Beiträge von Teresa

    Nur eine Hauptfigur, mehrere Hauptfiguren oder keine Hauptfigur - es muss jedenfalls für den Roman, den Autorin oder Autor geschrieben hat, schlüssig wirken und mich überzeugen.


    Daneben sollte ein fairer Leser beziehungsweise eine faire Leserin allerdings auch ein wenig die Zielsetzung von Autorin und Autor im Auge behalten. Es macht halt doch einen Unterschied, ob die Lebensgeschichte des Helden oder Heldin A erzählt wird, mit dem sich die Leserschaft nach Wunsch der Autorin oder des Autors auch "identifizieren" soll, oder ob es in Wirklichkeit darum geht, die Geschichte eines Verbrechens zu erzählen, wobei die Ermittlerfigur lediglich gewählt wurde, um so etwas wie einen roten Faden zu haben. (Detektiv ist zwar völlig farblos, aber die Leserschaft und er teilen die Sicht auf das Verbrechen.) Bei einem historischen Roman hat eine fiktive Heldenfigur jedenfalls den Vorteil, dass wenigstens mit seinem Schicksal der Leserschaft Überraschungen bereitet werden können, da der Ausgang gewöhnlich vorhersehbar ist. (Beispiel: Herrscher A endet auf dem Schlachtfeld - kann als bekannt vorausgesetzt werden - unter diesem Aspekt keine Spannung. Fiktiver Held begleitet Herrscher auf das Schlachtfeld - Spannung: fällt er an der Seite seines Herrn oder überlebt er die Schlacht und reitet mit seinem Mädchen in den Sonnenaufgang / in eine bessere Zukunft etc.).

    Wenn die Autorin oder der Autor mit Absicht auf die Hauptfigur verzichtet - vielleicht ist es auch nur ein Hinweis für die Leserschaft, mit dem dieser die Interpretation der Geschichte vorgegeben werden soll, Beispiele:

    - Verzicht auf den Helden zugunsten des Kollektivs (ein im 20. Jahrhundert zur Zeit des Kommunismus beliebtes Thema)

    - Verzicht auf Hauptfigur, Fokus wird auf das Geschehen, auf die Stadt, auf etwas anderes gelegt

    - Verzicht auf Hauptfigur, Hervorhebung einer gewollten oder versuchten Objektivierung (für unsere Zeit problematisch, da heute von der Perspektive des allwissenden Erzählers eher abgeraten wird. Seine zusätzlichen Funktionen für den Autor oder die Autorin übernimmt heute oft das Nachwort. )

    - Bei heiklen Themen kann das Fehlen (oder angebliche Fehlen) der Identifikationsfigur auch eine vorbeugende Schutzmaßnahme der Autorin oder des Autors sein. So wird Objektivität erzielt oder vorgetäuscht.

    Heute wird in jeder Schreibwerkstatt "gelehrt", dass ein Roman, wenn er am Buchmarkt reüssieren will, mindestens eine Heldenfigur benötigt beziehungsweise eine Figur, die für die Leserschaft ein Identifikationsangebot beinhaltete. (Eine häufiger Kritikpunkt in Rezensionen ist das Fehlen von Figuren, die einem sympathisch sind.)


    Wobei allerdings nicht übersehen werden kann, dass das Modell mit der Identifikationsfigur noch im 20. Jahrhundert in einigen Literaturtheorien als Indiz gesehen wurde, um bei einen gediegenen und gutgeschriebenen, dazu mitreißenden Roman zu entscheiden, ob dieser Roman bereits als Literatur gelten konnte oder doch nur als einen Unterhaltungsroman .


    Die Identifikationsfigur galt in dieser Zeit als ein wichtiges Charakteristikum des "minderen" Romans, also der (Trivial- und Unterhaltungsliteratur. Das bedeutete zwar keineswegs, dass ein Roman mit einer Identifikationsfigur im Zentrum, deren Geschichte erzählt wird, automatisch als "mindere" Literatur eingestuft wurde. Aber gerade in bestimmten Genres (historischer Roman, Kriminalroman, Stadt- oder Landesgeschichte, Roman über ein Gebäude / Brücke / Straße etc., Panorama usw.) wurde die Verwendung eines Erzählmodells mit Identifikationsfigur, an der die eigentliche Handlung "angehängt" ist oder deren Aufgabe es ist, die Leserschaft durch diese zu führen, als ein Schreibmodell gesehen, das die Gefahr einer "Trivialisierung" der Handlung bedeutet und das daher von einem seriösen Autor entweder nicht oder nur mit äußerster Vorsicht genutzt werden sollte.


    So gesehen überrascht es nicht, dass der Auslöser für die Fragestellung hier ("Shirley" von Charlotte Bronte), ein Roman ist, der vor ca. 150 Jahren geschrieben wurde, also für eine Leserschaft, die ganz andere Lesegewohnheiten hatte, als die heutige Durchschnittsleserin oder der aktuelle Durchschnittsleser.


