'Schatten über Innsmouth' - Kapitel IV + V

  • Die Handlung der nur ca. 120 Seiten starken Erzählung umfasst ja den beeindruckenden Zeitraum von nicht weniger als fünf Generationen. Ich habe mal versucht, die „Repräsentanten“ dieser Generationen, die ja die Vorfahren des Erzählers sind, kurz aufzulisten (und hoffe, alles richtig mitbekommen zu haben – bitte korrigieren oder ergänzen, falls erforderlich).

    Erste Generation: Kapitän Obed Marsh (= Ururgroßvater des Erzählers) heiratet im Jahr 1846 seine zweite Frau, die als „geheimnisvoll“ bzw. „monströs“ beschrieben wird. Von Zadok Allen erfahren wir, dass die Hochzeit nicht ganz freiwillig erfolgt ist. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor.


    Zweite Generation: Relevant ist nur eine Tochter, die von Obed Marsh an Benjamin Orne, einen „ahnungslosen“ Mann aus Arkham verheiratet wird. Es handelt sich um die Urgroßeltern des Erzählers. Die Tochter hinterlässt einen geheimnisvollen Schmuck. Aus der Ehe geht zumindest eine Tochter (Eliza Orne) hervor.


    Dritte Generation: Eliza Orne wird im Jahr 1867 geboren (und verschwindet auf geheimnisvolle Weise im Jahr 1917). Im Jahr 1884 heiratet sie James Williamson aus Ohio. Beide sind die Großeltern des Erzählers.


    Vierte Generation: Eliza Orne und James Williamson haben drei Kinder – Douglas, Walter und die Mutter des Erzählers. Douglas, der Onkel des Erzählers, ist seiner Mutter Eliza in deren unheimlichen Äußeren sehr ähnlich und begeht Selbstmord, nachdem er Nachforschungen über die Familiengeschichte betrieben hat.


    Fünfte Generation: Das ist die Generation des Erzählers. Außer ihm selbst gehören ihr Lawrence Williamson, der Sohn seines Onkels Walter an. Der Cousin des Erzählers wurde von dessen Vater in einem „Sanatorium“ untergebracht.

  • Und hier eine kurze Chronologie der Ereignisse:


    1643: Gründung der Stadt Innsmouth


    Seit 1800: Innsmouth ist eine wohlhabende Hafenstadt, deren Bewohner Schiffbau und Fischfang betreiben.


    1812 – 1814: 2. Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten von Amerika


    1820 – 1830: Kapitän Obed Marsh engagiert sich mit drei Schiffen im Ostindien- und Pazifikhandel. In Innsmouth kommen „sonderbare“ Menschen aus Übersee an. Der Fischfang ist stark rückläufig, die Stadt befindet sich in einem wirtschaftlichen Niedergang. In diesem Zusammenhang wird der „esoterische Orden von Dagon“ eingeführt.


    1845: Berichte über Teufelsanbetungen und Opferdarbietungen an den Kais


    1846: In Innsmouth wütet eine „Epedemie“ – die Hälfte der Einwohner stirbt. Es ist von Tumulten und einer Ausrottung der „besten Familien“ die Rede. Obed Marsh heiratet seine zweite Frau.


    1867: Geburt von Eliza Orne aus Arkham (Großmutter des Erzählers)


    1878: Tod des Kapitäns Obed Marsh


    1909: Geburt des Erzählers


    1927: Besuch des Erzählers in Innsmouth; überstürzte Flucht.


    1927 – 1928: Im Winter wird eine Untersuchung der Bundesregierung durchgeführt, die zu Sprengungen „offenbar“ leerstehender Gebäude in Innsmouth und zu Gefangennahmen führt. Ein Unterseeboot feuert ein Torpedo in die Tiefsee hinter dem Teufelsriff ab.


    1928: Der Erzähler besucht seinen Onkel Walter.


    1930 – 1931: Der Erzähler berichtet von seltsamen Träumen. In diesem Zusammenhang schreibt er wohl den vorliegenden Bericht.

  • Wie aufregend der dritte Teil war.
    Erst die Flucht durchs Hotel und durch die Stadt.
    Diese Kreaturen sind wirklich abartig und ich hätte mir an Stelle des Erzählers in die Hosen gemacht...


    Aber dass er am Ende einer der Nachkommen Marshes ist, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Obwohl es sich ja im V. Kapitel abgezeichnet hat.


