Beiträge von Maarten

    Im Guardian-Link sind leider doch nicht alle Tweets enthalten. Hier eine andere Quelle mit allen Tweets von 'The right sort', der 'Kurzgeschichte' die dann später umgearbeitet zum 1. Kapitel von Slade House wurde:
    https://themillions.com/2014/0…right-sort-collected.html

    Ich habe gerade die Tweets mit der Ausarbeitung in 'Slade House' verglichen, es ist spannend zu sehen, was sich da geändert hat. 'The right sort' bildet eine Art Skelett für die spätere Ausarbeitung, die viel stärker ausgeschmückt ist.

    2023 war für mich sowas wie ein David Mitchell-Jahr. Nachdem ich vor einigen Jahren von ihm “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet” gelesen habe, habe ich 2023 zunächst “Die Knochenuhren” gelesen (brillant), anschließend “Der Wolkenatlas” und dann eben “Slade House”.

    David Mitchells Werk hat einen starken inneren Zusammenhang. Seine Romane spielen in einer phantastischen Welt, in der er etwas erzählt, was er selbst ‘a sort of sprawling macronovel’ nennt. Diese phantastische Welt tritt zuweilen deutlich in den Vordergrund (Slade House, Knochenuhren), manchmal ist sie aber auch so stark im Hintergrund, dass sich ihr Vorhandensein erst erschließt, wenn man weitere Bücher von ihm kennt (z.B. in “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet”).

    Er lässt sich keinem Genre zuordnen, in gewisser Weise müsste man jedes seiner Bücher unter Phantastik einordnen, auch die Romane, bei denen das nicht der Fall zu sein scheint, wie 'Die tausend Herbste des Jacob de Zoet' oder sicherlich auch 'Utopia Avenue'. Andere, bei denen der phantastische Anteil größer ist, z.B. Knochenuhren, spielen dennoch überwiegend und überzeugend in unserer realen Welt. Er lässt sich auch deswegen keinem Genre zuordnen, weil er gerne auch innerhalb eines Buches zwischen verschiedenen Genres wechselt, indem er eine übergreifende Geschichte in verschiedenen Genres aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Besonders gelungen ist das aus meiner Sicht in Knochenuhren, dem Roman in dem Holly Sykes den Fixpunkt des Romans bildet. Knochenuhren wird erzählt in folgenden 6 Teilen/Genres chronologisch im Kontext von Holly Sykes (also wiederum anders als in Wolkenatlas wo Zeit/Raum/Perspektive symmetrisch um den Mittelpunkt des Romans gespiegelt wurde):

    • Coming of age aus der Perspektive von Holly Sykes in ihrer Jugend
    • Elitärer Campusroman aus der Perspektive des intelligenten und bösartigen Hugo Lamb, der sich in Holly verliebt
    • Kriegsreportage aus der Perspektive des Ehemanns von Holly (Irak-Krieg)
    • Literaturroman aus der Perspektive des Schriftstellers Crispin Hershey, der mit Holly befreundet ist (in dem es viel um den Literaturbetrieb geht)
    • Fantasy
    • Dystopische Science-Fiction

    In den ersten 4 Teilen bricht dabei immer auch mal die phantastische Welt kurz ein, wird aber immer wieder von den Protagonisten verdrängt.

    Mitchells Stärke scheint mir bei Knochenuhren vor allem in den literarischen Formaten Campusroman und Literaturroman zu liegen, wenn die Perspektive eine höchst intelligente Stimme erfordert. Z.B. die Art, wie Mitchell Crispin Hersheys Kindheit auf gerade mal 1,5 Seiten skizziert, hat mich völlig umgehauen in ihrer brillanten Kunstfertigkeit. Mitchell kann aus meiner Perspektive literarisch eigentlich alles was er will, er scheint grenzenlose Möglichkeiten zu haben. Dennoch ist es eine Art Hass-Liebe die ich zu seinen Büchern empfinde, es ist mir manchmal einfach zu viel Kunst, es ist wie ein Musiker, der in seiner ganzen Virtuosität den Raum vergisst, um das Ganze auch mal wirken zu lassen. Vermutlich kann ich ihm zu oft einfach nicht mehr folgen…

