Beiträge von Titus Müller

    Hennings religiöse Seite fand ich hinreichend gut erklärt, aber über das Leben der Adventisten in der DDR hätte ich gern noch (viel) mehr erfahren. Als Westdeutsche weiß ich leider nur, dass es bis zum Ende kirchliches Leben in der DDR gab, das allerdings vielen Einschränkungen unterworfen war. Doch was und wie genau? Das würde mich sehr interessieren, vielleicht magst du ja noch ein bißchen was erzählen?

    Ich war ja noch ein Kind, viel habe ich nicht mitbekommen. Was ich weiß, ist, dass man nicht einfach so zu Gottesdiensten oder Veranstaltungen einladen durfte. Und (zumindest vom Gesetz her) durfte in der DDR kein Liedzettel und auch sonst nichts ohne staatliche Genehmigung vervielfältigt werden. Es gab da Schlupflöcher und Graubereiche, z.B. wenn man draufschrieb: "nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch", und wenn dazu die Auflage höchstens 99 Stück betrug, theoretisch hätte man auf jeden Zettel das Kennzeichen des Vervielfältigungsapparats schreiben müssen und dazu 1/99, 2/99 usw.


    Bei Kinderfreizeiten kriegten die Pastoren oft organisatorische Knüppel zwischen die Beine geworfen, die sah der Staat nicht gerne, am liebsten hätte man alle Kinder in der staatlichen Pionierorganisation gehabt. (Mich hat es heute gegruselt, zu lesen, dass Putin eine neue einheitliche Pionierorganisation gründen will.)


    Und man musste davon ausgehen, dass bei größeren Vortragsreihen, die man in der Kirche abhielt, jemand von der Stasi mit im Publikum saß und genau aufpasste, was wird hier gesagt.

    Welche Instrumente spielst Du? Hilft Dir Deine Musik beim Romaneschreiben? Ich meine damit, ob Dir Ideen zu Deinen Figuren kommen, während Du Musik machst.

    Ich spiele nur Klavier. Meine beiden Brüder spielen jeder mehrere Instrumente (Waldhorn, Gitarre, Trompete, Blockflöte), bei mir blieb es aber immer bei dem einen.


    Klavier zu spielen entspannt mich! Ich tue es aber inzwischen viel zu selten.


    Ansonsten hilft mir Filmmusik beim Schreiben, sie bringt mich in den berühmten Flow. Für einen Artikel in der "Federwelt" habe ich mal ein paar der Alben aufs Bett gelegt und abfotografiert, die ich gern beim Schreiben höre.


    Filmmusik_Titus.jpg

    Der Prophet gilt nichts in der eigenen Heimat.

    Scheint eine feste Regel zu sein. ;) Du beziehst dich auf meine Geburtsstadt Leipzig, oder?


    Die allerschönste Leipzig-Lesung, die ich beinahe gehabt hätte, sollte im historischen Wartesaal im Leipziger Hauptbahnhof stattfinden. Ich habe mich dermaßen darauf gefreut! Und dann fiel die dazugehörige Buchmesse aus, und damit auch die Lesung.

    Eine Frage hätte ich noch dazu: irgendwann überlegt Henning, dass seine Tochter Jolanthe immer ähnlicher wird. Wieso das? Jolanthe ist doch die Stiefmutter, oder hab ich das falsch in Erinnerung?

    Das ist ein Fehler, ganz klar. Werde ich korrigieren in der nächsten Auflage. So, wie es auf S. 188 formuliert ist, kann ich mich leider auch nicht damit herauswinden, dass sie Jolanthe im Verhalten ähnlicher wird. Danke für den guten Hinweis!

    Gestern fiel mir noch eine Frage ein, auf dem Profilbild und auch im Buch kommst Du so unglaublich jung rüber. Entweder das ist ein uraltes Bild oder Du hast, bei der Anzahl der veröffentlichten Bücher bereits im zarten Altern von 7? angefangen zu schreiben.

    Lieber Titus Müller wann wusstest Du, dass Schreiben so genau Deines ist?

    Das Bild ist schon älter, es ist von 2016. Aber ich finde es toll und kann mich einfach nicht davon lösen ... Die Fotografin hatte diese Idee: Sie hat mich unter eine Eisenbahnbrücke gesetzt, über uns hinweg donnerten die Züge, und es gibt diesen tollen Industrie-Look und die in die Ferne verschwindende Bückenkonstruktion. Ich sagte damals: "Zum Glück hört man die Züge nicht auf dem Foto." Und sie sagte: "Aber man sieht sie in deinem Gesicht. Wir warten eine Zugpause ab."


    Wann habe ich mit dem Schreiben angefangen? :gruebel In der Grundschule habe ich mir ein Notizbuch genommen und Namen reingeschrieben, damit ich sie nie mehr vergesse. Klingt heute albern, aber im Grunde ist das Schreiben von Romanen für mich nichts anderes, ich will Dinge festhalten. Z.B. das beeindruckende Leben von Carl von Ossietzky in "Die goldenen Jahre des Franz Tausend".


