Gabriel (Unheimlicher Roman) - Lisa Tuttle

  • Klappentext
    New Orleans im Sommer. Schwüle Luft über den Straßen des French Quarter, der Hauch des Südens, Schwäne auf dunklem Wasser. New Orleans: die Stadt, in der Dinah Whelan ihre erste große Liebe kennenlernte. Den Mann, mit dem sie elf Monate verheiratet war. Gabriel Archer war schön, impulsiv, selbstzerstörerisch und manisch eifersüchtig. Bis zum Tod.
    Gabriel Archer ist Vergangenheit. Aber jetzt, eine Dekade später, lernt Dinah in einem stillen Park den zehnjährigen Ben kennen. Seine Augen und sein Lächeln sind ihr seltsam vertraut. Und in seinem Blick spiegeln sich vier Worte, wie sie grauenhafter nicht sein könnten. Ich will nur dich.


    Autorin
    Die Texanerin Lisa Tuttle, geboren 1952, studierte englische Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalistin, bevor sie sich ausschließlich dem Schreiben widmete. Heute (Erscheinungszeitpunkt des Romans war 1991) gilt sie als führende Autorin auf dem Gebiet des psychologischen Horrors. Lisa Tuttle lebt in London und hat neben mehreren hochgelobten Romanen eine wissenschaftliche "Enzyklopädie des Feminismus" veröffentlicht.


    Eigene Zusammenfassung
    Die Geschichte spielt Mitte der 80er Jahre. Dinah ist 29 Jahre alt und ihr Leben sieht nicht besonders rosig aus. Sie arbeitet als Kellnerin, ihre Wohnung besteht nur aus gebrauchten Möbeln und liegt nicht in der feinsten Gegend und von Männern wollen wir gar nicht erst reden. Dies alles wird ihr umso schmerzlicher bewusst, als ihre beste Freundin Polly heiratet und ein Kind erwartet. Dabei hatte Dinah früher eine sehr vielversprechende Zukunft. Als sie 18 Jahre alt war, ging sie mit Polly zur Feier des Schulabschlusses für eine Woche nach New Orleans um das Leben zu genießen bevor das College anfängt.


    Dort traf sie den Künstler Gabriel, und es war Liebe auf den ersten Blick. Nach nur einer Woche mit ihm beschloss sie, alles für ihn sausen zu lassen: Das College, die Eltern und auch ihre eigene Freiheit. Die beiden heirateten. Fortan existierte sie nur noch als ein Teil von Gabriel, fühlte sich unvollständig ohne ihn und übernahm seine Art zu denken und zu fühlen. Gabriel ist ein für die damalige Zeit vermutlich typischer Künstlercharakter. Er ist exzentrisch, extrovertiert und hat ein sehr aufbrausendes Temperament, zudem sind Drogen kein Tabu-Thema für ihn und er zieht Dinah mit sich. Als Dinah, zusammen mit ihm und der gemeinsamen Freundin Sallie, LSD nahm und sie anschließend untereinander Sex hatten, sprang Gabriel, während die beiden Mädchen zusammen waren, aus dem Fenster. Dinah war noch keine 19. Bis heute weiß sie nicht, ob es ein Aufwallen seiner Eifersucht war (obwohl er selbst auf den Gruppensex bestand) die ihn dazu trieb oder ob er sich im Rausch einfach einbildete er könne fliegen. Dinah behauptet zwar immer wieder, sie wäre inzwischen darüber hinweg und hätte doch auch schon viele andere Beziehungen gehabt, aber an dem was sie denkt und wie sie reagiert merkt man sehr schnell, dass Gabriel immer in ihren Gedanken ist.