    Aus meiner Sicht schwächelt Mitchell dabei leider ausgerechnet in den Genre-Teilen Fantasy und Science-Fiction. Dabei ist Fantasy die eigentliche Wurzel seines kreativen Schaffens, so nennt er Ursula K. Le Guins ‘Magier von Erdsee' als wesentlich für seine Motivation Schriftsteller zu werden und liest nach eigenen Angaben regelmäßig diesen Roman erneut (https://www.theguardian.com/bo…-tolkien-george-rr-martin). Deswegen gehörte zu meinem ‘Mitchell-Jahr’ auch ‘Der Magier von Erdsee’, den ich selbst zwar als kunstvoll, aber doch recht altbacken erlebt habe.


    Und damit komme ich endlich zum Slade House - wenn man erst mehrere Mitchells gelesen hat, macht es eigentlich keinen Sinn mehr, die Bücher unabhängig voneinander zu betrachten und Knochenuhren scheint mir - von denen die ich gelesen habe - das Buch zu sein, das am meisten Licht auf diese Macronovel wirft, die Mitchell erzählt. Knochenuhren und manche Zitate aus anderen Büchern, z.B. aus Number9Dream: “Dreams are shores where the ocean of spirits meets the land of matter. Dreams are beaches where the yet-to-be, the-once-were, the-will-never walk awhile with the still are.”

    Knochenuhren ist allerdings noch enger mit Slade House verknüpft, denn Slade House ist entstanden aus Ideen, die in Knochenuhren nicht verwendet worden sind. Diese Ideen hat Mitchell in einem Twitter-Projekt in einer Folge von 280 tweets noch vor der Veröffentlichung von Knochenuhren erzählt. Ein Tweet hat dabei maximal die Länge von 140 Zeichen. Um einschätzen zu können, wie viel da rein passt, hier ein Tweet von David Mitchell 2016: Afternoon, all. SLADE HOUSE is out today in paperback. Escape from Brexit fallout thru the small black iron door. What cld go wrong?
    Dieses Twitter-Projekt wiederum wurde umgearbeitet zum ersten Teil von Slade House.


    Diese Fragmentierung in Tweets passt wunderbar zu David Mitchells fraktaler Erzählweise. Eigentlich ist es eine natürliche Sache, diese Zusammenstellung von Wörtern zu Sätzen zu Absätzen, zu Geschichten. Natürlich ist es ein Unterschied, ob Schriftsteller dabei tatsächlich aus Buchstaben und Wörtern immer wieder etwas Neues erschaffen oder ob sie aus den Klischees des Mainstream schöpfen. David Mitchell stellt fraktales Erzählen in den Mittelpunkt seiner Romane. Im Kleinen - wie in diesem Fall besonders augenfällig bei den Tweets der Vorabversion von Slade House - wie im Großen. Wer ein einzelnes Buch von ihm liest, wird es tatsächlich ganz anders lesen, eine ganz andere Sicht auf die Personen haben, als andere, die bereits ein anderes Buch von ihm gelesen haben. Es setzt sich alles immer wieder zu einem neuen Bild zusammen.


    Slade House ist eigentlich ein klassischer Spukhausroman. Ich ordne ihn dennoch hier mal unter 'Zeitgenössisch' ein, weil er mit den anderen Romanen von Mitchell, den zumeist als zeitgenössisch empfundenen, eng verbunden ist. Aber zum einen eben eingebettet in diese Mitchellsche Macronovel - mit besonderer Nähe zu Knochenuhren - und zum anderen folgt er auch dieser für Mitchell typischen Fragmentierung in Episoden aus unterschiedlichen Perspektiven mit einem gemeinsamen Fixpunkt. In diesem Fall eben eine kleine schwarze Tür zu diesem Spukhaus, die nur alle 9 Jahre ganz kurz auftaucht. Ein winziger Punkt in Zeit und Raum, ein einzelner Tropfen in einem grenzenlosen Ozean…

    Erzählt werden 5 Episoden in denen unterschiedliche Menschen diesem Eingang begegnen. Wie aus anderen Romanen gewohnt, prägen hierbei die einzelnen Personen stark die von Mitchell verwendete Erzählweise. Es beginnt mit Nathan Bishop, einem Jungen mit Autismus-Spektrum-Störung und seiner Mutter.


