat mit Buchtipps versehen ist, was zusätzliche Unterhaltung über das Buch hinaus gibt. Die Storyline, Plot, Protagonistin und das Setting sind für mich sehr spannend und interessant.


    Doch so sehr ich Tilly auch mag- mit Alfie hatte ich Anlaufschwierigkeiten. Er ist eher blass und austauschbar, bleibt im Hintergrund und es fehlen lange Ecken und Kanten. Das finde ich sehr schade. Hinzukommt, dass es im Buch immer wieder leichte Übersetzungsfehler gab. Das stört meinen Lesefluss ein wenig.


    Insgesamt ein interessantes, leises Buch mit leichten Schwachstellen. Ich vergebe vier Sterne.

    Berührend


    Als Adoptivkind aufzuwachsen, kann zu immensen Identitätskonflikten führen. Wie weit das gehen kann, zeigt der Roman „Die Magnolientochter“.


    Magnolias Mutter ist psychisch krank. Dies wird direkt zu Beginn des Romans verdeutlicht. Was ihre Vergangenheit in Neuseeland damit zu tun hat, bleibt vorerst unklar. Allerdings findet Magnolia im Nachlass ihrer Großmutter ein Flugticket- und die Spurensuche beginnt….


    Mich hat der Roman sehr berührt. Der figurative, gefühlvolle Schreibstil von Tessa Collins macht es mir leicht, in die Welt von Magnolia einzusteigen. Ich bin genauso verwundert und erstaunt wie Magnolia, was ihre Recherche ergibt. Auch die Hintergründe von Magnolias Mutter faszinieren mich.


    Insgesamt ist der Roman gefühlvoll und anschaulich, auch wenn manche Szenen (zum Beispiel wie Magnolias leibliche Oma ihren Job bekommt) im Vergleich mit anderen (Treffen Eltern/ Tochter) zu viel Platz einnehmen. Ich gebe den Buch fünf Sterne.

    Agentinnen


    Während des 2. Weltkriegs benötigte Churchill Agentinnen in Frankreich. Doch was waren ihre Geschichten? Das wird exemplarisch in „Wir dachten, das Leben kommt noch“ beschrieben.

    Pat war in den 40er Jahren als Agentin in Frankreich aktiv. Doch was kann und will sie über die Zeit berichten? Das muss sie sich fragen, als BBC Redakteurin Gwen sie um ein Interview bittet. Doch es hängt mehr damit zusammen als es scheint…

    Ich finde das Thema per se spannend. Mit Agentinnen verbinde ich Spannung und aufregende, interessante Tätigkeiten. Damals ging es zusätzlich um Verrat, Fremdenfeindlichkeit und Spitzel. Dieses Thema hat Elisabeth Sandmann feinfühlig in ihrem Roman eingearbeitet.

    Pat passt zu dem aufregenden Tätigkeitsfeld. Sie ist reserviert, bedacht und wirkt ein wenig übervorsichtig in der Gegenwart. Das alles sind Merkmale einer guten Agentin. Die Geschichte, die sich entsprechend zu ihr entwickelt, ist sprachlich authentisch und anschaulich erzählt. Wobei der Part der Gegenwart mehr von Entdeckungen und den Tagebuch Einträgen von Gwens Oma, ebenfalls Spionin, lebt. Der Vergangenheitspart lebt vom Drahtseilakt zwischen Spionage und Freundschaft, Liebe und Verrat sowie der Beziehung zur eigenen Familie während der Kriegsjahre.

    Auch wenn spannende Themen besprochen werden zieht sich die Handlung streckenweise. So wird seitenlang Pats Interessenkonflikt in der Gegenwart beschrieben, ohne das es zur Handlung beiträgt. Das finde ich sehr schade.

    Insgesamt bekommt der Roman vier Sterne und eine Leseempfehlung für die Themen Spionage und Feminismus unter Churchill.

