Beiträge von Googol

    "The Banshees of Inisherin“ hat mir sehr gefallen, aber bei "Everything, everywhere..." hätte ich fast einen epileptischen Anfall bekommen und ich habe auch nur fünf Minuten von "Oppenheimer" ertragen. Diese Filme haben diese eigenartige nervöse Ästhetik die ich schwer ertragen kann und dann gehen diese Film dann auch noch gerne 150 Minuten.

    Die österreichische Autorin Helena Adler ist heute im Alter von 40 Jahren nach längerer Krankheit verstorben. Sie ist die Autorin von drei Romanen, u.a. Die Infantin trägt den Scheitel links, der auf der Longlist für den deutschen Buchpreis 2020 stand, und Fretten.


    2023 sollte sie eigentlich beim Ingeborg Bachmann-Preis lesen, musste damals aber bereits aus gesundheitlichen Gründen ihren Text zurückziehen.

    This Other Eden - Paul Harding


    Ich fand den Roman einfach nur prätentiös, irgendwie unehrlich in der Art und Weise, wie Themen hier behandelt werden und wie scheinbar literarische Stilmittel eingesetzt werden. Die reale Vorlage für die Geschichte ist spannend und wichtig (die Geschichte um Malaga Island: einer rassistisch motivierten Evakuierung einer Insel vor der amerikanischen Atlantikküste), aber was ist der Schreibanlass? Wieso brauchen wir die Geschichte ausgerechnet aus der Perspektive eines alten, weißen Englischprofessors? Das Buch hat nicht einmal 200 Seiten, und der Autor hat nach eigenen Angaben ein Jahrzehnt daran geschrieben, jedes Wort ist sozusagen handverlesen und mit intellektueller Höchstanstrengung produziert. Für mich nur die Simulation guter Literatur.


    ASIN/ISBN: 1529152542

    Mehr Schwarz als Lila - Lena Gorelik


    Sprachlich ist der Roman gleichzeitig jugendgerecht und literarisch ansprechend. Ich mochte die Figuren sehr - nicht nur die Erzählerin, sondern auch ihre beiden besten Freunde. Die Beschreibung einer scheinbar ausweglosen Situation ist sehr nachvollziehbar und psychologisch eindringlich (ein Foto zweier sich küssender Jugendlicher, ausgerechnet vor dem KZ Auschwitz, geht viral).


    ASIN/ISBN: 3499218348

    The Bee Sting von Paul Murray ist zunächst einmal eine fast schon klassische Familiensaga, die zu Beginn der Wirtschaftskrise 2008 in einem kleinen Ort in Irland spielt. Im Mittelpunkt steht die Familie Barnes: die Eltern Dickie und Imelda, die 17-jährige Tochter Cass und der 12-jährige Sohn PJ. Dickie betreibt einen lokalen Autohandel und hat es zu einem gewissen Wohlstand gebracht, wodurch er Teil des lokalen Geldadels geworden ist. Zu diesem gehört auch die Familie eines befreundeten Rinderzüchters, zu der es in der Geschichte Verbindungen gibt. Cass ist befreundet mit Elaine, der manipulativen Tochter des Rinderzüchters, und „Big Mike“, wie er genannt wird, ist bekannt für seine Affären und macht auch Imelda Avancen. Mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise verschärft sich die Lage für die Familie Barnes dramatisch. Jedes Familienmitglied hat seine eigenen aktuellen Krisen und schleppt zudem persönliche Geister mit sich, die plötzlich und mit großer Wucht wieder zum Vorschein kommen.