    Was sich allerdings bis heute nicht verändert haben dürfte, ist der Umstand, dass auch damals eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller, die schon zu Lebzeiten Erfolg mit ihren Büchern hatte oder haben wollte, ihren "Markt" beziehungsweise ihre Leserschaft gekannt und das bei ihrem Schreiben berücksichtigt haben wird. (Die Dialoge mit französischen Sätzen in "Shirley" oder die Verwendung von Zitaten zeigen zum Beispiel, dass Bronte den Roman für eine Leserschaft schrieb, zu deren durchschnittlicher Allgemeinbildung gute Französischkenntnisse und eine gediegenen literarische Allgemeinbildung zählte. Ich bin zwar noch in einer Zeit aufgewachsen, wo eine solche Bildung etwas gegolten hat, im 21. Jahrhundert hat sich das jedoch gründlich geändert. Sicher kein Zufall, dass gerade die Verwendung von Zitaten oder französischen Dialogstellen von einer heutigen Leserschaft Großteils negativ wahrgenommen wird.)


    Es stellt sich also die Frage, ob eine solche Erzählform (die offen lässt, wer die Identifikationsfigur beziehungsweise die Hauptfigur ist) für Romane des 19. Jahrhunderts wirklich etwas so Ungewöhnliches war. (Hinzu kommt noch, dass sich die Gattung Roman, wie sie heute gesehen wird, erst mit Anfang des 19. Jahrhunderts ausbildete. (Bücher, die vor dem 19. Jahrhundert als Romane bezeichnet werden, weisen zum Teil formale Merkmale und Erzählstrukturen auf, die für den "Roman" ungewöhnlich oder sogar fragwürdig sind.


    Ein bekannter Roman, an dem solche Fragestellungen übrigens auch in der Literaturwissenschaft diskutiert wurde, ist "Vanity Fair" (deutscher Titel "Jahrmarkt der Eitelkeit") von William Makepeace Thackeray, der 1848. (Zum Vergleich: "Shirley" wurde 1849 publiziert.)


    Der Originaltitel lautet übrigens: "Vanity Fair: A Novel without a Hero". Der "Hero" ist hier übrigens mehrdeutig: ohne eine Heldenfigur oder ohne Hauptfigur.

    Obwohl Ich vermute einmal, dass es nicht der Roman ist, den jemand kennt, sondern die Verfilmung mit Reese Witherspoon aus dem Jahr 2004. Daneben gibt es noch eine englische Fernsehserie mit Natasha Little, und es ist zumindest auffallend, dass beide Verfilmungen trotz unterschiedlicher Schwerpunkte und Veränderungen gegenüber der Vorlage Becky Sharpe als die Hauptfigur inszeniert haben.


    In diesem Kontext lässt die Aussage, dass Charlotte Bronte es ihrer Leserschaft überlassen hat, ob nun Caroline oder Shirley die Hauptfigur ist, noch weitere Interpretationen zu.


    Daneben wäre noch zu überlegen, ob für Charlotte Bronte nicht eigentlich Robert die Hauptfigur war. Vielleicht hat Charlotte Bronte nur deshalb den Blickwinkel in Bezug auf die Hauptfigur auf ihre Frauenfiguren gelenkt, um sich als Autorin gegen damalige Vorurteile zu schützen, wie ob eine Schriftstellerin überhaupt kompetent genug ist, eine überzeugende männliche Hauptfigur zu schaffen, die ihre Handlung trägt.

    Indizien dazu ergeben sich aus der Rezeptionsgeschichte der Romane ihrer beiden Schwestern:

    - Auf die (für ihre Entstehungszeit und auch im 21. Jahrhundert noch brisante) "Herrin von Wildfell Hall" von Anne Bronte bin ich vor fast 30 Jahren durch Zufall gestoßen, damals wurde sie in den einschlägigen Literaturgeschichten und Literaturlexika, wenn sie dort überhaupt als Autorin erwähnt wurde (und nicht nur als jüngere Schwester von Charlotte und Emily, dies auch durchaus abwertend) nur als Autorin des Roman "Agnes Grey" angeführt. ("Agnes Grey" ist eindeutig von ihren beiden Romanen der uninteressantere und "konservativere" Roman)

    - Die Autorenschaft von Emily Bronte für "Sturmhöhe" wurde immer wieder in Frage gestellt. Zunächst wurde die Annahme als Fakt präsentiert, dass das Buch in Wirklichkeit ihr Bruder geschrieben hatte, später wurde ihm immerhin eine Mitautorenschaft unterstellt. Vor dreißig Jahren gab es noch die eine oder andere einschlägige/s Literaturgeschichte / Literaturlexikon, in dem diese behauptet oder wenigstens angedeutet wurde.


    Interessant ist jedenfalls, dass in Brontes ersten Roman "Der Professor" (der allerdings erst nach ihrem Tod publiziert wurde), ein Mann die Hauptfigur ist.


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    Romane mit unklarer Positionierung von der Hauptfiguren sind in der Gegenwart nicht mehr zu finden, ich vermute, aus den oben angeführten Beobachtungen. Der Markt wünscht es nicht und die "Schreibtheorien", die heute von Menschen, die selbst als Schriftstellerinnen und Schriftsteller reüssiert haben, sind ebenfalls auf die Notwendigkeit von Identifikationsfiguren als Hauptfiguren ausgerichtet.


    Im 20. Jahrhundert gab es immerhin die "Landes"-Romane von James Michener ("Colorado Saga", "Mazurka", "Hawaii", "Karibik" etc.), in denen dieser die Geschichte eines Landes oder einer Region über Jahrhunderte erzählten und dazu Einzelepisoden aufeinander folgen ließ. Mit einer Hauptfigur, die in allen diesen Episoden auftritt und sie verbindet, wäre das, was er erzählen wollte, nicht möglich gewesen. Immerhin aber fällt auf, dass gewöhnlich in den letzten Teilen seiner Romane, die in der Gegenwart enden, häufig mehrere Episoden dieselbe Hauptfigur haben und dass seine Erzählung über Jahrhunderte zwar in einzelne Episoden aufgelöst ist, diese aber miteinander geographisch, durch die symbolische oder tatsächliche familiäre Verbindungen oder Gegenstände miteinander verknüpft sind.


