Die Reaktion hatte ich erwartet, Maarten. Moment, da kommt noch was für Dich.
Der Distelfink – Donna Tartt
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Ich bin noch nicht durch, bin gerade bei dieser wunderbaren Szene in der Pippa und Theo zusammen den Glenn Gould-Film schauen und anschließend in einer Weinbar sitzen.
Aber trotzdem mal zwischendurch, weil ich mich so amüsiert habe:
Es gibt im Guardian einen Verriss vom Distelfink, Untertitel:
Donna Tartt's overlong and tediously Potteresque adventure leaves Julie Myerson baffled and disenchanted
in diesem Verriss geht es u.a. um den fehlenden Subtext:
Nothing wrong, I suppose, with a Harry Potter homage, but it's hard for an adult reader to be gripped by a tale with no real subtext and peopled entirely by Goodies and Baddies.
...
And when she describes the eerie life of inanimate objects, the way that antique furniture, nurtured and respected down the centuries, can acquire an almost talismanic power, then I believe her absolutely. Here at last her prose comes alive.
(https://www.theguardian.com/bo…dfinch-donna-tartt-review)
Es ist natürlich immer gefährlich zu behaupten, ein Text besitze keinen Subtext, dabei scheint sie ihn ja gleichzeitig geradezu gespürt zu haben.
Ich habe mal einen guten Freund - Autor/Zeichner - gefragt, was es für ihn ist, dieser geheimnisvolle Subtext, den Kunst auszumachen scheint. Die Metapher, die er wählte, war ein Stück Holz mit verschiedenen Lasuren. Eine Maserung unter den Lasuren, die je nach Blickwinkel und Lichteinfall unterschiedlich aussieht eine unterschiedliche Bedeutung hervorhebt, angelegt im Kontext der Lasuren vom Künstler.
Tartt verwendet ebenfalls diese Metapher.
U.a. anhand von Hobies und Theos Antiquitäten-Tätigkeiten diskutiert Tartt nicht nur was Kunst ist (und wie sie abgegrenzt wird von Handwerk), sondern auch den Umgang mit Kunst, den Einfluss von Kunst auf uns und ihre Rezeption. Ein Aspekt dieses Subtexts ist dabei, dass Tartt die Rezension im Guardian vorweg nimmt:
Hobies Tätigkeit, wenn er Antiquitäten 'fälscht', ist die eines Künstlers. Anders als Chippendale, der ein meisterhafter Handwerker war, muss er - obiger Metapher folgend - den passenden Subtext finden und einbringen. In seinen 'Fälschungen' greift er zusätzlich unterschiedliche Inspirationen auf, kombiniert was er findet, so wie ein Künstler seine Inspirationen von anderen Künstlern zieht, und bringt diese zusammen, als würden sie zusammengehören. Die von Hobie erstellten 'Fälschungen' sind - dem Subtext folgend - die eigentliche Kunst, die authentischen Antiquitäten hingegen im besten Fall das Ergebnis von meisterhaftem Handwerk oder ggfls auch einfach nur alter Plunder.
Tartt selbst referenziert dabei z.B. sowohl JK Rowlings Harry Potter in Theos Spitznamen, wie auch die Kunst niederländischer Meistermaler in seinem Namen. 'Der Distelfink' ist wie einer dieser 'Fälschungen'.
Hobies Beziehung zu Theo, Pippa, Mrs DeFrees zeigt die Rolle von Kunst in unserer Welt in unterschiedlichen Beziehungen. Hobie ist dabei der Stützpfeiler, derjenige der der Welt ihren Halt gibt.Aufgedeckt wird eine dieser 'Fälschungen' durch Lucius Reeves. Lucius in Anlehnung an Lucius Malfoy, einem Todesser aus Harry Potter. Reeve stammt aus dem normannisch geprägten England, ein Vertreter des Earl, Ankläger und Richter in einem.
Lucius Reeves also, dem Subtext folgend ein Kunstkritiker, der Kunst als Fälschung entlarvt obwohl sie Kunst ist. Jemand der Kunst anhand der Oberfläche beurteilt, weil er den Subtext nicht sehen kann.

