Beiträge von Googol

    Wird ein abgebrochenes Spiel nicht mit 0:2 gewertet?


    Ja, hoffentlich war das eine kümmerliche Tor im Vergleich zum Worst Case bei einer tatsächlichen Aktion mit Haltung es wert nicht mehr Haltung zu zeigen. Das war wirkungsloser Gratismut für die privaten Insta-Spieler-Profile.

    Ich sehe es schon kommen.

    Katar steht im Finale und die Zuschauer verlassen gelangweilt das Stadion!

    Was sollen die Zuschauer auch sonst machen?


    Bei dem Endspiel Katar - Costa Rica werden dann insgesamt 25 Tore von Costa Rica vom VAR zurückgenommen bis dann in der 2456. Minute der Nachspielzeit Katar endlich das 1:0 Tor zur Weltmeisterschaft schießt.

    Ich weiß nicht, ob man mein Nichtgucken überhaupt noch als Boykott bezeichnen kann. Zu viele Dinge wie Nations League und FIFA-Gigantismus (WM 2026 dann also mit 48 Mannschaften!) haben einfach jede Lust geraubt, und eine Mannschaft gefühlt ohne Charaktere (die Spieler wirken doch oftmals fast schon geklont und durch Nachwuchsleistungszentren gesteuert - politische Statements kann man von denen ja kaum erwarten). Ich schaue auch außerhalb der WM inzwischen so selten Länderspiele, dass wenn ich es doch tue, bei der Hymne vielleicht maximal die Hälfte der Spieler identifizieren kann. Als Werder-Fan hätte ich gerne Füllkrug gesehen, aber ok, was soll's.


    Diese WM treibt es aber dann so auf die Spitze, dass man ja fast schon doch hinsehen will (als würde man einen entgleisenden ICE betrachten), vielleicht sollte man sogar hinschauen. Und das was man durch Twitter etc. an Splittern so mitbekommt, wie die BBC Reporterin mit One Love Armbinde oder die iranische Mannschaft und das Publikum bei der Hymne, da merkt man eben, dass eine Fußball-WM halt so groß ist, dass sie Weltpolitik widerspiegelt.


    Die Aktion jetzt mit der Armbinde ist einfach nur absurd. Die One Love Binde als Kompromiss, um nicht einfach mit der Regenbogenfarben-Binde aufzulaufen, die jetzt dann am Spieltag quasi verboten wurde, sollte eigentlich Beweis sein, dass man in manchen Fragen einfach keine Kompromisse machen sollte. Ganz oder gar nicht.


    Was ich nicht ganz verstehe, aber vielleicht kommt das ja noch, ist sich kein Spieler, Schiedsrichter oder Funktionär eigentlich bewusst, dass aktiver Widerstand vielleicht kurzfristig Nachteil sein könnte, aber so mittel- und langfristig... Man stelle sich nur einen Neuer vor, der sagt, OK dann eben nicht One Love, ich gehe aufs Ganze und laufe mit Regenfarbenbinde auf. Gelbe Karte? Der Mann würde unsterblich. Die komplette Manschaft würde disqualifiziert oder es gäbe Punkteabzug? Sollten sie versuchen und selbst wenn, schadet es wirklich? Sportlich setzte ich auf diese Mannschaft kaum, mit den richtigen Zeichen könnte die Mannschaft aber überraschen. Wird sie natürlich nicht tun, da habe ich keinerlei Illusionen.

    ASIN/ISBN: 1951213602


    Eine Empfehlung aus einem Schreibkurs.


    Despite an embarrassing, alcoholic mother, Noomi Wadia is loathe to change her own hard-partying ways simply because it's what's expected in Kamalpur high society. As her peers begin to marry and her social obligations become more fraught, she finds herself under constant scrutiny at summer parties of the city’s upper crust.


    Das erste Kapitel verspricht schonmal einen ungewöhnlichen Blick auf das zeitgenössische Indien.

    Autofiktion, und darum handelt es sich bei Kim de l’Horizons Blutbuch, ist nicht unbedingt mein favorisiertes Genre, was ich aber bei der literarischen Beurteilung von Autofiktion spannend finde ist die Frage der Form: wird die Geschichte eines Lebens geradlinig erzählt (dann könnte ich ja auch ein Memoir lesen) oder wird das Leben gestaltet, in eine literarische Form gegossen. Blutbuch macht letzteres und das bis zum Anschlag. Die Hauptfigur wird komplett dekonstruiert und der Roman versucht sich an den unterschiedlichsten literarischen Formen: Metafiktion, Postmoderne, Postpostmoderne, Polyphonie. Da wird also so sehr aus intellektuellen Rauchkanonen geschossen, dass das Thema, die non-binäre Identitätsfindung, oft nur noch von Nebel umhüllt wird.