    Als Ganzes haben diese Romane keine Hauptfigur, allerdings haben die einzelnen Abschnitte, die auch als geschlossene Geschichte gesehen werden können, jeweils sehr wohl Hauptfiguren.

    Eine ähnliche Struktur findet sich in "Die Brücke über die Drina" (1945 erstmals publiziert), ein historischer Roman des "jugoslawischen" Schriftstellers Ivo Andrić.


    Ein anderer Autor, der unter dem Aspekt "Braucht eine Geschichte eine Hauptfigur" einiges bieten würde, ist James Clavell (1924-1994). Zwar gibt es in seinen historischen Romanen, um Beispiel "Shogun" (1975), "Noble House Hongkong" oder "Taipan" (eher bekannt: die Verfilmungen) stets die Hauptfiguren (auf denen die Verfilmungen ihren Fokus gelegt haben), doch gerade in einem Roman wie "Shogun" gibt es einfach so viele Handlungsstränge, dass sich schon die Frage stellt, ob John Blackthorne (historisches Vorbild: William Adams) wirklich der Held ist.


    Ein weiterer Roman bei dem die Frage nach der Hauptfigur diskutiert werden könnten, ist "Doktor Schiwago" (1957 erstmals publiziert) von Boris Pasternak. Zwar zentrierte sich der Roman auf den Titelhelden (und die Verfilmungen zentrieren sich auch um diesen und Lara), aber wie meine Schwierigkeiten, den Inhalt für eine Bekannte zusammenzufassen mir gezeigt haben, ist der Roman keineswegs nur die Geschichte des Titelhelden.







    Einen Auftritt hat Liselotte auch in dem Film "Ein königlicher Tausch", wo sie von der französischen Schauspielerin Andrea Ferreol verkörpert wird. Hier kommt sie als Mutter des Regenten vor. Roman ist mir noch immer keiner eingefallen.


    In "Skandal bei Hof" von Thea Leitner 1990er-Jahre) gibt es einen Abschnitt über sie, das ist allerdings kein Roman, sondern eine "populärwissenschaftliche" Biographiensammlung.


    Allerdings dürfte die historische Liselotte von der Pfalz am Hof ihres Vaters aufgewachsen sein und nicht bei ihrer Tante.

    Das Problem mit der Serie "Versailles" ist, dass die meisten Menschen heute alles, was ihnen als historisch präsentiert wird, auch sofort für bare Münze nehmen, weshalb solche Serien, einmal krass ausgedrückt, leider die "Volksverdummung" fördern. Für mich ein wesentliches Problem, dass ich mit älteren Filmen und Fernsehserien fast nie gehabt habe, und eigentlich schade, denn als reine Unterhaltung funktioniert das Ganze, aber für historische "Bildung" ist es leider ein völliger falscher Weg, und beides lässt sich heute nicht mehr trennen.


    Da Herzog Philipp im Film letztlich als positive Figur rüberkommen soll, hat mich nicht überrascht, dass seine Homosexualität ausgespart wurde, und er stattdessen sogar als "Weiberheld" dargestellt ist, den sich seine unverbildete Ehefrau erobern darf. Hinzu kommt, dass zur Entstehungszeit des Filmes Homosexualität, wenn sie überhaupt einmal vorkommt, gewöhnlich nur angedeutet wurde. Der Film selbst geht übrigens auf eine Operette von Eduard Künnecke zurück ("Liselott"), die sich im Unterschied zu den meisten Operetten der "silbernen Ära" um ein historisches Thema nicht allzu ernst nimmt, (Szenen einer Ehe, wie es bei Volker Klotz, einem Standardbuch über die Operette heißt). Interessant ist übrigens, dass der erste Philipp von Orleans Gustav Gründgens war, der auf die Gestaltung der Dialoge Einfluss genommen hat.


    Ein weiterer (neuerer) Film, wo Liselotte allerdings nur einen Auftritt hat, ist übrigens "Die Gärtnerin von Versailles" mit Kate Winslet und Matthias Schoenaerts (2014, Regie: Alan Rickmann, der hier auch König Ludwig XIV. gibt). Gespielt wird sie hier von der mir unbekannten Schauspielerin Paula Paul, den Herzog von Orléans gibt Stanley Tucci.


    Ein Roman fällt mir allerdings ad hoc auch nicht ein.

