Beiträge von Googol

    Interessante Shortlist.


    Zwei DInge fallen auf: Kazuo Ishiguro hat es nicht von der Longlist auf die Shortlist geschafft. Überraschend.


    Kein einziger britischer Autor (3*USA, Somalia, Sri Lanka und Südafrika). Dafür, dass der Booker Prize der wichtigste britische Literaturpreis ist, ist das mal eine Ansage...

    Und eine Nicht-Empfehlung.


    Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Neuverfilmung des Buches als Serie auf Amazon Prime. Die Serie hatte einen gewissen Sog, der mich mitgerissen hat, und die schauspielerischen Leistung der jungen Darsteller teilweise brutal gut (vor allem Lena Urzendowsky, weniger gut Jana McKinnon als Christiane F.), es haben mich aber einige Dinge extrem gestört. Eine Überästhetisierung des Drogenthemas - vielleicht auch bewusst als Stilmittel eingesetzt, in den ersten ein oder zwei Folgen bekommt man fast Lust auf Heroin. Obwohl in den späten 70ern spielend ist der Look und der Musik sehr "contemporary" (man will dem jungen Zielpublikum wohl nicht zu viel verstaubte Vergangenheit zeigen).


    Für die Drehbücher sollte man die Arbeitserlaubnis entzogen bekommen. Die Idee die Figur der Babsi (die jüngste Drogentote in Berlin - zur Erinnerung: der Stoff basiert auf realen Figuren und realen Gegebenheiten) neu erzufinden, sie ist nun das Kinder einer reichen Familie, mag ja gerade noch legitim sein, aber wie sich das inbesondere mit der Figur weiterentwickelt ist extrem ärgerlich.


    Ohne auf Details einzugehen oder zu spoilern: das hängt vor allem mit der übertriebenen Symbolik und den phantastischen Elementen zusammen, die überhaupt nicht im Ansatz funktionieren, und nur lächerlich sind. Da wird der DJ der Disco dann zum personalisierten Tod.


    Wer nur dreieinhalb Minuten Zeit für diese Serie hat mag bitte bei YouTube nach "Babsi is Free" suchen. Super Ästhetik, geniale Optik, erzählerischer Komplettschwachsinn.


    Ich habe im Nachklang mir ein Interview mit einer der Drehbuchautoren angeschaut und tatsächlich hatte wirklich jedes Symbol in der Serie seine Berechtigung. Frage z.B. "Wieso galoppiert da ein Pferd durch die Szene", Antwort: "Das sollte da gerade Freiheit symbolisieren". "Wieso würgt die eine Figur die andere Figur, das macht aus der Figurenzeichnung und der Szene heraus doch überhaupt keinen Sinn." - "Ja, wir hatten die Idee allen Figuren eine Superkraft zuzuordnen, ausser denen wo uns gerade keine einfiel, und die Figur die da gewürgt wurde hat die Superkraft unsterblich zu sein und das wollten wir damit darstellen."


    Gefährlich dummer Unsinn. Nicht anschauen.

    Netflix hat gerade irgendwie gerade eine gute Phase.


    Die Professorin (The Chair) mit Sandra Oh. Sehr gut geschrieben, interessanter Beitrag zum Thema Cancel Culture und Wokeness, und David Duchovny mit einem genialen Gastauftritt. Auch wenn wir die Serie sehr gefallen hat, so habe ich sie nicht so weg inhaliert wie Clickbait. Psychothriller im Social Media Zeitalter, interessante Erzählweise (jede Folge aus der perspektive einer anderen Figur. Grundidee: Ehemann und Vater wird entführt, in einem YouTube Video sagt er, dass er Frauen misshandelt und sogar getötet hätte, und die Entführer kündigen seinen Tot an sobald das Video 5 Millionen-Views hat. Klingt erst einmal nicht so originell, ist aber schauspielerisch und filmisch sehr stark umgesetzt und spannend erzählt.

    Ich war vielleicht etwas ungenau in meiner Verwendung des Begriffes Erzählperspektive und hätte eher allgemeiner von Erzählform sprechen sollen. Aber sind personale und zeitliche Perspektive nicht die wesentliche erzählerischen Entscheidungen, die ein Autor trifft?