    Hier wie die Geschichte tatsächlich auf Twitter veröffentlich wurde, alle 280 Tweets:

    https://www.theguardian.com/bo…hells-twitter-short-storyUnd hier David Mitchell zur Entstehung von Slade House:

    https://www.theguardian.com/bo…rimal-slade-house-twitter

    Tom Von Percival Everett habe ich hier 'Die Bäume' liegen. Gekauft wegen einer vielversprechenden Besprechung, liegen gelassen, weil ich ich den Verdacht habe, dass die Übersetzung das Buch verhunzt. Auf dem Klappentext ist von 'Detektiven' die Rede, tatsächlich sind es 'detectives from the Mississippi Bureau of Investigation', also meinetwegen Ermittler des MBI. Ich glaube, ich greife da lieber zum Original...

    Auch sein neuer Roman - James - klingt spannend. Es wird die Huckleberry Finn-Geschichte aus Sicht von Jim erzählt.

    Percival Everett talks about race and identity in the United States:

    rienchen Heinsers Fazit war ja:

    Zitat

    Natürlich kann man Debatten über die Autonomie eines Autors führen, darüber, was ein literarisches Original ist, über „Zeitgeiste“ (und zwar den zur Zeit der Niederschrift und den zur Zeit der Lektüre) — und diese Debatten werden ja durchaus geführt von Literaturwissenschaftler*innen, die sich intensiv mit ihrem Gegenstand auseinandergesetzt haben, die das Handwerkszeug und das Vokabular dafür haben. Und natürlich muss sich Otto Normalleser nicht einer wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung – so es sie denn überhaupt gibt – anschließen. Aber wie brisante Themen hier teilweise medial verhandelt werden, ohne die akademische Forschung auch nur zu Wort kommen zu lassen, das ist schon beunruhigend.

    Ok, Du und ich stecken als Otto Normalleser offensichtlich nicht tief genug drin, um mitreden zu können. Und wir übernehmen das, was die Medien uns präsentieren.

    Wenn ich Lukas Heinser folge, dann können wir hier ohnehin nicht sinnvoll diskutieren. Und ich vermute, dass wir keine Literaturwissenschaftler*innen in unserem Kreis hier haben, die uns die aktuelle wissenschaftliche Mehrheitsmeinung dazu - "so es sie denn überhaupt gibt" - dazu sagen könnten.
    Sollten wir Literaturschaffenden in der Sache auch eine gewisse Expertise zutrauen, dann könnte vielleicht jemand aus dem Kreis der hier ab und zu anwesenden Literaturschaffenden uns wenigstens ein bisschen erhellen...


    Aber Lukas Heinser schreibt auch:

    Zitat

    Natürlich kann man da unterschiedlicher Meinung sein und eine differenzierte Diskussion beginnen, aber sowas macht ja mehr Spaß, wenn man es auf Grundlage von Fakten tut

    Deswegen habe ich als Otto Normalleser wenigstens ein paar Fakten ergänzt.

    Und ja, tatsächlich stört mich persönlich der Fall Roald Dahl viel mehr als der Fall Michael Ende, der am Beginn dieses Threads steht, der mich nicht wirklich berührt. Und die Diskussion von uns Otto Normallesern ist ja ohnehin vor allem eine emotionale. Daher...

    Das ganze Buch streichen? Immerhin versucht der Junge, die Oma zu vergiften, und in gewisser Weise bringt er sie am Ende um ...

    Ja genau so wird heutzutage viel zu häufig über Kinder gedacht.

    Genau das ist es, was ich damit meine, dass Roald Dahl Kindern etwas zutraut und ihnen Geschichten auf Augenhöhe erzählt. Er ist dabei immer auf der Seite der Kinder.