    Auf Pollys Hochzeit trifft sie eine Bekannte wieder, die sie zu einem gemeinsamen Essen mit ihrem Boss, dem Besitzer einer Kette von Gymnastik-Clubs, einlädt. Denn dieser sucht Leiter für neue Filialen im Süden, u.a. auch in New Orleans. Dinah beschließt es zu versuchen, und einen Neuanfang in New Orleans zu wagen. Als sie dort ist, besucht sie die Stätten ihrer Erinnerung und des kurzen gemeinsamen Lebens mit Gabriel, angestiftet auch von den seltsamen Träumen die sie in der letzten Zeit von Gabriel hat und einer merkwürdigen Geburtstagskarte mit der Unterschrift "In Liebe, Dein Gabriel". An einem kleinen See begegnet sie einem Jungen der verblüffende Ähnlichkeit mit Gabriel hat und sie sofort mit ihrem Namen anspricht. Auf ihre Frage wer er sei antwortet er schlicht "Gabriel", woraufhin sie die Flucht ergreift.


    Es stellt sich heraus, dass der wirkliche Name des neunjährigen Jungen Ben ist. Ben bildet sich allerdings ein, seit seiner Kindheit Kontakt mit Gabriel zu haben, ihn immer wie einen unsichtbaren Freund bei sich zu tragen. Von Gabriel weiß er auch von dessen gemeinsamer Vergangenheit mit Dinah, deren Ehe und den gemeinsamen Erinnerungen. Kurze Zeit später treffen die beiden wieder aufeinander und Dinah ist schockiert: Ben ist der Sohn von Sallie und Gabriel, gezeugt an eben jenem Tag, als Gabriel sich das Leben nahm. Von seiner Mutter und allen Leuten um sich herum als ungeliebt empfunden, steigert sich Ben nach und nach in die Liebe Gabriels zu Dinah hinein, die er schließlich für sich übernimmt.


    Anfangs erwidert Dinah seine Liebe, da sie ihn als das Kind sieht, dass eigentlich sie von Gabriel hätte haben sollen. Als aber Bens Forderungen auf ein gemeinsames Leben und eine spätere Heirat immer eindringlicher werden, beginnt sie Zweifel zu hegen an den Geschichten die er ihr immer wieder erzählt. Woher kann dieser Junge die Details aus ihrem Leben vor 10 Jahren kennen? Wäre es wirklich möglich, dass er Gabriels Reinkarnation ist? Und was bedeutet das für ihre Beziehung mit Max, den sie ihm Flugzeug nach New Orleans kennengelernt hat und der so ganz anders ist als Gabriel: fürsorglich, zärtlich, rücksichtsvoll?


    Eigene Meinung
    Zuerst mal zur Einordnung des Buches. Vom Verlag (wie auch der Zusatz "Unheimlicher Roman" andeutet) wird das Buch im Horror-Gerne angesiedelt. Dem kann ich allerdings nicht zustimmen. Meiner Meinung nach handelt es sich hier eher um einen Psychothriller, denn horrormäßig passiert eigentlich gar nichts.


    Demzufolge bin ich auch mit den falschen Erwartungen an den Roman herangegangen und habe mich dann erst im weiteren Verlauf der Geschichte richtig orientieren können. Die Geschichte beginnt eher zäh, und zieht sich am Anfang. Ich hatte Schwierigkeiten hineinzukommen und fand es einen taktisch unklugen Zug, bereits im dritten Kapitel zu erzählen, wie Ben mit Gabriel in Kontakt steht. So würde, fand ich, doch die gesamte mühsam aufgebaute Spannung zerstört. Etwa bis Seite 100 (von insgesamt 282) plätschert die Geschichte dahin. Dann aber, als bekannt wird, dass Ben Sallies Sohn ist, nimmt die Story an Spannung zu und hat mich bis zum Schluss nicht mehr losgelassen, speziell Bens Verhalten gegenüber und Gedanken zu Dinah werden von mal zu mal beängstigender für ein Kind seines Alters. Die frühe Erwähnung des Kontaktes zu Gabriel war im Nachhinein betrachtet doch sehr sinnvoll und für die Geschichte auch sehr wichtig.


    Die Kapitel werden abwechselnd aus 2 Perspektiven erzählt: In der Ich-Perspektive von Dinah und in der dritten Person von Ben. Das ist zwar ungewöhnlich, stört aber nicht. Die meisten Figuren sind leider eher dekoratives Beiwerk hat man das Gefühl, nur Dinah und Ben (vielleicht noch Sallie) erscheinen lebendig, der Rest wirkt mehr wie Statisten mit typischen Rollenbildern.


