Der gute Mensch von Sezuan - Bertolt Brecht

  • Der gute Mensch von Sezuan
    Bertolt Brecht, 1938-40

    Meine Rezension bezieht sich auf die Ausgabe:
    Suhrkamp, ISBN: 978-3518100738


    Das Gute im Menschen zu finden haben sie sich aufgemacht, die drei Götter, die durch China wandern. Unaufhaltsam suchen sie einen Menschen, der durch und durch rechtschaffen und gut ist, die göttlichen Gebote heiligt und ihnen Unterschlupf gewährt. Und in der Prostituierten Shen Te meinen sie ihn dank der Hilfe des Wasserträgers Wang gefunden zu haben.


    Von den Göttern mit etwas Geld ausgestattet, eröffnet diese einen kleinen Tabakladen, stellt den Armen Essen hin, bietet Bedürftigen Obdach. Shen Te, Engel der Vorstädte! Shen Te, naives Dummchen? Denn in ihrer Güte kennt sie nur Maßlosigkeit, zu sehr ist ihr Vertrauen in das Gute im Menschen. Doch wo bleibt das Gute, wenn es wie in den Armenvierteln Sezuans ums Überleben geht? Gierig klammern sich die Bedürftigen und die Halsabschneider an sie. Wang meinte, sie könne nicht nein sagen. Das kann sie in der Tat nicht, bzw. der Teil von ihr der Shen Te ist.


    Der andere Teil in ihr ist ihr Vetter Shui Ta, der immer dann ans Licht kommt, wenn Shen Te in der Güte, die sie leben will, überfordert und wieder zu weit gegangen ist. Wenn ihr Laden, ihre Liebe, ihre Existenz vor dem Ruin stehen, steht er da, maßregelt, beutet aus und verkörpert den knallharten Geschäftsmann, der sich nur um das eigene Wohl schert. Über lange Strecken ist sein Auftreten immer nur für kurze Zeit, Shen Te benötigt, aber mag ihn nicht.


    In diese zwei Persönlichkeiten geteilt, Rationalität und Rücksichtslosigkeit gegen Empfindsamkeit und Güte, vollzieht sich der Zwiespalt in ihr wortwörtlich. Die beiden Persönlichkeiten handeln gegeneinander. Shen Te will ihrem Verlobten glauben - Shui Ta sieht seine Gerissenheit. Shen Te will helfen - Shui Ta unterdrückt. Und Shui Ta rückt immer mehr in den Vordergrund, da Shen Te langsam ihre eigenen Interessen wahrnimmt.


    Auf den ersten Blick scheint auch in ihr das Gute dem Bösen zu unterliegen. Doch was ist gut und was ist böse? Disqualifiziert ein gezinkter Messbecher in schlechten Zeiten wie beim gottesfürchtigen und ebenfalls gutmüttigen Wang vom 'Gutsein', wie die Götter behaupten? Darf ein 'guter' Mensch nicht auch einmal an sich selbst denken?
    Shen Te scheitert nicht, weil sie gut ist (und das ist ein Aspekt auf den Wert gelegt wird, sie will gut sein), sondern weil die Ansprüche an ihre Güte, sei es von Seiten der Götter, von Seiten der Mitmenschen oder diejenigen die sie an sich selbst stellt, zu hoch sind. "Sie ist in ihrer Liebe gescheitert, weil sie die Gebote der Nächstenliebe befolgte", sagt Wang zu den Göttern, worauf ihm heftig widersprochen wird.


    Ist es das Geld, das die Schuld trägt? Auch vor dem Treffen mit den Göttern war sie ein guter Mensch in Wangs Augen, doch mit dem Geld wurde sie ausgenutzt, raffgierig stürzte man sich auf sie. Ohne es wäre vieles nicht passiert. Aber auch wenn Shui Tas kapitalistische, gewinnoriertierte Verhaltensweise angegriffen wird, führt der Ansatz meines Erachtens ins Leere. Es ist nicht die Tatsache, dass sie Geld hat, sondern vor allem, dass so viele andere es nicht haben in den Armenvierteln von Sezuan.


    Das ist auch einer der Gründe warum sich die Götter aufgemacht haben. Sie wurden ausgeschickt zu beweisen, dass die Lebensbedingungen auf Erden nicht zu schlecht sind, um gut zu sein, dass ihre Grundsätze nicht zu streng sind. Aber sie überlegen nicht recht. Sie sind überfroh, Shen Te gefunden zu haben und sich bestätigt zu sehen, so dass sie ignorant auf rosa Wölkchen am Ende gen Himmel entschweben und die Verzweiflung und Trümmer ihres Besuchs übersehen. Sie haben die Verbindung zur Wirklichkeit verloren, sie ignorieren das Offensichtliche.