    Die Oma ist böse zum Kind, das Kind ist in der Lage sich dagegen zu wehren. Und es tut dabei lauter verbotene Dinge, schmeißt die ganzen Sachen, an die es ohnehin nicht ran darf und meist auch nicht kann, alle zusammen in eine magische Medizin rein.


    Die böse Oma kommt dorthin, wo sie mit ihrer Bösartigkeit hingehört: Sie wird bedeutungslos, verschwindet im Nichts.


    Es ist eine richtig gelungene Kindergeschichte, zu der genau dieses Verbotene und auch das Gruselige hinzugehört. Die sich heutzutage wahrscheinlich niemand mehr zu schreiben trauen würde. Genau deswegen ist aber Roald Dahl auch heute noch bekannt, weil er sich das getraut hat.

    Das ist eine ziemlich Sammlung und aus meiner Sicht schon übertrieben. Hier wird die political correctness auf die Spitze getrieben - da hätte ich als Autorin etwas dagegen. Allerdings werden da natürlich gleich mehrere Bücher aufgelistet, so dass es nach mehr aussieht, als es pro Buch ist.

    Erschreckend finde ich ja nicht die Menge, sondern die Intention hinter den einzelnen Punkten, die dann Buch für Buch konsequent durchgezogen wird.

    Und für mich als mittlerweile hauptsächlicher ebook-Leser, auch, dass mir das einfach untergeschoben wird.

    Mich würde interessieren, wer sich diese ganze Arbeit macht - sind das Verlagsmitarbeiter*innen?

    Vom Verlag beauftragte Sensitivity Reader.

    Ich persönlich finde gerade bei Roald Dahl die Idee dahinter tatsächlich absurd.
    Nimmt man ein Buch wie George's Marvellous Medicine in dem der 8-jährige George auf seine Oma aufpassen muss, die ihn fies behandelt:
    Statt ihr ihre reguläre Medizin zu geben, braut er ihr stattdessen eine 'magische Medizin' und schmeißt einfach so ziemlich alles rein, was er so im Haus findet. Neben Deo und Shampoo auch so Sachen wie Bodenpolitur, Tiermedikamente, Gin, Motoröl, Antifrost usw.
    Nachdem er ihr die Medizin gegeben hat, wächst sie so groß wie das Haus und wird später, als Mr. Kranky nach Hause kommt mit dem Kran in die Scheune verfrachtet, wo sie wegen ihrer Größe bleiben muss.
    Mr. Kranky ist begeistert wegen der magischen Medizin mit der sich auch Tiere vergrößern lassen und möchte sie in großen Mengen herstellen, um sie zu verkaufen. George versucht sie erneut herzustellen, aber sein letzter Versuch macht jetzt alles klein.
    Die Oma denkt es wäre Tee, trinkt es und wird klein und kleiner, bis sie zu Mrs. Krankys Entsetzen und Mr. Krankys Vergnügen komplett verschwunden ist. Zuerst ist Mrs. Kranky schockiert, aber dann akzeptiert sie es und meint, dass ihre Mutter ohnehin zu einer Last geworden war.


    Keine Ahnung, was jetzt konkret bei der Geschichte geändert wurde. Wahrscheinlich sieht die Oma nicht mehr hässlich aus oder so...

    Ok, dann fügen wir dem Artikel von Lukas Heinser doch etwas Hintergrund dazu...

    Dahl hat die Umpa Lumpas geändert, Heinser scheint der Meinung zu sein, dass damit auch weitere Textänderungen nach Dahls Tod im Sinne des Autor sein können.

