Hausers Zimmer - Tanja Dückers

  • 1982. Die fünfzehnjährige Julika lebt zusammen mit ihrem Bruder Falk und ihren hippen Eltern Wiebke und Klaus (auch "The Wiebkes and the Klauses" genannt) in einer Wohnung in einem typischen Berliner Mietshaus. Sie und ihr Bruder sprechen ihre Eltern also mit ihren Vornamen an und auch ansonsten geht es sehr anti-autoritär und alternativ-grün in dieser Familie zu. Ihre Eltern erlauben ihnen z.B. ihre Wände zu bemalen. Das war nur kurz ein Spaß für die beiden, inzwischen haben sie ihre Kunstwerke mit weißer Farbe übermalt. Ihre Nachbarn sind überwiegend Künstler, wie z.B. Herr Kanz, der sich auf Skulpturen weiblicher Brüste spezialisiert hat, von denen gerade dreizehn große Exemplare im Hinterhof standen, der Installationskünstler Olk und ein gewisser Hauser.


    Es handelt sich hier um einen typischen 80er-Jahre-Roman. Alles was 1982 erwähnenswert war - und das ist gar nicht mal so viel - wird über Julikas und Falks Wahrnehmung gefiltert zur Sprache gebracht. Von dem "Krieg auf den nach mir (Falk) benannten Inseln..." bis zu ABBAs Auflösung.


    Wie der Zufall es wollte, habe ich ausgerechnet zwei 80er Jahre Romane direkt hintereinander in die Hände bekommen und gelesen: diesen von Tanja Dückers (Jahrgang 1968) und "Der letzte Sommer auf Long Island" vom US-Amerikaner Colson Whitehead (Jahrgang 1969). In beiden gibt es 15-jährige Protagonisten (ungefähr das Alter der Autoren zu der Zeit), beide Romane vermitteln sehr viel Zeitgefühl und in beiden geht es um Weltgeschehen und vor allem die Popkulur der Zeit. Beide Romane haben eines nicht: einen Plot. Ich war überrascht, dass ich trotzdem beide Romane überwiegend gerne gelesen habe.


    Im Prinzip ist der titelgebende Hauser das einzige wirkliche erzählerische Element. Julika phantasiert, wünscht sich weit fort, nach Patagonien zum Beispiel. Das stets hellerleuchtete Zimmer von Hauser symbolisiert ihr Fernweh und ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben, seine Hawaii-Tapete und seine Rocker-Attitüde. Sie kennt sich in seiner Wohnung aus, ohne sie je betreten zu haben. Inwiefern sie die Wohnung jemals von innen sehen wird, mehr über Hauser erfahren oder vielleicht gar mit ihm auf dem Motorrad ab nach Patagonien verschwinden wird, stellt ein ganz, ganz leichtes Spannungselement dar. Ansonsten besteht der Roman weitestgehend aus einer Aneinanderreihung von Episoden (ich mochte z.B. den Klassentripp nach Ost-Berlin) und Kommentaren zum Weltgeschehen.


    Trotzdem liest sich der Roman sehr gut. Flüssig erzählt und voller kleiner, gewitzter Einfälle. Was ich nicht störend fand, was man aber durchaus kritisieren könnte, ist vielleicht die Erzählperspektive. Da wird vielleicht zu wissend in die Zukunft geschielt: da wird spekuliert, dass in 30 Jahren (also etwa in der Gegenwart) der Bahnhof Zoo, der in seiner vollen Hässlichkeit beschrieben wird, nur noch ein Provinzbahnhof sein wird (Treffer) und dass Joschka Fischer wahrscheinlich in die CDU übertreten wird (gefühlter Treffer). Hat mich, wie gesagt, nicht wirklich gestört, wirkt aber ein wenig konstruiert.


    Wo der Roman "glänzt" ist in der Beschreibung zerfallener West-Berliner-Architektur, den Mietshäusern, den Hinterhöfen und Rattenlöchern. Ingesamt ist der Roman aber weniger clever konstruiert als Colson Whiteheads "Der letzte Sommer auf Long Island", da der gewählte Zeitabschnitt der Romanhandlung willkürlicher erscheint und der Roman dadurch einen weniger "runden" Eindruck macht.