    Authentisch


    Ein Urlaub mit Freunden klingt vorrangig nach Spaß. Doch manchmal ist der Spaß schneller vorbei als der Urlaub. So auch in Viveca Stens „Lügennebel“.


    Sechs Studenten fahren für Skiurlaub nach Åre in die Berge. Das frohe Zusammensein findet ein jähes Ende, als eine der Gruppe Tod im Schnee vorgefunden wird. Hanna und ihr Kollege Daniel stürzen sich in die Ermittlungen- mit tiefen Geheimnissen….


    Ich finde die grundsätzliche Idee gut. Studenten leben häufig schnell und wild, was im Buch auch gut beschrieben wird. Der Bergurlaub nebst Partys und rasanten Manövern auf der Piste kommt so real rüber, als wäre man selber als Leser dabei. Selbiges lässt sich auch über den Mord nebst Ermittlungen sagen. Alles wirkt authentisch und echt, als wäre es vor den eigenen Augen passiert. Das wird zusätzlich durch den flüssigen, lockeren Schreibstil untermauert.


    Was mich allerdings während des Lesens gestört hat ist wie tief das Privatleben der Ermittler behandelt wird. Meiner Meinung nach ist dies zu intensiv durchgegangen wurden. So ist es für mich irrelevant, was Hannas Partner oder der neue Freund von Daniels Ex beruflich machen. Wofür wird diesen Themen eine nicht geringfügige Anzahl an Kapiteln gewidmet? Das erschließt sich mir nicht vollends. So gebe ich den spannenden und authentischen Krimi vier Sterne.

    Macht der Träume


    Wenn man jung Mutter wird, gibt man ein Stück der eigenen Zukunft auf. Das wird in „Ein Herz aus Papier und Sternen“ deutlich.



    Pip ist Anfang 30 und wohnt mit Tochter Bella bei ihren Eltern. Da sie mit 16 Mutter geworden ist, hat sie bisher keine Karriere gemacht. Ihre Träume hat sie längst aufgegeben. Ehe ein Ausflug alles ändert…



    Direkt zu Beginn merke ich, dass Pip als Protagonistin eher blass ist. Sie ordnet sich unter und stellt sich hinten an. Dadurch ist der Start langatmig. Nachdem sie auf der Sternwarte ihre Träume definiert und klare Ziele setzt, stelle ich klare Tendenzen zur Emanzipation fest und bange mit Pip um ihre Träume. Das Ende ist mir persönlich allerdings etwas weit hergeholt. Nicht alles schlimme für die Familie hängt von Pip ab, da kommen zahlreiche Faktoren zusammen, die hier gewiss untergehen.

    Was mich während des ganzen Buches fasziniert hat ist Cecilia Aherns Schreibstil. Bereits bei anderen Büchern konnte ich den gefühlvollen Ton der Autorin beobachten. Und auch hier schreibt sie anschaulich, nah am Charakter und voller Gefühle.

    Insgesamt bin ich nicht zu 100% überzeugt. Wer mit Längen und einer anfangs trägen Protagonistin leben kann, der findet hier eine nette Geschichte für zwischendurch und zum Träumen. Insgesamt aufgerundet vier Sterne.

    Küchengemeinschaft


    Der Krieg ist im Winter 1946 vorbei- doch was bleibt, in einem Winter voller Hunger und Kälte? Was ist mit den zerrissenen Familien passiert? Das wird in Carmen Korns Roman „In den Scherben das Licht“ thematisiert.



    Schauplatz des Romans, der sich über zehn Jahre erstreckt, ist das Haus der früheren Schauspielerin Friede in Hamburg. Hier lernen sich Gert und Gisela kennen. Die beiden suchen ihre jeweiligen Familien und werden dabei Teil einer Gemeinschaft und Ersatzfamilie, die in Friedes Küche zusammenfindet.