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Ich bin mittlerweile ganz durch, die letzten 20% wurden dann wirklich zum Pageturner, das ging dann schnell voran.
Tom , Du findest mich zwiegespalten.
Einerseits schreibt Donna Tartt einfach unglaublich gut, es ist alleine in dieser Hinsicht ein Genuß diesen Roman zu lesen.
Und ja, es finden sich ähnliche Themen wie bei Mitchell wieder.
Sie ist dabei aber viel klassischer unterwegs als Mitchell und es klingt für mich bei Tartt im Subtext - es mag ein Vorurteil von mir sein, weil ich weiß, dass sie römisch-katholisch ist - ein katholischer Unterton mit an, den ich nicht mag.
Ihre Darstellung der 'Las Vegas'-Zeit ist ja offensichtlich geprägt von äußerer Fassade und innerer Leere. Eine Wüste, auch emotional. Tartt spiegelt uns das entsprechend: Diese Phase ist für Theo und Boris nur aushaltbar durch massiven Drogengebrauch.
Dann die Rückkehr nach New York, ein Moment in dem Theo tatsächlich Initiative ergreift, die Dinge selbst in die Hand nimmt, statt abzuwarten, wie für ihn entschieden wird und auf diese Weise zu Hobie kommt. Hier könnte sich die Geschichte für Theo zum positiven wenden, es passiert aber nicht.
Dieser Roman diskutiert ja vor allem Nietzsche, spiegelt eine Welt, die seinen Thesen folgt. Unter anderem wird die Frage beleuchtet, ob Kunst tatsächlich - wie von Nietzsche erhofft - ein Weg sein kann, um nach dem Zusammenbruch der christlichen, lebensverneinenden Moral neue, lebensbejahende Werte zu erschaffen.
Die Antwort von Tartt in diesem Roman ist vernichtend: Neben der Kunst im Subtext von Hobies Werkstatt - den Fälschungen - gibt es keine aktuell geschaffene Kunst in diesem Roman. Außer der überlieferten Kunst, die hier zum materiellen Fetisch wird und zur Quelle von Theos Schuld (einer Art Erbsünde, ohne Möglichkeit der Vergebung).
Tartt zeigt uns eine nihilistische Welt, sie folgt dabei zunächst Nietzsche, für den Gemeinschaft (u.a. die Ehe mit Kitsey) und religiöse Moraltheorien keinen sinnstiftenden Wert haben können, erlaubt aber auch der Kunst nicht wirklich diese Rolle einzunehmen.
Kunst wird zur Illusion, an der man sich kurz festhalten kann. Eine Illusion die von der unerbittlichen Wahrheit kurz ablenken kann, ähnlich wie Drogen das können.
Letzten Endes reicht es für Theo aus, sich nicht umzubringen, mehr aber auch nicht.
Die Wahrheit in Tartts Distelfink ist so unerbittlich, dass nicht einmal Theo und Pippa zueinander finden können, sie würden - wie Pippa glaubt - an der Wahrheit scheitern.
Boris lebt dabei die von Nietzsche erhofften lebensbejahenden, sinnstiftenden Werte vor, wie Tartt sie sich vorstellt: Was bleibt, wenn Kunst nicht sinnstiftend ist? Wie kann sie aussehen, diese Lebensbejahung?
Boris sucht sie in einem äußerst intensiven Leben, Gemeinschaft und Freundschaft. Aber auch Boris kann diese extreme Form der Lebensbejahung nur durch massiven Drogengebrauch ertragen.
Boris wirkt dabei wie eine Figur, die dem russischen Nihilismus entstammt und neben Nietzsche auch Dostojewski einbezieht.
Mitchell beantwortet die Fragen, die hier gestellt werden auf eine gänzlich andere Art. Bei ihm ist die Gemeinschaft - anders als Nietzsche es vorsieht - das sinnstiftende Element. Und Kunst eine Form der Identitätsbildung, der Weiterentwicklung.
Es ist eine Gemeinschaft, die historisch überdauert, sich weiterentwickelt und aus der der Sinn entsteht, der der Wahrheit trotzen kann.
