Die Serapions-Brüder - E. T. A. Hoffmann

  • Stelle man sich auch an, wie man wolle, nicht wegzuleugnen, nicht wegzubannen ist die bittre Überzeugung, daß nimmer -. nimmer wiederkehrt, was einmal dagewesen. (Seite 9)


    41hR0ZjH9lL._AC_UL320_.jpgMeine gelesene Ausgabe:

    1134 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

    Verlag: Bertelsmann Club, Gütersloh oJ (Lizenz Winkler Verlag, München)


    Lieferbare Ausgabe

    1687 Seiten, kartoniert

    Deutscher Klassiker Verlag, Berlin 2008

    ISBN-10: 3618680287

    ISBN-13: 9783618680284


    > Hier noch der Amazon - Link <



    Zum Inhalt (eigene Angabe)


    „Die Serapions-Brüder“ sind eine Sammlung von Erzählungen und Märchen, die teilweise schon anderweitig veröffentlicht waren, teilweise extra für diese Zusammenstellung geschrieben wurden. Sie werden von einer Rahmenhandlung zusammengehalten, in der die „Erzähler“ über Gott und die Welt, über Literatur, Philosophie und manch anderes diskutieren.

    Zu den bekanntesten Erzählungen daraus, die auch verfilmt wurden, zählen „Nußknacker und Mäusekönig“ sowie „Das Fräulein von Scuderi“.



    Über den Autor


    Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann geboren, den Namen „Amadeus“ nahm er später in seiner Verehrung für Wolfgang Amadeus Mozart an. Nach dem Jurastudium ging er als Referendar ans Kammergericht Berlin; in Berlin lernte er Jean Paul kennen. Im März 1800 legte er das dritte Staatsexamen ab und wurde nach Posen versetzt. Hier begann sein übermäßiger Alkoholgenuß und es entstanden seine ersten musikalischen Werke. Er löste seine Verlobung und heiratete am 26. Juli 1800 Marianne Thekla Michaelina Rorer.

    In der Folge versuchte er, als Künstler Fuß zu fassen, was ihm jedoch mißlang. Auch eine Stellung als Musikdirektor in Bamberg verlor er rasch wieder. Er war zunehmend als Schriftsteller aktiv, was ihm mehr und mehr berufliche Probleme in seiner Stellung als preußischer Kammergerichtsrat einbrachte. Sein Tod durch Atemlähmung am 25. Juni 1822 ersparte ihm disziplinarische Maßnahmen.


    Informationen im Internet:

    - Die Webseite der E.T.A Hoffmann-Gesellschaft e.V.
    - Der Wikipedia-Eintrag zum Dichter mit ausführlicher Biographie



    Meine Meinung


    Seit etlichen Jahren lese ich jedes Jahr zu Weihnachten die Erzählung „Nußknacker und Mäusekönig“. Und jedes Jahr nahm ich mir vor, bald darauf die „Serapions-Brüder“, aus denen diese Geschichte stammt, zu lesen. Dieses Jahr nun endlich wurde aus dem Vorsatz die Tat. Hätte ich das Buch ohne Kenntnis des Verfassers gelesen, so hätte ich auf einen viel moderneren bzw. neueren Autor als E. T. A. Hoffmann getippt, höchstens die etwas altertümliche Sprache gibt einen Hinweis auf die Entstehungszeit. Doch die meisten Geschichten, wie auch die Rahmenerzählung, muten ausgesprochen modern an. „Da aber in dieser Welt diejenigen Menschen, welche sehr laut und breit verkündigen, was sie tun wollen, viel mehr gelten als die, welche in aller Stille hingehen und es wirklich tun, (...)“ S. 886) - damals wie heute gültig.