    Und überhaupt, kann man den Faktor Zeit wirklich komplett aus der Erzählperspektive herausfriemeln? Ist es für eine Erzählperspektive nicht wesentlich aus welcher, auch zeitlichen, Situation heraus erzählt wird? Passiert etwas gerade während des Erzählens? Wird etwas aus der Zukunft der Erzählzeit heraus erzählt? Ist der Erzähler vielleicht alt, die Figur ein Kind etc. etc.

    Präsens vs. Präteritum: beides legitime Erzählperspektiven. Die Vergangenheitsform ist sicherlich die konventionellere Erzählperspektive unabhängig vom Genre. Die Gegenwartsform hat nichts damit zu tun, ob eine Geschichte in der Gegenwart spielt (wenn ich deine Überlegung da richtig verstehe), und ich halte die Form für wesentlich schwieriger, kann aber funktionieren. Beispiel: After Dark von Haruki Murakami.


    Mehrere Ich-Erzähler ist auch eine sehr übliche Erzählform. Beispiel: Gillian Flynn. Verwirrungen gibt es hauptsächlich dann wenn sich die mehreren Ich-Erzähler zu ähnlich anhören. Idealerweise sollte man als Leser an der Erzählstimme erkennnen können wer gerade erzählt (auch ohne Namen der Figur in der Überschrift).

    Schwere Zeiten für Werder-Fans diese Woche.


    Erst wichtige Spieler verloren (Josh Sargent wechselt nach Norwich City, Yuya Osako geht wohl nach Japan, Johannes Eggestein nach Antwerpen) und heute in der ersten Runde im DFB-Pokal gegen Osnabrück ausgeschieden. ;(


    Quo Vadis, Werder?


    Auffällig wie schlecht es aktuell in der Offensive aussieht: Josh Sargent hat halt nochmal Geld eingebracht. Das wäre wohl zu sehr ein Luxus gewesen den zu halten, obwohl er gefühlt die zweite Liga vielleicht kaputt geschossen hätte. Den Abgang von JoJo Eggestein finde ich sehr schade. Für mich der erste große Fehler von Markus Anfang, den vergrault zu haben.


    Und was bleibt? Ein Niklas Füllkrug, der komplett außer Form ist. Hoffentlich fängt der sich wieder oder es gibt Verstärkung, sonst sieht es düster aus.


    Allerdings in der Defensive auch nicht viel besser. Toprak und Friedl sind ja auch noch eigentlich zu gut für die 2. Liga, sahen beim 0:1 aber auch nicht gut aus.

    Was mir an diesen Diskussionen immer wieder auffällt wie schnell man von sehr konkreten Fragestellungen wie die der Bedeutung des männlichen Generikums auf die Berufswahl, also Fragestellungen, die sogar einen wirtschaftlichen Aspekt habe (wie kann die WIrtschaft neue Talentpotentiale erschließen) zu den absurdesten Auswüchsen der Identitätspolitik springt. Wie dem absurden Fußballkommentar.


    Ich habe eben, nur weil es mir gerade in Sinn kam nach "chess" und "racism" gegoogled, weil die Verbindung kann ja unmöglich jemand bei Verstand hergestellt haben. Hätte ich nicht tun sollen. Natürlich ist Schach rassistisch.


    Aber trotz dieser blödsinnigen Auswüchse, gibt es auch Nachdenkenswertes in manchen Diskussionen.

    Gibt es nicht sogar Studien dazu? Sollte man doch einfach rechechieren können.


    Verschwörungstheorien zeichnen sich ja in der Regel nicht durch Plausbilität aus.


    Ich finde es psychologisch nachvollziehbar, dass es so ist. Natürlich nicht unmittelbar in der Form, dass man sich bei einer konkreten Stellenausschreibung nicht mitgemeint fühlt und sich dann nicht bewirbt, sondern in dem viel längeren Prozess, in dem sich eine Person die jeweiligen Optionen zurechtlegt. Wenn durch welchen Gründen auch immer bestimmte Optionen wegfallen oder weniger attraktiv wirken, dann findet eine Vorselektion statt. Welche sozialen Prozesse und Dynamiken dahinterstecken ist doch höchst interessant. Das kann man doch als legitime Fragestellung mindestens nicht einfach wegdiskutieren.