    Das klingt zunächst nicht nach der Art von Buch, die mich normalerweise anspricht. Der Roman wird oft mit den Romanen von Franzen verglichen, aber ich fand Franzens Die Korrekturen furchtbar langweilig. Familiensagas dieser Art hat man schon hundertfach gelesen oder im Fernsehen gesehen. Warum also sollte mich die Geschichte der Familie Barnes interessieren? Zum einen erscheint mir die Erzählung weniger realistisch, als man denken könnte – nicht, weil übernatürliche Ereignisse stattfinden (denn das tun sie nicht, abgesehen von metaphorischen Elementen, in denen der Roman fast schon eine Geistergeschichte oder ein Märchen wird, oder gelegentlichen übersinnlichen Vorahnungen von Nebenfiguren), sondern weil der Autor mit der Romanform spielt und vor allem mit den Erwartungen des Lesers. Der Autor scheint stets die Kontrolle zu behalten, während er den Leser ständig auf falsche Fährten führt. Er präsentiert eine Handlung, die oft auf Zufällen basiert und manchmal konstruiert wirken könnte, was man als Leser jedoch dem Autor verzeiht. Dieses Stilmittel passte, weil es thematisch in dem Roman für mich vor allem um Nicht-Kommunikation ging. Die Figuren reden (oder nicht-reden) ständig aneinander vorbei und das bestraft der Autor mit entsprechenden Konsequenzen und ohne irgendeine Gnade.


    Das führt zum eigentlichen Punkt, der den Roman so stark macht: den extremen Sog, mit dem man in die Geschichte hineingezogen wird. Im englischsprachigen Original hat der Roman 640 Seiten, und keine einzige Seite ist langweilig. Die Handlung treibt unaufhörlich und mit zunehmender Geschwindigkeit voran – zumindest war das meine Erfahrung. Bis etwa Seite 490 wird der Roman in jeweils einem Kapitel aus der Sicht einer Figur erzählt: erst aus der Sicht von Cass, dann PJ, Imelda und schließlich Dickie. Danach ändert sich die Erzählstruktur, aber ich möchte nicht zu viel verraten. Das Kapitel aus der Perspektive von Cass ist sehr einladend geschrieben. Ein Bruch gibt es dann aber bei Imelda. Während alle anderen Perspektiven eher traditionell erzählt werden, fehlen in Imeldas Abschnitt Punkt und Komma, was vermutlich ihren leicht chaotischen mentalen Zustand widerspiegeln soll. An dieser Stelle könnte der Roman einige Leser verlieren, aber man gewöhnt sich schnell an den Stil. Rückblickend wirken Imeldas Abschnitte sogar fast am berührendsten. Die Wechsel in der Erzählperspektive nutzt der Autor, um ein eigentlich triviales Stilmittel immer mal wieder einzusetzen: das des Cliffhangers. Das macht der Autor aber auf eine Weise, die ich literarisch und konzeptionell schon wieder ausgefeilt finde. Das alles passt zum spielerischen Umgang des Autors mit seinem Material, es fügt sich nahtlos in die Romanarchitektur ein.


    Ich war schwer begeistert. Zur Handlung darf man kaum etwas schreiben. Jedes Detail würde wie ein Spoiler wirken. Und sprachlich sitzt alles. Der Roman ist mit viel Humor und sprachlicher Raffinesse geschrieben.


    Der Roman stand dieses Jahr auf der Shortlist für den Booker Prize. Im März erscheint die deutsche Übersetzung.


    ASIN/ISBN: 0241353955

    ASIN/ISBN: 395614581X

    Meine Pläne.


    Booker Prize 2024: drei Bücher aus der Longlist lesen, dann ggf. nach der Veröffentlichung der Shortlist nochmal nachlegen.


    Osteuropa-Fokus (möglicherweise speziell Tschechien, abhängig von einem möglichen privaten Projekt dazu): vor allem Hrabal, Perutz, Kafka (die Sven Regener Hörbuch-Fassungen möglicherweise).


    Hörbücher (eines pro Monat als Spaziergeh-/Laufbegleitung)

    "Take What You Need" ist der dritte Roman von Idra Novey. Ihr Erstlingswerk, "Ways of Disappear", war noch ein surrealistischer Roman in einem experimentell fabulierenden Stil, ähnlich dem von Italo Calvino (wie ich gerade festgestellt habe hier auf der Eule mein Jahreshighlight 2016). Dann wurde es in "Those Who Knew" sozialkritischer, aber sie hatte ihre Parabel über Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in einem fiktiven Inselstaat angesiedelt. In ihrem neuesten Roman wendet sie sich nun fast vollständig dem Realismus zu. Kann ich das überhaupt gutheißen, bin ich doch besonders ein Fan der literarischen Phantastik? Kurze Antwort: ja.


