Vladislavic: Johannesburg - Insel aus Zufall

  • Ivan Vladislavic: Johannesburg - Insel aus Zufall
    A 1 Verlagsges. 2008
    ISBN-13: 978-3927743991. 19€
    und: SZ Bibliothek Metropolen Band 19
    ISBN-13: 978-3866158023. 8,90€
    Originaltitel: Portrait with Keys - Joburg & what-what
    Übersetzer: Thomas Brückner


    Verlagstext:
    Das Buch »Johannesburg. Insel aus Zufall« wurde auf der Cape Town Book Fair 2007 als Meisterwerk gefeiert. Ivan Vladislavic, einer der Hauptvertreter der südafrikanischen Literatur, entwirft darin ein unterhaltsames und tiefgründiges literarisches Porträt der Stadt Johannesburg und des neuen Südafrika.
    Voller Empathie durchstreift Ivan Vladislavic seine Stadt und ist dabei Betrachter, Sammler und Beteiligter zugleich. Ausgangspunkt seines Erzählens sind Erinnerungsorte, Zeitungsmeldungen und Veränderungen in der unmittelbaren Nachbarschaft, denen er auf seinen alltäglichen Streifzügen begegnet. Er schreibt über das eigensinnige Verhalten von Häusern, die in Alarmbereitschaft versetzt werden, über zu gigantischen Trödelmärkten umfunktionierte Lichtspielhäuser, über Metallskulpturen, die auf seltsame Weise aus den Parks der Stadt verschwinden, über Gegenstände und Orte, die ihre ursprüngliche Bestimmung verloren haben, über Flickschuster, Künstler, Diebe und Sicherheitsbedienstete.
    Vladislavics eindringlicher Blick auf seine Umwelt, seine Art, dem Wesen der sich verändernden Stadt nachzuspüren, sind ein Genuss. Mit hoher sprachlicher Präzision, Wortwitz, Ironie schreibt er über die Ängste, Vorurteile und Hoffnungen ihrer Einwohner und erstellt in 138 Kapiteln seine persönliche Landkarte von Johannesburg, die sich nachhaltig im Bewusstsein des Lesers festsetzt. In einer ungewöhnlichen Verschränkung von Autobiografie und Fiktion entsteht dabei eine einzigartige Hommage an die südafrikanische Metropole.


    Zum Autor:
    Ivan Vladislavic, geboren 1957 in Pretoria, studierte afrikaanische und englische Literatur an der University of the Witwatersrand und lebt seit Anfang der siebziger Jahre in Johannesburg. Seit 1989 arbeitet er als freier Lektor und Schriftsteller. Er gab Werke zu zeitgenössischer Kunst und Architektur heraus, schrieb Texte für Bücher der Fotografen David Goldblatt und Roger Palmer und verfasste Essays, Romane und Erzählungen. Für seine Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt er 2007 den renommierten Sunday Times Alan Paton Award für sein Buch »Johannesburg. Insel aus Zufall«.


    Zum Inhalt:
    "Portrait with Keys - Joburg & what-what", der englische Titel verweist auf den Textabschnitt, in dem eine Besucherin verwundert ein südafrikanisches Schlüsselbund ihrem eigenen gegenüberstellt: Mit 17 Schlüsseln verschließt ihr Gastgeber in Johannesburg die zahlreichen Zusatzschlösser und Gittertore seines Hauses! Vladislavic beschreibt seine Stadt in über 130 zirkulär wie einen Stadtrundgang angeordneten Kurztexten. Seine Beobachtungen beziehen sich auf die Zeit kurz vor der Jahrtausendwende. Für echte Straßencowboys hielten er und sein Bruder die Jo'burger als die Jungen noch in Pretoria lebten. Nun ist der Autor selbst Großstädter und verfolgt die Veränderungen seines Stadtviertels. Der Beobachter scheint eine Insel zu bilden mitten in einer sich in rasantem Tempo entwickelnden Großstadt. Es geht u. a. um Verschiebungen und Abgrenzungen zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung. Die Angst vor Gewalttaten und Vandalismus ist in den Texten stets präsent. Menschen ziehen nicht nur aus Angst vor Kriminalität aus der Stadt fort, sie verschwinden auch dadurch, dass sie mitten am Tag im eigenen Haus ermordet werden. Kritik an den Veränderungen durchbricht eine sehr dünne Oberfläche der Gutbürgerlichkeit. Jo'burgs Alltag wird in Anekdoten über Einbrüche, Carjacking, Schnorrer, selbst ernannte Auto-Aufpasser oder fliegende Händler lebendig. Den Text über die Wahl einer Parkkralle, deren Anschaffung ebenso wichtig ist wie der Autokauf zuvor, finde ich deshalb am charakteristischsten für das Leben in Südafrikas Großstädten. Erschreckend nüchtern wirkt die Gegenüberstellung des volkswirtschaftlichen Schadens durch Verbrechen und des wirtschaftlichen Wachstums der boomenden Sicherheitsbranche.


    Fazit:
    Im Register fasst der Autor seine Essays, die zum Teil schon in anderen Zusammenhängen veröffentlicht wurden, thematisch so zusammen, dass Leser sich eigene Stadtrundgänge zusammenstellen können. "Insel aus Zufall" ist an jeder beliebigen Stelle zu beginnen, es kann auch von hinten nach vorn gelesen werden. Eigene Pfade durch das Buch lassen sich unter Überschriften entdecken wie Künstler, Schriftsteller, bemalte Wände, Sicher und solide, Gärten, Bettler und Verkäufer. Mein Favorit: Das Mädchen mit der Taucherbrille auf Seite 107.


    8 von 10 Punkten