Beiträge von Maarten

    Über Möglichkeiten und dem Scheitern, diese zu ergreifen

    Durch Tom aufmerksam gemacht auf dieses Buch hat mich die Leseprobe sofort begeistert: Unglaublich eloquent erzählt Elisabeth Strout, sie schafft es in wenigen Sätzen sehr realistische Figuren mit einer großen Tiefe vor dem inneren Auge entstehen zu lassen.


    Mit Blick aufs Meer ist eigentlich eine Sammlung von Kurzgeschichten, von der jede bereits eine Dichte und Eindringlichkeit erreicht, dass sie ohne weiteres für eine ausgedehnte Leserunde reichen könnte. Zusammengenommen bilden diese Kurzgeschichten ein Mosaik, das vor allem ein Bild von Olive Kitteridge entstehen lässt, auch wenn Olive längst nicht in jeder Geschichte Protagonistin ist, ich bin mir im Nachhinein nicht mal sicher, ob sie überhaupt in jeder Geschichte vorkommt. Dieses Mosaik, das Olive auch chronologisch über einen größeren Zeitraum abbildet, macht diese Sammlung von Kurzgeschichten zu einem Roman.


    Olive ist Lehrerin, entsprechend hat sie einen ausgedehnten Blick aufs Meer der Menschen, die in diesem Ort wohnen und der Möglichkeiten, die all diese Menschen haben, auch sie selbst. Olives analytischer Blick sieht dabei scharf, häufig geradezu prophetisch, wohin das alles führen wird, besitzt dabei aber nicht die Möglichkeit viel an dem zu ändern, was sie sieht, nicht bei den anderen, nicht bei sich selbst. Es bleibt eben nur bei diesem Blick aufs Meer. Dieser symbolisiert auch eines der beliebtesten materiellen Ziele, ein Haus mit Blick aufs Meer und Olive erschafft zwar sich und den Menschen, die sie liebt, ein materielles Zuhause, scheitert aber daran auch ein emotionales zu erschaffen.


    Strout schreibt realistisch, d.h. sie mildert das Scheitern ihrer Protagonisten nicht ab, schreibt wie es ist. Die Geschichten/Kapitel werden dabei aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, so bekommt man unterschiedliche Eindrücke insbesondere zu Olive, erlebt zum Teil enorme Differenzen zwischen Aussensicht und Innensicht auf diese. Strout enthält sich dabei einer Wertung, nimmt vollumfänglich die Perspektive der jeweiligen Person ein.


    Mit Blick aufs Meer ist ein unglaublich gut geschriebenes Buch, aber in seiner schonungslosen Aufdeckung der vielen Fallen, in die Menschen tappen, der vielen Begrenzungen, die diese sich selbst auferlegen, durchaus auch ein Anstrengendes.

    Und dieser enormen Komplexität, die auch die Rechte jedes einzelnen Menschen tangiert, kann man nicht einfach über ein, zwei steile Theorien beseitigen.

    Ich vermute und hoffe sehr, dass dies am Ende der gesellschaftlichen Diskussion, die derzeit unter dem Begriff 'Identitätspolitik' geführt wird, als weitgehender Konsens herauskommen wird.

    Das Urteil in der Berufung zum Maya Forstater-Prozess ist ein Schritt in diese Richtung wie auch das Zurückrudern der Royal Academy bzgl. Jess de Wahl mit u.a. den Worten We had no right to judge her views on our social media. This betrayed our most important core value – the protection of free speech.

    Noch eine Ergänzung: Nach meiner Einschätzung und Beobachtung hat die ganze Gendern-Debatte überhaupt erst dazu geführt, dass Menschen in der alltäglichen Kommunikation damit angefangen haben, biologische Gruppen zu sehen, wo zuvor von allen Menschen alle Menschen gemeint waren. Diese vermeintliche Nicht-Sichtbarkeit von Frauen und nichtbinären Menschen (von denen es je 3 Millionen ungefähr 20 gibt, was fraglos unbedingt dazu führen muss, dass alle plötzlich zu faseln beginnen), ist nach meinem Dafürhalten ein Ergebnis der Gendern-Debatte, und nicht ihr Ursprung.

