'Die Jesuitin von Lissabon' - Seiten 217 - 330

  • Ich habe das Gefühl das es bis jetzt der schwierigste Leseabschnitt ist um etwas zusammenzufassen und konstruktives zu schreiben. Es wird viel Politik betrieben, Reden gehalten und versucht Leute und Volk zu manipulieren. Aber mal schön der Reihe nach.


    Bemerkenswert schön finde ich die Wandlung von Leonor zur Sympathieträgerin. Erst jetzt beim Schreiben dieses Beitrags merke ich das es der Geschichte sehr gut tut eine weitere Person in der Handlung zu haben die ich als Leser mag. Diese "sympathischen" Personen sind ja bis jetzt an einer Hand abzuzählen. (also von denen die noch am Leben sind). Ebenso viel Freude macht die Rückkehr von Bento, auch dies habe ich als Leser mit viel wohlwollen zur Kenntnis genommen.


    Diesen positiven Aspekte braucht es auch um gefühlsmässig die negativen Geschehnisse und Schilderungen betreffend der Wegschaffung der Toten sowie der Verhaftung von Antero und der bevorstehenden Exekution sowie des Komplotts gegen den König und Sebastian de Carvalho ein bisschen auszugleichen. Überhaupt sah es für eine lange Zeit nicht gut aus für unsere lieb gewonnen Personen. Gabriel Malagrida hatte zwischenzeitlich alle Trümpfe in seiner Hand. Dank den rhetorischen Fähigkeiten sowohl von Antero als auch von Sebastian de Carvalho gelingt es das Blatt zu wenden. Wobei mich die Rede die Antero, die ihn vor dem Tod durch den Strang gerettet hat, nicht 100% ig überzeugt hat. Hier schlägt sich der Pöbel etwas gar ring auf die Seite von Antero.


    Der Schluss des Leseabschnitts ist dann wieder dramatisch. Das Leonors Vater wegen Hochverrats gefangen genommen wird ist logisch aber das dabei Jeronimo sterben musste (ich gehe davon aus das er starb) hätte nicht sein müssen, das hat mir überhaupt nicht gefallen. Nun muss sich Leonor als einfache Frau ohne Hab und Gut durchschlagen, ob ihr das gelingt? Und ausserdem gehe ich davon aus das Malagrida sich trotz der Verbannung ins "Exil" Setubal nochmals mit üblen Machenschaften zurückmelden wird.

  • Zitat

    Original von sapperlot
    Ich habe das Gefühl das es bis jetzt der schwierigste Leseabschnitt ist um etwas zusammenzufassen und konstruktives zu schreiben. Es wird viel Politik betrieben, Reden gehalten und versucht Leute und Volk zu manipulieren. Aber mal schön der Reihe nach.


    Bemerkenswert schön finde ich die Wandlung von Leonor zur Sympathieträgerin. Erst jetzt beim Schreiben dieses Beitrags merke ich das es der Geschichte sehr gut tut eine weitere Person in der Handlung zu haben die ich als Leser mag. Diese "sympathischen" Personen sind ja bis jetzt an einer Hand abzuzählen. (also von denen die noch am Leben sind). Ebenso viel Freude macht die Rückkehr von Bento, auch dies habe ich als Leser mit viel wohlwollen zur Kenntnis genommen.


    Mit Leonor bin ich noch nicht warm geworden. Sie bemüht sich, aber es blitzt immer wieder die alte Lenor hervor. Erst zum Ende des Abschnitts scheint die Wandlung vollzogen zu sein. Sie musste tief fallen dafür.


    Zitat

    Dank den rhetorischen Fähigkeiten sowohl von Antero als auch von Sebastian de Carvalho gelingt es das Blatt zu wenden. Wobei mich die Rede die Antero, die ihn vor dem Tod durch den Strang gerettet hat, nicht 100% ig überzeugt hat. Hier schlägt sich der Pöbel etwas gar ring auf die Seite von Antero.


    Ich glaube, die haben in dieser Situation nach jedem Strohhalm gegriffen. Jeder, der auch nur irgendwie Stärke zeigt, steigt in der Gunst des Volkes. Genauso schnell ändert sich das Blatt aber auch wieder, als Malagrida auftaucht.


    Zitat

    Der Schluss des Leseabschnitts ist dann wieder dramatisch. Das Leonors Vater wegen Hochverrats gefangen genommen wird ist logisch aber das dabei Jeronimo sterben musste (ich gehe davon aus das er starb) hätte nicht sein müssen, das hat mir überhaupt nicht gefallen. Nun muss sich Leonor als einfache Frau ohne Hab und Gut durchschlagen, ob ihr das gelingt? Und ausserdem gehe ich davon aus das Malagrida sich trotz der Verbannung ins "Exil" Setubal nochmals mit üblen Machenschaften zurückmelden wird.


    Ich finds auch bitter, denke aber, dass es für die weiteren Ereignisse so kommen musste. Mit dem Tod Jeronimos und der Verbannung des Vaters brechen alle Brücken hinter ihr ab. Jetzt wird sich zeigen, ob sie sich wirklich geändert hat, ob aus ihr eine "neue" Leonor geworden ist.