    Noch ein wenig zur Autorin: 1978 geboren, schreibt sie nicht nur Romane, sondern auch Lyrik, die ich allerdings noch nicht kenne. Sie ist zudem literarische Übersetzerin aus dem Portugiesischen und hat unter anderem Werke von Clarice Lispector übersetzt, die offensichtlich auch für ihr eigenes Schaffen sehr wichtig ist. Die Autorin lebt in New York, hat in Princeton studiert und lehrt dort. Sie hat auch in Chile gelebt und unterrichtet, wo sie auch ihren Ehemann kennengelernt hat. Ihr Leben ist mehrsprachig, und auch das ist für ihr Werk und insbesondere für diesen Roman nicht unwichtig. Eine der beiden Hauptfiguren, Leah, hat einen ähnlichen Hintergrund: Sie arbeitet mit Texten (als Übersetzerin oder Lektorin) und ist mit einem Mann aus Peru verheiratet, mit dem sie einen gemeinsamen Sohn hat.


    Um was geht es nun in dem Roman? Direkt im ersten Absatz erfahren wir, dass Leahs Stiefmutter Jean verstorben ist, und nun macht sich Leah mit ihrem Mann und ihrem Kind auf den Weg zu ihrer Kindheit in die Appalachen in West Pennsylvania – einer besonders strukturschwachen Gegend, in der die Häuser heruntergekommen sind und vor jedem zweiten Haus eine US-Flagge hängt. Die Handlung spielt während der Trump-Ära.


    Typisch für Novey ist, dass Jean nicht einfach so verstorben ist, sondern – und das erfahren wir direkt im ersten Absatz – von einer Leiter gestürzt ist, während sie an einer riesigen Metallskulptur gearbeitet hat, die sie in ihrem Wohnzimmer errichtet hatte. Überhaupt erzählt der Roman sehr schön von Kunst am Rand der Wahrnehmung. Leah kommt mit ihrer Pension als Krankenschwester einigermaßen zurecht und steckt ihre ganze Energie in die Kunst, die sie durch YouTube-Videos erlernt hat und eigentlich nur für sich selbst macht.


    Und nun erfahren wir als Leser, abwechselnd aus den Ich-Perspektiven von Leah und Jean (handwerklich gut in zwei sehr unterschiedlichen Tonlagen), zeitversetzt erzählt, über ihre besondere Beziehung. Leahs Mutter verstarb früh, und eigentlich lebte Jean nur zwei Jahre mit ihnen zusammen, aber Jean war Leahs einzige Mutterfigur in ihrem Leben. Wir erfahren über Jeans letzte Jahre als Künstlerin und ihre ungewöhnliche Beziehung zu einem Teenager aus dem Nachbarhaus. Sie lernt ihn zunächst kennen, weil dessen Mutter bei Jean klingelt und um ein paar Kanister Wasser bittet, da der Familie das Wasser abgestellt wurde. Der Teenager, Elliot, interessiert sich für Jeans Kunst und fährt sie eines Tages ins Krankenhaus, nach einem blutigen Unfall mit einer Schleifmaschine bei der Ausübung ihrer Kunst. Im Folgenden entwickelt sich eine Figurenkonstellation, die ich so noch nie gelesen habe: subtil und emphatisch wird Elliot gezeichnet. Er arbeitet für sie, darf bei ihr duschen, und es entsteht ein enges Verhältnis, das jedoch auch durch ein Machtgefälle geprägt ist.


    Was die Figurenzeichnung angeht, habe ich dieses Jahr nichts Besseres gelesen. Wenn es überhaupt Leerstellen gibt, dann in der Zeichnung von Leah, denn ihre Passagen sind kürzer als die von Jean. Ich meine darin eine gewisse Zurückhaltung der Autorin zu erkennen, denn sie bewegt sich hier in ihre eigene Vergangenheit zurück, und anstatt hauptsächlich über sich selbst zuzureden, hört die Autorin zu. Noch nie habe ich eine so subtile und empathische Begegnung aus der intellektuell gebildeten Perspektive mit Trump-Amerika gelesen, ohne sich damit gemein zu machen. Es gibt eine Distanz, die vor allem durch Leah symbolisiert wird – die Missverständnisse und die Abwehrhaltung. Auch Jean kann mit Trump nichts anfangen, aber es entstehen Räume für Begegnungen.