    Troubadour. Die Löwenherz-Verschwörung

    Roman von Christoph Görg

    Goldegg Verlag, 2017; ISBN 978-3990600498

    Inhaltsangabe

    Als Niki Wolff nach einem Sturz von der schneeglatten Burgmauer der Ruine Dürnstein wieder zu sich kommt, befindet er sich noch am selben Ort, aber nicht mehr in der selben Zeit: Der Kalender zeigt Januar 1193. Seine unfreiwillige Begegnung mit dem Mittelalter sorgt für amüsante Irrungen und Wirrungen, verursacht aber auch ernsthafte Komplikationen, die den Lauf der Geschichte verändern könnten. Bald schon steht Niki nicht mehr nur zwischen den Zeiten, sondern auch zwischen zwei Frauen – und zwischen den Herren von Dürnstein und ihrem prominenten Gefangenen, dem englischen König Richard Löwenherz. Hat Niki den Verstand verloren? Liegt er im Koma und hat einfach nur einen ungewöhnlich realistischen Traum? Oder ist er tatsächlich durch die Zeit gereist? Eigentlich will Niki nichts wie zurück nach Hause. Stattdessen hat er schon bald alle Hände voll zu tun, um zu verhindern, dass die Geschichte durch seine Anwesenheit vollkommen aus dem Ruder läuft …

    (zitiert nach https://www.amazon.de/Troubadour-Die-Löwenherz-Verschwörung-Christoph-Görg/dp/3990600494)


    Zum Autor:

    Christoph Görg (geboren 1968 in Krems an der Donau, Österreich) studierte Betriebswirtschaftslehre und wurde Steuerberater. Daneben verfasste er Kurzgeschichten. "Troubadour - Die Löwenherz-Verschwörung" ist sein erster Roman

    (Quelle: Amazon)


    Persönlicher Eindruck:

    Der junge Niederösterreicher Niki Wolf hat Liebeskummer, weswegen er sich nach Dürnstein flüchtet. Dort hat er einen Unfall. Nach einem Sturz über eine Mauer liegt er im Komma beziehungsweise landet er im Mittelalter, wo er in die Geschehnisse um die Gefangenschaft von Richard Löwenherz verwickelt wird.


    Der Roman "Troubadour" erzählt von einer unfreiwilligen Zeitreise ins Mittelalter beziehungsweise in ein historisch belegtes Ereignis. Richard I. Löwenherz wurde bei seiner Heimreise vom Dritten Kreuzzug tatsächlich im Herzogtum Österreich gefangen genommen und verbrachte dort einige Tage (oder Monate) auf einer Burg der legendenumwobenen Adelsfamilie der Kuenringer, ehe er von Herzog Leopold (V.) dem Tugendreichen an König Heinrich VI. ausgeliefert wurde. Um Richards Gefangenschaft bildeten sich einige Legenden, auf die der Autor hier neben belegten Faken Bezug nimmt.


    Niki, der ein Fan des "Austro-Pops" ist, kann sich zunächst an nichts erinnern. Von Hadmar von Kuenring und dessen Leuten wird er für einen Troubadour gehalten. Als solcher reüssiert er, nachdem kein Geringerer als König Richard Löwenherz persönlich, der ebenfalls als Troubadour gilt, von seiner Interpretation des Schlagers "Es lebe der Zentralfriedhof" ganz begeistert ist. Noch glaubwürdig? Spätestens hier wird klar, dass "Troubadour" wohl kein Roman für jene Leserschaft ist, die historische Romane in erster Linie liest, um sich zu bilden oder sich eine Illusion von Bildung zu geben.


    Während Niki als Troubadour jedenfalls im Roman einige Austropop-Schlager große Erfolg hat, muss sich Niki daneben mit allen möglichen Dingen herumschlagen: seinen Gedächtnisverlust, Liebesgeschichten (darunter seiner eigenen), einem eifersüchtigen Kuenringer-Sprössling und einen Kriminalfall, in dem es um König Richards Leben geht. Während Königin Alienor im fernen England auf Richards sofortige Befreiung drängt, solange er noch in Gewalt der "gemütlichen" Österreicher ist, da sie diese für undurchführbar hält, sobald er an die "gründlichen" Deutschen ausgeliefert wird, hat sein "böser" Bruder, Prinz John hat da ganz andere Pläne, und was die gute Mutter nicht ahnt, in Dürnstein einen Verbündeten für diese vor Ort) .

    Während sich Nikis Abenteuer, die er in der mittelalterlichen Wachau erlebt, recht witzig lesen, hätte ich die Idee, dass er das erlebte, während er im Koma liegt, nicht wirklich gebraucht


    Auf der Habenseite gibt es jedenfalls eine originelle Grundidee, deren Umsetzung recht plausibel ist und die mit viel schrägen Humor und einer gewissen Skurrilität punktet. Dazu kommen noch nette Figuren wie der fesche und humorvolle Raubritter Joachim, der Hunde liebt, oder das böse Burgherrensöhnchen Hadmar, das sich aber nach der Gegenliebe seiner Angebeteten sehnt, doch selbst Niki, der mit seinen Ratschlagen anderen hier hilft, merkt, dass er dabei noch einiges lernen sollte. Zudem ist das Buch eine Liebeserklärung an den Austro-Pop des 20. Jahrhunderts (Fans von Georg Danzer, Reinhard Fendrich etc. kommen hier eindeutig auf ihre Kosten), und Görgs Beschreibung der mittelalterliche Wachau, in der auch Sagenelemente auftauchen, ein weiterer Pluspunkt.


    Mit der Idee, Niki unter Gedächtnisverlust leiden zu lassen, erst allmählich kehren seine Erinnerungen zurück, bietet Görg zudem eine halbwegs plausible Motivierung dafür, dass sich der Protagonist erstaunlich problemlos in den mittelalterlichen Alltag einfügen kann. Görg zeichnet ein Mittelalter, das trotz gewisser Schattenseiten (Kreuzzug, Wasserfolter) und typischer Kriminalroman-Elemente im Vergleich zu anderen historischen Büchern weniger düster wirkt.