    Offensichtlich ist hingegen vieles in diesem Theaterstück, zum Beispiel, dass Shen Te und Shui Ta ein Charakter sind. Brecht reicht das Subtile nicht, wenn es um seine Botschaft geht. Es muss gleich der Holzhammer sein. Erschreckend häufig wird dem Zuschauer direkt dargelegt, dass auf dieser Welt es schwer ist, Gutes zu tun, da es die andern nicht tun, da die Lebensbedingungen dagegen sprechen, und mit der Frage, was man daran ändern könnte wird der Zuschauer auch nach Hause geschickt.
    Die Gedankengänge über die Welt, den Menschen und die Götter, die sich im "guten Menschen von Sezuan" wiederfinden, sind damals wie heute aktuell. Mehr als eine Krise sitzt uns im Nacken, Zweifel an das Gute im Menschen kommen immer wieder auf. Aber Brecht gibt Gedankenanstöße vor, adressiert den Zuschauer direkt, spielt bewusst mit dem Medium Theater, kurzum er winkt immer wieder mit dem Zaunpfahl und das verleidet den Reiz des Stückes, das Potenzial, das in ihm steckt. Denkanstöße hätten mir genügt, ich will nicht zwangsweise à la Brecht denken, ich will selber denken. So war es mir zu viel des Guten.


    Nichtsdestoweniger hat Brecht ein Stück geschrieben, das in seiner Thematik und durch seine eindrucksvolle, schlichte Sprachwahl, die nur in Gedichten ihren Tiefpunkt erreicht, nach wie vor wichtige Gedanken enthält und alles in allem mich nicht nur zum Nachdenken gebracht, sondern auch vortrefflich unterhalten hat. Das kann Brecht nämlich auch. Nicht umsonst zählt er immer noch zu den am häufigsten gespielten Autoren.


    8/10, da es mir ein wenig zu viel des Holzhammers war.

  • Zitat

    8/10, da es mir ein wenig zu viel des Holzhammers war.


    Wie meinst du das?


    Kannst du das genauer erklären?

    Man sollte nichts auf morgen verschieben, wenn man es genausogut auch übermorgen erledigen kann. (Mark Twain)

  • Zitat

    Original von Teck


    Wie meinst du das?


    Kannst du das genauer erklären?


    Grob habe ich es ja schon im vorletzten Absatz gesagt. Es ist die Tatsache, dass Brecht dem Rezipienten seine Kritik immer und immer wieder ausformuliert serviert und vor Augen hält. Auf mich hätte das Stück sehr viel mehr Eindruck gemacht, wäre zum Beispiel nicht von Anfang an klar gewesen, dass Shen Te Shui Ta ist. Dadurch, dass Brecht mehrmals diese Szenen vor dem Vorhang einbaut, in denen der Rezipient direkt angesprochen wird, sorgt er zwar dafür, dass die Kritik unmissverständlich wird, aber ich fühlte mich in gewisser Weise des Denkens enthoben. Wenn schon die Antworten nicht explizit mitgeliefert werden, sind es zumindest die Erkenntnisse und das Kritikwürdige. Da konnte auch der Epilog leider nichts daran ändern (der allerdings die wichtigsten, angestrebten Denkanreize auch wieder vorgibt).


    So sehr ich seine Kritik an Gesellschaft und Religion auch (teilweise) berechtigt finde und im Großen und Ganzen den "guten Menschen von Sezuan" auf dieser Ebene wie auch auf der der "bloßen Handlung" sehr gerne gelesen habe, ist es die Methode, die mich stört. Bei mir regte sich leichter Widerwille. Es ist also durchaus eine subjektiv geprägte Wahrnehmung. ;-)

  • Zitat

    Auf mich hätte das Stück sehr viel mehr Eindruck gemacht, wäre zum Beispiel nicht von Anfang an klar gewesen, dass Shen Te Shui Ta ist.


    .....


    Ganz sooooo klar ist das nicht von Anfang an.


    Ich fand es nicht als Holzhammermethode.

    Man sollte nichts auf morgen verschieben, wenn man es genausogut auch übermorgen erledigen kann. (Mark Twain)

  • Nun ja, ich fand diese Szene, in der plötzlich ihr Vetter gegenüber dem Gläubiger genannt wird auf das Drängen der Nachbarn schon sehr darauf hinweisend. Und die erste Szene vor dem Vorhang mit der Erklärung fürs Publikum ließ ja auch nicht lange auf sich warten ... :gruebel
    Es gab jedenfalls keinen Moment, in dem es für mich nicht klar war - ich kann mir allerdings vorstellen, dass man das durch geschickte Inszenierung anders darstellen kann. Alleine vom Text her finde ich es aber recht eindeutig.


    Und wenn du dich nur an dem Wort Holzhammer diesbezüglich störst - darauf speziell hatte ich es nicht bezogen (auch wenn es mit reinspielt), eher auf die Meinungen. Brecht hat mir recht starke Vorstellungen davon, was er aussagen will, und die werden dem Zuschauer/Leser um die Ohren gehauen.