Beiträge von Maiken

    streifi : Was das Essen anbelangt, habe ich eine lustige Entdeckung gemacht. Ich habe in der Vorbereitung des Romans Reisebeschreibungen über Hamburg in den 1780er Jahren gelesen und dabei festgestellt, dass den Nichthamburgern übereinstimmend immer wieder eines auffiel: die Beobachtung, dass die Hamburger wahnsinnig viel essen :-) Das habe ich in meiner Geschichte dann zu so einer Art running gag gemacht. Tafeln, bis der Arzt kommt.

    beowulf : Guter Hinweis mit dem Buch "Der Winter, der ein Sommer war"! Ein bisschen was über die Hessen und ihre Verbindung mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kommt auch später noch im Roman...


    Ich ärgere mich auch ganz oft über Cover. Aber in diesem Fall muss ich das Cover einmal sehr leidenschaftlich verteidigen! Wie ihr vielleicht wisst, haben Autoren ja nichts mit der grafischen Ausgestaltung von Büchern zu tun. Umso größer dann meine Überraschung und große Freude, als mir das Cover präsentiert wurde!!! Die Maske ist toll, weil Celeste in eine andere Rolle schlüpft. Der Granatapfel ist genial, weil er ikonografisch für Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit steht. Und das ist eines der Themen im Roman. Und die gotischen Bögen sind auch schlau. Natürlich mag man dagegen halten: Hä, Gotik ist doch die Kunstepoche des Hoch- und Spätmittelalters und diese Geschichte spielt doch Ende des 18. Jahrhunderts...? Aber! Es ist eine Freimaurergeschichte, deren Symbole in den operativen Bauhütten des Mittelalters wurzeln... Also, perfekt, perfekt. Ich ziehe ganz tief den Hut vor den Grafikern von Wunderlich. Auch die Farben des Einbands mag ich richtig gern.


    SiCollier : Bloß nicht Dan Brown lesen, um Freimaurerei zu verstehen. Vielleicht schreibt er unterhaltsam, aber die Freimaurersachen hat er sich großenteils ausgedacht. Wer ernsthaft an dem Thema interessiert ist, dem kann ich ein Sachbuch und ein Lexikon empfehlen:
    - "Freimaurer und Geheimbünde im 18. Jh. in Mitteleuropa", Hrsg. Helmut Reinalter, Suhrkamp
    - Deutsches Freimaurerlexikon von Reinhold Dosch

    @Geli: Das Symbol unter den Kapitelüberschriften stellt Zirkel und Winkelmaß dar, die wichtigsten freimaurerischen Werkzeuge. In der Sprache der Freimaurer wird das Winkelmaß als eines der großen "Lichter" bezeichnet,also als ein besonders wichtiges Symbol. Es stellt das Irdisch-Materielle dar. Im rituellen Gebrauch wird der Winkel immer nach Osten offen aufgelegt. Der Meister vom Stuhl trägt es an einem Halsband als Zeichen seiner Würde.
    Der Zirkel gilt ebenfalls als großes Licht und wird mit seiner Spitze auch nach Osten ausgerichtet. Daraus folgt die Legart, so wie sie in den kleinen Grafiken im Buch zu sehen ist.


    "Pervers" wurde damals noch nicht gesagt, aber ich formuliere meine Dialoge gerne in zeitgenössischer Sprache, und zwar aus mehreren Gründen: 1., weil die mündliche Sprache von damals heute nicht mehr zu verstehen wäre (Niederdeutsch des 18.Jahrhunderts), 2., weil ich es irgendwie verlogen fände, so zu tun, als wäre die Geschichte nicht von jemandem verfasst, der im 21. Jh.lebt und 3., weil ich es Schummelei finde, so eine Art sprachlichen Kompromiss zu finden und so etwas wie verschraubte Schachtelsätze zu schreiben, in der Hoffnung, es käme "ein bisschen alt" rüber. Historisch genau versuche ich in der Beschreibung von Orten und Gebräuchen zu sein, in Anreden etc., aber ich mag es, wenn Dialoge so ein bisschen dagegenknallen.


    Richie : Musste sehr schmunzeln über "Haushalt, gehe in Streik"! Tue ich auch ziemlich oft...

    Danke schön für den netten Willkommensgruß, Geli! Ich freu mich auch wieder, dabei zu sein!
    Voltaire (ich wollte schon immer mit einem Philosophen des 18. Jahrhunderts korrespondieren, das trifft sich also sehr gut ;-)): danke, dass du mich auf den Fehler aufmerksam gemacht hast. Autoren können 100 Mal ihre Geschichten lesen und überarbeiten, irgendwas ist immer noch falsch. Ja, in Hamburg fahren die Untergrundbahnen auch ÜBERgrund, etwa am Rödingsmarkt, daher die Verwechslung. Shame on me, zumal ich tatsächlich selbst eine Ärztin am Rödingsmarkt hatte, ausnahmsweise ein autobiographisches Element.
    Ihr werdet im Roman noch ein paar weitere Fehler finden, die im Produktionsprozess entstanden sind. Aber etwas ist mit den Anreden geschehen. Aus irgend einem unerfindlichen Grund sind meine Figuren ihrer Zeit plötzlich weit voraus und benutzen an einigen Stellen das "Sie" in der Anrede, statt "Ihr". (Dies ist ausnahmsweise kein Fall von Figurenverselbständigung im Schreibprozess.)
    Zum Glück gibt es eine zweite Auflage und dann wird alles besser :-)
    Auf Nachsicht hoffend
    Maiken

    Freu mich sehr über euren Zuspruch! Total schön, eure Kommentare zu lesen!!