    Die Kriminalgeschichte ist als Whodunit durchaus glaubwürdig aufgebaut, die Täterfigur gut platziert und ihr Motiv zwar nicht unbedingt mittelalterspezifisch, aber nachvollziehbar und glaubwürdig.


    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, allerdings ist es eines jener Bücher, auf die sich die Leserin oder der Leser auch einlassen muss. Das Buch dürfte jedenfalls eine ideale Lektüre für Leserinnen und Leser sein, die für ein etwas anderes Mittelalter aufgeschlossen sind oder gerne in der Wachau Urlaub machen, Künstler wie Georg Danzer, Reinhard Fendrich etc. schätzen, schräge Figuren und den typischen österreichischen Humor mögen.

    Das kann ich nicht unterschreiben, ich liebe u. a. Gablé und mochte den Husemann

    Ich hatte mit den Fans auch nicht Leserinnen und Leser gemeint, die eben auch gerne Büchern von Autorinnen und Autoren wie zum Beispiel Rebecca Gablé, Sabine Weigand etc. lesen, sondern jene Leserschaft solcher Autorinnen und Autoren, für welche die dort verwendete "Formel für den historischen Roman" das "A & O" ist, also für die ein "historischer Roman" aus einer Handlung nach dem meist relativ verwässerten des "Waverley-Modells", ergänzt durch ein Nachwort mit deutungshoheitlichen Tendenzen, besteht. Deren Erwartungshaltung und Leseziel bei einem historischen Roman ist (mein persönlicher Eindruck): Unterhaltung durch das Lesen einer leichten, anspruchslosen, oft auch seichten Geschichte, die sie mit der Illusion für sich "rechtfertigen", dass sie auch etwas für ihre Bildung getan haben,


    Die werden mit einem Autor wie zum Beispiel Dirk Husemann, trotz seines flüssigen Stils und seiner Fähigkeit, unterhaltsam zu schreiben, überfordert sein, da er in seinen historischen Romanen (zumindest in denen, die ich selbst gelesen habe) andere Wege beschreitet.

    Das Buch liest sich flüssig und ist sehr unterhaltsam - eindeutig ein Pluspunkt. Es bietet Stoff zum Nachdenken, ein Mehrwert, bei dem es denen, die lesen, überlassen bleibt, ob sie sich auf darauf einlassen wollen - zumindest kein Minuspunkt. Gut gefallen hat mir außerdem die Mischung unterschiedlicher Genres und der freie, spielerische Umgang mit historisch belegten Fakten. Die Idee für diese Geschichte ist interessant und wird überzeugend umgesetzt.


    Wem die historischen Romane von Husemann bisher gefallen haben (besonders seine "Seidendiebe"), dem dürfte dieses Buch sicher gefallen. Die Geschichte folgt den Spuren eines Robert Löhr und Conrad Ferdinand Meyer - "Die Bücherjäger" haben zwar nicht ganz die Liga der beiden (besonders sprachlich), aber wer ihre Bücher schätzt, dem dürften auch die "Bücherjäger" zusagen.


    Nicht zu empfehlen ist das Buch für die Fans von Autorinnen und Autoren wie zum Beispiel Rebecca Gablé, Sabine Weigand etc. Die werden damit nicht viel anfangen können.


    Eine ausführliche Buchbesprechung mit Überlegungen findet sich unter folgendem Link: Die Bücherjäger (Dirk Husemann) - Buchbesprechung

    (Achtung! SPOILER)

    Der Roman ist in erster Linie eine Liebeserklärung an Bücher und Wissen und erinnert an jene Zeiten vor der Erfindung des Buchdruckes, wo dieses sehr leicht verloren gehen konnte, das besonders, wenn die Inhalte gewissen Personen nicht genehm waren …


    Poggio (eine bekannte historische Figur) und Protagonist dieses Romans gehört zu einer Gruppe von Menschen, die unabhängig von einander, eines verbindet. Sie alle versuchen Bücher und Wissen zu bewahren. Wer Bücher liebt und schätzt, dürfte sich daher mit der Hauptfigur leicht identifizieren können, es ist doch wirklich schlimm, wenn ein Bucheinband beschädigt wird, nur weil jemand um des "schnöden" Geldes willen oder für politische Pläne ein Buch stehlen will.


    Bücher müssen in dieser Geschichte überhaupt einiges erleiden, zwei von ihnen landen regelrecht auf dem Scheiterhaufen - eine Art Feuerprobe … Ein weiteres Buch muss geopfert werden, um jemanden das Leben zu retten, und es war für mich eigentlich ein sehr berührender Moment, dass der Held, das ist Poggio wohl, dieses für ihn schwere Opfer bringt, also letztlich, das Leben eines Menschen doch höher schätzt, als ein Buch. Dieses Thema ist konsequent umgesetzt, die Rollen, die einigen historischen Akteuren hier zugeteilt werden, sind unter diesem Aspekt durchaus gut durchdacht und das Ende des Romans, das hier aber natürlich nicht verraten werde, eindeutig schlüssig.


    Daneben bietet der Roman jedoch noch eine ganze Reihe weiterer Themen und Hinweise. Da gibt es zum Beispiel eine heute sehr umbestrittene Theorie, die hier vorkommt, aber auch die naheliegende, doch in diesem Kontext gewöhnlich in der Forschung bisher nicht wirklich gestellte Frage, ob es denn tatsächlich die behauptete Katastrophe ist, wenn sie stimmen würde.