    Ich finde den Roman sehr anschaulich geschrieben. Mir fiel der Einstieg recht leicht, da ich schon andere Bücher aus dieser Zeit gelesen habe. Daher konnte ich mir die Tauschgeschäfte und auch den Keller gut vorstellen. Das man damals neue Gemeinschaften und Ersatzfamilien schuf, ist für mich genauso verständlich, da der Krieg alte Gemeinschaften und Familien durch Tod oder Trennung zerstörte.

    Korns Sprache passt zur damaligen Zeit. Es ist eine für damals übliche einfache Sprache mit ausländischen Einflüssen und Besetzer Jargon. Die Sprache verdeutlicht die Machtverhältnisse und wie simpel die Leute auf der Straße gestrickt waren.

    Mit den Protagonisten hatte ich allerdings meine Schwierigkeiten. Gert und Gisela erscheinen mir austauschbar, da sie eher allgemeine Probleme hatten und nichts einzigartiges. Friede dagegen erscheint mir zu blass. Sicher, sie organisiert Treffen und kümmert sich, aber das gewisse etwas, die besondere Eigenschaft, fehlt mir.

    Hinzukommt, dass die Ereignisse aneinandergereiht sind. Manche werden zügig abgehandelt ohne Einfluss auf andere (Lulus Einzug zum Beispiel) und andere werden in die Länge gezogen ohne im Gesamten verankert zu sein. Dieses Mosaik passt zumindest zu den austauschbaren Charakteren.


    Von mir gibt es für diesen Roman, der durchaus Potenzial, aber auch Schwächen hat, vier Sterne.

    Verträumt


    Eine ferne Insel abseits der Zivilisation. Eine Frau, die für ihr Leben gern tanzt. Und ein Reisender, der waghalsige Geschichten erzählt. All das wird in „Mr. Saitos reisendes Kino“ thematisiert.

    (Carme) Lita wird als Tochter von Fabiola, einer Frau mit eingeschränkten Gehör, in Argentinien geboren. Doch die Frauen verlassen Argentinien Richtung Neufundland, wo sie auf einer Insel leben. Hier werden sie von einer buntgemischten Gemeinschaft aufgenommen. Neben Tanzabenden in Fabiolas Salon wird die Filmvorführung durch Mr. Saito, den wandernden Schausteller, zum Highlight….

    Das Buch ist angenehm geschrieben. Leicht poetisch mit einer Prise Humor, Gefühlen und detaillierten Beschreibungen kommt die Geschichte daher. Es fällt auf, dass- ähnlich wie in Mr. Saitos Vorführungen- Episoden aneinander gereiht werden. Das verleiht dem reisenden Kino zusätzlich Authentizität. Interessant ist zudem, wie die magischen Elemente immer wieder kehren. So kann Fabiola durch ein Geschenk des Reisenden hören, was vorher nicht so gut geklappt hat. Das finde ich faszinierend.

    Allerdings hat das Buch ein Ungleichgewicht: gerade der Anfang zieht sich, das reisende Kino kommt verhältnismäßig spät und auf Mr. Saito wird aus meiner Sicht zu wenig eingegangen. Insgesamt ein Buch, was zum Nachdenken und Träumen einlädt, aber mehr Potenzial hat. Vier Sterne.

    Tiefe Spuren


    Eine verschwundene Babysitterin. Eine Schülerzeitung, die auf Missstände aufmerksam macht. Und ein altes Verbrechen , das geheimnisvoll ist. Darum geht es im Krimi „Wem du traust“.


    Eva, Daniel und ihr kleiner Sohn leben ein unaufgeregtes Leben mit stabilen Freundeskreis. Ihr Sohn wird regelmäßig von der Tochter von Evas bester Freundin betreut. Doch dann verschwindet Babysitterin Sophia spurlos…

    Ich persönlich finde den Krimi sehr spannend. Von dem Verschwinden über falsche Spuren bis zu Delikten wie häusliche Gewalt und Manipulation ist alles dabei. Die Emotionen kochen hoch und dennoch gelingt es der Polizei rund um Heike Westphal alles aufzuklären. Gestützt wird die Spannung durch Cliffhanger, detaillierte Beschreibungen und einer passenden Wortwahl. Alles in allem hätte ich das Ende nicht erwartet, aber es macht alles Sinn. Fünf Sterne für diesen gelungenen Krimi ohne zu viel Blut und co.