    Ich habe jahrelang in der IT Software-Entwickler und Software-Entwicklerinnen eingestellt. Dass es da ein Pipeline-Problem gibt ist offensichtlich (man kann schlecht 50% Frauen einstellen, wenn sich viel weniger bewerben - auffällig übrigens eben auch speziell bei in Deutschland aufgewachsenen Frauen, bei internationalen Bewerberinnen sehen die Zahlen teilweise besser aus).


    Das hat sicherlich x Gründe, wovon Sprache maximal nur einer ist, aber nur weil man, vielleicht berechtigterweise, denkt, dass es die Sprache verhunzt und man noch keine wirklich optimale sprachliche Lösung gefunden hat, ist es trotzdem etwas, das man genauer betrachten sollte.

    Das ist der gängige Entstehungsweg von Verschwörungstheorien. :grin


    Die Syntax der Sprache führt also dazu, dass die Gedanken von Mädchen dahingehend beeinflusst werden, dass sie in ihrer semantischen Lebensgestaltung eine rollentypische Berufsauswahl treffen, weshalb die Syntax "korrigiert" werden muss? Hammer.

    Kleine Korrektur was die Preisträger angeht. Necati Öziri hat zwei Preise gewonnen, nicht drei. Der Stadtschreiberposten ist Teil des Publikumpreises.


    Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal seit langen alle Texte gehört, manchmal habe ich auch nur durchgezappt. Die ersten beiden Tage fand ich teilweise eher schwach bis unterdurchschnittlich.


    Der Hauptpreis für Navi Ebrahimi geht für mich voll in Ordnung. War mein Favorit, aber ich hätte nach der Diskussion nicht erwartet, dass sie gewinnt. Dana Vowinckel schien irgendwie das Momentum zu haben und sie hat ja auch nur sehr knapp die Stichwahl verloren. Ich fand Ebrahamis Text zwar anspruchsvoller, hätte mich für Vohwinkel trotzdem gefreut. Julia Weber wäre meine Nummer zwei oder drei gewesen. Schade, dass sie leer ausgegangen ist. Kaleyta in der Shortlist hat mich überraschend.


    Ein paar Texte fand ich erschreckend schwach (Woitzuck) oder belanglos (Geißler, Ferner, Maisel, Schneider). Jury-Diskussion war publikumswirksam angeregt bis machmal übertrieben aggressiv (Kastberger vs. Tingler). Vea Kaiser wirkte mit ihrer eher emotionalen Literaturreszeption oft deplatziert ("ich habe gelacht", "ich habe geweint).

    Das ist die falsche Shortlist. Das ist die Booker Shortlist vom letzten Jahr (nicht international, sondern englischsprachig). Douglas Stuart hat gewonnen.

    Für den International Booker 2021 sieht die Shortlist wie folgt aus:


    At Night All Blood is Black by David Diop, translated from French by Anna Moschovakis, Pushkin Press

    The Dangers of Smoking in Bed by Mariana Enríquez, translated from Spanish by Megan McDowell, Granta Books

    When We Cease to Understand the World by Benjamín Labatut, translated from Spanish by Adrian Nathan West, Pushkin Press

    The Employees by Olga Ravn, translated from Danish by Martin Aitken, Lolli Editions

    In Memory of Memory by Maria Stepanova, translated from Russian by Sasha Dugdale, Fitzcarraldo Editions

    The War of the Poor by Éric Vuillard, translated from French by Mark Polizzotti, Pan Macmillan, Picador

    Ich vermute, es ist ein inszeniertes Interview mit einer inszenierten Expertin. Die Frage 2+2=4 ist rassistisch mit der entsprechenden Antwort ist Twitter-Niveau. Aber ich kann das natürlich nur vermuten.

    Die Masche von Fox News (und ähnlichen Medien) ist relativ einfach durchschaubar. Als Linker wirst du dort vorgeführt wie ein untalentierter Nerd im Stimmbruch bei DSDS. Natürlich haben die Redakteure in erster Linie das "Krawallpotential" gesehen. Wie ich früher in diesem Thread schon schrieb: das war alles in liberalen Medien in den USA anscheinend überhaupt kein Thema. Fox News hat da Zündstoff gesehen und das Thema aufgebauscht.