    Eigentlich sind "Die Bücherjäger" ein sehr ernstes und philosophisches Buch, das allerdings mit viel (subtilen) Humor und dank abenteuerlicher und anderen unterhaltsamer Elemente als lockerer "Lese-Ritt" umgesetzt ist. Bei den humorvollen Stellen ist besonders hervorzugeben, dass die Komik keineswegs platt und durchaus angemessen eingesetzt wird.


    Sehr deutlich ist das an den beiden Anfangsszenen zu erkennen. Wenn der Gegenpapst Johannes XXIII. (Baldassare Cossa) um sein Leben rennt, dann ist das zwar durchaus mit viel Komik dargestellt (gerade die Papstwürde ist hier besonders hinderlich, will doch jeder gesegnet werden etc.), nichtsdestoweniger werden jedoch die Situation und der Akteur, der zumindest im Roman zu Recht um sein Leben fürchtet, keineswegs dem Hohn und Spott preisgegeben.


    In der zweiten Szene, die zeitgleich spielt, ist Poggio in Begleitung von Oswald von Wolkenstein zu einem Kloster unterwegs, wo er ein besonders Buch zu finden hofft. Auch diese Szene beginnt zunächst sehr komisch, denn Poggio ist von seinem Begleiter genervt, dessen Gesang - Oswald ist schließlich nicht nur Ritter, sondern auch ein bedeutender Minnesänger - ihm gehörig auf den Geist geht. Wenn aber wenig später beide über einen Abgrund müssen und Oswald dabei vorübergehend vor Furcht abschaltet und gerade deshalb abzustürzen droht, ist das keineswegs als eine spaßige Situation auf Kosten Oswalds umgesetzt, sondern die Lage, dass ein Mensch in Lebensgefahr schwebt, wird ernst genommen. Komisch wird es erst wieder, als beide das Kloster erreichen, und der Vorsteher erstaunt ist, dass dieser Weg überhaupt noch existiert, wo sein Kloster doch seit vielen Jahren über eine Straße von Bregenz aus erreichbar ist, die auch mit Fuhrwerk sehr leicht zu befahren ist.


    Husemann mischt in seinem Roman mehrere Genres und Motive: ein historischer Hintergrund, wenn gleich mit einigen fiktiven Elementen, ein wenig Detektivgeschichte, ein wenig Liebesgeschichte, meistens geht es sehr abenteuerlich zu, einige Szenen erinnern an den Schelmenroman, auch die "Gothic Novels" lassen in einer Szene direkt grüßen, und Schauplätze wie Klöster, Burg, Bordell etc. verweisen darauf. Es gibt eine Männerfreundschaft, es gibt sehr, sehr böse Schurken, in den beiden ersten Rückblenden ergibt sich für Poggio, wenn gleich nur ansatzweise so etwas wie ein Entwicklungsroman.


    An einigen Stellen geht es allerdings sehr brutal zu, wenn die beiden Handlanger (fiktive Figuren, deren Namen in die Literatur verweisen) des "Oberschurken" (eine historische Figur) agieren. Die sind nur böse und sadistisch, sie sind aber wie dieser Nebenfiguren. Die tatsächliche Brutalität wird wenigstens nicht vollständig gezeigt, sondern nur der Beginn, wenn diese Schurken auf ihre Opfer losgehen, dann wird weggeblendet oder entscheidende Details hinter die Kulissen verlegt.


    Insgesamt sind "Die Bücherjäger" ein sehr abwechslungsreiches Buch, das eine Menge für unterschiedliche Leserinnen und Leser bietet und das jedenfalls gut unterhält, sowohl die, welche nur Unterhaltung suchen, aber auch die, welche etwas Tiefgang oder Entdeckungen, Zitate, Anspielungen oder Verweise lieben. "Die Bücherjäger" gehören zu jenen im 21. Jahrhundert äußerst seltenen historischen Romanen, die zum Nachdenken anregen, die Lust auf die Hinterfragung gängiger Sichten und der angeblich einzigen wahren Sicht machen und die zur selbständigen Auseinandersetzung und Weiterbeschäftigung mit einem Thema einladen.


    Gerade Menschen, die geschichtlich tatsächlich versiert sind, dürfte der Roman sogar sehr gut gefallen, bietet er doch eine interessante Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen und Zugängen zur Geschiche wie Historizität, geschichtliche Fakten (Zuverlässlichkeit), geschichtliche Wertungen / Maßstäbe etc., nicht belehrend, aber sehr unterhaltsam.