    Die Änderungen an Dahls Werk wurden durch Sensitivity Reader erarbeitet. Typische Änderungen werden vorgenommen bzgl:
    - Farben, sowohl in Bezug auf Haut (Ein Gesicht white of horror wird zu agog with horror) als auch in anderen Bezügen (Eine Stimme die darkly ist, wird zu einer die mysteriously ist)

    - Verweise zu anderen Ländern, Regionen, Ethnien werden entfernt oder geändert. Z.B. aus hopping like a dervish wird like a frog

    - Sex/Gender ist natürlich ein Thema. Queer im Sinne von strange wird entfernt. Men and woman, boys and girls, mothers and fathers werden ersetzt durch äquivalente gender-neutrale Begriffe wie parents oder siblings. Maskuline Pronomen werden zum Teil ersetzt, z.B. aus the catspringer in his burrow wird the catspringer in its burrow. Manchmal wird auch aus einem männlichen Charakter ein weiblicher (Der Character Small Fox in Fantastic Mr. Fox) Biologische Geschlecht wird durch das soziale Geschlecht ersetzt, so wird bzgl. Miss Trunchbull in Mathilda most formidable female geändert in most formidable woman.
    - Rollenbilder aus der Zeit werden angepasst und beleidigende Begriffe im Kontext von Frauen werden abgemildert. Aus ugly old cow wird z.B. ghastly old shrew. Unterschiede zwischen Männer und Frauen werden entfernt, z.B. wurde folgendes gestrichen If I is giving a girl's dream to a boy, even if it was a really whoppsy girl's dream, the boy would be waking up and thinking what a rotbungling grinksludging old dream that was.

    - Aussehen und Behinderungen sind ein großes Thema. Ob jemand körperlich attraktiv oder unattraktiv ist, wird häufig entfernt, vor allem bei Frauen. Das Wort fat darf nicht vorkommen, es wird ersetzt durch Wörter wie large oder enormous. Referenzen Richtung kleinen Wuchs werden entfernt. Zum Teil wird auch schon old geändert oder entfernt. Wörter wie crazy oder mad werden entfernt wie auch Hinweise auf niedrige Intelligenz oder psychische Störungen, Taubheit usw. In Hexen hexen wurde an der Stelle, an der klar wird, dass Hexen eine Perücke tragen z.B. hinzugefügt: There are plenty of other reasons why women might wear wigs and there is certainly nothing wrong with that.
    In BFG werden die Gedichtzeilen
    Aunt Sponge was terrifically fat / And tremendously flabby at that und Aunt Spiker was thin as a wire / And dry as a bone, only drier.
    ersetzt durch
    Aunt Sponge was a nasty old brute / And deserved to be squashed by the fruit und Aunt Spiker was much of the same / And deserves half of the blame.

    - Mangel an Privilegien von Kindern ist ein Thema. So wurde bei Sophie in BFG die Beschreibung a little orphan of no real importance in the world entfernt.

    - Verweise auf schlechte Körperhygiene, Alkohol und Rauchen werden zum Teil entfernt. Z.B. Small Fox sniffs a bottle of cider statt taking a sip.

    - usw.

    https://en.wikipedia.org/wiki/…Dahl_revision_controversy
    https://www.theguardian.com/bo…language-deemed-offensive

    https://www.bbc.com/culture/ar…riting-childrens-classics

    Wer die Bücher als ebooks besitzt, hat dabei übrigens je nachdem wie man es sieht Pech bzw. Glück gehabt, sie werden automatisch aktualisiert. Die Wahl hat man dabei nicht.

    Ergänzend hier noch eine Arbeit:

    Deconstructing Willy Wonka’s Chocolate Factory: Race, Labor, and the Changing Depictions of the Oompa-Loompashttps://ourenvironment.berkele…cNair_Journal_2012_wc.pdf

    Aus ihrem Fazit:

    The textual whitewashing of the Charlie and the Chocolate Factory 1964 text also prevents audience interpellation and recognition of the masterslave narrative. Constructed through a master-colonizer gaze readers, viewers, people of color, third World citizens, and people who share a similar existence of exploitation as the Oompa-Loompas are unable to recognize their own similar plight and connection to the OompaLoompas. The audience is realigned with Willy Wonka and his ideologies. This broken interpellation works as a propagandistic force on behalf of the dominant class to continue dominating ideology through
    media. Charlie and the Chocolate Factory is more than just a children’s story.