    Ändert aber nichts daran, dass ich das Konzept wie bereits angemerkt problematisch finde. Zudem - und das ist zugeben vielleicht eine persönliche Interpretation von mir - glaube ich, dass sich auf der linken Seite dieser Debatte schon ein aktivistischer Cluster gebildet hat, der diese radikale Position eingenommen hat, vollkommen synchron in ihren Ansichten ist und entsprechend als Einheit auftritt. Man hätte einen beliebigen anderen Aktivisten aus dieser Gruppe in diese Fox News Sendung schicken können und sie hätten dasselbe gesagt.

    Wenn Du Dich tiefer einlesen würdest, würdest Du wahrscheinlich etwas in der Art vorfinden.

    Jetzt werd' nicht frech ;) Ich habe mir tatsächlich nicht alles, aber vieles, teilweise auch im Detail durchgelesen.

    Die Basis des Konzeptes ist eine Bewertung des aktuellen Lehrrahmenwerks "California Standards for the Teaching Profession", das aus fünf Schritten besteht (wie man Schüler einbezieht, wie man Lehrmaterial strukturiert usw.).


    Die Bewertung startet mit der These, dass "White Supremacy Culture" in allen diesen Schritten sichtbar ist und gibt Beispiele, wodurch sich das manifestiert. Das sind dann insgesamt 19 Einzelpunkte. Die meisten dieser Punkte würden isoliert, außerhalb dieses Kontextes, vielleicht auch Sinn ergeben, auch wenn sie halt sehr auf antiautoritäre, wenig auf Leistung orientierte, Methoden setzt. Die Intention, die tatsächlich auch hier sichtbar ist, benachteiligte Kinder abzuholen und zu fördern, ist eine gute Intention. Auch dass Lehrer darüber reflektieren, was sie besser machen können.


    Nun kommt der Haken an der Geschichte: jeder dieser Punkte wird rassistisch belegt bzw. mit der Kultur der weißen Überlegenheit verknüpft. Das ist dann erst einmal ein inhaltlicher Spagat. Wie bekomme ich jetzt diese Ideen damit verknüpft?

    Ziel dieses Konzeptes ist, dass sich die Lehrer sich des aktuellen Rassismus in der Lehre erst einmal bewusst werden und es sich eingestehen, um dann explizit sich dann in antirassistische Lehrer zu verwandeln. Ich wage zu behaupten, dass das keine intelligente Strategie ist, um Leute ins Boot zu holen. Nicht nur in diesem Kontext, in all diesen Kontexten. Behaupteter Rassismus erzeugt erst einmal Gegenwehr. Vor allem auf dieser Detailebene (ich habe bei dieser Frage Kind X aufgerufen und nach dem Ergebnis gefragt und das war rassistisch? Dass ich mündliche Partizipation oder korrekte Resultate oder zumindest einen korrekten Lösungsweg beurteilt habe macht mich rassistisch).

    Wenn man von dieser Grundbehauptung absehen könnte, dann steckt in diesem Framework sehr viel drin, was Unterricht kreativer und inklusiver macht, aber wie viele Lehrer haben dieses Konzept nicht schon viel früher aufgegeben, weil sie nicht über diese initiale Hürde gekommen sind.

    Und jetzt stell dir vor, wenn dann eben Fox News so etwas instrumentalisiert - und genau deshalb muss man sich natürlich anmaßen können eine wissenschaftliche Arbeit bewerten zu können, weil sie ist nun einmal in der Welt und wird von Menschen aller möglichen politischen Richtung bewertet - da wird dann eine Wissenschaftlerin eingeladen, die hinter diesem Konzept steht: Dr. Anne DeLessio-Parson.

    Fox-News-Mensch: Anne, was 2+2=4 ist jetzt rassistisch? Haha.

    Dr. DeLessio-Parson: Dr. Parson, bitte. Bob, hast du das Buch gelesen, das ich dir das letzte Mal empfohlen habe (Anmerkung: über die Geschichte des Rassismus in den USA).
    Fox-News-Mensch: ja, was hat das mit 2+2=4 zu tun? Haha. Hihi

    Dr. DeLessio-Parson: Bevor ich das erkläre, können wir uns darauf einigen, dass die Lehre in den USA von systemischen Rassismus geprägt ist...
    usw. usw.