    Der Autor selbst beansprucht für sich keineswegs die Deutungshoheit. (Das hat er nicht notwendig.) Er tritt keineswegs mit dem ausdrücklichen Anspruch auf, die wahre Geschichte über das Konzil zu erzählen, sondern er selbst bezeichnet seine Geschichte als eine fiktive Episode zum Konzil von Konstanz, betont die Fiktivität der von ihm erzählten Geschichte über das Konzil von Konstanz also ausdrücklich. Wobei gerade seine fiktiven Details bei näherer Betrachtung zeigen, dass er mit historisch tatsächlich belegten Fakten sehr vertraut ist - also einer jener Autoren, die es sich leisten können, mit geschichtlichen Fakten eigenwillig umzugehen, gerade weil sie sich sehr gut mit Geschichte auskennen. Aufgrund seiner Geschichtskenntnisse kann sich Husemann ein Spiel mit den historischen Fakten oder dem, was dem Zeitgeist als Fakten gegolten hat, noch immer gilt oder heute gilt, erlauben. Dabei ist er durchwegs innovativ, wie auch in seinen anderen Buch, den "Seidendieben", das ich gelesen habe. Ist es dort der Bau der Haggia Sophia, wird in den "Büchernjägern" die Bedeutung des Konzils von Konstanz sehr einfallsreich auf die Schippe genommen und in ihrer tatsächlichen Bedeutung kritisch hinterfragt. Gerade für Menschen, die sich gerne ihre eigenen Meinung bilden und die kritisch denken und Spaß an einer Entdeckungsreise (im Sinne des "Was wäre wenn"),dürfte der Roman, sehr ergiebig sein.


    Vor allem Leserinnen und Lesern, denen die eher philosophischen, aber kurzweiligen Romane des vielseitig gebildeten Schriftstellers Robert Löhr gefallen haben, könnte auch dieser Roman gut gefallen. Husemann ist zwar sprachlich keineswegs so versiert wie Löhr, abgesehen davon aber bietet er wie dieser eine gelungene Mischung aus Fiktion mit Tiefgang und Wissen aus unterschiedlichen Forschungsbereichen, das er sehr unterhaltsam und scheinbar leicht und kurzweilig aufbereitet.


    Insofern ist sein Roman aber nichts für eine Leserschaft, die sich nur auf bequeme und unterhaltsame Weise "bilden". Diese wird wohl mit den "Bücherjägern" nicht viel anfangen können.

    Mir selbst hat der Roman (wie auch "Die Seidendiebe" von Husemann) sehr gut gefallen, er war nicht nur gute Unterhaltung, wobei Handlung und Figuren trotz Komik und Kurzweil ernst genommen werden, sondern hatte auch einiges an interessanten Anspielungen und versteckten Hinweisen und "Zitaten" zu bieten. Außerdem - als ich fertig gelesen hatte, kamen mir eine ganze Menge Gedanken und Fragen - und es spricht für ein Buch, wenn es zum Nachdenken anregt ...

    Der wertende Vergleich mit "Säulen der Erde" ist nicht wirklich sinnvoll, da die Frevisse-Bücher immerhin 200 Jahre später spielen (beide zwar Mittelalter, aber eine unterschiedliche Zeitepochen). Außerdem haben die Frevisse-Bücher als historische Whodunit eine ganze andere Zielrichtung als "Die Säulen der Erde" (Abenteuerroman, Heldengeschichte) und fallen in ein ganz anderes Genre (Kriminalroman).

    01. Griechisch-römische Antike und frühes Mittelalter (500 v. Chr. – 814 n. Chr.)

    Dirk Husemann: Die Seidendiebe - 552 n. Chr.

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    02. spätes Mittelalter (842 n. Chr. – 1348 n. Chr.)

    Richard Dübell: Die Pforten der Ewigkeit - um 1250

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    03. 1348 bis 1485 (Tudor Regierungsbeginn)

    Dirk Husemann: Die Bücherjäger - 1417
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    04. Tudor Zeit bis Anfang Stuart Zeit (1485 n. Chr. – 1603 n. Chr.)

    Richard Dübell: Das Buch der Finsternis - 1486
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    05. Stuart 1603 - bis ca. 1714

    Enrica von Handel-Mazzetti: Stephana Schwertner - um 1610

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    06. 1715 - Ende Napoleon ca. 1814 - 1821

    Annemarie Selinko: Desiree - Wende 18. / 19. Jahrhundert
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    07. nach Napoleon bis 1900

    Mathias Menegoz: Karpathia - 1833
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    08. 1900-1918

    Stefan Rothbart: Wahrscheinlichkeit des Krieges - um 1914

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    09. 1919-1945

    Thomas Buchner: Der Fall Schinagl: Ein Linz-Krimi aus den 1930er Jahren - um 1934

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    10. 1946-1969

    Elena Ferrante: Meine geniale Freundin
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    11. 1970-1989

    Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege

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    12. 1990-heute

    Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes

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    14. Zeitreise / mehrere Zeitebenen

    Barbara Erskine: Die Herrin von Hay - Mittealter / Gegenwart
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    Anna Fuchs: "Das gelbe Hurentuch",
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    Anna Fuchs: "Der blaue Liebesknoten" (Fortsetzung des Ersteren),

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    Beides historische Romane mit Krimitouch, die hauptsächlich in der Stadt Wien in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielen.


    Bei der Handlung ist allerdings zu beachten, der Untertitel: Hannerl ermittelt, ist leider irreführend und wer daher einen Krimi nach dem Modell einer Andrea Schacht, Astrid Fritz, einer Beate Maly etc. erwartet, wird hier wahrscheinlich enttäuscht sein. Anna Fuchs zeichnet in den Büchern eine Welt, die vermutlich dem tatsächlichen Mittelalter näher kommt, als in historischen Krimis zurzeit üblich. Bei ihr sind Ermittlungen letztlich für die Katz, über Leben und Tod entscheidet nicht die Indizienkette, ein Geständnis oder eine Falle, die zur Überführung der Täterfigur gestellt wird.


    Eine weitere Hürde für Nichtwienerinnen und Nichtwiener könnte außerdem die Verwendung von Dialekt in wörtlicher Rede bei Figuren aus der Unterschicht sein.


