Was haltet ihr von Hermann Hesses Kritik an die Vielleser?

  • Hallo, Grizzly.


    Zitat

    Nein, dem widerspreche ich entschieden. Du wirst auf einer Seite, entsprungen der Feder Manns, Goethes, Walsers oder Nietzsches, deutlich mehr Denkansätze finden, als in Browns Illuminati und sämtlichen Werken Hohlbeins zusammen.


    Es genügt ein beliebiges Sonett von Shakespeare. :grin


    Ich finde übrigens, daß Walser nicht in diese Liste paßt.


    Hohlbein erzählt Geschichten, die wenige Fragen offenlassen, die keinen großartigen Kontext besitzen, von einer Meta-Ebene ganz zu schweigen - der Text ist "as is", sozusagen, er funktioniert ganz alleine, ohne Vorkenntnisse oder einen gewissen Bildungsstand. Er erreicht natürlich auch nicht viel - außer, den Leser zu unterhalten (was eine große Leistung ist), in ihm Gefühle zu wecken, in Stimmungen zu bringen, unter Spannung zu setzen, Erwartungshaltungen auf- und wieder abzubauen. Auch Texte von Goethe, Nietzsche, Proust oder Shakespeare kann man auf diese Art lesen und konsumieren. Wenn man will, kann man den "Faust" einfach als Geschichte verstehen. Oder den "Werther". Oder "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Es hängt vom Leser ab, ob der Text mehr erreicht, als seine direkte Botschaft zu vermitteln.


    Aber auch Dan Brown kann einen zum Nachdenken bringen: Muß es solchen Schund geben? <g> Ist der Vatikan wirklich unsicher? Sollte man vielleicht mal Rom besuchen? Gibt es wirklich schon Flugzeuge, die mit zigfacher Schallgeschwindigkeit fliegen? Muß der langweilige Wissenschaftler immer die hübschen, energischen Frauen kriegen? Wie werde ich langweiliger Wissenschaftler?


    Die Frage ist, zu welchem Zweck und vor welchem Hintergrund man liest. Wir haben kürzlich (Anfang des Jahres) in einer Gemeinsam-Lesen-Runde Harry Mulischs "Die Entdeckung des Himmels" diskutiert - ein mächtiges, vielschichtiges, sehr intelligentes Buch, das eine Vielzahl von Andeutungen, Querverweisen, Anspielungen auf mythologische Aspekte usw. enthält. In dieser Runde war es, soweit ich recht erinnere, einzig Iris, die all diese Zusammenhänge entdeckt, aufgespürt, verknüpft und eingeordnet hat. Die anderen hielten sich mit überschwenglichen Urteilen zurück, weil sie das Buch einfach ein bißchen langweilig fanden. Woran lag das jetzt? Am Buch?


    Worauf Hesse hinauswill/wollte, meines Erachtens, ist, daß das Lesen einfach um zu lesen (also letztlich sich die Zeit zu vertreiben) dazu führen kann, daß man zu viel Schlechtes liest, sich also eher mit Materialbeschaffung und -konsum befaßt, statt wohlüberlegt und gezielt an jene Literatur zu gehen, die es erstens verdient und zweitens geeignet ist, zur "Erbauung" des Lesers beizutragen. Wenn man so will, nörgelt Hesse einfach nur daran herum, daß seine Bücher weniger gelesen werden als andere. :-)


    Lesen ist, Geschichten zu lauschen, Gedanken, Spinnerein, Träumereien, Ideen, Vorschlägen, Sichtweisen - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist letztlich ein Informationsaustausch, der mal diffiziler, auf einer höheren intellektuellen Ebene, und mal weniger diffizil, auf niedrigem Niveau stattfindet, und natürlich unterscheidet sich auch die Menge der ausgetauschten Informationen von Fall zu Fall. Wie bei jeder Art von Kommunikation muß es einen Sender und einen Empfänger geben - und ob die Nachricht auch vollumfänglich ankommt, liegt an beiden. Manch ein Autor liefert sehr viele Informationen, auch auf verschiedenen Ebenen, und manch ein anderer ist in dieser Hinsicht eher sparsam. Aber das ist m.E. kein Grund, vor bestimmten Büchern ehrfürchtig auf die Knie zu fallen und andere zu verdammen. Eine Veränderung im Empfänger können nämlich alle auslösen, auch Brown und Hohlbein.