    Novey schreibt also aus eigener Erfahrung, und selbst das Schweißen hat sie für diesen Roman gelernt. Aber statt Autofiktion zu schreiben, hat sie mit „Take What You Need“ einen handwerklich exzellent gemachten und kunstfertigen Roman verfasst, der dann bei allem Realismus und Sozialkritik doch eine Fabel und ein Märchen ist. Ein grimmsches Stiefmutter-Märchen irgendwo im Unterbau der Konstruktion des Romans.


    ASIN/ISBN: B0B452269V

    Wir haben gestern "Leave The World Behind" (Netflix) gesehen, eine mit Julia Roberts, Ethan Hawke, Mahershala Ali und Kevin Bacon hochkarätig besetzte Romanverfilmung (Rumaan Alam) unter der Regie von Sam Esmail.


    Ich wünschte, ich hätte den Roman erst einmal gelesen, denn er liegt schon ewig auf meinem virtuellen TBR. Es wäre interessant zu erfahren, welche Stärken und Schwächen nur der Film hat. Ich hatte meine Probleme mit der Figur, die Julia Roberts darstellt. Vielleicht war die Rolle auch einfach nur schlecht gespielt. Sie nervte, war nicht glaubwürdig und vor allem zu Beginn ist die plötzliche Entscheidung, ein Haus zu mieten, überhaupt nicht schlüssig. Das gibt der Story einen eigenartigen Rahmen und einen komischen Start.


    Als "Gesamtkunstwerk" hat mir der Film gefallen: die Atmosphäre, auch das Ende und bis auf Roberts auch die schauspielerischen Leistungen. Dass die Obamas den Film produziert haben, macht die Geschichte noch gruseliger. Ich habe viele Kommentare gelesen, in denen sich Zuschauer darüber beschwert haben, dass sie zweieinhalb Stunden ihres Lebens verschwendet hätten. Auch wenn die Story den Eindruck erwecken könnte: Dies ist kein Emmerich-Film, entsprechend entwickelt sich die Geschichte auch nicht wie in einem Emmerich-Film.


    Es gab aber auch viele Kleinigkeiten, die mich gestört haben. Hitchcock-Feeling: okay, aber die Hitchcock-Anspielungen waren mir dann doch zu wenig subtil (die Szene aus "North by Northwest", die Vögel, die Knarre in der Schublade, die irgendwann losgehen muss).

    Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass die Spannung zwischen dem Ehepaar und George/Ruth im Roman besser funktioniert, aber im Film tat sie das nicht und wirkte wie ein Red Herring.

    So, heute Abend wird der Booker Prize verliehen. Livestream gibt es hier.


    Dieses Jahr wird der Preis erst relativ spät nach Bekanntgabe der Shortlist vergeben. So hat es sich irgendwie ergeben, dass ich fünf der nominierten Bücher gelesen habe (alle außer The Bee Sting). Fun Fact: Die letzten beiden Booker-Preise (regulär und international) habe ich jeweils nur einen Roman der Shortlist vor der Preisvergabe gelesen, und beide Male war es der Sieger (Shehan Karunatilaka's "Seven Moons of Maali Almeida" und Georgi Gospodinov's "Time Shelter" - Deutsch: "Zeitzuflucht"). Es wäre lustig, und auch nicht unwahrscheinlich, wenn es dieses Mal genau umgekehrt ausgehen würde, weil "The Bee Sting" durchaus so etwas wie ein "Fan Favourite" ist.


    Meine Reihenfolge:


    1. Sarah Bernstein Study for Obedience

    2. Paul Lynch Prophet Song

    3. Jonathan Escoffery If I Survive You

    4. Chetna Maroo Western Lane

    5. Paul Harding This Other Eden


    Mit This Other Eden konnte ich wenig anfangen. Das Buch hat eigentlich alle Zutaten: ein wichtiges Thema (die Geschichte von Malaga Island) und einen gewissen literarischen Anspruch, aber die Art wie Paul Harding schreibt sagt mir so überhaupt nicht zu. Etwas gemein ausgedrückt: das ist für mich zu bemüht. Die poetische Schreibe, die oft gelobt wird, für mich zu gewollt und affektiert. Für mich persönlich nur die Simulation guter Literatur.


