Der Distelfink – Donna Tartt

  • Ich bin noch nicht durch, bin gerade bei dieser wunderbaren Szene in der Pippa und Theo zusammen den Glenn Gould-Film schauen und anschließend in einer Weinbar sitzen.

    Aber trotzdem mal zwischendurch, weil ich mich so amüsiert habe:
    Es gibt im Guardian einen Verriss vom Distelfink, Untertitel:
    Donna Tartt's overlong and tediously Potteresque adventure leaves Julie Myerson baffled and disenchanted
    in diesem Verriss geht es u.a. um den fehlenden Subtext:
    Nothing wrong, I suppose, with a Harry Potter homage, but it's hard for an adult reader to be gripped by a tale with no real subtext and peopled entirely by Goodies and Baddies.
    ...
    And when she describes the eerie life of inanimate objects, the way that antique furniture, nurtured and respected down the centuries, can acquire an almost talismanic power, then I believe her absolutely. Here at last her prose comes alive.
    (https://www.theguardian.com/bo…dfinch-donna-tartt-review)

    Es ist natürlich immer gefährlich zu behaupten, ein Text besitze keinen Subtext, dabei scheint sie ihn ja gleichzeitig geradezu gespürt zu haben.

    Ich habe mal einen guten Freund - Autor/Zeichner - gefragt, was es für ihn ist, dieser geheimnisvolle Subtext, den Kunst auszumachen scheint. Die Metapher, die er wählte, war ein Stück Holz mit verschiedenen Lasuren. Eine Maserung unter den Lasuren, die je nach Blickwinkel und Lichteinfall unterschiedlich aussieht eine unterschiedliche Bedeutung hervorhebt, angelegt im Kontext der Lasuren vom Künstler.
    Tartt verwendet ebenfalls diese Metapher.
    U.a. anhand von Hobies und Theos Antiquitäten-Tätigkeiten diskutiert Tartt nicht nur was Kunst ist (und wie sie abgegrenzt wird von Handwerk), sondern auch den Umgang mit Kunst, den Einfluss von Kunst auf uns und ihre Rezeption. Ein Aspekt dieses Subtexts ist dabei, dass Tartt die Rezension im Guardian vorweg nimmt:
    Hobies Tätigkeit, wenn er Antiquitäten 'fälscht', ist die eines Künstlers. Anders als Chippendale, der ein meisterhafter Handwerker war, muss er - obiger Metapher folgend - den passenden Subtext finden und einbringen. In seinen 'Fälschungen' greift er zusätzlich unterschiedliche Inspirationen auf, kombiniert was er findet, so wie ein Künstler seine Inspirationen von anderen Künstlern zieht, und bringt diese zusammen, als würden sie zusammengehören. Die von Hobie erstellten 'Fälschungen' sind - dem Subtext folgend - die eigentliche Kunst, die authentischen Antiquitäten hingegen im besten Fall das Ergebnis von meisterhaftem Handwerk oder ggfls auch einfach nur alter Plunder.
    Tartt selbst referenziert dabei z.B. sowohl JK Rowlings Harry Potter in Theos Spitznamen, wie auch die Kunst niederländischer Meistermaler in seinem Namen. 'Der Distelfink' ist wie einer dieser 'Fälschungen'.

    Hobies Beziehung zu Theo, Pippa, Mrs DeFrees zeigt die Rolle von Kunst in unserer Welt in unterschiedlichen Beziehungen. Hobie ist dabei der Stützpfeiler, derjenige der der Welt ihren Halt gibt.


    Aufgedeckt wird eine dieser 'Fälschungen' durch Lucius Reeves. Lucius in Anlehnung an Lucius Malfoy, einem Todesser aus Harry Potter. Reeve stammt aus dem normannisch geprägten England, ein Vertreter des Earl, Ankläger und Richter in einem.

    Lucius Reeves also, dem Subtext folgend ein Kunstkritiker, der Kunst als Fälschung entlarvt obwohl sie Kunst ist. Jemand der Kunst anhand der Oberfläche beurteilt, weil er den Subtext nicht sehen kann. :)

    I never predict anything, and I never will. (Paul Gascoigne)

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