  • Hallo tomliehr!


    Zitat

    Ich finde übrigens, daß Walser nicht in diese Liste paßt.


    Welcher? Martin oder Robert? Ich ging von Robert Walser aus, da ich Martin Walser bisher nur streifte und noch keiner genaueren Untersuchung unterzog.


    Zitat

    Hohlbein erzählt Geschichten, die wenige Fragen offenlassen, die keinen großartigen Kontext besitzen, von einer Meta-Ebene ganz zu schweigen - der Text ist "as is", sozusagen, er funktioniert ganz alleine, ohne Vorkenntnisse oder einen gewissen Bildungsstand. Er erreicht natürlich auch nicht viel - außer, den Leser zu unterhalten (was eine große Leistung ist), in ihm Gefühle zu wecken, in Stimmungen zu bringen, unter Spannung zu setzen, Erwartungshaltungen auf- und wieder abzubauen.


    Zustimmung.


    Zitat

    Auch Texte von Goethe, Nietzsche, Proust oder Shakespeare kann man auf diese Art lesen und konsumieren. Wenn man will, kann man den "Faust" einfach als Geschichte verstehen. Oder den "Werther". Oder "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Es hängt vom Leser ab, ob der Text mehr erreicht, als seine direkte Botschaft zu vermitteln.


    Der Leser entscheidet, was er der Geschichte entnimmt und was nicht. In der Biologie betrachtet man den Lernprozeß als fortschreitende Verhaltensänderung - wenn ein Autor mich dazu bewegt, philosophische, tiefgründige, festgefahrene Standpunkte zu überdenken, dann habe ich mich bereichert, denn nichts anderes tue ich, als mit dem Autor darüber zu diskutieren und mich dabei zu verändern.


    Zitat

    Aber auch Dan Brown kann einen zum Nachdenken bringen: Muß es solchen Schund geben? <g> Ist der Vatikan wirklich unsicher? Sollte man vielleicht mal Rom besuchen? Gibt es wirklich schon Flugzeuge, die mit zigfacher Schallgeschwindigkeit fliegen? Muß der langweilige Wissenschaftler immer die hübschen, energischen Frauen kriegen? Wie werde ich langweiliger Wissenschaftler?


    Sicher, aber ist es das Denken von dem wir eigentlich sprechen müssten? Das sind doch ganz banale, alltägliche Fragen, die man sich beim brummenden Fernseh-Gerät oder beim Beobachten des vorbeischwirrenden Transportflugzeugs vorstellen könnte. Daran ist natürlich nichts verwerfliches, das solltest du nicht falsch verstehen, aber diese Fragen berühren mich zumindest nicht; sie bieten einfach keinen Ansatz, an dem ich weiter bohren könnte.


    Zitat

    Die Frage ist, zu welchem Zweck und vor welchem Hintergrund man liest. Wir haben kürzlich (Anfang des Jahres) in einer Gemeinsam-Lesen-Runde Harry Mulischs "Die Entdeckung des Himmels" diskutiert - ein mächtiges, vielschichtiges, sehr intelligentes Buch, das eine Vielzahl von Andeutungen, Querverweisen, Anspielungen auf mythologische Aspekte usw. enthält. In dieser Runde war es, soweit ich recht erinnere, einzig Iris, die all diese Zusammenhänge entdeckt, aufgespürt, verknüpft und eingeordnet hat. Die anderen hielten sich mit überschwenglichen Urteilen zurück, weil sie das Buch einfach ein bißchen langweilig fanden. Woran lag das jetzt? Am Buch?


    Den Einleitungssatz dieser Passage bitte unterstreichen: ganz recht, im Grunde streiten wir hier lediglich über verschiedene Ansichten über den Sinn und Zweck des Lesens.


    Zitat

    Worauf Hesse hinauswill/wollte, meines Erachtens, ist, daß das Lesen einfach um zu lesen (also letztlich sich die Zeit zu vertreiben) dazu führen kann, daß man zu viel Schlechtes liest, sich also eher mit Materialbeschaffung und -konsum befaßt, statt wohlüberlegt und gezielt an jene Literatur zu gehen, die es erstens verdient und zweitens geeignet ist, zur "Erbauung" des Lesers beizutragen. Wenn man so will, nörgelt Hesse einfach nur daran herum, daß seine Bücher weniger gelesen werden als andere.