    Zumindest ist das etwas, was ich an mir selbst beobachte. Während ich ein generisches Maskulinum immer als ein solches empfunden habe, kann ich es in einem Kontext, in dem fleißig gegendert wird, nicht mehr als solches empfinden. Was kein Wunder ist. Beim generischen Maskulinum wird das Geschlecht durch den Kontext erst festgelegt. In einem Kontext in dem das Geschlecht immer explizit erwähnt wird, verliert das generische Maskulinum automatisch seine Generik.
    Es liegt nicht an der Sprache, sondern an dem Kontext, in dem sie verwendet wird.

    Wer schulpflichtige Kinder hat, wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, etwa katholischen Internaten im Allgäuer Hinterland (möglicherweise dort aber erst recht), ja inzwischen auch mit gegenderten Texten zugemüllt, während Repliken in Mailverteilern oder Whatsapp-Gruppen, die nicht gegendert sind, einerseits zu harschen Reaktionen und andererseits zu haarigen Missverständnissen führen.

    Von den Schulen bekomme ich auch durchgehend gegenderte Lehrer-Eltern-Kommunikation, typischerweise in der Form der Nennung beider Geschlechter (also ohne *). Gleichzeitig bekommen meine Kinder allerdings auch von den Lehrerinnen ausgesuchte Arbeitsblätter mit Übungssätzen wie:
    - Das Mädchen hilft seiner Mutter im Haushalt.
    - Kleinen Mädchen schenkt man gerne eine Puppe.
    - Blonde Haare finde ich schöner als dunkle.
    - Der Lehrer gibt den Schülern viele Hausaufgaben.
    - Der Koch steht in der Küche.
    - Die Frau kauft ihrem Mann eine Krawatte.
    - Einen dicken Blumenstrauß schenkte die Klasse ihrem Lehrer.
    - Affenmütter lausen ihren Jungen das Fell.
    - Der Fahrlehrer erklärt seinen Schülern die Verkehrszeichen.
    - Der Zahnarzt hat dem Kind zwei Zähne ziehen müssen.
    (alle von dem gleichen Arbeitsblatt)

    Aber die gewaltig komplexe Debatte ist auch in jeder Hinsicht offen und unvollständig. Wenn man die Sprache auf die Weise, die zum Gendersternchen geführt hat, nach vermeintlichen Ungerechtigkeiten durchsucht, findet man ganze Universen von Formulierungen, Regeln, Begriffen, Hilfswörtern, Satzbauten usw. usf., die jede Abstufung von Ungerechtigkeit enthalten könnten - und derzeit gilt ja der Konjunktiv als Imperativ.

    Wir haben z.B. diese Woche darüber diskutiert, ob man noch vom 'schwarzen Mann' reden darf. Die metaphorische Bedeutung ist der Tod und sie hat nichts mit Hautfarben zu tun. Aber man kann das eben auch verwechseln.

    Aber breumel, Dir ist schon klar, dass es nichts weiter als eine Behauptung ist, dass es eine Kausalität zwischen den Berufschancen von Mädchen und dem generischen Maskulinum gibt, oder?

    Die Probleme liegen eben sehr viel tiefer, wie auch das Arbeitsblatt weiter oben zeigt. Als ich wegen der Geburt meines Ältesten mehrere Monate bis wir eine Kinderbetreuung hatten nicht gearbeitet habe, wurde mit von meinem damaligen Kunden gesagt, er hätte gehört, ich würde in Frührente gehen. Meiner Frau wurde gleichzeitig untergeschoben, sie wäre eine Rabenmutter.
    Meine Tochter ist sehr gut in den naturwissenschaftlichen Fächern. Sie glaubt es mir aber nicht, dass das so ist. Es ist bereits eine jahrelange Diskussion:
    "Ich verstehe nichts davon."
    "Schau her, es geht so..."
    "Das ist ja ganz einfach!"
    "Ja, es ist immer das Gleiche. Solange man es nicht verstanden hat, sieht es schwer aus, sobald man es kann, ist es ganz einfach. Und Dir fällt es immer leicht es zu verstehen."
    "Das sagst Du immer..."

