Meine Eindrücke:
Positives:
- Nina Blazons Sprache ist klar & schön, sie bemüht sich nicht um eine besonders "hippe" Jugendsprache, um sich bei der Zielgruppe anzubiedern.
- Der Roman liest sich einigermassen flüssig und schnell.
- Man möchte immer wissen, was als Nächstes passiert.
- Das Buch ist spannend.
- Blazon verzichtet auf Kitsch.
- ein einigermassen sperriges & sprödes Thema wird einem breiten Publikum präsentiert, und zwar lesbar.
- Ersichtlich wird die Transferleistung: Eine Quellenauswertung und das Hintergrundwissen wird literarisch verarbeitet.
Manche Autoren, die derzeit Vampirliteratur verfassen, saugen sich schlicht etwas "aus den Fingern". Oder fügen "Dracula" ein, auf dass es authentisch wirken möge (cf. Frost).
Der Roman "Totenbraut" hebt sich wirklich von vampirischer chicklit ab und tangiert zudem den Haidukenmythos.
- Zum Inhalt : Besonders schön finde ich Jasnas Liebe zu einer ihrer Schwestern, obwohl diese "anders" ist.
Das innige Verhältnis könnte man mit einer im Roman vorkommenden Bruderbeziehung vergleichen, welche nicht ganz so innig ist (Ob dies von der Autorin intendiert ist,weiss ich nicht).
- Das Nachwort ist besonders wertvoll:
Nina Blazon verweist auf Quellen und erläutert Aspekte der (südost)europäischen Vampirmythen.
Junge Leser werden dadurch zur eigenen Recherche animiert.
Auch hier wird deutlich, dass die Autorin viel Arbeit in den Roman gesteckt hat.
- Der plot ist interessant.
- Totenbraut ist tatsächlich ein all age Roman.
- Der Titel ist gut gewählt und macht Lust auf mehr; ferner wird der Begriff im Roman erläutert.
- Layout und Druck des Buches sind klasse. Ein schönes Umschlagbild mit einer schönen Schrift macht den Roman optisch sehr ansprechend.
- Auf zuviel Schnickschnack (Lesebändchen,Lesezeichen) wird verzichtet.
Negatives:
Im Roman sind einige Stereotype und Klischees enthalten; teilweise werden diese jedoch von der Autorin aufgelöst:
Der grausame Patriarch, der versoffene Pope, die hysterische Dorfgemeinschaft, die "besonnenen" Österreicher, die quasi "behinderte" böse Alte. Jasna wird in der Hochzeitsnacht vergewaltigt.
Sie kann nicht lesen und schreiben, ihre ältere Schwester kann dies jedoch. Dies erschien mir nicht logisch.
Fast alle männlichen Charaktere sind negativ konnotiert. Auch wenn es historisch korrekt sein mag, dass die Stellung der Frau in Südosteuropa zur damaligen Zeit nicht besonders gut war, häuft sich gerade zu Beginn des Romans das Schlechte.
Jedoch soll dies wohl der Funktion dienen ("Schauerroman").
Jasna ist mir persönlich als Figur zu selbstbewusst,
fast eine Art feministische Heldin.
Dies ist jedoch kein Phänomen der "Totenbraut" allein. In vielen historisierenden Romanen wird eine toughe Heldin heutiger Prägung einfach ein paar Jahrhunderte zurück "gebeamt" ( ich halte dies für ahistorisch, will jedoch nicht das Heimchen am Herd propagieren).
Zum Inhalt : Dem Roman fehlt ein richtiger Klimax, da ständige und zu viele Wendungen eintreten.
Bei den Wendungen wäre weniger mehr gewesen:
Danilo ist nicht Jovans Sohn, sondern Gorans. Nema ist eigentlich Türkin, Danilo liebt eigentlich Anica, der Holzfäller ist eigentlich ein Räuber und Slowene.
Marja ist eigentlich Saniye, ein Pope ist in Wirklichkeit Jovans Bruder etc.pp.
Die im Roman vorkommende Hausgemeinschaft wird von der Autrin zunächst als eine Art Gefängnis dargestellt, die sozioökonomische Funktion wird ein bisschen verkannt. Jedoch ändert sich dies, als die Protagonistin doch noch ihre Anerkennung ausdrückt.
Zwar ist es gut, dass Jasna ihr Heil nicht in einem Mann sucht, doch hätte ein wenig mehr Romantik dem Roman nicht geschadet.
Der Roman endet einigermassen abrupt, was angesichts des Aufbaus und der Vorarbeit schade ist.
Zum Aufbau: Auf mich persönlich haben die phantastischen Elemente
nicht phantastisch gewirkt, sondern eher "sperrig".
Ferner fand ich keine Stelle im Roman gruselig, daher finde ich auch nicht, dass es ein Schauerroman (à la Poe oder Hoffmann) ist.
Dies ist jedoch mein subjektives Empfinden.
Überhaupt ist der Roman eher ein historisierender als ein phantastischer Roman.
Leider werden manche Konflikte im Roman zu schnell aufgelöst, was dem suspense -Effekt manchmal nicht so zuträglich ist:
Jasna akzeptiert Jovans Betrug oder Matejs Lügen einigermassen schnell.
Zu Terminologie & Formalia:
Es fehlt die Einheitlichkeit:
Im Klappentext und in einer Überschrift wird die dt.Schreibweise verwendet ("Duschan"),ansonsten aber die serbische.
Ferner ist es eher unwahrscheinlich, dass eine orthodoxe Slawin im 18.Jahrhundert "Mirjeta" hiess, oder ein orthodoxer Dorfbewohner "Šime". Auch wird niemand sein Kind "Vampir" genannt haben.
Im Text kommen slaw. Worte mit dt. Endungen ("Vilen,Tulipane "),slawische oder etymolog. türk. Worte ("rakija", "vetar" ) und Germanismen vor.
Dies verlangt im Prinzip nach Fussnoten oder einem Glossar, da wohl wenige Leser z.B. mit dem Begriff "Raitzen" etwas anfangen können.
Es könnte sein, dass die Schwächen des Romans eventuell etwas mit der deadline zu tun haben, da gerade das letzte Drittel des Romas arg gestrafft daherkommt.
Die Autorin ist auf jeden Fall mit der Materie vertraut, Stil und Sprache sind sehr gut & rennen nicht einem Trend nach. Die Geschichte ist sehr spannend. Wer beispielsweise ein tolles Geschenk (für Jugendliche oder für sich selbst ) sucht, ist mit dem Roman gut beraten. Kaufen!
Trotz kleiner Schwächen gebe ich 9/10 Punkten.