    Könnte sein, glaube ich nicht. Hesses Gesamtwerk ist eine strikte, entschlossene Aufarbeitung seiner selbst, seine Literatur ist weniger Anleitung als viel eher Anschauung eines schwierigen Vorgangs, der von jedem bewußten Menschen durchgemacht wird: die berühmte Selbstfindung. Das ist wichtig. Hesse spricht in seinen Briefen davon, daß jeder Mensch seinen Anlagen gerecht werden müsse, das verwirklichen sollte, was ihm in die Wiege gelegt ward, sich selbst verwirklichen. Und unter diesem Gesichtspunkt sehe ich seine sehr wohl differenzierte, nicht ignorante Aussage, daß jener Vielleser der eigentliche Feind des guten Buches sei. Hier spricht ein Mann mit reichhaltiger, hochgetürmter (Lese-) Erfahrung, der weiß, was ein Buch hergeben kann, was ein Leser davon nehmen kann.


    Du hast freilich recht mit deiner Einschätzung - ob es der Gram Hesses war, daß seine Bücher weniger gelesen wurde als andere, kann ich nicht bestätigen: Hesse wurde das Opfer täglicher, zahlloser Briefsendungen. Bestätigt sei allerdings, daß seine Popularität in den wilden Siebzigern nochmals erheblich stieg.


    Zitat

    Lesen ist, Geschichten zu lauschen, Gedanken, Spinnerein, Träumereien, Ideen, Vorschlägen, Sichtweisen - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist letztlich ein Informationsaustausch, der mal diffiziler, auf einer höheren intellektuellen Ebene, und mal weniger diffizil, auf niedrigem Niveau stattfindet, und natürlich unterscheidet sich auch die Menge der ausgetauschten Informationen von Fall zu Fall. Wie bei jeder Art von Kommunikation muß es einen Sender und einen Empfänger geben - und ob die Nachricht auch vollumfänglich ankommt, liegt an beiden.


    Absolute Zustimmung, ich ordne der Rolle des Autors jedoch die größere Gewichtung bei. Letztlich ist er derjenige, der seine Gedanken, seine Ansichten, seine Philosophie literarisch verpackt - erst dann liegt es am Leser: Ist er in der Lage, das Geschenk zu öffnen? Wie öffnet er es? Was bekommt er?


    Zitat

    Manch ein Autor liefert sehr viele Informationen, auch auf verschiedenen Ebenen, und manch ein anderer ist in dieser Hinsicht eher sparsam. Aber das ist m.E. kein Grund, vor bestimmten Büchern ehrfürchtig auf die Knie zu fallen und andere zu verdammen. Eine Veränderung im Empfänger können nämlich alle auslösen, auch Brown und Hohlbein.


    Da sind wir unterschiedlicher Meinung, ich glaube eben nicht, daß ich mich durch Hohlbein-Lektüre verändere, ob nun im Denken oder im Leben. Brown liefert Informationen über den Vatikanstaat und die Welthauptstadt Rom, schön und gut, aber seine Gedanken finde ich nicht. Ich denke mir allenfalls: “Der Mensch liebt Rom” oder “Der Brown bringt das schmackhaft ‘rüber” - mehr leider nicht. Vom Autor fehlt jede Spur; nichts von seinen Gedanken, nichts von anderen Gedanken, nur ein Bollwerk an Spannung. Ich lese gerade “Eine Billion Dollar”, es wäre ja nicht so, daß mir diese Art von Bücher verleidet wäre - nur habe ich die Proportionen geändert. Auf fünf Klassiker folgt ein Spannungsbuch.


    Liebe Grüße,
    Grizzly

    »Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.«
    Sartre

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  • Hallo Iris und Historikus,


    Zitat

    Iris schrieb: Und warum -- um eine wahrhaft ketzerische Frage zu stellen -- wird das Warnen und Kritisieren von euch Liberalen sofort als "Verurteilen" angeklagt?
    Warum wittert ihr hinter jeder Warnung und jeder Kritik am Gegenstand sofort eine Verurteilung seiner Benutzer?