    Einen zweiten Schub hatte ich mit 12, als ich eine elektrische Schreibmaschine bekam. Ich schrieb damals Abenteuergeschichten mit "Wenn du das und das machen willst, lies bei 12 weiter", und klebte die Textabschnitte hinterher so zusammen, dass man nicht das Ergebnis vorher erschummeln konnte.


    Und im Abitur dann wurde es ernster. Ich schrieb ab und an für die Schülerzeitung, und während der ersten Studienjahre gründete ich die "Federwelt" und veröffentlichte meinen ersten Roman.


    Hätte aber auch alles ganz anders kommen können. Im Rückblick erscheinen die Dinge immer so zwingend. Ich habe im Abitur aber auch überlegt, Komposition zu studieren. Musik hatte es mir fast genauso stark angetan wie das Schreiben.

    :) Rezension geschrieben! :brief

    Vielen lieben Dank, auch an hollyhollunder, streifi und chiclana! Eure Rezensionen tun mir gut, gerade jetzt, wo die Lesetour startet, heute ist es die zweite Lesung, bis Ende des Jahres folgen noch rund 35 Lesungen von der Insel Rügen bis in den Süden nach Basel und nach Kärnten. Und ich bin vor allem zu Beginn immer sehr aufgeregt und unsicher. Jetzt, nachdem ich eure Rezensionen gelesen habe, stelle ich mich selbstbewusster auf die Bühne und frage mich nicht ständig: Taugt das Buch überhaupt was? Danke! :knuddel1

    Falls Henning es doch in die BRD schaffen sollte und dann mit den damals hier lebenden Adventisten in Kontakt käme, könnte er auch eine Enttäuschung erleben, wenn er erkennt, dass sie hier von den meinungsbestimmenden großen Kirchen als kleine extreme Gruppe (um nicht zu sagen "Sekte") angesehen wurde, in der Meinungsfreiheit in Glaubensinhalten auch nicht gewährt wurde.

    Sehr gute Idee, danke! :thumbup:

    Was ich aber an mir und auch in meiner Büchereiarbeit feststelle: sobald man sich das Buch genauer ansieht und feststellt, es ist ein X-Teil einer Reihe, wird es oft (enttäuscht) zur Seite gelegt und gar nicht erst angefangen. Egal ob man reinkommen würde oder nicht. Von daher: meiner Meinung nach eher schwierig!

    Ich glaube, ich gehe wieder dazu über, einzelne Romane zu schreiben. Wenn ich mir schon die enttäuschten Gesichter vorstelle! :gruebel


    Frage mich nur, warum Verlage so gern Serien mögen. Ist es dann mit der Werbung einfacher, weil man bloß einen teuren Paukenschlag braucht und anschließend läuft es von allein weiter?

    Marga fand ich besonders anfangs interessant. Als ihr Verhalten dann auf die Psycho-Schiene geschoben wurde, fand ich sie nicht mehr so fesselnd. Insofern wäre ich auch nicht böse, wenn sie in Teil 3 mehr oder weniger in der Versenkung verschwinden würde und keine große Rolle mehr spielen würde.

    Das ist sehr spannend für mich. Habe vor Kurzem mit dem Lektor darüber beraten. Ich sitze ja gerade am 3. Band, da helfen mir eure Rückmeldungen sehr. Der Lektor meinte zur Frage, ob Marga im 3. Band wieder die Antagonistin sein sollte: "Sie ist doch schon arg zerpflückt." Ich schwanke noch. Zumindest kurz sollte sie auftreten, damit man erfährt, was aus ihr geworden ist, finde ich.

    Ich fand es interessant, dass Henning bei den Adventisten untergetaucht ist, hätte da gern noch mehr darüber gelesen. Und es erstaunt mich (und offenbart vermutlich mein mangelndes Hintergrundwissen an dieser Stelle), dass es die in der DDR gab.

    Ja, die gab es. Ich bin ja als Adventist in der DDR aufgewachsen. Anfangs hatte ich vor, Hennings religiöse Seite stärker auszubauen, aber irgendwie hat es sich beim Schreiben nicht richtig angefühlt, das so auszuwalzen, und ich habe es bei den Andeutungen belassen. Aber vielleicht hätte ich die Zügel nicht allzu arg anziehen sollen.

    Wieviel eigene Erinnerung hat man da noch, wenn man zum Fall der Mauer 12 war? Wenn man nicht mehr mit tief verstellter Stimme Freundschaft sagen durfte, sondern nur immer bereit war?

    Ich war nach den Jungpionieren ausgestiegen, also nicht mal mehr "Immer bereit". Dafür wurde in der Schule mein Ranzen durchsucht, die Post kam zu Hause aufgerissen an. Na klar, ich war Kind, und ich habe die DDR sicher anders erlebt als Erwachsene. Aber ich weiß noch gut, wie es war, nicht offen aussprechen zu dürfen, was man denkt, kenne das kurze Stutzen, wenn es mitten im Gespräch in der Telefonleitung knackte, und weiß noch gut, wie wir losgestürzt sind, als es hieß, dass es in einem Laden in Ostberlin Fahrräder zu kaufen gab. ;)