    Dennoch:
    Das Wesentliche scheint mir zu sein, dass die Debatte geführt wird. Das wir uns bewusster werden, bewusst eben auch, dass nicht die Sprache selbst sexistisch/rassistisch ist, sondern der Mensch, der sie benutzt. Und dass es dabei auf den Kontext, die Intention ankommt, nicht auf die einzelnen Wörter, die verwendet werden.

    Und vor allem darauf, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

    In diesem Sinne sehe ich die ganze Debatte um das Gendern eben als etwas Positives an. Auch wenn es mir nicht gerade der direkte Weg scheint, sondern ein durchaus umständlicher, bei dem man auch den ein oder anderen Schritt in die falsche Richtung macht.

    Interessant finde ich übrigens bei den 3 Artikeln von


    Judith Sevinç Basad

    Margarete Stokowski

    Alan Posener

    die in den kürzlichen Beiträgen hier zitiert wurden, dass sie alle 3 - trotz ihrer unterschiedlichen Positionen zum Gendern von ablehnend (Judith), zu eher mittig/befürwortend (Alan) und befürwortend (Margarete) - die Meinung äußern, dass es für die Gleichberechtigung wohl eher nix bringt, aber dafür hervorragend geeignet ist, um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

    Andererseits habe ich kürzlich ein Brettspiel gespielt, bei dem es darum geht möglichst viele Assoziationen in möglichst kurzer Zeit aufzuschreiben. Eine Frage dabei war: "Nenne deutsche Schauspieler". Es wurden tatsächlich fast nur Männer aufgeschrieben und als jemand eine Schauspielerin vorlas, wurde moniert, aber es wäre doch nach Schauspielern gefragt worden.
    Es ist was dran, an der notwendigen Ablösung des generischen Maskulinums.

    Aber ich halte es da mit Alan Posener: Die jetzt diskutierten Lösungen mögen für unverständliche Amtstexte gehen, aber für mehr bitte nicht, da sind sie wie ein Stachel im Fleisch.
    Da brauchen wir schon was besseres...

    Schaue derzeit auf Amazon Prime die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Dan Simmons The Terror, die von der Suche nach der Nordwestpassage mit den beiden Schiffen Erebus und eben The Terror handelt.

    Ich kenne das Buch nicht, die Serie gefällt mir bisher sehr gut (bin bei Folge 4). Historisches Drama gepaart mit Horror im Packeis.

    Eine wärmende Decke beim Schauen ist sehr empfehlenswert. 😉

    Gestern habe ich gesehen, dass derzeit alle 5 Staffeln von Chuck auf amazon prime enthalten sind.

    Auch wenn die Serie schon aus 2008 ist, es ist eine wirklich gelungene Nerd-Agenten-Sitcom die nicht nur auf Lacher setzt. Während ich The Big-Bang-Theory immer langweilig fand und auch ansonsten eher selten Sitcoms schaue, habe ich Chuck sehr gerne geschaut.
    In Deutschland ist diese Serie merkwürdigerweise ziemlich unbekannt geblieben, deswegen hier mal der Hinweis, obwohl sie bereits so alt ist.

    Tom :

    Exaltiert? Ich habe Daths Buch nicht gelesen, daher halte ich mich zurück, aber ja, es hat für mich viel von Dr. Theuert (also der Text über das Buch).


    Dath selbst sieht dieses Buch als Science Fiction, vermute ich. Die Grundidee ist aber wirklich extrem. Dekonstruktion in dieser Art in die Zukunft zu extrapolieren und von dem Punkt aus wieder zu dekonstruieren um zu Adam und Eva zu gelangen, ist schon eine irrsinnige Herausforderung. Das kommt mir dann eher wie ein Alice in Wonderland für Philosophen vor. Oder so...

    Vielleicht doch noch kurz was dazu, denn ich habe die Vermutung, dass sich womöglich sehr viel weniger hinter Die Abschaffung der Arten verbirgt, als es den Anschein hat bzw. etwas ganz anderes.
    Und kann's natürlich unmöglich beurteilen, ohne es gelesen zu haben und das scheint, Deiner sehr plastischen und unterhaltsamen Rezension folgend, ein Erlebnis zu sein, auf das ich lieber verzichte. Vielleicht deswegen also doch noch kurz ein paar Gedanken.