    Preussler und Lindgren sind Klassiker der Kinderliteratur, welche in vielfältiger Form auch heute noch von Kindern geliebt werden. Und zur Allgemeinbildung gehören. Der Standpunkt "das N-Wort muss aus kulturellen Gründen drin bleiben, es muss ja nicht jeder das Buch lesen/hören/den Film schauen" grenzt meiner Meinung nach Kinder aus, die von dem Wort verletzt werden. Und das finde ich einfach traurig. Im Namen der Kultur Menschen zu verletzen oder auszugrenzen, die für Fußnoten und Erklärungen noch zu jung sind, ist für mich nicht richtig.

    Das ist natürlich ein Standpunkt, den man haben kann. Gerade wenn man die Bücher selbst liebt.


    Genauso kann man den Standpunkt haben, dass Preußler und Lindgren bei ihren Büchern ohnehin ausschließlich weiße Kinder als Publikum adressiert haben und die heutige Literatur da tatsächlich breiter aufgestellt ist.

    Und man deswegen 4-7 jährigen Kindern - insbesondere in den gemischten Konstellationen im Kindergarten - auch etwas zeitgemäßeres, weniger mit unseren eigenen Emotionen verbundenes vorliest.


    Das man Bücher nicht ändert, ist ein Axiom.

    Zumindest für Schriftsteller.

    Und das sind die Experten für Bücher.

    Aus dem gleichen Artikel kann ich auch mit der gegenteiligen Meinung zitieren. Aber ich sehe auch den Widerspruch nicht. Ulrike Kramer scheint mir von den Gedanken zu sprechen, mit denen der Begriff verwendet wird/wurde.


    Lies mal in dem Artikel den Abschnitt Etymologie. Da wird sehr deutlich, das es sich schon immer um einen rassistischen Begriff handelt.

    Diesen Satz empfinde ich als sehr selbstgerecht. Nach der Nazizeit war es normal auch die seinerzeot grängigen Begrifflichkeiten weiter zu verwenden. Beim Militär war es zudem noch sehr lange normal im Jargon der Wehrmacht zu reden - und man hat sich daran nicht gestört. Und es nervt, wenn hinter jedem St ein und Busch Rassismus vermutet wird. Auch die Dinge aus früherer Zeit sind Teil unserer Kultur und sollten nicht dauern von irgendwelchen selbsternannten Moralaposteln in den Dreck gezogen werden.

    Nochmal in der Hoffnung, dass es klar ist, was ich geschrieben habe:

    Der Begriff ist rassistisch. Das war er schon in den Jahrhunderten davor und auch in den Jahrzehnten danach. Der Begriff


    Die Verwendung damals war häufig gedankenlos. Gedankenlos, d.h. ohne Hintergedanken


    Die gedankenlose Verwendung von rassistischen Begriffen ist ein Zeichen der damaligen Zeit.


    Diese Zeitzeichen werden aus den Büchern entfernt. Wie die Intention des Autor war, spielt dabei - wenn überhaupt - eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht, ob sich das Buch dann besser verkaufen lässt.

    Ich gebe dir recht, dass die verwendete Sprache die Entstehungszeit wiederspiegelt. Ich gebe dir aber nicht recht, dass bestimmte verwendete Wörter den Rassismus dieser Zeit wiederspielten.

    Rassistische Begriffe waren natürlich damals auch schon rassistische Begriffe. Du hast Recht, dass sie damals gedankenloser verwendet wurden als heutzutage. Genau das spiegelt aber doch die Selbstverständlichkeit und Allgegenwärtigkeit des Rassismus zu jener Zeit.


    Und zB bei Preußler, einem früheren HJ-Fähnleinführer dessen erste Prosa-Veröffentlichung 'Erntelager Geyer' stark von der HJ geprägt war jetzt davon auszugehen, dass das alles nur gedankenlos war? So selbstverständlich sehe ich das tatsächlich nicht.

    Weil es in meiner Wahrnehmung als Außenstehende oft gar nicht um die Bewahrung des Originaltextes geht, sondern nur um die Beibehaltung bestimmter Wörter.

    Dem 'nur' möchte ich widersprechen. Das klingt so, als würde nur anders formuliert.