Tartt hingegen zeigt uns eine brutale Welt mit kaum Rückzugsmöglichkeiten. Hier scheitert alles: Familie, Liebe, soziales Gefüge, Sozialstaat, Kunst. Es gibt nichts funktionierendes in dieser nachchristlichen Welt, es geht lediglich um das nackte Überleben.
Ihre Prämisse scheint zu sein, dass der Nihilismus nicht überwunden werden kann.
Und regt dabei - wenn auch nur zaghaft - die Rückkehr zur christlichen Transzendenz an.
2 Stellen dazu:
- Sie zieht zum einen eine Parallele zwischen Kunst und der Schöpfungsgeschichte, indem sie Juri einen Zusammenhang zwischen 'Der Distelfink' und einem Gänseblümchen ziehen lässt. Kunst wird dadurch zum Abbild des Göttlichen.
- Zum anderen lässt sie Theo darüber nachdenken, dass seine Mutter Andy nach dessen Tod in Empfang nehmen könnte:
'Vielleicht ist es dumm eine solche Hoffnung auch nur zu formulieren.
Andererseits, vielleicht ist es noch dümmer, es nicht zu tun.'
Kunst ist in diesem Roman - ganz anders als bei Mitchell - quasi ein Religionsersatz, etwas das ein kleines bisschen diese innere Leere temporär zu füllen vermag.
Doch die Leere ist quasi raumfüllend, sie zieht sich durch den ganzen Roman und quasi alle Figuren.
Das klingt jetzt so, als hätte ich den Roman nicht gerne gelesen. Im Gegenteil, es ist ein großartiger Roman, Tartt eine großartige Schriftstellerin und sie lässt genug Raum für unterschiedliche Deutungen.
Mitchell ist mir nur mit der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen viel näher.
So viel als erster Eindruck... -
Maarten Ich bin - wie meistens - wieder mal völlig geflasht von den Dingen/Ebenen/Aspekten, die Du siehst und die überwiegend an mir vorbeigegangen zu sein scheinen. Oder in die ich nicht in dieser Tiefe eingedrungen bin oder bei denen ich diese Tiefe nicht sehe, etwa bei der fast existentialistischen Gegenüberstellung von Kunst und (religiöser) Schöpfung. Das ist verblüffend und auch nachvollziehbar, wenn man es so sieht, aber ich war, wie schon angedeutet (hier oder anderswo) überwiegend in einem anderen Stockwerk unterwegs - siehe Rezension.
Aber, hey, cool.

Edit: Dass allerdings gerade der Distelfink für viele Christen ein besonders symbolischer Vogel ist, war mir vor der Lektüre klar und bekannt.
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Edit: Dass allerdings gerade der Distelfink für viele Christen ein besonders symbolischer Vogel ist, war mir vor der Lektüre klar und bekannt.
Ah, das wusste ich jetzt wieder nicht.
(Und meine Nietzsche-Kenntnisse sind auch nur 'Hören-Sagen', aber diese äußerst deprimierende Welt, die Tartt da auf die Bühne wirft, die musste eine Herkunft haben... Und die zitiert sie ja selbst.) -
Tom danke für die beiden Anstupser, die machen alles viel klarer.
Stimmt, Juri steht für den Existentialismus, Horst für den deutschen Nihilismus, Boris den russischen, Shirley Temple: Akzeptiere das Absurde (da sind wir bei Camus, vermute ich?). Das bisschen Stammtisch-Philosophie von mir reicht bei weitem nicht, um einordnen zu können, was Tartt hier alles reinbringt.
Die Szene zB in der Juri und Shirley Temple das Geld teilen sollen. Ist das nur das Paradox das ein Existentialist mit dem Absurden die Beute teilen soll und das Absurde kann natürlich nichts Materielles annehmen oder steckt mehr dahinter?Aber vor allem das Gesamte wird mir jetzt klar:
Diese Geschichte beginnt in der transzendentalen, christlichen Zeit, der Besuch mit Theos Mutter im Museum. Dann kommt das Attentat - die Theorie vom Urknall - die diese Transzendenz zerstört. Theo und Pippa als Adam und Eva, nur das Theo den Apfel der Erkenntnis - den Distelfinken - mitnimmt, ihn nicht isst, sondern versteckt. Aber auch ohne den Apfel der Erkenntnis zu essen, gibt es Sünde und Schuld, sie sind Teil der Welt. Nur Gnade und Erlösung gibt es nicht mehr.