    Jetzt ist es an mir verwundert zu sein. Eigentlich war mein abschließender Satz lediglich als Statement meiner Grundeinstellung als abschließendes Fazit gedacht. D.h. ich habe als Beitrag lediglich davor gewarnt bzw. kritisiert, jemanden zu verurteilen aufgrund seiner Lesegewohnheiten und dabei Verwunderung, Ärger, etc. hervorgerufen. :gruebel Da beißt sich doch gerade die Katze in den Schwanz, oder?


    Nichtsdestoweniger will ich mich Deiner Frage ernsthaft stellen (auch wenn ich mich bisher nie als liberal gesehen habe und vielleicht damit dann auch der falsche Antworter bin). Vielleicht reagieren die "Liberalen" besonders sensibel auf die in Kritiken verwandte Worte bzw. deren Konnotate. Vielleicht haben aber auch die "Liberalen" einfach Angst vor jeder Form von Extremen und warnen deshalb immer ein bißchen zu früh. Ich werde weiter darüber nachdenken.


    Amüsierte Grüße
    Pelican :-]

  • Hallo zusammen,


    noch eine Ergänzung zum Beitrag von tomliehr zum Thema Stress.


    Die psychosomatischen Erkrankungen steigen in unserer Gesellschaft gerade exponentiell an. Die Ursache ist dabei nicht allein in der zunehmenden Leistungsverdichtung am Arbeitsplatz zu suchen, sondern auch im Anspruchsdenken der Menschen, die, beeinflußt von Ihrem Umfeld, meinen perfekt sein zu müssen.


    D.h. eben erfolgreich im Beruf, perfekter Haushalt, Super-Eltern, aktiv im Gemeindeleben, schlank, schön, geistreich, Super-Liebhaber/in, Super-Freund/in, etc...


    Klar haben es alle, die es trifft im Verhältnis superbequem. Ich würde dennoch keinen als Mimose o. ä. bezeichnen wollen. Jeder, der von solchen Erkrankungen getroffen wird, ist ganz übel dran und alle sollten sich bewußt sein, daß es jeden erwischen kann.


    Schönen Sonntag noch
    Pelican :write

  • Hallo Grizzly,


    Zitat

    Eigentlich kann jegliche Literatur zum Denken anregen, wenn man das will.

    Zitat

    Nein, dem widerspreche ich entschieden.


    Ich habe mich in meiner Schulzeit einmal freiwillig mit Trivialliteratur auseinandergesetzt (und dann auch freiwillig ein Referat darüber gemacht). Ich wollte es und ich habe dabei etwas gelernt.


    Das meinte ich mit meiner Aussage.


    Und wenn die Lektüre von Dan Brown sie dazu bringt, sich z. B. mit Religionswissenschaften auseinanderzusetzen, dann ist das doch nicht schlecht!


    Viele Grüße
    Pelican :write

  • Hallo Pelican!


    Zitat

    Original von Pelican
    Eigentlich war mein abschließender Satz lediglich als Statement meiner Grundeinstellung als abschließendes Fazit gedacht. D.h. ich habe als Beitrag lediglich davor gewarnt bzw. kritisiert, jemanden zu verurteilen aufgrund seiner Lesegewohnheiten und dabei Verwunderung, Ärger, etc. hervorgerufen.


    Und ich frage mich, wo tatsächlich jemand wegen seiner Vorlieben verurteilt worden ist.
    Zugegeben: Es wurden gewisse Vorlieben kritisiert, insofern sie gelegentlich auch verabsolutiert werden - z.B. indem man alles auf den "Geschmack" zurückwirft, über den sich ja angeblich nicht streiten lässt.


    Was ich persönlich in Teilen bezweifle; denn es gibt so etwas wie einen guten oder schlechten Geschmack, was aber nicht bedeutet, dass die Personen, die einen guten Geschmack hätten, grundsätzlich "gut" und die anderen grundsätzlich "schlecht" wären.
    Meine Omi z.B. hatte tw. einen grauenhaft schlechten Geschmack - und dennoch habe ich sie innig geliebt und halte sie überhaupt für einen wirklich guten Menschen. So much for that! :grin


    Zitat

    Vielleicht haben aber auch die "Liberalen" einfach Angst vor jeder Form von Extremen und warnen deshalb immer ein bißchen zu früh.