    Alle anderen Bücher fand ich gut bis sehr gut, und für jeden Autor oder jede Autorin würde ich mich freuen. Chetna Maroo bleibt ganz still und unauffällig, hat aber seitdem ich den Roman gelesen habe, ein wenig gewonnen.


    If I Survive You ist passagenweise vielleicht sogar mein Lieblingsbuch. Die Geschichte einer dominikanischen Einwandererfamilie in den USA. Kleine Einschränkung, weil es eigentlich ein Kurzgeschichtenband und kein Roman ist, und für mich ist das Gesamtkonzept nicht ganz stimmig, aber das ist ein sehr kleiner Einwand.


    Paul Lynch schuf einen sehr starken dystopischen Roman aus einer sehr privaten Perspektive einer Mutter, die ihre Familie durch diese zunehmend eskalierende Situation navigieren muss. Eine kleine Einschränkung, weil ich den starken Bezug zu Syrien für einen taktischen Fehler des Autors halte (wenn ich über Syrien lesen will, dann lese ich ein syrisches Buch), aber die Dystopie funktioniert auch, gerade aktuell, sehr gut im europäischen Kontext (zunehmender Rechtsruck in verschiedenen Ländern).


    Ja, und Study for Obedience von Sarah Bernstein das einzige Masterclass-Level-Buch auf der Liste. Sehr ungewöhnlich und speziell. Ich kann den Roman kaum beschreiben und das ist was ihn auszeichnet. Diese wunderbare persönliche Sicht einer Außenseiterin in einer fremden Kultur. Wie eigentlich alle Romane ein spannender Beitrag über das Thema Immigration. Das Thema zieht sich durch die gesamte Liste.


    Was "glaube ich", was gewinnt.


    Ohne witzig sein zu wollen, ich glaube eine der Pauls wird gewinnen. Mein Bauchgefühl sagt mir Paul Murray. Paul Lynch würde ich gut finden. Und Paul Harding befürchte ich (der "Blurb" der Jurysprecherin ist auf dem Cover des Buches abgedruckt). Harding wäre für mich bitter, alles andere okay. Ein Dark Horse Winner wie Sarah Bernstein wäre großartig, aber auch Außenseitern wie Escoffery und Maroo würde ich es irgendwie gönnen.

    Mir hat der Roman auch sehr gefallen. Dabei gefallen mir Dystopien sonst oft weniger, einfach weil sich die Weltentwürfe sehr oft wiederholen bzw. das, was eine Gesellschaft aus den Angeln hebt, ist häufig dasselbe, weil es so naheliegend ist, wie z.B. der Rechtsruck in vielen europäischen Staaten.


    Das ist bei dem Roman jetzt nicht grundsätzlich so anders, aber Paul Lynch macht etwas für mich sehr Kluges und Spannendes. Er konzentriert sich komplett auf das Private, auf diese Perspektive ganz eng an dieser Mutter, die ihre Kinder irgendwie durch diese zerfallene Welt navigieren muss. Und mit dem Schreibstil erzeugt Lynch diese atemlose Atmosphäre (wortwörtlich ohne Punkt und Komma).


    Es gibt eine Kleinigkeit, die mit der Intention des Autors zusammenhängt (den Bezug der Welt aus diesem Roman zur realen Welt), bei der ich mir noch unsicher bin, aber es wäre zu sehr ein Spoiler, wenn ich genauer darauf eingehen würde. Das störte mich aber jetzt weniger. So ein wenig Reibungsfläche mit einem Buch ist ja auch nicht schlecht.

    Immerhin 4 Treffer (und zwei bereits gelesene Bücher). Die Shortlist ist die folgende:


    - Paul Murray - The Bee Sting

    - Sarah Bernstein - Study for Obedience

    - Paul Harding - This Other Eden

    - Jonathan Escoffery - If I Survive You

    - Paul Lynch - Prophet Song

    - Chetna Maroo - Western Lane

    Morgen wird die Shortlist bekannt gegeben. Hat jemand Tipps oder Favoriten?