Der Apfel der Erkenntnis wird geklaut von einer Bande Philosophen. Die später fürstlich bezahlt werden, um ein paar Kunstwerke, die es schon lange vor ihnen gab, zurückzugeben.
Nietzsche erhofft sich von Kunst die lebensbejahenden Werte, die die Menschen brauchen. Tartt schreibt eine äußerst kunstvolle Geschichte mit der Botschaft, es war schon immer da, ihr Volltrottel müsst nur die Augen aufmachen...
Jo, Guardian, ein Text ohne Subtext. Überhaupt, was für ein Unsinn in den Feuilletons immer so drinsteht...
Aber ja, was für eine großartige künstlerische Leistung. Die ich nur leider als reaktionär empfinde.
Edit:
Harstad und Mitchell zB sind bereits die Kunst, die Nietzsche sich erhofft.
Edit2:
Nationalismus durch Nihilismus ersetzt... (Ich sollte nicht mit Smartphone schreiben...) -
Ah, noch eine Ergänzung:
Hobie ist tatsächlich Nietzsches Künstler. Und was er produziert ist 'Der Schubladenschrank'. Kunst ermöglicht die richtige Einordnung, mehr nicht. Und dieser Roman müsste in Tartts Intention eigentlich 'Der Schubladenschrank' heißen...

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Ich habe das gestern ja ganz grob rausgehauen, das Buch hallt bei mir noch nach.
Hier ein paar passende Romanstellen dazu und etwas weiterer Nachhall:Zum 'Urknall', also dem Übergang von einer transzendentalen Welt in eine nihilistische:
Anfang Kap. II, also der eigentliche Anfang (I ist ein Prolog):
Alles hätte sich zum Besseren gewendet, wenn sie am Leben geblieben wäre. Aber sie starb, als ich klein war, und obwohl ich an allem, was mir seitdem passiert ist, zu hundert Prozent selbst schuld bin, verlor ich doch mit ihr den Blick für jede Art von Orientierungspunkt, der mir den Weg zu einem glücklicheren Ort hätte zeigen können, hinein in ein erfüllteres oder zuträglicheres Leben....
Dieses Kap. endet mit:
"Einen gesegneten Tag", sagte er.
Anfang Kap. III (noch vor dem Attentat):
Ich betrachte mich gern als sensiblen Menschen (wie wir es vermutlich alle tun), und während ich all das zu Papier bringe, ist die Versuchung groß, einen Schatten ins Bild zu schraffieren, der sich über den Himmel schiebt. Aber ich war blind und taub für die Zukunft.
Theo im Gespräch mit Pippa über das Bombenattentat:
"Aber was ich sagen will - es ist, als ob Weltys Energie oder sein Kraftfeld - Gott, es klingt so kitschig, aber ich weiß nicht, wie man es sonst nennen soll -, als wäre es von dieser Stunde an bei mir gewesen. Ich war da für ihn, und er war da für mich. Irgendwie permanent."
(Und ich bewundere wirklich diese Sprachakrobatik mit der Tartt Theo unbeabsichtigt in den Mund legt, Weltys 'Kraftfeld' in direktem Kontext zu Gott zu setzen. Gott ist immer anwesend, selbst in dieser nihilistischen Welt).
Dann ganz am Ende des Romans über Theos und Boris Mütter:
Warum hatten sie - Engel, Göttinen - sterben müssen?
Während unsere grässlichen Väter gediehen und soffen und krochen und weiterwühlten und immerfort herumstolperten und Verheerungen anrichteten von scheinbar unverwüstlicher Gesundheit?
"Sie haben die Falschen genommen! Ein Fehler ist begangen! Alles ist unfair! Wo kann man sich beschweren in diesem Scheißladen? Wer hat hier etwas zu sagen?"
Zur Einordnung von Kunst:
Neben der sakralen - in Tartts Intention die einzige echte Kunst - gibt es Hobies Schubladenschrank - der in Tartts Intention ihrem eigenen Schaffen entspricht, einem Einordnen der Welt.