    Diese Wörter werden ja deswegen entfernt/ersetzt, weil sie den allgegenwärtigen Rassismus der Zeit, in der das jeweilige Kinderbuch entstanden ist, spiegeln. Es geht nicht um eine Anpassung der Formulierung, sondern es geht darum ein Buch von dem Rassismus der damaligen Zeit zu bereinigen.
    Klar gibt's Änderungen die man argumentieren kann. Aber wenn man damit anfängt, ist die Frage, wo man wieder aufhört. Und ob man dann nicht besser gleich die Finger davonlässt.

    Und ergänzend zu meinem letzten Beitrag:

    Oder eben 'Die kleine Hexe'. Im Original. Und dazu zu stehen, dass wir in einer Zeit aufgewachsen sind, in der Rassismus allgegenwärtig war. Und dann darüber zu reden.


    Denn genau das ist es natürlich auch, was entfernt wird. Es ist auch ein Reinwaschen unserer Kindheit.


    Edit: Und das fehlende Vertrauen in unsere Kinder, damit umgehen zu können.

    Dass Du daraus die Anschuldigung zu machen versuchst, ich würde Rassismus verniedlichen, ist widerwärtig.

    Das wäre es wohl, schließlich hast Du Deine Meinung bzgl. Rassismus häufig genug geäußert. Das ist aber zumindest nicht das, was sie geschrieben hat. Sie schreibt, dass ihr der von Dir geäußerte Begriff 'Weichspülgang' für das Abmildern von Rassismus in Kinderbüchern nicht gefällt, sie findet den Begriff herabwürdigend. Sie vertritt damit ihre Meinung, dass es wichtiger ist, Rassismus in Kinderbüchern abzumildern, als diese Bücher als Zeitdokument zu erhalten und nicht zu ändern.


    Du bist der Meinung, dass Bücher als Zeitdokument erhalten werden müssen, egal was in Ihnen steht, es widerspiegelt eben die Zeit in der sie geschrieben wurden und das ist ein Wert, der unwiederbringbar verloren gehen würde.


    Ihr habt lediglich diesbezüglich unterschiedliche Ansichten. Und vertretet diese mit Herzblut.


    Ich habe auch weiter über das Thema nachgedacht. Ich verstehe den Wunsch Kinderbücher abzuändern. Die Bücher, um die es geht, sind ja die, die wir selbst in unserer Kindheit so geliebt haben und das wollen wir gerne weitergeben. Und es sind eben nicht irgendwelche Bücher, sondern nur ganz wenige aus der Kinderliteratur, die tatsächlich nach Jahrzehnten auf diese Weise überdauern.

    Tatsächlich sind aber auch diese Bücher häufig nicht mehr das, was unsere Kinder überhaupt noch lesen wollen. Sie sind tatsächlich aus einer anderen Zeit und das 'Weichspülen' ändert daran nicht wirklich etwas.

    Und da bin ich dann eben wieder bei Tom, da wiegt der Wert des Zeitdokuments und der Urheberschaft einfach schwerer. Tatsächlich haben zumindest meine eigenen Kinder ganz andere Bücher, die sie lieben. Die meiner Generation, die ich ihnen nahebringen wollte, kamen nie so wirklich an. Und nichts von dem, was sie lieben, gab es in meiner Kindheit schon.


    Und schaue ich auf meine eigene Kindheit zurück, ist das ebenfalls so. Es gab sie, die Kinderbücher, die meine Eltern liebten. Aber auch die waren - Nils Holgersson als Ausnahme - nicht das, was mich tatsächlich mitriss.


    Aus meiner Sicht opfern wir also Zeitdokumente den Emotionen unserer Kindheit, die wir weitergeben möchten. Was häufig nicht gelingt bzw. gelingt über andere neue Bücher, die unsere Kinder entdecken. Es sind aber diese Emotionen, die uns Bücher unserer eigenen Kindheit kaufen lassen, was spätestens, wenn wir sie unseren Enkeln schenken wollen, zu Konflikten mit unseren Kindern führen kann (da stehen aber ganz schön rassistische Sachen drin). Also wollen wir bereinigte Versionen. Obwohl es wahrscheinlich besser wäre, einfach den nächsten Band von Percy Jackson oder was gerade aktuell ist, zu schenken.
    Oder eben Nils Holgersson. Im Original.