    Drei Geschichten


    Hollywood ist das Traumziel vieler Menschen. Doch welche Verwirrungen sind hinter den Bergen Hollywoods versteckt? Darum geht es in „Die drei Leben der Cate Kay.

    Anne Marie ist ein aufgehender Stern. Sie reist mit ihrer besten Freundin nach Hollywood, wo sie als Cate Ford Rollen annimmt. Nach einem Unfall wird sie als Cate Kay berühmt- doch die Fassade bekommt Risse….



    Ich finde die Idee als solches nicht verkehrt. Eine Frau, die quasi aus dem nichts eine Identität aufbaut- das klingt durchaus spannend und hat Potenzial. Der Schreibstil ist auch gut lesbar und authentisch, die Emotionen werden sachlich dargestellt. Das hat schon mal gut geklappt.



    Was mich allerdings stört ist das Wirrwarr. Viele Charaktere würden bei Treffen kaum merken, dass die drei Damen ein und dieselbe Person sind. Eine Aufklärung für Cates/ Cass‘ frühere Partner ist nicht in Sicht. Und für mich als Leserin machen die verschiedenen Erzählungen ohne chronologische Abfolge manchmal wenig Sinn. Hier würde ich mir eine Charakteraufstellung/ Timeline am Ende oder gar als herausnehmbare Karte wünschen. So bleibe ich verwirrt zurück und gebe drei Sterne.

    Familiensache


    Die Familie des Verlobten kennen zu lernen ist an und für sich eine Herausforderung. Wenn dieses Kennenlernen aber abgeschieden in den Bergen stattfindet, die Familie sehr reich ist und man selber keine Familie hat, ist es umso gravierender. So ergeht es Theo in „Eisnebel“.

    Theo und ihr Verlobter Connor reisen nach Idlewood, um seine Familie zu treffen. Vor Ort werden allerdings gut gehütete Geheimnisse offenbart und es kommt zu einem verheerenden Unfall…

    Der Krimi ist sehr spannend geschrieben. Es fängt bereits damit an, dass Theo und Connor bei ihrer Anreise auf einen Jäger treffen und es beinah zu einem ersten Unfall vor dem Treffen kommt. Dann im Resort angekommen, kommt Theo einiges verdächtig vor. Sie hat Flashbacks und schubweise Erinnerungen, die in Zwischenkapiteln beschrieben werden. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen, der hoch bleibt. Und die vielseitigen Familienkonflikte inklusive Bedrohungen und Stalking sorgen für zusätzliche Spannung.

    Ich persönlich bin begeistert von dem Krimi. Das Setting, die tiefreichenden Geheimnisse und das Verhalten der einzelnen Personen hat mich sehr fasziniert. Daher gebe ich fünf Sterne.

    Chinesische Gesellschaft


    In Büchern kann ich viel über andere Kulturen lernen. Sei es über Religionen, Feiertage oder das Gesellschaftsbild. So lerne ich in Zhang Yuerans Schwanentage mehr über das Leben in China.


    Yu Ling arbeitet als Kindermädchen für die wohlhabenden Eltern von Kuan Kuan. Sie selbst, aus ärmeren Verhältnissen, erlebt im Alltag der Familie Luxus pur, kennt aber auch deren Geheimnisse. Sie plant, Kuan Kuan zu entführen- doch dann kommt alles anders….


    Ich finde die Idee, mehr über Chinas Gesellschaft zu erfahren, sehr interessant. Allein der Klappentext zeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist. Viele Arme werden von wenig Reichen beschäftigt und klein gehalten, was Yueran gut verdeutlicht. Sei es, dass die Mutter Yu von oben herab behandelt oder der Vater sie nicht wahrnimmt. Auch werden die Entscheidungen oft in Frage gestellt (sei es der Ausflug oder der Umgang mit der Abwesenheit der Eltern).