    Alles in allem eine nette Geschichte, in die ich am Ende dann doch noch reingefunden habe.

    "Monsters are real, and ghosts are real, too. They live inside us, and sometimes, they win."

    (Stephen King)

  • Die Flucht aus dem Hotel war wirklich spannend und gruslig. Ich kann gut verstehen,dass der Erzähler in Ohnmacht gefallen ist,als diese Kreaturen vor ihm die Bahnschienen passiert haben.


    In Kapitel V stellt sich dann heraus,dass der Erzähler ein Nachfahre Marshs,das kam schon recht unerwartet. Aber ich fand,dass die Beschreibung seiner Veränderung hin zum "Innsmouth-Lock" gut war,weil es nicht von heute auf morgen passiert ist,sondern schleichend und er erst als er rausfindet,dass er Marshs Nachkomme ist,entgültig dieses Aussehen angenommen hat.


    Was mir am ganzen Buch gefallen hat war,dass die Grenze zwischen Wahnsinn und Realität so verschwommen dargestellt wurde und dass die Atmosphäre im Buch das so gut widerspiegelt.

  • M. E. sind diejenigen Passagen des Büchleins am schwächsten, wo der fisch- oder froschartige Charakter der Bewohner Innsmouths zu detailliert und zu früh beschrieben wird. Die „Verfolgungsjagd“ durch Innsmouth beispielsweise weist deshalb – zumindest nach meinem Geschmack – Elemente unfreiwilliger Komik auf. Mir hätte es besser gefallen, wenn Lovecraft der Phantasie des Lesers mehr Raum verschafft hätte (so wie er das an vielen anderen Stellen getan hat: die „vernagelten“ Häuser beispielsweise lassen nur Vermutungen darüber zu, was sich an seltsamen Dingen im Innern verbirgt. Und auch die Hotelzimmerszene mit den unheimlichen Geräuschen vor der Tür ist klasse gemacht). Darüber hinaus hat sich Lovecraft eine Menge sehr eindrucksvoller Bilder für die Verkommenheit der Küstenbewohner einfallen lassen: Kirchen beispielsweise, deren Turmspitzen abgebrochen sind und die stattdessen tiefe Kellerräume zur Feier ihrer „Gottesdienste“ aufweisen... Und schließlich: das Ende war, jedenfalls für mich, so nicht vorhersehbar. Ein Sieg des Bösen auf ganzer Linie und zumindest wegen dieses Überraschungseffekts ein lesenswertes Buch.

  • Kapitel IV war ein wenig schwächer- die Flucht durch die Stadt war zu langgezogen und dass die Verfolger die Fischfroschmonster sind, war schon länger klar und daher wenig überraschend.
    Klasse hingegen wieder das letzte Kapitel mit der überraschenden und durchdachten Auflösung.
    Einiges hat Lovecraft offen gelassen, was dem Text aber nicht schadet.
    Insgesamt ein sehr gutes Buch.

  • Ich habe von meinem Mann erfahren, dass die Geschichte erst ohne die Verfolgungsjagd geschrieben wurde. Die Verfolgungjagd war eine Vorgabe von dem Magazin, in dem er die Geschichte veröffentlicht hat. Ohne wäre sie wohl zu langweilig gewesen oder so...

    "Monsters are real, and ghosts are real, too. They live inside us, and sometimes, they win."

    (Stephen King)

  • Zitat

    Original von Booklooker:


    Ich habe von meinem Mann erfahren, dass die Geschichte erst ohne die Verfolgungsjagd geschrieben wurde. Die Verfolgungjagd war eine Vorgabe von dem Magazin, in dem er die Geschichte veröffentlicht hat. Ohne wäre sie wohl zu langweilig gewesen oder so...


    Wenn das so ist, hatte der Lektor ein gutes Gespür.