    Dabei fängt Blutbuch sehr stark an. Handwerklich geschickt und sprachlich originell wird in die Grundkonstellation eingeführt und werden die Hauptfiguren vorgestellt. Die an Demenz erkrankte Großmutter (Großmeer), die Mutter (Meer), das Kind und das erzählende Ich (das Kind in Erwachsen). Wie das Ich in Frauenkleidern die Großmutter mit einer Schachtel Pralinen besucht, über den Schreibtisch gebeugt schreibt und wie es anonymen Sex mit Männern und eine Spur Körperlichkeit spürt. Das ist alles psychologisch stimmig erzählt. In den Passagen über das Kind wird es märchenhafter, ein Ton, der mir gefiel. Wie selbstverständlich wird es als geschlechtslos, binär nicht lesbar geschrieben (bist du en Meitli oder en Bueb?), das sich aber doch so langsam mal für eine Geschlechtsidentität entscheiden soll. Um es herum die binären Narrative der weiblichen und männlichen Ahnenlinien.


    Es geht um die Identitätssuche durch Sprachfindung und Körperlichkeit. Sprachlich geht es da keineswegs nur um das Gendern (das sich im Übrigen in vielen Passagen in Grenzen hält), sondern auch um das Bernerdeutsche (woraus sich das Meer/Peer ergibt), Schweizerdeutsche, Französische, Anglizismen, Englische und auch um „Intellektuellensprache“, die Frage wie man als gebildeter Aufsteiger mit den Eltern und Großeltern aus einfacheren Verhältnissen kommuniziert.


    So weit so spannend, doch dann verliert sich der Text doch sehr schnell in fragmentarischen Erinnerungsfetzen und Diskursen. Man sieht die Figuren kaum noch im Raum und handelnd, sondern es wird nur noch kommentiert und erklärt, wenig (szenisch) gezeigt. Das klassische Erzählprinzip „Show, don’t tell“ wird umgekehrt. Der Text hat nun ein riesiges Problem. Er kommt mit einem Beipackzettel. Auf jede Kritik und jede Interpretation, die ich als Leser hatte, gibt der Text eine Antwort. Und am Ende macht der Beipackzettel gefühlt zweidrittel des Roman aus. Ein paar Beispiele:


    Das angedeutete Mäandernde und Fragmentarische. Dazu heißt es: „Vielleicht ist das mit ein Grund für das Schreiben, für dieses zerstückelte, zebrösmelnde Schreiben. Dafür, dass aus meinen Händen nur Bruchstücke kommen, deren Kanten so zersplittert sind, dass sich daraus keine smoothe, packende, glatt polierte Geschichte bauen lässt..“ Und wenig später wird erklärt: „Es hat etwas Zwanghaftes, wie in der Familie von Peer das Erlebte zu Narrativen geformt wird.“ (Konventionelles Erzählen als ein Privileg des Patriarchats?). Das ist auf den Seiten 58/59 und ungefähr ab da fing der Roman an, das inhaltliche Potential zu verpulvern, und mir ein wenig auf die Nerven zu gehen.


    Wenn wir dann später wieder beim erzählenden Ich sind, sprachlich funkelnd, explosiv, komisch: „Ich hüpfte in beballerter easyJet-orangener Aufgejazzheit zwischen Berlin und Zürich hin und her, machte Aderlass und gab mir das Mainstream-Gaydom beider Städte intravenös.“ Und ähnlicher funkelnder Sätze, Satz an Satz und dann heißt es: „… es ist eine zynische, aufgekratzte Erzählstimme, die da ganz plötzlich und angestrengt popliterarisch über diesen Teil schwubuliert, und dafür entschuldige ich mich auch... diese Zeit… ist mir zu nah, zu mäh und wäh… Ich schäme mich für all das.“