    Wäre die Sendezeit nicht schon drei Minuten später beendet gewesen und hätte sie eine Stunde zum Ausformulieren ihrer Thesen bekommen, dann wäre sie sicherlich zum nachvollziehbareren Kern ihrer Thesen gekommen. So hat sie sich und das Konzept einfach nur lächerlich gemacht. Dass sie an anderer Stelle in einer anderen wissenschaftlichen Arbeit Fleischkonsum als rassistisch beschrieben hat hat ihre Position auch nicht gerade gestärkt.

    Wissenschaft beinhaltet auch Wissenschaftskommunikation.

    Ich weiß nicht, ob ich meinen eigenen politischen Standpunkt bisher klargemacht habe. Ich bin in wesentlichen viel näher an Dr. DeLessio-Parson als an den Positionen, die Fox News vertritt. Tatsächlich streite ich mich viel häufiger mit Leuten, die mir politischer näher sind, als mit Leuten mit komplett konträren Ansichten. Wieso sollte ich mich z.B. mit einem AFD-Fan streiten? Das wäre verlorene Zeit. Was mich aber auf die Palme bringt sind Extrempositionen und schlechte Kommunikation, die die von mir vertretene politische Position schwächen.


    So viel erst mal. Bitte sag mir nicht nochmal, dass mein Beitrag zur Diskussion fragwürdig und uninformiert ist. Danke :)

    Maarten


    Nur zwei Anmerkungen noch, dann ist auch gut, weil wir drehen uns im Kreis :)


    1. Das ist auch - und vor allem - in den USA ein Thema

    2. Es wird sicherlich auch instrumentalisiert, das aber vor allem weil der Inhalt dieses Konzeptes aus meiner Sicht himmelschreiender Unsinn ist (einfach Punkteliste und das Wording im Detail anschauen. Nochmal es ist u.a. rassistisch, dass man im Mathematikunterricht auf korrekte Ergebnisse wert legt) . Rechtskonservative Medien haben es daher einfach linksliberale Positionen generell zu diskreditieren (schaut mal, was die wieder für einen Blödsinn verzapfen).

    Ich finde Tom fasst die grundsätzliche Problematik eigentlich perfekt zusammen.


    Zur Geschichte der Mathematik: wie Breumel bereits anmerkte so war es bei mir auch. Mathematikunterricht war kein Geschichtsunterricht, sondern war neutral. Oder wirkte vielleicht neutral aus der privilegierten Perspektive. Selbst Formeln, die nach Mathematikern benannt wurden, hat man kaum personalisiert.

    Ich kann nur spekulieren, aber ich glaube man kann dieses "ethnomathematische" Framework aus Oregon nur verstehen aus den gesellschaftlichen Kontext in den USA heraus. Ich bezweifele, dass es hier wirklich so speziell um Mathematik geht, sondern wohl eher grundlegender wie man benachteiligte Gruppen stärker fördert, wie man Selbstbewusstsein etc. schafft. Da es ja auch um sehr spezielle Gruppen geht (mit vorwiegend schwarzen oder lateinamerikanischen Wurzeln) geht es da ja auch nicht wirklich darum mathematische Geschichtsverfälschung zu korrigieren. Ob da jetzt ein Grieche oder ein Araber etwas erfunden hat - egal, ich brauche für jeden Schüler personalisiert Bezugspersonen, die man mit der Gruppe, mit der man sich identifiziert, verknüpfen kann. Das wird auch möglich sein, nur verschiebt sich dann die Priorität dann irgendwann zu sehr weg vom eigentlichen Thema - den Kindern Mathematik beizubringen.

    Ich kann mich auch schwer so in entsprechende Minderheiten reindenken, um zu begreifen wieso so eine Bevormundung (korrekte Antworten sind nicht mehr so wichtig, keine Leistungsnachweise, Gruppen- statt Einzelarbeit) die Position stärken soll. Wirkt eher für mich wie: liebes Minderheiten-Mädchen, ich helfe dir jetzt, in dem ich dich erstmal für dumm halte.

