Leider wussten die Menschen ja noch wenig von den inneren Zusammenhängen im menschlichen Körper und Geist. Und ohne Forschung und sicherlich auch ohne Fehlversuche mit falschen Behandlungsmethoden, hätte man oft nicht die richtigen gefunden. Schlimm finde ich nur, wenn sich Methoden festgesetzt haben, die nur durch fortwährende Schmerzen zum Erfolg führten und man die Menschlichkeit und das Wohlergehen der Kranken vollkommen ausblendete.
Das ist heute bei vielen Erkrankungen noch immer der Fall. Man denke nur an Chemotherapien bei Krebs. Da ist letztlich ja auch das Ziel, die Krebszellen mit der höheren Teilungsrate schneller als die gesunden Zellen zu töten. Es hilft in vielen Fällen, aber ist gruselig. Wer weiß, was die Leute in 100 Jahren dazu sagen werden.
Mit Strom oder Eiswasser oder noch schlimmer ertränken. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was für fürchterliche Schicksale in diesen Kliniken Menschen erleiden mussten.
Zum Thema Strom - Elektrokrampf-Therapie, kurz EKT - muss ich was zur Ehrenrettung sagen. Diese Therapieform gibt es bis heute und ist - bei den richtigen Diagnosen angewendet, hochwirksam. Sie wird allerdings heutzutage unter Vollnarkose gemacht, die Narkose dauer 15 min und ist gut verträglich.
Es gibt Zustandsbilder - die Katatonie bei Schizophrenie oder die stuporöse Depression - die lebensbedrohlich werden können. Die Menschen haben dann oft mehr als 40°C Fieber, die Muskeln lösen sich auf (Rhabdomyolyse) und nichts hilft. Die würden sterben.
Man hat festgestellt, dass ein leichter gezielter Stromstoß das Gehirn dann wieder ins Gleichgewicht bringt - ähnlich wie bei der Herzdefibrilation mit Strom. Wie genau das funktioniert, sprengt hier den Rahmen. Aber es wirkt. Auch bei schweren therapierefraktären Depressionen ohne das lebensgefährliche Syndrom. Allerdings genügt nicht eine Behandlung, sondern es müssen immer mehrere, meistens 9 bis 12 Behandlungen an mehreren Tagen, durchgeführt werden. Der Effekt ist ganz erstaunlich. Meine erste Erfahrung damit machte ich 1998 - eine Frau mit einer Katatonie und Rhabdomyolyse, wo selbst auf der Intensivstation nicht mehr viel machbar war, bis der Chef meinte, das wäre eine EKT-Indikation. Die Frau war vorher bettlägerig und völlig geistig desolat - mit der konnte man nicht mal mehr reden und wir brauchten eine Eilbetreuung, damit ein gesetzlicher Betreuer für diese Therapie das Einverständnis geben konnte.
Nach den ersten zwei EKTs passierte noch nicht viel, nach der dritten konnte sie wieder sprechen. Nach Abschluss der Serie war sie wieder völlig klar und konnte aus dem Krankenhaus entlassen werden und selbstständig in ihre Wohnung zurückkehren.
Wenn ihr jemals EKT heutzutage hört, ist das keine Folter, sondern eine hochwirksame Behandlung bei der richtigen Indikation. Das ist dann so ähnlich zu betrachten wie Herzdefibrilation bei der Reanimation.
Natürlich ist EKT kein Wundermittel. Man setzt ja auch eine Herzdefibrilation nicht willkürlich bei jeder Herzerkrankung ein. Aber es gibt Indikationen.
Auch die Insulinschocktherapie war nicht als Quälerei geplant. Die Ärzte hatten damals beobachtet, dass schizophrene Diabetiker, die durch Zufall unterzuckert waren, danach ein paar Tage etwas klarer waren. Es gibt auch da Zusammenwirkungen mit dem Hirnstoffwechsel. Diese Therapie ist allerdings lebensgefährlich und wurde deshalb schnell wieder beendet. Und es war natürlich Unsinn, Kriegszitterer, die eine Posttraumatische Belastungsstörung hatten, damit zu behandeln. Das hilft nicht. Die brauchen Ruhe, Verständnis und eine spezifische Traumatherapie. Aber das wusste man damals noch nicht.
Wieder was gelernt. Hätte es bei Frontalhirn-Schädigung eine Heilungsmethode gegeben? Gibt es die heute? Oder nur Medikamente?
Nein, bei Hirnschädigungen gibt es grundsätzlich keine Heilungsmethoden, weil Hirngewebe nicht nachwächst. Was weg ist, ist weg. Bei kleinen Kindern können sich Unfallfolgen noch verwachsen, wenn noch unbelegte Hirnareale die Funktionen übernehmen. Bei Erwachsenen ist das nur noch sehr begrenzt möglich. Medikamente helfen auch nur gegen Verhaltensauffälligkeiten, wenn sie dämpfend wirken.