    Dieses Versteckspiel dieser Identität hinter strukturellen Spielereien wird zunehmend schlimmer. Es hagelt Fußnoten, es wird postpostmodern, und in einer Fußnote wird dann Infinite Jest von David Foster Wallace zitiert (was sonst, wenn es um Fußnoten geht?) Und es wird Derrida ausgepackt und natürlich Annie Ernaux (wer sonst, wenn es um Autofiktion geht?). Das ist etwas platt und prätentiös. Bezeichnend wie die Autorin Ursula K. LeGuin zitiert wird. Einmal wird ihr Roman Left Hand of Darkness erwähnt, in dem es um eine Welt geht, in der Menschen, nach belieben ihr Geschlecht ändern können (den Kim de l’Horizon aber nicht gelesen hat, weil bäh, Science Fiction) und an anderer Stelle ihr Essay „The Carrier Bag Theory of Fiction“, den Kim de l’Horizon tatsächlich gelesen hat und dann nochmal als zusätzliche theoretische Strukturierungshilfe über diesen ohnehin schon übererklärten Text stülpt. Der Essay ist Kim de l‘Horizon also wichtiger als der Roman, oder überspitzt auf diesem Text übertragen: der Diskurs ist wichtiger als der Inhalt, der Kommentar wichtiger als das Kommentierte, die Fußnote wichtiger als der Fließtext.


    Das englischsprachige Abschlusskapitel (das auf den letzten Seiten, auf den Kopf stehend, ins Deutsche übersetzt abgedruckt ist) macht für mich inhaltlich überhaupt keinen Sinn. Vermeintlich, damit es Großmutter und Mutter nicht lesen können. Aber wieso wird das alles erzählt, und Großmutter und Mutter könnten dann ja trotzdem die Übersetzung lesen?


    Wie gesagt: Versteckspiel. Man kann das psychologisch vielleicht erklären, dass da jemand versucht, an dem eigenen Ich vorbeizuschreiben. Den Leser nicht an sich heranlassen möchte und diese zusätzlichen Schichten und Häute braucht. Es liest sich leider nur so schrecklich verkrampft. Eine Geschichte gibt es kaum. Es gibt ein Familiengeheimnis, das aber nicht weltbewegend ist, und auch die Identitätssuche tritt irgendwann nur noch auf der Stelle. Man kann den Roman eigentlich nicht spoilern. Die einzige Vorwärtsbewegung im Text ist das Aufeinanderstapeln von Metaebenen. Trotzdem spoilere ich mal die finale Metaebene. Man erfährt, wieso dieser Roman überhaupt geschrieben wurde.


    Hat funktioniert. Spätestens hier fühlte ich mich veräppelt. Der Roman ist wie mit einer Clownsmaske im Gesicht geschrieben. Für diese Chuzpe dem Literaturbetrieb gegenüber, und der sprachlichen und inhaltlichen Originalität wegen, vergebe ich immerhin noch drei von fünf Punkten.

    Weil es als zeitgeistig-chic gilt, sich vor derlei nicht mehr zu ekeln?

    Du verwechselst in diesem Fall Zeitgeist mit gesellschaftlichen Fortschritt. Man muss den Fortschritt nicht mitgehen, aber Fortschritt heißt auch immer mehr "leben und leben lassen" (wie ja auch von Batcat zitiert). Egal wie groß oder klein die Bezugsgruppe ist. D.h. du magst dich ekeln, und das darfst du ja auch, aber dein Ekel ist eines ganz bestimmt nicht: Relevant für die literarische Bewertung eines Buches. Du stellst deine ganz persönlichen und subjektiven Neigungen oder Abneigungen über alles andere. In diesem Thread geht's eigentlich nur noch um deine persönlichen Befindlichkeiten. Darauf hinzuweisen hat nichts mit politischen Gesinnungsterror zu tun (echt, geht's noch?).


    Eine literarische Anmerkung noch im übrigen. Du sprichst wie selbstverständlich von Trennung von Autor und Werk. Wir haben es hier mit Autofiktion zu tun. Aus der Buchpreis-Shortlist: Mit Daniela Dröscher redet man also über die fettleibige Mutter und ihre Kindheit, mit Jan Faktor über den Selbstmord des Sohnes, und mit Kim l'Horizon über Geschlechtsidentitäten (woraus sich dann fast wie von alleine auch sexuelle Szenen ergeben). Annie Ernaux Nobelpreis dieses Jahr, Grande Dame der Autofiktion. Wenn man den Preis als zeitgeistig einstuft, sollte man das literarische Genre nicht vergessen. Man mag das Genre nicht gut finden oder als Mode empfinden, aber dass da jemand über das eigene Leben schreibt und es schonungslos ausbreitet ist Genre-bedingtes literarisches Programm.