    Mag sein, aber so ein verfrühter Warnschuss geht leicht nach hinten los - und hat den gegenteiligen Effekt (bringt die Kritiker zum Schweigen und wiegt die Eingelullten wieder in den Schlummer ... :grin)


    Zitat

    Und wenn die Lektüre von Dan Brown sie dazu bringt, sich z. B. mit Religionswissenschaften auseinanderzusetzen, dann ist das doch nicht schlecht!


    Wenn man googlet, stellt man jedoch fest, dass dieses Zeug extrem viele Menschen dazu bringt, sich diese irrwitzigen Verschwörungstheorien reinzuziehen und sie weiterzuspinnen. :pille


    BTW: Ich lese gerade wieder Umberto Ecos Foucaultsches Pendel und mache mir schier in die Hosen, wenn ich dieses raffinierte, ironisch plaudernde Werk mit dem groben Unfug vergleiche, den ein Dan Brown verzapft. Himmlisch, wie es Eco gelingt, die psychologischen Mechanismen und die politischen Verknüpfungen dieser Verschwörungstheorien aufzuspüren und gnadenlos darzustellen "as is"! :lache


    Liebe Grüße,


    Iris :wave

  • Hallo pelican!


    Zitat

    Ich habe mich in meiner Schulzeit einmal freiwillig mit Trivialliteratur auseinandergesetzt (und dann auch freiwillig ein Referat darüber gemacht). Ich wollte es und ich habe dabei etwas gelernt.


    Das meinte ich mit meiner Aussage.


    Und wenn die Lektüre von Dan Brown sie dazu bringt, sich z. B. mit Religionswissenschaften auseinanderzusetzen, dann ist das doch nicht schlecht!


    Eben doch. Ich lese derzeit Eine Billion Dollar und dem Autor ist es wirklich gelungen, einige sehr schöne Gedanken in die Handlung zu weben. So sinnierte der Protagonist während dem Flug über Artenerhalt, das Ökosystem und den finanziellen Wert dessen, der sich wohl auf mehrere Billionen Dollar belaufen würde - schön und gut, denkt man als Leser, aber die Abhandlung dieser komplexen Themen geschieht auf zwei bis drei Seiten; das wirklich spannende und ergiebige Thema wird zügig durchgekaut und zurückbleibt, wenn überhaupt, ein interessierter Leser, mehr nicht.


    Ich muß mich nicht durch hunderte Seiten Brown kämpfen, nur um am Ende festzustellen, daß das Buch ein seichter Thriller war und mich allenfalls auf das Gebiet der Religionswissenschaften gestoßen hat. Ist das fruchtbare Lektüre? Benötige ich als Leser tatsächlich einen ganzen, nichtssagenden Opus, um festzustellen, daß ich mich mal mit Religionen auseinandersetzen könnte? Die Informationen, die Brown über Vatikan und Rom zwischen die Handlungsstränge streut, Infotainment-Schnipsel, kann ich mir mit erheblich weniger Zeitaufwand aus dem Internet holen oder in einer Faltbroschüre aus dem Reisebüro nachschlagen.


    Ich las und lese noch den Untertan von Heinrich Mann. Hier ist die Handlung eigentlich eine Abhandlung, denn der Autor nimmt mit seinen ironischen, zynischen Beobachtungen und Darstellungen den Zeitgeist der wilhelminischen Ära aufs Korn. Heßling, der Antiheld, ist das Idealbild eines gehässigen Opportunisten, und diese Charakterzüge, von blindem Gehorsam über feinem Sinn für Intrigen bis zur sadistischen Offenbarung reichend, werden mit einer Akribie und Tiefgründigkeit dargestellt, daß es dem Leser zwischenzeitlich die Sprache verschlägt. Das ist lohnenswerte Lektüre, die mir einige tiefschürfende Fragen beantwortet und mir dennoch genügend Freiraum gibt, den vielbeschriebenen Diskurs mit dem Autor zu führen.

    Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!