    Meine naive Idee in dem Fall: parallel zum Mathematik-Unterricht guten Informatik-Unterricht, quasi als angewandte Mathematik. Da dann auch gerne mit einem geschichtlichen Anteil: den Leuten auch gerne Ada Lovelace, Katherine Johnson, Alan Turing etc. vorstellen...

    Maarten

    "Lediglich ein pädogisches Konzept" ist eine starke Untertreibung. Ja, ich weiß, dass es auch hierzulande pädogische Konzepte gibt, die vom Ansatz in eine ähnliche Richtung gehen, aber folgendes Beispiel:


    Lehrer fragt: Was ist 2+2?

    Timmi: 5


    Wenn jetzt ein Lehrer nach diesem Konzept Timmi mitteilt, dass das nicht stimmt, missachtet er nicht nur ein pädogisches Konzept, sondern fördert die weiße rassische Überlegenheit. Er ist ein Rassist. Das ist ein Unterschied zu den aktuellen "Rand-Standards" in Deutschland.


    Und das war ja nur ein Ausschnitt aus diesem Framework. Nach dem Konzept ist es auch rassistisch keine Mathematiker aus den genannten Minderheiten (Schwarze, Latinx etc.) in den Mittelpunkt zu stellen. Also statt des Satz des Pythagoras, weil weißer Mann, dann eben... ja, ich weiß nicht genau was statt dessen. Nach Leistung zu beurteilen ist auch blöd - gut, erst einmal ein pädagogisches Konzept, das in die von dir genannte Richtung geht, aber es geht ja darüber hinaus, das Framework sagt nach Leistung zu beurteilen wäre rassistisch. Sich melden, vor der Gruppe zu antworten... alles rassistisch und motiviert aus einem System der "White Supremacy".


    Wenn nun konservative Medien das "grob falsch" auslegen und sagen, dass 2+2=4 nicht mehr gültig wäre, dann tun sie das deshalb weil die Leute, die dieses Konzept erarbeitet haben, eine solche extreme Steilvorlage geliefert haben. Und das war genau mein Punkt. Wenn man etwas so übertreibt wie in diesem Fall dann tut man der Sache keinen Gefallen. Man bittet fast darum ins lächerliche gezogen zu werden. Und das in den USA auch sehr stark geschehen (FOX News direkt mit Schaum vorm Mund) während liberale Medien das Thema kaum angesprochen, vermutlich aus Scham.

    Wir können uns alle darauf einigen, dass es eine gute Idee ist, Mathematik Minderheiten zugänglich zu machen, Mathematik für Mädchen attraktiver zu machen etc.


    Klingt doch schon ganz anders, oder?


    Ich habe mir mal ein Dokument von dieser Seite angesehen. Direkt das erste: Stride 1. Mit vollem Titel:


    "A Pathway to Equitable Math Instruction

    Dismantling Racism in Mathematics Instruction

    Exercises for educators to reflect on their own biases to transform their instructional practice"

    Das erste Kapitel hat den Untertitel: "Dismantling White Supremacy in Math classrooms".

    "We see white supremacy culture show up in the mathematics classroom even as we carry out our professional responsibilities outlined in the California Standards for the Teaching Profession (CSTP). Using CSTPas a framework, we see white supremacy culture in the mathematics classroom can show up when: "

    Ich bin auf Seite 6 und habe da schon x-mal "White Supremacy" gelesen. Und als Lehrer werde ich darum gebeten über meinen Rassismus zu reflektieren.


    Und jetzt kommt es, was ist das erste Beispiel für White Supremacy in der nachfolgenden Liste:


    "The focus is on getting the “right” answer"


    Das in Frage zu stellen ist ein kreativer Lehransatz für die Mathematik, ok. Aber das als Beispiel für die Auswüchse der weißen Überlegenheit? Hallo?

    Die folgenden Punkte machen teilweise Sinn, teilweise weniger, manchmal gleiten sie ins Groteske. Sorry. Da bin ich raus. Theoretisch mag das ne gute Idee sein, aber wie das vermittelt wird und was da in den Mittelpunkt gestellt wird ist absurd.


    Auch ein Bill Gates steckt sein Geld auch mal in Blödsinn.