    Dieter, dies ist ein Bücher-Rezensionsthread. Nicht ein beliebige-Einzelszene-aus-einem-Buch-das-ich-nicht-gelesen-habe-Rezensions-Thread. Ist das so schwer zu begreifen?


    Wir (oder zumindest ich) haben deinen Punkt, glaube ich, begriffen, und Dir hat niemand verboten, ihn mit uns mehrfach und wiederholt zu teilen.

    Bist du tatsächlich empört? Ich nicht.

    Abgesehen davon, ist dies keine Szene. Das Merkmal einer Szene ist Handlung. Eine solche gibt es hier nicht. Hier enthüllt jemand schonungslos sein Sexualleben - für mich kein Grund zur Empörung. Es interessiert mich bloß nicht. Das könnte es allenfalls, wäre es sprachlich gekonnt gemacht.

    Ist es aber nicht.

    Vielleicht nicht empört, aber irgendwie fixiert? Sehr viele Kommentare zu einem Buch, das dich nicht interessiert (mich interessieren zig tausende Bücher nicht, viele vermutlich mit ebenso schonungslosen Sexszenen, was wäre das für ein Aufwand mich zu all denen zu äußern). Ein einzig kraftvolles ICH WERDE DIESES BUCH NIEMALS NIE LESEN hätte auch gereicht.

    Kim l'Horizon tut Dir doch nichts. Das Buch auch nicht. Lass es doch irgendwann mal gut sein. Wir sollten uns jetzt mehr darauf konzentrieren, das Buch sachlich zu besprechen und auf die nächsten Rezis warten, und nicht uns an nur einer Szene festzubeissen.

    Ich fühle mich jetzt inspiriert, dieses (verlängerte) Wochenende auf meine Flasche Rotwein zu verzichten und statt dessen diesen Roman zu lesen. Außer (gerüchteweise) Voltaire beziehen sich in diesem Thread alle auf die Leseprobe oder einen Ausschnitt. Gott, da gibt es eine Analsex-Szene, wirklich schlimm. Wie sehr sind wir alle empört. Der typische, um das moralische und qualitative Heil der deutschen Literatur besorgte Leser, wird fast in jedem Jahr lieber zur Flasche als zum preisgekrönten Buch greifen. Antje Ravik Strubel? Anne Weber? Kann ich mir bei den Kritikern in diesem Thread schwer auf dem Nachttisch liegend vorstellen. Der Deutsche Buchpreis ist kein Publikumspreis, genauso können wir uns jedes Jahr über die Qualität beim Bachmannpreis echauffieren. Das ist langweilig.


    Ich fand die Leseprobe tendenziell positiv, zumindest relativ zu den anderen nominierten Büchern. Welcher Roman hätte es denn literarisch/dramaturgisch qualitativ eher verdient? Ich bin nicht der größte Fan des Genderns, ist hier thematisch aber ja Programm. Sprachfindung eines nicht-binären Individuum. Ich fand das Gendern vielleicht übertrieben (mensch/man, jemensch/mensch), und ich bin auch skeptisch, aber ich werde es dann halt sehen, was L'Horizon aus dem Stoff macht.

    Selbst wenn das stimmte, wäre es kein Kriterium für buchpreiswürdige Literatur.

    Das stimmt. Ich bezog mich auf Toms Kommentar.

    Es wird, wie ich mir zu prognostizieren erlaube, den kürzesten Aufenthalt eines Buchpreisgewinners in den Bestsellerlisten seit 2005 nach sich ziehen, weil der Text dann doch sehr eigenwillig zu sein scheint und sicher kein Roman ist, wie auf dem Cover steht, und weniger Menschen interessiert,

    Die Jury hätte das auch ruhig so sagen können, statt sich auf stilistische und dramaturgische Aspekte zu kaprizieren, die bei den Konkurrenztiteln vermutlich stärker ausgeprägt sind.