  • Von H. P. Lovecraft habe ich außer „Schatten über Innsmouth“ nur eine weitere Erzählung gelesen und zwar „Träume im Hexenhaus“ („The Dreams in the Witch-House“ – diese Erzählung wurde vom Autor im Jahr 1933 in der Zeitschrift „Weird Tales“ [„Unheimliche Geschichten“] veröffentlicht). Da es Horrorgeschichten wie Sand am Meer gibt, denke ich, dass es sich – abschließend - vielleicht lohnt, mal über den speziellen Charakter der vorliegenden Erzählung nachzudenken. Aus meiner Sicht kommen dabei folgende Aspekte in Betracht:


    1) Vermischung von konkreter und sichtbarer Erfahrungswelt mit einer unbegreiflichen, unsichtbaren und bösen Parallelwelt. Die Handlung von „Schatten über Innsmouth“ spielt sich, nach dem Konzept des Autors, in der Gegenwart ab. Die Region Neuengland, die der Erzähler hier besucht, kann auch vom Leser bereist werden – es gibt zahlreiche der in der Erzählung zitierten Orte (z.B. Boston) in der realen Welt und auch die erwähnten geschichtlichen Ereignisse (z.B. der Unabhängigkeitskrieg) haben tatsächlich statt gefunden. Innsmouth und Arkham, die Orte, in denen sich in beiden Erzählungen das eigentlich unheimliche Geschehen abspielt, sind jedoch fiktive Städte. Da der fiktive Schauplatz nun auch sämtliche Merkmale der realen Schauplätze aufweist (Straßennamen, Bahnlinien etc.) wird diese Vermischung ziemlich perfekt. Die Krönung erfährt die Vermischung mit dieser Parallelwelt, die im Grunde eine Vereinnahmung durch das Böse ist, allerdings erst im fünften Kapitel: da der Autor einen „Ich-Erzähler“ zur Haupt- und Identifikationsfigur gemacht hat, kommt die Vermischung beider Welten hier mit voller Wucht sogar beim ahnungslosen Leser an, der sich plötzlich selbst für die Geschichte seiner Vorfahren zu interessieren beginnt...


    2) Grenzüberschreitungen. Das eigentlich beunruhigende Merkmal der vorliegenden Geschichte (und auch der „Träume im Hexenhaus“) besteht m.E. im bewussten Übertritt seiner Akteure in „verbotene“ Regionen bzw. im Willen zur Ausforschung von Bereichen, die für menschliche Lebewesen schlicht unzugänglich sind. Man könnte das auch als Tabubruch bezeichnen. Die erste „Grenzüberschreitung“ wird hier von Kapitän Obed mit seinem Pazifikhandel und der Kontaktaufnahme zu den Eingeborenen betrieben. Dann gibt es die Grenze zwischen Land und Meer, die auch eine Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren ist. Es gibt eine Grenze zwischen Mensch und Tier und zwischen Gut und Böse. All diese Grenzen werden von den Bewohnern unseres netten Küstenstädtchens systematisch und mit Vorsatz überschritten. (Übrigens haben mich die „Fischwesen“ oder „Fischteufel“, die Lovecraft hier aufwatscheln lässt, ganz entfernt an die „Frösche“ aus Pinols „Im Rausch der Stille“ erinnert...). Die Motive, die dabei eine Rolle spielen, sind zunächst die Sehnsucht nach wirtschaftlichem Wohlergehen, später ist es die Hoffnung auf ewiges Leben. Beim Erzähler ist es – jedenfalls zu Beginn - schlichte Neugier. Sämtliche Warnungen (etwa vor dem Betreten des Küstenstädtchens, vor dem Kontakt mit seinen Bewohnern) schlägt er in den Wind. Der Autor schildert nun die drastischen Folgen solcher Erkundungen – sowohl Kapitän Obed als auch der Erzähler werden für ihren Leichtsinn übel bestraft. Obed erkennt irgendwann, dass ein Rückzug aus dem Geschehen nicht mehr möglich ist. Der Erzähler lässt kostbare Zeit verstreichen, zu der er noch „handlungsfähig“ wäre.


    3) Erschaffung eines eigenen „Kosmos des Bösen“. Einem Teil von Lovecrafts Erzählungen liegt die Idee von der Existenz einer eigenen bösen Welt, mit eigenen, festen Gottheiten und eigenen Gesetzmäßigkeiten zugrunde. (Bei Wikipedia lässt sich einiges darüber nachlesen). In vielen Geschichten – auch in „Schatten über Innsmouth“ tauchen daher wiederholt Namen geheimnisvoller Regionen und Städte, Zauberbücher oder auch Gottheiten (hier ist es vor allem der „Große Cthulhu“) auf. Bis heute besteht offenbar Streit, wie viel hiervon tatsächliche historische Wurzeln aufweist und was davon der alleinigen Phantasie unseres Autors entsprungen ist. Auch in dieser Hinsicht ist es Lovecraft offenbar perfekt gelungen, die Grenze zwischen Realität und Fiktion auf beunruhigende Weise zu vernebeln.