Und dann gibt es noch sozusagen Nietzsches Kunsthoffnung, hierzu gibt sie Boris das Wort:
"Ein paar moderne Sachen - sehr bedeutend und teuer, und alle waren sehr begeistert, aber offen gesagt, ich verstehe bei manchen den Wirbel nicht. Warum kostet so was so viel, ein Bild wie aus dem Kindergarten? 'Hässlicher Kleks', 'Schwarzer Strich mit Krakeln'. Aber dann eben auch - viele Werke von historischer Größe. Eins war von Rembrandt."
Boris lese ich mittlerweile als nihilistischen Judas. Durch seine Denunziation passiert die Razzia und werden die Bilder - und damit die Möglichkeit der Erkenntnis - zurückgefunden.
Es gibt eine längere Diskussion zwischen Boris und Theo dazu mit der Frage: Was wenn aus schlechtem gutes entsteht?Auch wenn ich den Roman als metaphysisch reaktionär empfinde, er ist so verdammt gut geschrieben, dass ich ihn mir gerne zurechtbiegen möchte. Irgendetwas in die Richtung, es ist nicht katholisches Christentum gemeint, sondern eine andere Art von Transzendenz, wie sie z.B. Mitchell meiner Lesart nach ganz ohne Religion findet. Oder meinetwegen als - durchaus berechtigte - Kritik an die Oberflächlichkeit unserer heutigen Gesellschaft.
Aber gleichzeitig täte ich Tartt damit unrecht, sie meint es schon so, wie sie schreibt.So oder so: Ein fantastisch gut geschriebener Roman.
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Ok eine Stelle noch: Juri, der Boris und Theo durch die Gegend fährt:
"Bis dann, Wadim. Halte mir das Tor auf, Bruder. Halte mir einen Platz frei da oben, wo Du bist. Nur, Gott..."
Bitte, dachte ich und bemühte mich, gefasst auszusehen, während ich Poptschik auf den Schoß nahm und festhielt, verdammte Scheiße, bitte schau auf die Straße.
"... Fjodor, bitte hilf mir, ich habe zwei große Fragen wegen Gott. Du bist College-Professor" - (was?) - "und kannst mir vielleicht beantworten. Erste Frage", er sah mich im Rückspiegel an und hielt den ausgestreckten Finger hoch, "hat Gott Humor? Zweite Frage: Hat Gott grausamen Humor? Zum Beispiel: Spielt Gott mit uns, quält uns für Seine eigene Unterhaltung, wie bösartiges Kind mit Garteninsekt?"
"Das ist nicht der richtige Mann für diese Fragen." Boris bot mir eine Zigarette an und reichte dann Juri eine.
"Gott hat Theo reichlich gequält. Wenn Leiden adelt, dann ist er ein Fürst..."
Von Dostojewski (Fjodor) habe ich nur Schuld und Sühne gelesen, diese Geschichte vom rationalen Nihilisten, der einen Mord begeht um dann festzustellen, dass der Mord mit Schuld verbunden ist. (Boris bezieht sich an einer anderen Stelle auf diesen Roman)
Diese Stelle bezieht sich wohl auf Dostojewskis Die Brüder Karamasow. Da ich das nicht gelesen habe, auch hier nur vom Hören-Sagen: Es gibt den Patriarch Fjodor Karamasow und seine Söhne. Der Roman ist als Kriminalgeschichte aufgezogen, tatsächlich geht es aber vor allem um die unterschiedlichen Weltanschauungen, die die Söhne untereinander und mit dem Vater diskutieren. Der jüngste Sohn Alexej/Aljoscha ist Novize und Schüler eines Priestermönchs. Juri scheint am ehesten Iwan zu entsprechen, der Fragen dieser Art wohl Aljoscha stellt.
Einstein, der von sich selbst mal gesagt hat, er glaube an den Gott Spinozas, also der Gesamtheit des Universums als Gott, Natur als Gott und nicht an ein Leben nach dem Tod soll gesagt haben, dass 'Die Brüder Karamasow' das wunderbarste Buch ist, dass er je in Händen gehalten habe. Dostojewski gebe ihm mehr als jeder Wissenschaftler, einschließlich Gauß, da er das Leben und das Geheimnis der geistigen Existenz aufzeigte.Ich erwäge da mal weiterzulesen...
