Laura Baldini - Aspergers Schüler

  • ASIN/ISBN: 3492071856

    Aufwühlender historischer Roman

    Aspergers Schüler, historischer Roman von Laura Baldini, Piper ebooks


    Historischer Roman über den Arzt der den Autismus erforschte.


    Sarah, eine junge Psychologin kommt 1986 nach Wien um über den Arzt Dr. Asperger und seine Arbeit zu forschen, zusammen mit dem jungen Journalisten Stefan, kommt sie erschütternden Verbrechen während der Nazi-Zeit, in der Spiegelgrund-Klinik auf die Spur.
    Das Buch erzählt die Geschichte vom charismatischen Arzt Dr. Asperger, der über den Autismus geforscht hat. Das Ganze geschieht in zwei Zeitebenen. In der Gegenwart aus der Sicht der jungen Psychologin Sarah. Der Erzählstrang aus der Vergangenheit hauptsächlich aus der Sicht der mutigen Krankenschwester Viktorine begleitet zum Teil auch mit Kapiteln, die mit Erich überschrieben sind und im Ich-Stil, direkt den autistischen Jungen Erich, mit seinen besonderen Begabungen, erzählen lassen. Diese Kapitel haben mich fasziniert.
    Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und klärt nicht alle Fragen die Asperger betreffen. Einerseits hat er sich um die auffälligen autistischen Patienten bemüht, andererseits ist seine Rolle die er in den Zeiten des Nazi-Regimes eingenommen hat nicht eindeutig erklärt. Hat er selbst Kinder in die Klinik im Spiegelgrund überwiesen? Insgesamt ist diese Figur im Buch sehr zweifelhaft geblieben. Ich habe etwas mehr erwartet. Daneben die Protagonistin Viktorine, sie und ihre Schwester Marie haben, gut geschildert, hier viel mehr Mut bewiesen. Die beiden Schwestern waren meine Lieblingspersonen im Buch. Die genaueren Lebensumstände der Protagonistin in der Gegenwart – Sarah wurden m. M. nach auch nur ungenügend ausgeführt. Insgesamt hätte ich mir weniger Politik und mehr Beobachtungen und Beschreibungen dieser Störung und die damit zusammenhängenden Erscheinungsformen erfahren, gerne hätte ich mehr über die kleinen Patienten und ihre Gefühle, wie ganz gut aus der Sicht Erichs gezeigt, gewünscht. Von „Aspergers Schülern“ wie der Titel lautet, ist leider viel zu wenig geschrieben. Das habe ich anders erwartet.
    Insgesamt habe ich mich interessant unterhalten gefühlt. Sehr emotional geschrieben. Ich habe erfahren, dass es in der NS Zeit auch in Österreich, Einrichtungen gab, die sich menschenunwürdig, ja beschämend und verachtenswert gegenüber diesen Kindern verhalten haben. Die Schilderungen waren nicht immer leicht zu ertragen. Diese Gräueltaten dürfen niemals vergessen werden.
    Meine Leseempfehlung - Gegen das Vergessen. Von mir 7 Punkte

    • Herausgeber ‏ : ‎ Piper Taschenbuch
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 2. Oktober 2025
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 368 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3492322700
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3492322706

    Kurzbeschreibung:

    Als die junge Psychologin Sarah 1986 zu Forschungszwecken nach Wien zieht, kommt sie der erschütternden Geschichte einer Klinik während der Nazi-Zeit auf die Spur:

    Wien, 1926: Erich ist acht Jahre alt, als er in die Uniklinik zu Dr. Hans Asperger kommt. Erich sieht die Welt nicht wie andere Kinder. Er kann hochkomplexe mathematische Probleme lösen, aber es fällt ihm schwer, seine Gefühle zu zeigen. Nach schrecklichen Jahren in einer Pflegefamilie wird er hier ganz anders behandelt. Man hört ihm zu, man versteht ihn. Die Krankenschwester Viktorine schließt Aspergers kleinen Schüler ganz besonders ins Herz. Für sie bricht eine Welt zusammen, als die bahnbrechende Arbeit ihrer Abteilung vom NS-Regime vereinnahmt wird. Während Asperger sich mit den neuen Machthabern arrangiert, ist Viktorine entsetzt, als sie erfährt, was an der Klinik am Spiegelgrund vor sich geht. Für Erich wird es lebensgefährlich.


    Über die Autorin:

    Laura Baldini alias Beate Maly absolvierte eine Ausbildung zur Kindergartenpädagogin, arbeitete zunächst als Kindergärtnerin und veröffentlichte Kindergeschichten, Kinderbücher und pädagogische Fachbücher. 2007 erhielt sie das Wiener Autorenstipendium für den Entwurf zu ihrem ersten historischen Roman "Die Hebamme von Wien". Mit dem Stipendium nahm sie sich eine Auszeit vom Kindergarten und beendete neben dem Roman auch eine Zusatzausbildung zur mobilen Frühförderin, seitdem ist sie in der Frühförderung tätig. Bei Piper erschienen bereits ihre Romane "Lehrerin einer neuen Zeit" über Maria Montessori, "Ein Traum von Schönheit" über Estée Lauder sowie "Der strahlendste Stern von" Hollywood über Katharine Hepburn. Sie lebt mit ihren drei Kindern in Wien.