    Ich bin mir da nicht so sicher. Ich habe Blutbuch noch nicht gelesen, war bei der Nominierung auch des Zeitgeistes wegen skeptisch und der Autor als Kunstfigur interessiert mich auch nicht (Witze über der/die/das Anreden wie hier im Thread finde ich allerdings albern und gestrig), aber wenn ich mir die Shortlist so anschaue, frage mich dann doch, ob Blutbuch nicht am Ende doch das literarisch spannendste Buch war. Ich weiß nicht, ob es literarisch Sinn macht, aber eben mal ein komplettes Kapitel auf englisch? Gab es das schon einmal? L'horizon scheint zumindest mit der Form zu experimentieren.


    Bin ich skeptisch was den allgemeinen Hang zur ich-ich-ich Befindlichkeitsliteratur angeht, und wünschte mir mehr Geschichten erzählen/erfinden? Ja, ganz sicher.


    Daniela Dröschers Roman mag thematisch klug sein, sprachlich aber fast schon primitiv. Eckhart Nickel mit seiner Pennäler Geschichte, die man fast wortgleich so auch schon vor siebzig Jahren hätte schreiben können. Dschinns war auch nur Thema, in der Form eher ein klassischer Familienschinken. Ich bitte euch. Und bis auf Dschinns hat auch nicht ein einziger Titel das Zeug zum Beststeller über die kurze Preisverleihungseuphorie hinaus.

    Von Pynchon habe ich noch nichts gelesen. Irgendwie habe ich bei ihm im Hinterkopf, dass er so schwer zugänglich ist? Wäre Mason & Dixon ein guter Einstiegspunkt?

    Für Mason & Dixon muss man sich schon sehr viel Zeit nehmen, war mal mein Sommerprojekt. Thematisch passt das für mich zu Quicksilver & Co, aber man kann den Roman fast nicht lesen, ohne nicht zehnmal pro Seite die Hintergründe und Details zu ergoogeln. Und das Buch ist massiv, fast 800 Seiten, und in der anderen Hand das Smart Phone. Da empfehle ich erstmal Krafttraining bevor man das angeht ;)


    Einfacher und kürzer ist sein Roman Crying of Lot 49, den ich auch gut finde, und Inherent Vice ist auch lesbarer, aber das ist dann eben auch nicht 100% Pynchon-like. Gravity's Rainbow habe ich auch noch nicht gelesen.

    Morgen ist endlich Super-Montag (die Preisträger des Deutschen Buchpreis und vom Booker Prize werden bekanntgegeben).


    Ich denke Dschinns ist weiterhin der Favorit, aber ich glaube immer mehr das Kim l'Horizons Blutbuch auch eine Chance hat, und was ich zuletzt darüber gehört habe fand ich auch interessant. Vielleicht noch Bilkau als Aussenseiterin, aber die anderen (Faktor, Dröscher, Nickel) würden mich schon sehr überraschen.

    Mir liegt diese Erzählweise mitsamt den Exkursen (und dem Humor) total und ich bin gespannt, ob die in Quicksilver so ähnlich ist.

    Es kann aber gut sein, dass unsere Geschmäcker da verschieden sind, denn Exkurse und Humor sind wirklich zwei Komponenten, die sein Werk prägen, auch in den neueren Büchern. Vor allem die Exkurse, die Infodumps, sind ja fast sowas wie ein Markenzeichen. Da wird einem dann eben auch Mal nebenbei im Detail erklärt wie man eine Rakete baut oder ähnliches, und nicht immer weil diese Details jetzt wichtig für die Story wären. Der Vergleich mag weit hergeholt sein, und Literaturpuristen werden mich dafür erschlagen, aber in guten Momenten erinnert mich das an Thomas Pynchon, vor allem an Mason & Dixon.


    Deswegen meinte ich auch, dass es vielleicht auch an mir liegt. Bei Termination Shock gibt es diese Exkurse wieder, nur haben sie mich da nur furchtbar genervt. Was ich früher mal originell fand, wirkte plötzlich unbeholfen und hat für mich auch handwerkliche Mängel offengelegt. Originell und witzig gedachte Passagen werden fast wortgleich nach 30 Seiten wiederholt. Personenzeichnungen: furchtbar. Solche Sachen.


    Eschbach habe ich übrigens seit Ewigkeiten nicht mehr gelesen. Den Vergleich nicht zu ernst nehmen. Ich dachte an eine gewisse Schablonenhaftigkeit der Handlung und einen gewissen Mangel an Originalität bei der Themenwahl.


    Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass du nur wegen meinem Verriss, die neueren Sachen nicht komplett abschreiben solltest.