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Und einen letzten Beitrag, um einen Abschluss zu finden. Ich ärgere mich zu sehr über Donna Tartt...
Die Stelle in der Horst über den Distelfink redet. Tartt lässt damit Nietzsche selbst zu Wort kommen und sein eigenes Wirken auf die Naivität eines 12-jährigen reduzieren. Tartt entwirft das Doppelbild eines 12-Jährigen und eines verkommenen Drogendealers. Die Stelle beginnt etwa mit:
Aber Fabritius... er macht sich einen Witz mit dem Genre...
und geht bis
"Dicht. Genau. Das ist das Wort. Und der Hintergrund - sehr viel weniger gelb als in meiner Kindheit. Das Bild ist gereinigt worden - ich glaube, Anfang der Neunziger. Nach der Konservierung ist es heller."
und noch ein bisschen darüber hinaus.
(Nietzsche entdeckte Dostojewskis Werk - das er schätzte - erst 1887, es hat sein Spätwerk 'in den Neunzigern' beeinflusst...)Ein rothaariges Mädchen, das ich gut kenne, war in seiner Jugend ein Jahr in den USA. Dort wurde es zurechtgewiesen von einer Frau der Austauschorganisation, weil es sich angefreundet hatte mit einem Mädchen in der Schule, das eine gefärbte Haarsträhne hatte - laut dieser Frau eine Punkerin.
In dem Gespräch wurde dem rothaarigen Mädchen vermittelt, diese Punkerin würde an satanischen Messen teilnehmen, bei denen Babys geopfert und gegessen werden würden. Alle Punker wären so.Donna Tartt ist diese Frau. Sie verpackt es nur sehr viel besser.
Vor dem Lesen dieses Romans schrieb ich:
Tom mit diesem auf eigenwillige Weise schönem, rothaarigen Mädchen bin ich verheiratet ...
und habe damit scheinbar zufällig diesen Roman schon vorab widerlegt.
Aber das ist kein Zufall, denn das Leben - die Realität - widerlegt diesen Roman. In jeder Hinsicht... -
Weiteres...
Theos Vater und die Bombe im Museum:
Ich hatte ja bereits gemutmaßt, dass das Bombenattentat im Museum metaphorisch für die Urknall-Theorie steht.
Hierzu habe ich ein weiteres Indiz hinten im Roman gefunden:
Hobie Ende von VII Kapitel 12 Der Rendezvous Point (ich lese mit 'nem ereader..., dort S.1005 von 1024):
"Der Nagel, an dem dein Schicksal sich verheddern und hängenbleiben kann."
"Du hörst Dich an wie mein Dad."
"Na - sagen wir es anders. Wer war es noch, der gesagt hat, der Zufall sei nur Gottes Methode, anonym zu bleiben?"
"Jetzt klingst Du wirklich wie mein Dad."
"Wer weiß, ob Spieler es nicht tatsächlich besser verstehen? Ist nicht alles es wert, dass man etwas dafür riskiert? Kann das Gute nicht manchmal auch durch seltsame Hintertürchen hereinkommen?"
Das Zitat wird Einstein zugeschrieben (er hat es nie gesagt, aber darum geht es hier nicht...). Einsteins Relativitätstheorie bildet wiederum die Grundlage für die Urknall-Theorie, die Täter des Bombenattentats.
Der Satz zum Spieler steht für Nietzsches amor fati/Liebe zum Schicksal: https://de.wikipedia.org/wiki/Amor_fati
Theos Vater steht sowohl für Einstein, wie auch für amor fati und wir wissen, wie es mit ihm endet.
(Kurz vorher ist Hobie übrigens nur eine Hostie von Tartts Wahrheit entfernt:
Seine Fingerspitze glitt über das blasse Foto - die Berührung des Konservators, eine berührungsfreie Berührung, bei der eine Hostie zwischen Finger und Fläche passte.)