    Doch auch Yu Ling selbst ist nicht ohne. Sie zeigt den anderen deutlich, dass sie als Kindermädchen die Macht um Falle der Abwesenheit hat und wirkt manipulativ und falsch. Allerdings kümmert sie sich intensiv um Kuan Kuan, zeigt taktische Kompetenzen bei der Vorbereitung der Entführung und ist zuverlässig in ihren Aufgaben. Das macht sie für mich zu einem schwierigen Charakter.


    Auch die übrigen Charaktere kommen für mich manipulativ, kühl und ichbezogen rüber. Sei es die Lehrerin, die Yu klar macht, dass sie keine Kompetenz hat, Kuan Kuan abzumelden, oder Yus Partner bei der Entführung, der prahlt, er könnte alleine alles besser. Dadurch entsteht ein kühles, egoistisches Bild der Chinesen und ihrer Geselschafft, was in den Medien auch mal anders gezeichnet wird.


    Auch wenn das Gesellschaftsbild durchaus interessant ist, fällt es mir schwer, den Roman einzuordnen. Ist es ein Krimi? Belletristik? Oder gar eine Satire? Das erschließt sich mir leider nicht.


    Versöhnlich stimmt mich die Sprache im Buch. Es ist gut lesbar und viele Details sowie bildhafte Beschreibungen ermöglichen es mir, eine Vorstellung vom Geschehen vor den inneren Auge zu haben. Das macht es einfacher, der Geschichte zu folgen.


    Insgesamt bekommt das Buch von mir aufgerundet vier Sterne. Besonders empfehlen kann ich das Buch für alle Interessierten an gesellschaftlichen Romanen und der chinesischen Kultur.

    Erinnerungen
    Eine alternde Diva, die ihr Leben glorifizieren möchte. Ein gescheiterter Ex- Student, der sich an einem Start- up versucht. Und dazu ganz viele Geheimnisse. Das ist die Grundlage in „Sonnenaufgang Nummer 5“.

    Jonas ist 19 und hat sein Studium geschmissen. Stattdessen möchte er als Ghostwriter durchstarten. Die alternde Diva Stella beauftragt ihn mit ihrer Biografie- doch welche Fakten unterschlägt sie Jonas dabei?

    Ich kenne bereits einige andere Werke von Carsten Henn, etwa den Buchspazierer und Die Butterbrotbriefe. Daher ist mir klar, dass der Autor meist Schicksale und Geheimnisse als Plottwists einbaut. So ist es auch im aktuellen Roman. Bereits bei der Ankunft in Stellas Wohnort wird er mit Gerüchten und Sagen über den Filmstar konfrontiert. Und als Jonas seine Arbeit aufnimmt, erzählt Stella ihm nur die glorifizierte Version. Doch als guter Ghostwriter kommt Jonas auch hinter Stellas wohlgehütetes Geheimnis. Im Prozess werden sowohl der Spannungsbogen als auch der Unterhaltungsfaktor hoch gehalten. Das kann durch die Nebenfiguren passieren oder durch kleine Fettnäpfchen, die sich offenbaren. So komme ich regelmäßig zum reflektieren und nachdenken, auch über Situationen im eigenen Alltag.

    Unterstützt wird dies durch einen flüssigen, gut lesbaren Schreibstil.


    Allerdings gibt es ein Manko: anders als im Buchspazierer und den Butterbrotbriefen, wo ich die Protagonisten gut einordnen konnte, bleibt mir Jonas ein wenig fremd. Ich habe mich durchaus gefragt, was exakt seine Geschichte und Motivation ist. Diese bleibt nämlich lange im Hintergrund oder wird nur angedeutet, was sehr schade ist. Nichtsdestotrotz bekommt der Roman von mir fünf Sterne. Ich freue mich auf das nächste Buch.