    Chetna Maroo "Western Lane": Kein schlechtes Buch. Ein eher schmales, sehr unaufdringliches und schmales Buch. Es handelt von einem Mädchen, das den Tod seiner Mutter durch obsessives Squash-Spielen verarbeitet. Obwohl der Roman sicherlich gut geschrieben ist, fand ich, dass er ein wenig zu nach einem bestimmten Schema geschrieben ist. Der Squash-Court wird hier zu sehr zu einer konstruierten Metapher in einer ebenso konstruierte kleine Novelle.


    Martin MacInnes "In Ascension": Angeblich literarische Science Fiction, aber weder ist dieser Roman besonders literarisch (schwache Figurenzeichnung, Figuren ohne Entwicklung, typische SF-Exposition in Dialogen usw.), noch bietet er gute Science Fiction (der Roman bringt nichts Neues, was nicht schon von hunderten anderen SF-Romanen gemacht wurde). Er könnte höchstens Fans von Filmen wie "Interstellar" und "Gravity" gefalle. Für alle die Pathos mögen. Bei der Nominierung muss es sich wohl um ein Missverständnis handeln. Ich habe ihn abgebrochen (DNF).


    Sarah Bernsteins "Study for Obedience": Auch ein eher schmales Buch, aber eines mit mehr Substanz. Es ist auch ein wenig sperrig. Die Erzählerin zieht zu ihrem Bruder, der sich gerade von seiner Frau getrennt hat, in eine ländliche Gegend irgendwo im Ausland. Sie spricht nicht die Sprache der Einwohner, und als merkwürdige Dinge passieren, macht man sie dafür verantwortlich. Ein Roman über Nicht-Kommunikation und das Gefühl des Nicht-Ankommens. Und wie der Titel schon verrät, über Gehorsamkeit, Frauenrollen und einem sehr absonderlichen Bruder/Schwester-Verhältnis. In einer sehr langweiligen Longlist wenigstens ein Buch, das ein wenig anders ist.


    Meine Tipps für die Shortlist:


    - Paul Murray - The Bee Sting

    - Sarah Bernstein - Study for Obedience

    - Paul Harding - This Other Eden

    - Jonathan Escoffery - If I Survive You

    - Ayobami Adebayo - A Spell of Good Things

    - Sebastian Barry - God's Old Time


    ASIN/ISBN: 178378993X

    Ich freue mich, dass "Drifter" nominiert wurde. Ich habe den Roman sehr genossen, hätte aber niemals erwartet, dass er nominiert wird. Ich dachte, er wäre zu absurd (was wiederum genau mein Ding ist).


    Gleichzeitig überrascht mich die Nicht-Nominierung von "Monde vor der Landung". Ich lese ihn gerade und mag den Roman auch sehr.


    Ansonsten einige Favoriten auf der Liste.

    Was haltet ihr von den neuen Juroen Mithu Sanyal und Thomas Strässle?


    Ich finde ihre Beiträge ambitioniert und wirklich nicht schlecht, aber Mithu Sanyal fuchtelt ein wenig zu viel mit den Händen und dass die ganze Zeit. Naja, es gibt schlimmeres!

    Ich habe noch nicht so viel gesehen, aber ich finde beide sehr gut, Definitiv eine Bereicherung. Mithu Sanyal ist die bessere Vea Kaiser. Sie argumentiert auch sehr aus dem Bauch heraus, nimmt also eine ähnliche Rolle in der Runde ein, hat im Gegensatz zu Vea Kaiser aber eine immer eine solide literaturkritische Argumentation parat. Thomas Strässle ist auch sehr souverän in seinen Beiträgen. Beiden merkt man ihre Medienerfahrung an (Literarisches Quartett, Literaturclub etc.). Beide beleben auch die Diskussion, weil sie anders als Kastberger und Tingler sehr konstruktiv und positiv beitragen.

    Ich denke mal, der Vergleich mit Harry Potter (prominent von Denis Scheck geäußert) tut dem Roman nicht gut und dann eben das sozialkritische Element, das ich in meiner Rezi ja auch schon wenig kritisch angemerkt habe, weil Kuang es eben nicht besonders subtil behandelt, aber wo die Leute eben oft auch ein wenig übertrieben reagieren (Wokeness-Verdacht also ordentlich mit der Keule draufhauen, dabei spricht ja erst einmal nichts gegen sozialkritische Themen auch in Fantasy-Romanen).