Roberto Bolano - Das Dritte Reich

  • Titel: Das Dritte Reich
    OT: El Tercer Reich
    Autor: Roberto Bolano
    Übersetzt aus dem Spanischen von: Christian Hansen
    Verlag: Carl Hanser Verlag
    Erschienen: August 2011
    Seitenzahl: 320
    ISBN-10: 3446236104
    ISBN-13: 978-3446236103
    Preis: 21.90 EUR


    Wenn man ein Buch von Roberto Bolano zur Hand nimmt, dann kann man sicher sein, dass man etwas Besonderes bekommt, nicht das Gewöhnliche und Gewohnte. Dieses Buch ist ein Roman aus dem Nachlass Roberto Bolanos und in seiner Nachbemerkung weist der Übersetzer Christian Hansen darauf hin, dass man sich nicht sicher gewesen sei, ob dieses Buch nun auch so sei, wie Roberto Bolano es gewollt habe. Der Text stammt aus dem Jahre 1989 und gehört zu den frühen Werken Bolanos.


    Vordergründig geht es in diesem Buch um die Leidenschaft Udo Bergers für Kriegsspiele. Berger spielte am Brett – nicht am Computer. Er spielt das Strategiespiel „Das Dritte Reich“. Gerade ist Udo Berger Landesmeister geworden. Auch während seines ersten gemeinsamen Urlaubs mit seiner Freundin Ingeborg kann Udo nicht von diesem Spiel lassen. Die meiste Zeit verbringt er im Hotelzimmer, immer beschäftigt mit diesem Strategiespiel. Auch als er und Ingeborg Charly und Hanna aus Oberhausen kennenlernen, ist Udo nur immer sehr schwer zu bewegen, sich den Dreien für gemeinsame Unternehmungen anzuschließen. Nach einem gewagten mit dem Surfbrett aufs Meer, kehrt Charly nicht mehr zurück. Die Suche nach ihm verläuft anfangs ergebnislos. Während Ingeborg versucht Hanna beizustehen, zieht sich Udo immer mehr zurück. Nur in der Nähe der Hotelbesitzerin, Frau Else, taut immer etwas auf. Sie kannte er bereits aus früheren Urlauben mit seinen Eltern – und damals wie auch heute, fühlt er sich von der attraktiven Frau angezogen. Dann reist Hanna ab – ohne zu wissen was mit Charly passiert ist. Ingeborg und Udo entfernen sich immer mehr voneinander, ihre Beziehung scheint offensichtlich keine Zukunft zu haben. Und dann fährt auch Ingeborg wieder ins heimatliche Stuttgart – und Udo bleibt allein zurück, mit seinem Spiel, mit seiner ungeklärten Beziehung zu Frau Else und mit dem „Verbrannten“…..


    Der „Verbrannte“ – er wird so genannt aufgrund von Brandwunden im Gesicht – wird nun Udos Spielpartner. Das Spiel nimmt langsam obsessiven Charakter an. Der „Verbrannte“ ist Tretbootverleiher und schläft nachts in seiner Burg aus Tretbooten. Ein Sonderling.


    Zwischenzeitlich wurde auch die Leiche Charlys gefunden – und eigentlich könnte Udo nun auch wieder nach Hause fahren – aber er bleibt. Es hat fast den Anschein als sei er nicht nur Sklave seines Strategiespiels, sondern auch Sklave seiner Umgebung.


    Es ist kein düsteres –aber wohl ein dunkles Buch. Ein Buch über die Obsession zu einem Spiel, einem Spiel das den Spielern eine Realität ersetzt, da sie mit der wahren Realität offensichtlich nichts anzufangen wissen. Bolano schreibt distanziert, zum Teil sogar nüchtern – schafft es aber dadurch, diese Geschichte bzw. die Tiefe dieser Geschichte nicht durch zu viele Wörter zu verschütten. Es ist gerade dieser ganz besondere Stil des Autors, der auch dieses Bolano-Buch wieder zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis werden lässt. Andreas Breitenstein schrieb dazu in der NEUEN ZÜRICHER ZEITUNG: „Kühn und wild, finster und licht, monumental und filigran, melancholisch und satirisch….“ und trifft mit dieser Bewertung eigentlich voll neben die Zielscheibe. Denn auch Breitenstein scheitert bei dem Versuch, Bolanos Stil, seine Art des Schreibens zu beschreiben. Man kann es eigentlich nicht. Man sollte ihn so nehmen wie er (Bolano) daher kommt, ihn akzeptieren wie er ist, wie er schreibt und sich nicht in irgendwelchen, zum Scheitern verurteilten, „Interpretationsstammeleien“ versuchen. Bolano ist – wenigstens bin ich der Ansicht – nicht endgültig zu interpretieren oder gar zu verstehen. Bolano lebte und schrieb in seinem ganz eigenen, wohl nur ihm verständlichen persönlichen Universum.


    Roberto Bolano ist ein Schriftsteller, dem es mit jedem seiner Bücher neu zu entdecken gilt. Seine Bücher passen in kein Schema und jedes für sich stellt so etwas wie einen abgeschlossenen Bereich da. Auch „Das Dritte Reich“ macht da keine Ausnahme. Und hier lässt sich Bolano letztendlich nicht fassen, auch hier werden sich viele Interpretationsversuche ergebnislos abgebrochen werden.


    Ein großartiges Buch. Unbedingt lesenswert – ein Buch über Obsessionen, ein Buch vielleicht auch über das Böse, ein Buch ggf. auch über menschliche Schwächen und Stärken, ein Buch über das Triebhafte – ein Buch mit unglaublich vielen Facetten, wobei es nicht gerade leicht fällt, die unterschiedlichen Facetten auch zu erkennen und voneinander zu unterscheiden.


    Geboren wurde Roberto Bolano 1953 in Chile und starb viel zu früh bereits 2003.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Vielen Dank für diese ausführliche Meinung zu diesem Buch. Ich hatte bei Amazon nur eine sehr negative Bewertung gefunden. Schön, dass man sich darauf verlassen kann, bei den Eulen fündig zu werden. Das Buch ist auf der Wunschliste gelandet. :wave

  • Auch von mir vielen Dank für die schöne Rezension, Voltaire.
    Das Buch landet selbstverständlich auf meiner WL.

    Zitat

    von Eskalina:
    Ich hatte bei Amazon nur eine sehr negative Bewertung gefunden


    Diese Rezension habe ich auch gelesen; zum Glück gibt es Bücherforen, da sind die Rezensionen oft besser/ausführlicher :-)


    Liebe Grüße

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können.
    Virginia Woolf

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Conor ()