    So fühle ich mich nach Trivialliteratur. Und es soll beileibe nicht gehässig oder abfällig klingen, es ist eben so.


    Viele Grüße,
    Grizzly

  • Hallo Grizzly!


    Zitat

    Original von Grizzly
    das wirklich spannende und ergiebige Thema wird zügig durchgekaut und zurückbleibt, wenn überhaupt, ein interessierter Leser, mehr nicht.


    Und übertragen auf die eingangs gemeinte (relativ wahllose) Vielleserei bedeutet das: Der interessierte Leser stürzt sich der Bequemlichkeit halber auf den nächsten Reißer, anstatt sein Interesse zu vertiefen, speichert er immer mehr Halbwahrheiten und Halbkenntnisse ab und argumentiert später mit diesen.


    Unter "Anspruch" verstehe ich, dass mich ein Autor bestens unterhält und auf neue Ideen bringt, dass er etwas bei und in mir bewegt, dass er nicht nur Zeitvertreib ist, sondern Gewinn.


    Herzliche Grüße,


    Iris :wave

  • Hallo Iris,


    und wieder habe ich mich nicht anständig ausgedrückt.


    Zitat

    Und ich frage mich, wo tatsächlich jemand wegen seiner Vorlieben verurteilt worden ist.


    :bruell Das ist ja genau der Punkt: ich habe doch gar nicht behauptet, daß einer der Diskussionsbeiträge dies aussagt. Ich wollte lediglich meine Grundeinstellung kundtun.


    Abgesehen davon, habe ich bekundet (und bin immer noch dieser Meinung), daß Hesses Aussagen aufgrund der Assoziationen, die der ein oder andere vielleicht hat, als Verurteilung empfunden werden können.


    Liebe Grüße
    Pelican :write

  • Hallo Iris,


    Zitat

    Du schriebst:Mag sein, aber so ein verfrühter Warnschuss geht leicht nach hinten los - und hat den gegenteiligen Effekt (bringt die Kritiker zum Schweigen und wiegt die Eingelullten wieder in den Schlummer ... :grin)


    Damit bringst Du mich grad auf eine Aussage von Coleridge. Laß mir ein bißchen Zeit, ich muß sie erst suchen.


    Viele Grüße
    Pelican:gruebel

  • Hallo Iris,


    Zitat

    Du schriebst: BTW: Ich lese gerade wieder Umberto Ecos Foucaultsches Pendel und mache mir schier in die Hosen, wenn ich dieses raffinierte, ironisch plaudernde Werk mit dem groben Unfug vergleiche, den ein Dan Brown verzapft. Himmlisch, wie es Eco gelingt, die psychologischen Mechanismen und die politischen Verknüpfungen dieser Verschwörungstheorien aufzuspüren und gnadenlos darzustellen "as is"! :lache


    Ich finde das Foucaultsche Pendel auch wunderbar. Schade ist nur, daß viele durchaus hochintelligente Menschen das Buch nach 100 Seiten zuklappen und sagen, daß es nicht lesbar ist.


    Viele Grüße
    Pelican (die sich sicher ist, das Foucaultsche Pendel nicht in seiner ganzen Genialität verstanden zu haben, es aber dennoch genial findet.)

  • Hallo Grizzly,


    Zitat

    Du schriebst: Ich lese derzeit Eine Billion Dollar und dem Autor ist es wirklich gelungen, einige sehr schöne Gedanken in die Handlung zu weben. So sinnierte der Protagonist während dem Flug über Artenerhalt, das Ökosystem und den finanziellen Wert dessen, der sich wohl auf mehrere Billionen Dollar belaufen würde - schön und gut, denkt man als Leser, aber die Abhandlung dieser komplexen Themen geschieht auf zwei bis drei Seiten; das wirklich spannende und ergiebige Thema wird zügig durchgekaut und zurückbleibt, wenn überhaupt, ein interessierter Leser, mehr nicht.


    Aber es liegt doch an Dir, Dein Interesse zu vertiefen, z. B. über geeignete Fachliteratur. Btw: Ich habe das Buch auch gelesen und finde auch, es enthält ein paar sehr schöne Gedanken. Als Wirtschaftwissenschaftlerin mußte ich allerdings bei vielen Sätzen großzügig drüber weglesen. Ich konnte es aber trotzdem genießen.