    Für mich war das einer der spannendsten Abschnitte, eben weil hier so viel von der damaligen politischen Situation mit einfließt.


    Mir gefällt gut, dass die Liebesgeschichte zwischen Leonor und Antero eher dezent ist, ja sogar in den Hintergrund tritt. Die Inhaltsbeschreibung ließ eigentlich etwas anders vermuten.


    Es gibt noch einen Aspekt, der mir an Deiner Schilderung der Dinge sehr gut gefällt Titus. Du gehört glaub ich selber einer protestantischen Kirche an, richtig? Ich habe beim Lesen bislang nie das Gefühl gehabt, dass Du beim Schreiben eine Wertung vorgenommen hast über das Verhalten der Jesuiten. Du schilderst sowohl die positiven Dinge, die die sie erreicht haben als auch die negativen, für die sie verantwortlich waren. Ich fühle mich gut informiert und das ganz ohne dass es belehrend wirkt :-)


    In Anteros Gedanken zur Verbindung der Naturwissenschaften und einem höheren göttlichen Wesen finde ich zudem viel von meiner eigenen Einstellung wieder.

  • Zitat

    Mir gefällt gut, dass die Liebesgeschichte zwischen Leonor und Antero eher dezent ist, ja sogar in den Hintergrund tritt. Die Inhaltsbeschreibung ließ eigentlich etwas anders vermuten.


    Da kann ich Bouquineur nur zustimmen. :write

  • In diesem Abschnitt ist für mich Leonor die wichtigste Person, ihr Wandel ist noch nicht abgeschlossen, man weiß noch nicht genau, wohin ihr Weg sie führ. Immerhin entschließt sie sich zu helfen, packt mit an bei der Beseitigung der Leichen, obwohl sie zögert und sich ekelt.


    Weiterhin steht die Diskussion im Mittelpunkt, wie die Menschen sich fragen, warum Gott das über sie brachte, ob es eine Strafe ist? Und wieso es dann insbesondere Arme, Schwache und Kinder traf. Kleine Kinder, die doch keine oder kaum Gelegenheiten hatten, so zu sünden, dass die Vernichtung als Strafe folgen musste.
    Wie diese Fragestellung die Beteiligten beschäftigt, halte ich für glaubwürdig.


    30 Seiten in diesem Abschnitt habe ich noch zu lesen, mal sehen, wie es weitergeht!

  • Zitat

    Original von Bouquineur
    Es gibt noch einen Aspekt, der mir an Deiner Schilderung der Dinge sehr gut gefällt Titus. Du gehört glaub ich selber einer protestantischen Kirche an, richtig? Ich habe beim Lesen bislang nie das Gefühl gehabt, dass Du beim Schreiben eine Wertung vorgenommen hast über das Verhalten der Jesuiten. Du schilderst sowohl die positiven Dinge, die die sie erreicht haben als auch die negativen, für die sie verantwortlich waren. Ich fühle mich gut informiert und das ganz ohne dass es belehrend wirkt :-)


    Es bedeutet mir viel, dass du das sagst. Ich hatte bei diesem Roman oft die Sorge, dass ich die Jesuiten zu machtgierig oder zu düster schildere -- dabei habe ich von vielen Leuten gehört, dass ihnen die Exerzitien gut getan haben.


    Vorgestern, bei der Lesung in Bad Düben, fragte eine Frau, ob sie den Roman ihrem Onkel schenken könne, der als Jesuit in Afrika arbeitet, oder ob das Buch ihn ärgern würde? Ich wusste es nicht zu beantworten.


    Die Versuchung war groß für mich, beim Schreiben schwarz und weiß, böse und gut hart voneinander zu trennen, und ich bin bisher auch noch nicht sicher, ob mir das nicht doch passiert ist. Es ist leichter, über eine böse dunkle Macht zu schreiben, als über einen Orden, der eigentlich Gutes will, und dabei (zumindest nach dem Erdbeben in Portugal) große Fehler macht.


    Würde mich freuen, wenn du, wenn ihr mir da auch zum Ende des Romans hin Feedback geben würdet. Ich glaube, es war diesmal eine Gratwanderung.


    Dass ich einer protestantischen Freikirche angehöre, stimmt. Deshalb waren viele erstaunt über den sympathischen Inquisitor in "Das Mysterium". :lache Aber es stimmt schon, meistens sind bei mir die Ketzer die Sympathieträger in den Romanen.