    Aber ich bin abgeschweift...

    Zum Thema:
    Auch ich habe mich seinerzeit darüber geärgert, dass Roald Dahls Kinderbücher - ausgerechnet Roald Dahl - abgeändert wurden. Ich habe ihn als Kind und auch später gerade deswegen gerne gelesen, weil er Kinder eben nicht beschützen möchte, sondern sie ernst nimmt. Er erzählt ihnen Geschichten auf Augenhöhe. Traut ihnen was zu.
    Und ein Teil dieses Zutrauens in die Kinder, selbst die Welt zu erleben und selbst zu urteilen, wurde tatsächlich aus den Büchern entfernt.


    Andererseits: Wenn Dahls Bücher sich dadurch besser verkaufen, mehr Kinder einen Dahl statt irgendwelcher langweiligen Blaupausenware mit 'EsDarfAberNichtsSchlimmesPassieren'-Story lesen. Hmmm...
    Es entscheidet dann eben doch der Markt.

    Die Linken gießen ordentlich Öl ins Feuer der Rechten.

    Ja, Gedanken in der Richtung habe ich auch immer mal wieder. Mich treibt dabei weniger das Öl im Feuer der Rechten um, als die Verschiebung der politisch in der Mitte stehenden Wähler, die typischerweise darüber entscheiden, wie regiert wird. Bei z.B. Eingriffen in die Sprache scheint mir klar, in welche Richtung das viele treiben wird.
    Ich wüsste aber nicht, wie man damit die anscheinend steigende Sehnsucht nach einer 'starken autokratischen' Hand erklären kann. Mir ist da 'Das kleinere Übel' als Motivation nicht ausreichend. Denn es ist ja offensichtlich nicht das kleinere Übel.

    Die Gefahr für die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Lehre ist zwar nicht ganz die gleiche, aber sehr ähnlich.

    Wenn sich dieses Denken tatsächlich in entsprechenden Gesetzen niederschlagen würde: Ja.
    Es ist aber zum Glück nicht der digitale Heugabelmob, der die Gesetze festlegt.
    Tatsächlich ist es hier in Deutschland eine recht überalterte Gesellschaft, die die Mehrheit der Wahlstimmen in der Hand hält. Entsprechend habe ich Vorschläge für irgendwelche Gesetze in der Richtung bisher nur aus der rechten Ecke gehört. Um z.B. Gendern zu verbieten.
    Und ja es gibt auch die andere Seite, z.B. Verwaltungen oder Firmen, die das Gendern einführen. Aus meiner Sicht führt das zum Gegenteil von dem, was Gendern möchte: Es wird zur Amtssprache. Bedeutungslose Syntax statt Semantik.

    Die Belletristik hingegen...

    Nicht nur bzgl. der Sprache, auch bzgl. der Inhalte. Abseits des Mainstreams wird das gelesen werden, was eine Bedeutung hat, was provoziert, was neue Gedanken aufwirft.


    Und auch drüben in den USA scheint mir das Hauptproblem der Demokraten nicht der woke Geist an den Unis, sondern vielmehr dass sie einen Präsidentschaftskandidaten haben, der im Gegensatz zum republikanischen MAGA-Trump zwar immerhin nicht der 'Boomer'-Generation angehört, aber aus den falschen Gründen...
    Da spielt das sonstige Öl, das beide Seiten fleißig in die jeweiligen Feuer schütten, keine große Rolle mehr. Fürchte ich.

    An den Enden sind die Ecken schwer zu unterscheiden.

    Wenn's konkret um ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel geht, sind die vermutlich ganz gut zu unterscheiden.
    Und derzeit ist zumindest mir keine Demokratie bekannt, in der aus der 'woken' (wenn ich die mal nach links verorte) Ecke Parteien gewählt werden, die autokratische Bestrebungen haben und eine relevante Größenordnung besitzen.
    Aus der anderen Ecke hingegen...