Das Bekenntnis eines Nihilisten (aber auch eines Christen):
Kap. VIII beginnt oben anschließend mit
Und ja. Ich glaube, das kann es. Oder - um noch eine Perle des Paradoxen aus dem Fundus meines Dads zu zitieren: Manchmal musst Du verlieren, um zu gewinnen.
Tartt ist bereit zu verlieren - Theos Bekenntnis in diesem Kapitel zum Nihilismus - um den Leser als Christ zu gewinnen.
Dieses Kapitel ist unglaublich kunstvoll geschrieben. Tartt erklärt es selbst, was sie hier macht:
"Über diese unüberbrückbaren Distanzen hinweg - zwischen Vogel und Maler, zwischen Bild und Betrachter - höre ich nur zu gut, was mir da gesagt wird, ein pst! aus einer schmalen Gasse, wie Hobie es ausdrückte, über vierhundert Jahre Zeit hinweg, und es ist wirklich sehr persönlich und konkret. Es ist da, in der lichtdurchspülten Atmosphäre, in den Pinselstrichen, die er uns aus der Nähe als das sehen lässt, was sie sind - ein mit der Hand aufgetragenes Leuchten von Pigment mit den sichtbaren Spuren der Pinselborsten -, und in der Distanz geschieht das Wunder, der Witz, wie Horst es nannte - aber eigentlich ist es beides -, der gleitende Vorgang der Transsubstantiation, bei dem Farbe Farbe ist, aber auch Feder und Knochen. Es ist der Ort, wo die Realität das Ideal trifft, wo Witz zu Ernst wird und alles Ernste ein Witz ist. Der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr sind."
Diese ganze Kapitel kann auf 2 Arten gelesen werden:
- säkular (für Tartt der Witz, aber es wird dann zum Ernst)
- christlich (für Tartt der Ernst, für Nihilisten der Witz)
es ist durchzogen von einer Ambivalenz zwischen diesen beiden Polen.
Und das ist brillant umgesetzt.
Tartt baut dabei darauf, dass der Leser auf den Subtext umschwenkt. Z.B. hier, Christ und Nihilist haben aus sehr unterschiedlichen Gründen keine Angst vor der Hölle:
Aber wie der Leser dieser Zeilen (falls es je einen Leser geben sollte) festgestellt haben wird, birgt die Vorstellung, hinabgezogen zu werden, keinen Schrecken für mich.
Gott ist dabei häufig nur versteckt anwesend, aber jederzeit real. Z.B.:
Und es ist da: in meinen Notizbüchern, auf jeder Seite, auch wenn es nicht da ist. Traum und Magie, Magie und Delirium. Die Einheitliche Feldtheorie. Ein Geheimnis um ein Geheimnis.
[Dieses kleine Kerlchen, sagte Boris im Auto auf der Fahrt nach Antwerpen. Du weißt, dass der Maler es gesehen hat - er hat diesen Vogel nicht aus dem Kopf gemalt, weißt du?...]
Theo ist gefangen in seinem Nihilismus, kann die Wahrheit nicht sehen. Z.B. hier über das Gemälde, den Distelfink:
Ein Gefangener, der einen anderen anschaut.
Zum Schluss gibt es sowas wie das Glaubensbekenntnis von Theo (das Nietzsches passiven Nihilismus entspricht). Es beginnt mit:
"Und ich habe das Gefühl, ich habe dir etwas sehr Ernstes und Dringliches zu sagen, mein nicht existierender Leser, ..."
Es lässt sich säkular (u.a. kein Leben nach dem Tod), aber eben auch christlich lesen (Aufstieg der Seele nach dem Tod).
Und wenn man den daran anschließenden Teil so liest, wie Tartt ihn intendiert - 'Liebe' als die Liebe Gottes - wandelt sich auch der Rest weg von der säkularen Lesart, die man sonst haben kann.
Tartt führt dem Nihilisten Theo - oder dem Leser - vor, dass Gott immer da ist, auch wenn der Nihilist es nie bemerkt. Wie in diesem Roman.