  • ich stehe noch am anfang dieses teils, bin aber gerade sehr entsetzt über diesen blutsnachweis. erinnert an die arierbescheinigung, die im "dritten reich" gefordert wurde.
    kurz vor beginn dieses abschnittes erfuhr malagrida auch von samira.
    klingt gefährlich.
    nachdem leonor verurteilt, dass antero "jahrelang" eigentlich nur wegen samira zu ihr, leonor, gekommen sei, frage ich mich, wie alt leonor ist.
    habe ich das an einer stelle überlesen oder wurde das ins ermessen des lesers gestellt?
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    inzwischen habe ich dieses kapitel beendet, das es wirklich "in sich hatte".
    zuerst eine herrliche szene: samira und die prinzessinnen und der soldat, bei dem es sich vermutlich um einen von malagrida gesandten häscher gehandelt haben dürfte.
    dann anteros gefangennahme - dumm gelaufen.
    aufgefallen ist mir so um seite 250 herum: es gehört zu unserer würde, uns für das böse entscheiden zu dürfen (aus dem gedächtnis zitiert) - ein bemerkenswerter, einfacher, aber mir bisher nicht bewusster gedanke.
    anteros entkommen vom galgen war vielleicht etwas sehr glücklich, aber sei es drum.
    die "frisch geschlüpften küken" gefallen mir wesentlich besser als die ewigen "schmetterlinge im bauch".
    ach ja und dann war da noch die stelle mit dem vogel und den zum glück klein bleibenden hagelkörnern. solche stellen machen für mich den reiz an titus müllers büchern aus! danke!
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    noch eine bemerkung: bisher scheint mir die gratwanderung geglückt.

    “Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den anderen, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.”Christian Morgenstern (1871 – 1914)

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  • Diesen Abschnitt fand ich etwas schwieriger zu lesen, und ich musste teilweise auch zurückblättern, weil mir nicht gleich klar war, was es mit diesem Staatsvertrag auf sich hatte. Ich habe das nun so interpretiert, dass die Fälschung den Premierminister des Hochverrats bezichtigen und einen Regierungsumsturz herbeiführen sollte. Ob das historisch belegt ist, werde ich vielleicht erfahren, wenn ich den Anhang lese. Das mache ich immer erst am Schluss, weil mir die Personen dann schon vertrauter sind. Vorstellen kann ich mir jedenfalls schon, dass solche außergewöhnlichen Ereignisse benützt werden, um die Machtverhältnisse zu ändern.
    Gut gefallen hat mir auch wie Antero das für ihn Mögliche tat, um Leonor zu retten, während der Vater einem schlimmen Schicksal entgegensieht.
    Jetzt bin ich ja schon mal gespannt, wie das alles ausgeht.

  • Zu diesem Abschnitt habe ich mir gar keine Notizen gemacht, weil ich einfach weiter lesen musste.... Deshalb sind meine Kommentare etwas dürftig....


    Langsam freunde ich mich mehr mit Leonor an. Erstaunlich, zu was für Lernprozessen ein vom Leben gezeichneter Mensch fähig sein kann.
    Sie hat sich stark gewandelt, vom verwöhnten, reichen Püppchen!


    Gut finde ich ja bei Antero und ihr, dass sich diese zarten Gefühle sehr im Hintergrund halten.
    Das Buch ist nicht durch und durch voller romantischer Szenen. Manchmal ist es aber auch etwas dürftig, wenn einer in drei Worten über den anderen nachdenkt...


    Zitat

    die "frisch geschlüpften küken" gefallen mir wesentlich besser als die ewigen "schmetterlinge im bauch".


    Ja, Titus findet viele "außergwöhnliche" Formulierungen.


    Irgendwo am Anfang stand auch mal: Die Beine sind weich wie Brotteig". Also sinngemäß... Nicht wie man es sonst kennt "weich wie Gummi".
    Überhaupt arbeitet er ja viel mit Vergleichen und Metaphern, welche die Geschichte fast von allein tragen.


    Also der Stil ist wirklich schön zu lesen!

  • Das Alte und Bewährte wollen der Adel und die Jesuiten in der Stunde der Not bewahren die Zukunft neu wagen wollen der Premierminster und- man mag über seine Marotten lästern und lächeln- der König. Immerhin gibt es die LEitlinine vor, trifft die Entscheidungen.

    Nemo tenetur :gruebel


    Ware Vreundschavt ißt, wen mahn di Schreipfelerdes andereen übersiet :grin


    :lesend Ungläubiges Staunen- Über das Christentum Navid Karmann :lesend

  • Danke, Titus, für Deinen Kommentar. So habe ich aus 1. Hand erfahren, wo Realität und dichterische Freiheit aufeinandertreffen. Deine Variante gefällt mir gut. Du hast überhaupt einen Roman geschrieben, der für mich eine runde Sache ist, mit Lösungen, die nicht an den Haaren herbeigezogen scheinen. Für mich jedenfalls die richtige Lektüre.

  • Ich habe mit Wohlwollen Leonors Wandlung gelesen, ich stelle es mir schwierig für sie vor - wuchs sie doch behütet auf und war bis anhin nur auf sich selbst bedacht. Mir gefällt an diesem Buch gut, dass die Liebesgeschichte eher im Hintergrund steht.
    Leonors Vater wurde nun festgenommen und sie muss alleine zurechtkommen. Ich bin gespannt wie es ihr gelingt.
    Mir ist auch positiv aufgefallen das die Jesuiten nicht "einseitig" dargestellt wurden, es wird Positives wie Negativ beschrieben. Malagrida fasziniert mich, ich werde mich was ihn betrifft sicher noch auf Spurensuche begeben...