    Viele Grüße
    Pelican


    P.S.: Bin leider im Gegensatz zu meiner Studienzeit mittlerweile bei 1 Klassiker, 1 anderes. Früher war ich auch bei 5 Klassiker, 1 anderes. Schade, aber begründet.

  • Zitat

    Original von Alice


    Noch ein P.S.: Ich behaupte, kein einziges Buch gelesen zu haben, durch das ich nicht ein klein wenig gescheiter wurde.


    Ich denke, genau das wollte Hesse wohl auch sagen...ich würde es nur nicht gescheiter nennen, sondern erweiternd....denn das geht in vielen Facetten.


    J.R.R.Tolkien hat zum Beispiel mal über Bücher gesagt, die man Kindern immer Bücher geben sollte, die sie fordern sollten...und ich denke mal, er hat nicht nur den Geist gemeint. (Originalzitat weiß ich jetzt leider nicht)


    Lieben Gruß
    Baumbart

  • Zitat

    Original von Historikus
    Qualität statt Quantität, dass ist mein Motto.


    Hmm, sieht die Qualität aber nicht für fast jeden individuell ganz unterschiedlich aus?


    Was genau erwartest Du von einem Buch, daß für Dich Qualität hat? Und ändert sich das nicht im Laufe der Jahre oder ist Lebensphasenabhängig?


    Gruß
    Baumbart


    PS:...DA ist es: Pauschalierung... :grin

  • Hallo Pelican!


    Zitat

    Original von Pelican
    Ich finde das Foucaultsche Pendel auch wunderbar. Schade ist nur, daß viele durchaus hochintelligente Menschen das Buch nach 100 Seiten zuklappen und sagen, daß es nicht lesbar ist.


    Zugegeben: Er ist anstrengend, dieser Eco! Er kann einem auf den Geist gehen mit seiner Bildung, und im selben Atemzug nimmt er sich selbst wieder auf den Arm und bringt etwas hoffnungslos "Triviales". Ich persönlich finde diesen souveränen, ironischen Umgang mit dem eigenen Wissen grandios.


    Zitat

    Pelican (die sich sicher ist, das Foucaultsche Pendel nicht in seiner ganzen Genialität verstanden zu haben, es aber dennoch genial findet.)


    Mich hat kürzlich eine Freundin schier zum Irrsinn getrieben, die sich mit der Manichäer-Templer-Gral-Theorie hervorragend auskennt. Alles völlig nutzloses Zeug, aber doch so was von interessant, wenn man sich bloß mal darauf einlässt, was Menschen sich alles ausdenken ... und worauf das alles fußt ... :grin


    Liebe Grüße,


    Iris :wave

  • Hallo Iris!


    Zitat

    Und übertragen auf die eingangs gemeinte (relativ wahllose) Vielleserei bedeutet das: Der interessierte Leser stürzt sich der Bequemlichkeit halber auf den nächsten Reißer, anstatt sein Interesse zu vertiefen, speichert er immer mehr Halbwahrheiten und Halbkenntnisse ab und argumentiert später mit diesen.


    Nicht nur das. Ich sehe Literatur als einzigartiges Medium, das ihrer Zeit kritisch den Spiegel vorhält. Ich sehe Literatur als verheißungsvolle Möglichkeit, schwerwiegende Probleme und grandiose Themen auf ihren Schwingen in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich sehe Literatur als Notwendigkeit, Kommunikation zu wahren. Ich sehe Literatur als beispiellose Plattform, künstlerischer, sprachlicher und individueller Verwirklichung.


    Einige ernste Fragen: kann Unterhaltungsliteratur diesen vier Punkten zur Genüge entsprechen? Diskutiert man auf einer Party eher über Koontz oder Tolstoi? Kann man eine erfassende Diskussion über die Essenz der Werke Hohlbeins überhaupt führen? Haben die Schmöker von Brown hohen künstlerischen Anspruch oder sind sie gar ein gedankliches Manifest, ein Stück harter geistiger Arbeit des Autors? Übt ein 0815-Krimi greifende, erörternde Kritik an der Gesellschaft? In den seltensten Fällen. Ich habe nichts gegen Unterhaltungsliteratur. Wer sie lesen will, soll sie lesen - aber auch mir das Recht zugestehen, größtes Unverständnis darüber zu äußern.


