Man sollte sich warm anziehen in dem ganz und gar ungemütlichen Schneckengehäuse, aus dem heraus Susannah Rabin ("nein, ich bin NICHT verwandt mit...!"), sich und die Welt seziert. "Ich schnupperte mein Menstruationsblut, derb und fehl am Platz wie ein Konditor, der einen Geburtstagskuchen für ein Kind kassieren kommt, das inzwischen verstorben ist!" Sätze wie präzis abgeworfene Bomben. Männer, Sex, Kunst, Spaß -- was gemeinhin das Leben lebenswert macht, der jungen Frau aus dem Vorort von Tel Aviv gerät es zur unentrinnbaren Kloake aus Geschwafel, menschlichen Ausdünstungen und Körperflüssigkeiten. Was bleibt, ist ihr inneres Hasstagebuch, messerscharfe Beobachtungen der täglichen Verrenkungen einer lächerlichen Umwelt. Mutter Adas liebevoller Würgegriff erregt Verdacht. Shoa-Überlebende, Gluckenmonstrum, dominant und erstickend dauerpolitisierend, entkommt auch sie nicht Susannahs Röntgenblick. Frieden findet die merkwürdige Autistin einzig bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Kneten von Tonfigürchen ihres Helden, des ätherisch-schönen englischen Dichters Shelley. Ja, als der Vater noch lebte. Ein feiner Mensch, der zuhören konnte. Nach seinem Tod blieb nur noch der Hass auf alles Unfeine, das leben durfte. Selbst Gott, mutmaßt Susannah, sieht auf ihr Elend nur wie ein stiller Genießer herab. Alona Kimhi, in der UdSSR geboren und 1972 nach Israel emigriert, wird heute mit Zeruya Shalev in einem Atemzug genannt. Ihr kafkaesk klaustrophobischer Akademiebericht einer Verletzten, humortriefend, dabei von verstörender Treffsicherheit, gewährt dem Leser tiefe und beunruhigende Einblicke in Körper und Seele ihrer Protagonistin. Beides gerät in Aufruhr, als "der Besuch" eintrifft, Shelley höchstpersönlich, in Gestalt ihres Vetters Naor aus Amerika. Das galante Schlitzohr, ein verkrachter Künstler, der sich mit Ikonenschiebereien sanieren möchte, erkennt intuitiv die seelische Schieflage seiner Gastfamilie. Doch erst, als "der Besuch" zu ungewöhnlichen Therapiemaßnahmen greift, beginnt Susannah aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Freunden leichter, sommerlicher Liebeslektüre sei ein anderes Buch empfohlen. Wer jedoch ein Gespür besitzt für die Nachtseiten unserer Existenz, darf sich bei Alona Kimhi bestens aufgehoben fühlen.