    Die anderen Teile aus dem Baroque-Zyklus habe ich tatsächlich nicht gelesen. Ich habe ein generelles Problem bei Mehrteilern dabeizubleiben.

    Vielleicht gibt es hier Eulen, die mehrere Bücher von Stephenson kennen und deine Frage besser antworten können?

    Ich weiß bei Stephenson nicht, ob sich einfach nur meine Präferenzen als Leser geändert haben, oder ob sich Stephenson verändert hat. Vielleicht beides.


    Am meisten mochte ich seinen eher frühen SF-Roman The Diamond Age. Auch Snow Crash. Seine klassische SF Phase.


    Dann mochte ich auch Quicksilver. Sehr komplex, originell und ambitioniert. Cryptonomicon habe ich nicht gelesen, aber vom Bauchgefühl hätte ich da auch die meisten Gemeinsamkeiten zu Quicksilver vermutet (wissenschaftliche Pseudo-Historie) und auf den hätte ich am ehesten noch Lust.


    Aber dann ging's irgendwie bergab. Sevenness habe ich als Hörbuch mal kurz (also 3-4 Stunden ;)) reingehört und dann aufgegeben. Reamde steht ungelesen irgendwo rum. Und seinen recht neuen Roman Termination Shock fand ich so richtig schlecht. Eher Kategorie schnell runter geschriebener SF-Technothriller, Bauart Eschbach/Schätzing vielleicht.

    Aktuell noch alles sehr schwammig. Was stand genau in den öffentlichen Briefen, die sie unterzeichnet hat, wie offensichtlich sind mögliche Verstrickungen der Autoren der öffentlichen Briefe usw. bzw. wann kippt Israel-Kritik in Antisemitismus? Aktuell scheint es ja hauptsächlich Bild und Focus zu sein, die da vorpreschen.

    Der Leseprobe nach zu urteilen scheint es auch in einem ganz eigenen Stil geschrieben zu sein.

    Ja genau, das hätte ich erwähnen sollen. Für alle, die die Leseprobe nicht gelesen haben (vermutlich wirklich eine gute Idee, um einen Eindruck zu bekommen): der Roman ist in der Du-Form geschrieben (you did this, you did that usw.). Das ist jetzt nicht gerade die alltäglichste Erzählperspektive und es gibt andere Romane, wo sie mich gestört hat, aber hier habe ich mich sehr schnell daran gewöhnt. Das las sich so flüssig wie ein Ich-Roman.

    Auch vielleicht erwähnenswert: die politischen Verwicklungen in Sri Lanka zu der Zeit waren furchtbar kompliziert. Gefühlt ein Dutzend Parteien und Gruppen mit komplizierten Namen, die gegenseitig auf sich einschlugen (bzw. sich in die Luft jagten), und mit keiner kann man sympathisieren. Und was macht der Autor? Auf Seite 22 bis 24 fügt er eine Art Spickzettel ein, wo die Hauptfigur, einem amerikanischen Journalisten die Parteien und Abkürzungen erklärt. Ich hatte generell das Gefühl, dass der Autor die Leser in die Geschichte einladen wollte und davon ausging, dass das politische Setup den Leser leicht überfordern könnte.


    Und dann noch, weil ich den Vergleich zu den Büchern auf der Longlist bzw. Shortlist des Deutschen Buchpreis erwähnte. Was diesen Roman z.B. von einem Buch wie Dschinns abhebt ist, dass er ein ebenso sozial und politisch wichtiges Thema behandelt, aber ohne zu moralisieren. Die Hauptfigur hat auch viele Schwächen.


    Was mich vermutlich am meisten begeistert hat (ich hätte wirklich ne Rezension schreiben sollen ;)): es gibt in dem Roman eine sehr spannende Dreiecksbeziehung zwischen der Hauptfigur (seine Selbstbeschreibung auf seinem imaginierten Grabstein: Photograher. Gambler. Slut), der TV-Journalistin Jaki und deren Cousin DD. Die drei wohnen zusammen. Die Hauptfigur ist nicht-offen homosexuell und hat was DD, die Beziehung mit Jaki hat mindestens etwas von Schwesterbeziehung, und die Dynamik zwischen den dreien ist einfach spannend, kompliziert, liebevoll. Und wie die Hauptfigur versucht mit ihnen aus der Zwischenwelt in Kontakt zu treten, hat etwas rührende, ohne in den Kitsch abzugleiten.