    Meine Meinung:

    Ich habe von Laura Baldini schon "Lehrerin einer neuen Zeit" gelesen, was ich sehr mochte. Zudem steckt hinter diesem Pseudonym Beate Maly, deren Romane und besonders historischen Krimis ich regelmäßig verschlinge, daher griff ich gerne zu "Aspergers Schüler", ohne jedoch groß zu wissen, worum es in diesem Buch geht. Das "Asperger-Syndrom" war mir als Begriff bekannt, nun war ich gespannt auf die Geschichte dahinter.


    Der Roman wird aus der Perspektive verschiedener Protagonisten und in diversen Zeitebenen (30er und 40er Jahre, sowie der Jetzt-Zeit 1986) geschildert:


    - Der Junge Erich, ein "autistischer Psychopath", wie er zu der damaligen Zeit diagnostiziert wurde, erzählt in der Ich-Perspektive ab 1932

    - Sarah, eine 28-jahre alte englische Studentin, die sich 1986 für sechs Monate in Wien aufhält, um an ihrer Forschungsarbeit über Dr. Asperger zu arbeiten

    - Viktorine Zak, eine Krankenschwester, die zur selben Zeit wie Erich in der heilpädagogischen Abteilung der Universitätskinderklinik Wien mit Hans Asperger arbeitet, die übrigens tatsächlich gelebt hat.


    Sarah verehrt Dr. Asperger, ihre Studie soll darauf hinwirken, dass eine Form der Autismus nach ihm benannt wird. Als sie in Wien jedoch Nachforschungen anstellt, wobei sie zum einen von Johannes, ihrem Studienbetreuer und zum anderen von Stefan, Journalistikstudent, und seinem Freund Gerald unterstützt wird, findet sie Unterlagen, die darauf hindeuten, dass Asperger zumindest nicht verhindert hat, dass "autistische Psychopathen" in die Jugendfürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund" überwiesen wurden, die damals für behinderte Kinder oftmals die Endstation und den Tod bedeuteten.


    Die Sprünge in die Vergangenheit, gerade aus der Sicht Erichs, fand ich sehr erschütternd. Auch Österreich, was 1938 per erzwungener Volksabstimmung (mit Überwachung, wie man antwortete) den Anschluss ans Deutsche Reich vollzog, hat die Ideologie der Nazis übernommen, was "unwertes Leben" und Verhinderung von Fortpflanzung von Menschen anging, die beeinträchtigte Kinder hervorbrachten ("Euthanasie"). Dr. Jekelius tat sich da sehr hervor. (Im Wikipedia-Artikel zu ihm las ich überrascht, dass er mit Hitlers Schwester verlobt war.)


    Es ist eine interessante Spurensuche, die aufzeigt, dass Österreich sich mit der Aufarbeitung der Nazivergangenheit schwer tat, denn damalige Täter sind immer noch in Amt und Würden. Die Menschen, mit denen Sarah zusammentrifft, möchten ungern über diese Jahre sprechen.


    Mich hat das Buch wirklich erschüttert, es tat mir sehr leid zu lesen, was Erich widerfahren ist und was Viktorine und ihre Freunde ertragen mussten. Sozialdemokraten und Juden hatten in den Nazi-Jahren viel zu erleiden und wurden deportiert oder mussten flüchten.


    Schön fand ich, dass durch die Perspektive von Sarah ein Blick auf die schlimme Zeit geworfen wurde, der aufzeigt, dass es eben auch Menschen gab, die helfen wollten und sich nicht alles gefallen ließen.


    Es ist definitiv kein Wohlfühlbuch und Dr. Asperger ist eher eine Randfigur, denn im Mittelpunkt stehen eben Erich und die Krankenschwester Viktorine. In einem Nachwort wird noch ein wenig erläutert und weitere Hinweise auf Lektüre gegeben, die noch tiefer eintaucht in die Materie.


    8 Punkte von mir.

  • Danke für den Tipp, da ich jetzt in Wien lebe und auf dem Unicampus, also im alten AKH studiere und darüberhinaus schon mehrfach am Limoniberg spazieren war, habe ich das Buch trotz seines doch recht brutalen historischen Hintergrundes mit großem Interesse gelesen. Von der Autorin bin ich leichtere Kost gewohnt, aber es gelingt ihr hervorragend die tragische Geschichte so zu erzählen, dass man nicht aufhören will. Aus heutiger Sicht betrachtet ist eine FPÖ mit 10% fast schon wieder humorvoll, erinnert aber deutlich daran, dass das Gedankengut, das damals die Verbrechen ermöglichte noch unter uns ist. Ein nicht nur sehr gutes Buch, sondern ein wichtiges Buch.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes :lesend America against America Wang Huning:lesend Treppe aus Papier Henrik Szántó