    Zitat

    Unter "Anspruch" verstehe ich, dass mich ein Autor bestens unterhält und auf neue Ideen bringt, dass er etwas bei und in mir bewegt, dass er nicht nur Zeitvertreib ist, sondern Gewinn.


    Dem stimme ich uneingeschränkt zu.


    Viele Grüße,
    Grizzly


    edit²: der Hundertste... :lache

    »Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.«
    Sartre

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  • Hallo Pelican!


    Zitat

    Aber es liegt doch an Dir, Dein Interesse zu vertiefen, z. B. über geeignete Fachliteratur. Btw: Ich habe das Buch auch gelesen und finde auch, es enthält ein paar sehr schöne Gedanken. Als Wirtschaftwissenschaftlerin mußte ich allerdings bei vielen Sätzen großzügig drüber weglesen. Ich konnte es aber trotzdem genießen.


    Ja und gerade das mein' ich: wenn mir ein Buch nicht mehr gibt, als einen Ansporn, mich mal darüber und darüber zu informieren, dann halte ich es salopp gesagt, für unerhörte Zeitverschwendung, mich durchzuwursteln. Es hilft mir nicht, ganz einfach ausgedrückt. Wenn ich den oft zitierten inneren Film sehen möchte, dann muß ich nicht erst ein Buch aufschlagen. Ich schalte einfach das Fernsehgerät ein. Nahezu das gleiche und kommt mir jetzt nicht mit aktivem und passivem Wortschatz, das passt bei Gar-nicht-Lesern, aber nicht bei mir: ich glaube einfach, daß amerikanische Schablonenliteratur (ja, ihr kennt sie, die CW-Kurse an der Uni) schon so abgewetzt ist und mir im Grunde immer den selben Schuh verkauft: es ändern sich einzig Absatzhöhe, Schnürsenkellänge und Futter. Wer eine noch schroffere Meinung dazu hören will, sollte sich mal Das Leben und das Schreiben von King durchlesen, der ist, wenn ich mich recht entsinne, gar nicht erbaut von diesen Kursen. Korrigiert mich, wenn mir mein Gedächtnis ein Streich spielte.


    Grüße,
    Grizzly

    »Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.«
    Sartre

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  • Hallo Grizzly,


    Zitat

    Du schriebst: Nahezu das gleiche und kommt mir jetzt nicht mit aktivem und passivem Wortschatz, das passt bei Gar-nicht-Lesern, aber nicht bei mir: ich glaube einfach, daß amerikanische Schablonenliteratur (ja, ihr kennt sie, die CW-Kurse an der Uni) schon so abgewetzt ist und mir im Grunde immer den selben Schuh verkauft: es ändern sich einzig Absatzhöhe, Schnürsenkellänge und Futter


    Bitte hilf mir mal. Was sind denn die CW-Kurse an der Uni? Ich bin BWLer und von daher sagt mir das grad gar nichts. Ich war halt auch zu feig, Germanistik, Anglistik und Linguistik zu studieren.


    Viele Grüße
    Pelican


    P.S.: Eigentlich könnte man sein ganzes Leben mit studieren zubringen, gell? Philosophie, Geschichte, Literaturwissenschaften, Mathematik, Sinologie... ich könnte die Liste ewig fortsetzen.

  • Hallo Pelican!


    Creative Writing-Kurse können an amerikanischen Hochschulen belegt werden, ein schriftstellender Dozent lehrt den Kursteilnehmern das Schreibhandwerk. Wellershoff hat darüber geschrieben und sich gefragt, ob eine Einführung solcher Kurse an deutschen Unis sinnvoll wäre.


    Naja, da ich erst ab Oktober studieren werde, kann ich noch nicht sagen, ob ich mein ganzes Leben mit Studieren zubringen möchte (es sei denn, es würde bezahlt). Aber der Gedanke hat schon was - Moment! *sich leise an den Faust'schen Prolog erinnernd* :grin


    Herzliche Grüße,
    Grizzly

    »Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.«
    Sartre

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