    Ich möchte jetzt noch etwas zu Alines Verhalten sagen. Ich bin schon öfter darauf angesprochen worden, dass ihre Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, nicht richtig nachvollziehbar ist. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Reisen und Auslandsaufenthalte, so wie die meisten von uns sie heute von Kindheit an kennen, damals eine Ausnahme waren. Reisen waren priviligierten Bürgern und (betuchten) Künstlern vorbehalten. Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, ist vielen Deutschen ab 1933 - selbst wenn sie in Deutschland gefährdet waren - sehr schwer gefallen. Auch das Heimatgefühl, die Bindung ans "Vaterland" war viel stärker ausgeprägt als bei den meisten von uns heute. In Texten deutscher Schriftsteller, die ins Exil gehen mussten, taucht oft das Heimweh auf. Mit dem Verlust der deutschen Sprache verloren Schreibende ja auch ihr "Werkzeug". Das NS-Regime haben sie verachtet, Deutschland als Heimat jedoch geliebt - das war die Tragik. Ich habe Geschichten von Leuten gehört, die dachten, es wird schon alles vorübergehen und die dann einfach in Deutschland ausgeharrt haben - weil sie sich ein Leben im Ausland eben absolut nicht vorstellen konnten. (Meine Oma, die 1903 geboren ist, hat zum Beispiel Zeit ihres Lebens keine Auslandsreise unternommen.)
    Jedenfalls hat es mich interessiert, solche Leben zu erkunden. Gerade auch, weil es über Exilanten und Widerstandskämpfer schon eine Menge geschriebener Geschichten gibt -worüber wir froh sein können. Aber über die anderen, die, die einfach nur versucht haben, in Deutschland zu überleben, den Alltag am Laufen zu halten und dabei noch irgendwie Lebensfreude zu empfinden und weiterzugeben, auch wenn es sie alles angekotzt hat, was da lief, über die gab es halt noch nicht so viel, und deshalb hab ich die Geschichte aus diesem Blickwinkel erzählt.


    Ok, hoffe ich erschlag euch jetzt nicht mit diesem ganzen Text! :-(

    Alles gemischt. In Archiven gestöbert, im Internet, mit Verwandten und Bekannten meiner Eltern, die die Zeit miterlebt haben, gesprochen, in Tageszeitungen der jeweiligen Jahre gelesen (kann man auf Mikrofilm in Universitätsbibliotheken bestellen), auch Filme der dreißiger und vierziger Jahre geguckt, z. B. um etwas über Gesichtsausdruck, Mode oder Tanzschritte zu erfahren.

    Hallo Geli, den Begriff Brandblättchen habe ich in Berichten von Leuten gefunden, die von den Bombardierungen betroffen waren. Es handelte sich dabei offensichtlich um Material, das von den Kampfflugzeugen herabgeworfen wurde und augenscheinlich stark und lange brannte. Hergestellt wurden die Blättchen aus Zelluloidabfall.


    Die Himmelsleiter ist der Name einer Treppe, die von der Elbchaussee (zu der Zeit hieß sie noch Flottbeker Chaussee) nach Övelgönne hinabführt.

    Hallo Geli, Grünhöker sind Gemüsehändler, das ist richtig. Mit Küstennebel meinte ich nicht den Schnaps, sondern die weißwabrigen Walleschleier. Die Verwechslung Judith/Jesabel hat Wolke auch schon angemerkt. Ich ärgere mich sehr über mich! 1000 Mal dieses Manuskript gelesen, Lektorin auch, trotzdem ist es passiert. :fetch

    Hallo Geli, du bringst es mit deinen Fragen auf den Punkt. Ich bin absolut deiner Meinung, was den Titel des zweiten Teils anbelangt. Um nicht zu sagen: ich bin nicht sehr glücklich damit. Den Titel hat der Verlag bestimmt.

    Hallo Morgana! Also, geplant war ein zweiter Band am Anfang nicht. Ich war voll und ganz auf die Geschichte im 1. Band und auf die Weimarer Zeit konzentriert. Das war eine Zeit, die mich immer sehr beschäftigt hat, weil sie mit so vielen Hoffnungen und neuen Entwicklungen verbunden war, die durch die Folgezeit eben vollkommen vernichtet wurden. Ich fand den Roman auch in sich abgeschlossen, denn schließlich kann sich ja jeder denken, dass es in Deutschland 1932 kein Happy End in einer Beziehung geben kann, in der einer der beiden jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung ist. Von daher erschien mir diese Spannung zwischen vermeintlichem Happy End und dem Fortlauf der Geschichte, der im Kopf des Lesers entsteht, als ausreichend für einen richtigen Schluss.
    Weil aber auch in meinem eigenen Kopf die Geschichte weiterlief, war ich dann sehr glücklich, als vom Verlag das Angebot kam, einen zweiten Teil zu schreiben.