    So recht wußte ich nicht, was mich erwarten würde. Was vielleicht auch ganz gut war. Es ist - so viel war mir durchaus klar - eine Sammlung von Märchen und Erzählungen, zusammengehalten durch eine Rahmenhandlung. Aber man vergesse das „und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.“ Denn in den meisten der Geschichten schleicht sich das Entsetzen ganz leise durch die Hintertür herein, um plötzlich - und sei es im letzten Absatz - hervorzutreten und den Leser zu schocken. Und so dauert es geraume Zeit, bis eine Geschichte kommt, die wirklich gut ausgeht. Inzwischen bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob dieses für „Nußknacker und Mäusekönig“ gilt.


    Wenn man E. T. A Hoffmann liest, braucht man starke Nerven. Denn was da in wunderschöner Sprache beschrieben und beschworen wird, entpuppt sich im Fortschreiten nicht selten als das blanke Grauen. Ein Grauen, das oft im einfachen begründet und auf den ersten Blick nicht gleich zugänglich ist. Erst bei genauerem Hinsehen stellt man fest, an einem Abgrund zu stehen, manches Mal nicht, bevor es die Figuren nicht selbst auch bemerken. Es ist nicht zuletzt Hoffmanns wirklich erstklassiges Deutsch, wie man es heute leider nur noch selten findet, das mich dann bei allem Schrecken immer weiter lesen ließ, welches das Buch überaus lesenswert macht.


    Die Erzählungen der „Serapionsbrüder“ werden durch die Rahmenhandlung der Treffen eben dieser Serapionsbrüder zusammen gehalten, in denen diese über alle möglichen Themen philosophieren und sich austauschen. Literatur, Musik, Theater - und die im Buch enthaltenen Geschichten werden diskutiert. Pate dafür stand der Freundeskreis Hoffmanns, der sich in regelmäßigen Abständen in Weinlokalen traf.


    Vor Jahren sah ich eine Fernsehsendung von und mit Heinz Rühmann. Er erzählte aus seinem Leben und wechselte mitten im Satz zu seiner Darstellung des Hauptmanns von Köpenick. Mir läuft es noch heute eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich an diese Szene denke. Selbige kam mir unwillkürlich in den Sinn, als Lothar - einer der Serapionsbrüder - auf Seite 844ff einen etwas seltsam anmutenden Zeitgenossen, der Schauspieler war, beschrieb, der Ähnliches zuwege brachte. Wobei solcher Art unmerklicher Übergang auch hier im Buch vorkommt und sich Erzählung und „Wirklichkeit“ mischen.


    Es wäre zu wünschen, daß das Buch wieder mehr Aufmerksamkeit und Leser findet. Auch, wenn es bisweilen möglicherweise nicht ganz leicht zu lesen ist. Aber wer hat behauptet, daß Lesen immer einfach sein muß? Denn gar vieles Nachdenkenswerte ist hier versammelt und wird, wie Theodor ankündigt, berichtet:

    „Serapion“, rief Theodor indem er aufstand und das vollgeschenkte Glas hoch erhob, „Serapion möge uns fernerhin beistehen und uns erkräftigen, das wacker zu erzählen, was wir mit dem Auge des Geistes erschaut!“ (S. 255)


    Oder, um mit den Worten des Nachwortes zu schließen:

    Es ist möglicherweise das Eigentümliche und Auszeichnende dieses Schriftstellers, der sich der Unruhe einer beginnenden Zeitenwende (!!!, Anm. von mir) nicht entzog, daß er der sozialen Wirklichkeit die gleiche Aufmerksamkeit zuwandte wie der inneren Wirklichkeit des Menschen. Der Zusammenhang der Dinge, den jeder Erzähler benötigt, war ihm nicht mehr sicherer Besitz. Aber er hat nicht aufgehört, nach einem solchen zu fragen und zu suchen in einer Zeit, in der ein solcher Zusammenhang nicht mehr vorgegeben war. (S. 1032)


    Ein in der Tat überaus moderner Schriftsteller.



    Mein Fazit


    „Hoffmanns Erzählungen“ umrahmt von Gesprächen, Reflexionen und Überleitungen, die einen größeren Zusammenhang herstellen. Immer noch und immer wieder lesenswert.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")