    The move from a structuralist account in which capital is understood to structure social relations in relatively homologous ways to a view of hegemony in which power relations are subject to repetition, convergence, and rearticulation brought the question of temporality into the thinking of structure, and marked a shift from a form of Althusserian theory that takes structural totalities as theoretical objects to one in which the insights into the contingent possibility of structure inaugurate a renewed conception of hegemony as bound up with the contingent sites and strategies of the rearticulation of power.

    Das ist der Satz für den Judith Butler 1998 einen Preis für Bad Writing gewonnen hat. (Guardian: The world's worst writing).

    Nimmt man Butlers These der Dekonstruktion der Geschlechter und extrapoliert diese Idee, bei der der Mensch sich über seine Biologie hinwegsetzt in die Zukunft: Menschen können sein was immer sie wollen, Tiere, Keramikwesen, Wälder, Gente, was auch immer.

    Und wenn man als ein Dietmar Dath der Meinung ist, dass Butlers These ziemlicher Unfug ist. Dass die Ergebnisse postmoderner Dekonstruktion reaktionär sind, die Moderne hingegen progressiv.
    Wenn man das Ganze in einen postmodernen, unheimlich klug klingenden Roman verpacken möchte und gleichzeitig zeigen möchte, dass das alles Unsinn ist. Wenn man auf die Weise den Dekonstruktivismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen möchte, ihn selbst dekonstruieren möchte, in seine eigenen Bestandteile zerlegen und dabei zeigen, dass nichts Sinnvolles übrigbleibt.

    Wenn man zeigen möchte, dass es der Mensch selbst ist, der sich dabei dekonstruiert.

    Könnte Die Abschaffung der Arten dieses Buch sein?

    Noch eine Anmerkung. Es kann sein, dass es auch/in der Hauptsache/nebenbei darum geht, dass sich der Versuch, in die Schöpfung einzugreifen, gegen die Eingreifer gewandt hat. Ich bin mir nicht sicher. Höchstens so zu 17,27 Prozent.

    Ich sollte mich raushalten, hab nur mal ein bisschen in die Leseprobe reingelesen.
    Aber aus dem Titel abgeleitet und aus dem Gedanken irgendwo mal gelesen zu haben, dass Dath eher kein Fan von Foucault, Deleuze, Butler... ist:
    Die Abschaffung der Arten könnte eine Kritik auf Dekonstruktivismus sein?

    (Hier mal ein Link um es ein bisschen zu hinterleuchten: Dath über Butler)

    Bei uns müssten die Schulen eigentlich wegen der Inzidenz-Zahlen ab morgen in den Distanzunterricht. Freitag wurden aber falsche Zahlen ans RKI gemeldet. Der Fehler wurde korrigiert und die richtigen Zahlen gemeldet und sind jetzt im RKI-Dashboard auch richtig enthalten.

    Aber: Laut Gesetz sind die RKI-Zahlen in einem auf deren Seite herunterzuladenden Excel-Sheet ausschlaggebend und in diesem werden die Zahlen nicht korrigiert. Ergebnis ist jetzt, dass Gesundheitsamt und Gesundheitsministerium nach Rücksprache die Schulen bei uns erst 2 Tage später schließen werden.

    Die Schulen werden also frühestens Donnerstag in den Distanzunterricht wechseln, obwohl laut RKI-Dashboard die 165 inkl. heute seit 5 Tagen überschritten sind.

    Zumindest ist das der aktuelle Stand. :/

    Mich würde sehr interessieren, welche Schallplatte oder CD von Miles Davis ihr am meisten mögt!

    Eine unmögliche Entscheidung, da sie auch immer von meiner aktuellen Stimmung abhängt.

    Natürlich ist Kind of blue dabei.

    Aber es gibt so viele...

    Ein Stück das mir immer besonders gefallen hat, ist aber Mademoiselle Mabry von Filles de Kilimanjaro.
    Hier in einer Interpretation von Médéric Collignon.

    (Edit: Bei YouTube gibts tatsächlich auch das Original in 2 Teilen: Miles Davis: Mademoiselle Mabry)