    Einige der Szenen die sich zwischen Dinah und Ben gegen Ende des Buches abspielen sind stark erotisch angehaucht, was bei einem 9-jährigen etwas seltsam aufstößt, aber durch die Geschichte bedingt durchaus nachvollziehbar ist.


    Das Ende hat mich leider wieder enttäuscht. Dinahs Epilog stiftet Verwirrung und passt überhaupt nicht zur Schlussfolgerung der restlichen Geschichte. :-(


    Was kann ich also als Fazit schreiben? Ein stellenweise fesselnder Roman mit einer interessanten Thematik aus dem man allerdings mehr hätte machen können, vor allem wenn die Einleitung nicht so langwierig gewesen wäre. Wer den Manga / Anime "Please Save My Earth" mochte, könnte vielleicht gefallen an dieser Geschichte finden.


    Zum Cover möchte ich noch etwas sagen. Ich habe keine Ahnung warum man bei Goldmann meinte, man müsse eine Person, die aussieht wie ein aidskranker Stummfilmstar abbilden, zumal keine der handelnden Figuren so aussehen könnte, aber vermutlich sollte damit einfach das Wort "Unheimlich" auf dem Cover unterstrichen werden, denn so sieht er wirklich aus. Unheimlich. *grusel*


    Aiaiai, jetzt hab ich schon wieder viel zu viel geschwafelt. ^^;

  • Also, deine Zusammenfassung hörte sich ja superspannend an.
    Aber wenn du schreibst, dass die ersten 100 Seiten sich gezogen haben und das Buch - meiner Meinung nach - von dir als mittelmäßig vorgestellt wird, möchte ich es lieber nicht lesen.


    Obwohl das Thema sehr spannend ist.


    Hat denn sonst noch jemand das Buch gelesen und kann seinen Eindruck sagen?

  • Hallo Paradise Lost, :wave
    vielen Dank für die ausführliche Rezension.


    Ich glaube, den Roman würde vielleicht ich lesen, wenn ich ihn mal durch Zufall günstig finde.
    Aber bei 100 Seiten dahin plätschern, Figuren als dekoratives Beiwerk, typischen Rollenbildern sowie einem enttäuschenden Ende hat er keine große Priorität.
    Der von dir erwähnte merkwürdige erotische Aspekt wirkt auch abschreckend.


    Von Lisa Tuttle habe ich früher öfter mal Kurzgeschichten gelesen. Ich würde sie da als psychologischen Horror mit Hang zum phantastischen einstufen, wobei der Horror meist auf realer Basis erfolgt.
    Psychothriller könnte als Gattungsbezeichnung bei Tuttle auch falsch interpretiert werden, da Psychopathen, Serienkiller, Polizisten bei ihr meist eine untergeordnete Rolle spielen.
    Sie hat einen ähnlichen Stil wie der SF-Autor Christopher Priest, mit dem sie in den achtigern auch einmal verheiratet war.


    Das Cover ist ja wirklich grottig! :lache

  • Sagen wirs mal so, der spannende Teil (ab kurz nach Seite 100 bis 7 Seiten vor Schluß) war schon auch wirklich spannend, nur das drumherum war nicht so toll. Da es den Roman ja sowieso nicht mehr neu zu kaufen gibt würde ich empfehlen, wenn ihr ihn mal für 1 oder 2 Euro auf dem Flohmarkt seht, macht ihr bestimmt nichts verkehrt. ;-)


    Herr Palomar
    Die Frage ist eben auch immer was ist für mich Horror und was Thriller? Für mich bedeutet Thriller nicht unbedingt Polizei und Mord sondern eben sehr spannende, geradezu nervenzerfetzende Geschichten. Horror ist für mich eher was wo es richtig schön in die blutigen Details geht und davon gibt es hier überhaupt gar nichts. Ich kenne bisher nur dieses Buch von ihr und kann es also auch leider nicht mit anderen Geschichten oder Büchern vergleichen.

    „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“

    - Meister Yoda

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