Ihre metaphysische Argumentation aber, besteht im Wesentlichen aus ad hominem-Argumenten:
- Einstein als alkoholkranker Spieler
- die Entdecker der Urknall-Theorie: Terroristen
- Nietzsche: ein abgehalfterter Drogendealer mit der Naivität eines zwölfjährigen. Ein schlechter Witz.Boris steht dabei für Nietzsches Herrenmoral, dem aktiven Nihilismus.
Theo für Nietzsches Sklavenmoral, dem passiven Nihilismus.
Beide sind nicht in der Lage den Nihilismus, wie von Nietzsche erhofft, zu überwinden.
Pippa - der Morphium-Lolly - flüchtet in die Märchenwelt von Oz.
Und wie sieht Tartt unsere moderne Welt?
Genau in diesem Moment - so plötzlich, dass wir alle erschraken - schleuderte ein Taxi mit brennender Dachleuchte quer über die Fahrspur auf uns zu und ließ einen Wasserfächer aufspritzen, der nach Kloake roch.
"Pass doch auf!", schrie Goldie, als das Taxi sich durch die Pfützen pflügte und zum Stehen kam, und dann bemerkte er, dass meine Mutter keinen Schirm hatte.Der Fahrer des Taxis ist ein Sikh mit Turban. Das Fenster lässt sich nicht öffnen und:
'Es roch, als hätte jemand auf dem Rücksitz schmutzige Windeln gewechselt oder vielleicht tatsächlich selbst geschissen und dann versucht, den Gestank mit einem Paket Kokosnuss-Lufterfrischer, der nach Sonnenöl duftete, zu überdecken. Die Sitze waren schmierig und mit Klebeband geflickt, die Stoßdämpfer praktisch nicht mehr vorhanden.Immer wenn wir über eine Delle fuhren, klapperten meine Zähne wie der religiöse Firlefanz, der am Rückspiegel baumelte.'
Was schlägt Tartt vor?Es gibt Goldie, 'der Lieblingsportier, der sie anbetete'
Er heißt Burt (gesprochen wie Bird) de Oro, der Vogel aus Gold.
Goldie geht immer rückwärts, rückwärts scheint die Richtung zu sein, die man laut Tartt einschlagen sollte, rückwärts zur Mutter - dem Christentum:
'Er klatschte in die Hände und ging auf den Fersen rückwärts die Straße hinunter.'
...
'Goldie seufzte tief, ließ die Hand sinken und ging, die Schuhspitzen angehoben, rückwärts auf den Absätzen zu meiner Mutter zurück.'
Was verspricht sie uns?Zurückzugewinnen, was wir verloren haben. Es steht relativ am Anfang des Romans. Wieder eine Stelle, die sich säkular (Geburtstagsfeier in einem Restaurant) oder christlich (Eucharistiefeier in der Kirche) lesen lässt:
Ich erinnere mich, dass ich ein paar Wochen vor ihrem Tod spätabends in einem italienischen Restaurant im Village war und wie sie mich am Ärmel packte angesichts der plötzlichen, beinahe schmerzhaften Schönheit einer Geburtstagstorte mit brennenden Kerzen, die in einer Prozession aus der Küche hereingetragen wurde, ein matter Lichtschein, der flackernd über die dunkle Decke huschte, und wie die Torte im Kreis der Familie auf den Tisch gestellt wurde und das Gesicht einer alten Lady selig leuchten ließ, während ringsum gelächelt wurde und die Kellner mit den Händen auf dem Rücken zurückwichen - ein gewöhnliches Geburtstagsessen, wie man es überall in einem preiswerten Downtown-Restaurant zu sehen bekommen kann, und ich bin sicher, ich würde mich gar nicht daran erinnern, wenn sie nicht so kurz danach gestorben wäre, aber nach ihrem Tod habe ich immer wieder daran gedacht, und wahrscheinlich werde ich mein Leben lang daran denken - an diese Runde im Kerzenschein, ein tableau vivant des täglichen, alltäglichen Glücks, das ich verlor, als ich sie verlor.
Säkular gelesen ist das für mich tatsächlich ein tableau vivant. Eine Eucharistiefeier ist für mich allerdings das Gegenteil davon. Aber da kann man natürlich unterschiedlicher Meinung sein...