    Beide Romane vermitteln dafür allerdings das authentischste Bild der Stadt Wien im Mittelalter, das ich in historischen Romanen des 21. Jahrhunderts bisher gefunden habe. Zudem sind sie auch die bisher gelungenste und anschaulichste Umsetzung der in der seriösen wissenschaftlichen Literatur übermittelten Informationen zum mittelalterlichen Wien.


    Interessante Rezensionen von Eva Schuster auf der Histocouch unter folgenden Links:

    - https://www.histo-couch.de/ann…-das-gelbe-hurentuch.html

    - https://www.histo-couch.de/ann…r-blaue-liebesknoten.html

    Mathias Menegoz: "Karpathia" - der größte Teil des Romans, der als historischer Roman recht interessant angelegt ist und eindeutig nicht in die Kategorie "Mainstream" fällt, spielt im südlichen Karpatenraum, aber die Anfangskapitel spielen in Wien, und das Bild vom Wien im Jahr 1833 ist überzeugend.


    Zum Inhalt:

    Nach einem Duell, bei der ungarische Offizier Alexander Korvanyi die Ehre seiner Verlobten Cara von Amprecht, verteidigt, übersiedeln beide an den äußersten Rand des habsburgischen Reiches. Es gilt, ein Erbe anzutreten: Inmitten von nebligen Wäldern und dunklen Seen befindet sich der Besitz der Vorfahren von Graf Korvanyi, ein Lehnsgut in Transsilvanien, seit Jahrzehnten verlassen. Alexander und Cara stoßen auf eine mittelalterliche Welt, ein feudales Fresko aus Magyaren, Walachen und Sachsen, ein undurchschaubares Geflecht aus alten Feindschaften, verschiedenen Religionen und unbeirrbarem Aberglauben. Als Alexander seine Nachbarn zu einer Jagd einlädt, ist das der Funke, der das Pulverfass zur Explosion bringt ...


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    Interessante Rezension zum Buch:

    siehe https://radiergummi.wordpress.…athias-menegoz-karpathia/

    siehe https://derstandard.at/2000071…athia-von-Mathias-Menegoz (Andreas Puff-Trojan, in Der Standard online, 5. Jänner 2018)

    Ich erinnere mich, dass das Buch, als ich es vor dreißig Jahren zum ersten Mal gelesen habe, in der Bücherei unter den Kriegsromanen aufgestellt war. Nach der Fernsehserie, die ich zuvor gesehen hatte, hätte ich es eher unter den Liebesgeschichten, den historischen Romanen oder den allgemeinen Romanen erwartet. Könnte sein, dass die Fernsehserie, die zwar Veränderungen vornimmt, für die damalige Zeit doch relativ werkgetreu war, hier falsche Erwartungen weckt, denn dort wurde, nicht zuletzt durch die Weglassung einzelner Teile und die Umstellung der beiden letzten Teile, der Schwerpunkt auf die Liebesgeschichte gelegt.


    Im Film finden zunächst jene Geschehnisse statt, die im deutschen Sprachraum vielleicht einigen hier durch die Ballade "Das Trauerspiel von Afghanistan" von Theodor Fontane (mit eindringlichen Schlussversen:

    "Mit dreizehntausend der Zug begann, / Einer kam heim aus Afghanistan.") bekannt sein dürften. Erst dann finden die Geschehnisse um den Tod des Herrschers statt und Ash findet mit seiner Anjuli endgültig zusammen und beide dürfen am Schluss sozusagen in den "Sonnenaufgang" reiten. Der Segen von Ashs sterbenden Ziehvater (eine Änderung gegenüber dem Buch, wobei für mich nicht klar ist, ob es dabei um dramaturgische Gründe / mehrere Romanfiguren werden im Film zu einer Figur zusammengelegt, um die Personenanzahl kleiner und übersichtlicher zu halten oder besetzungstechnische Gründe / Aufwertung einer Figur, da diese von einem bekannten Schauspieler / Star gespielt wird) und der Umstand, dass für dieses Happyend alle Freunde von Ash ihr Leben lassen müssen, was sie durchaus im Film "gerne" machen, trägt nicht nur dazu bei, dass Wallys Tod wesentlich an Gewichtung verliert, sondern gibt dem glücklichen Zusammenfinden des Paares so etwas wie eine Art "Weihe". Gerade die letzten Worte von Ashs Ziehvater machen deutlich, dass Ash mit Anjuli auch seine persönlichen Identitätsprobleme für sich gelöst hat. Der Film hat somit ein Happyend.


    Das ist im Buch ganz anders, obwohl die Schlussszene auf dem ersten Blick durchaus ähnlich gehalten ist.

    Signifikant sind allerdings die Änderungen, die der Film gegenüber dem Buch vorgenommen hat.



    Damit gelingt es der Autorin übrigens (mein Eindruck) ein kitschiges Happyend zu verhindern.

    Durch den Ablauf erhalten die Geschehnisse in Afghanistan innerhalb des Romans mehr Gewichtung und hatte beim Lesen den Eindruck, dass es diese Geschehnisse sind, auf die der Roman letztlich ausgerichtet ist.


    Aufgrund dessen ist "Palast der Winde" eindeutig als historischer Unterhaltungsroman (mit Ausrichtung zur "Hochliteratur") einzustufen, wobei ich leider den Eindruck habe, dass er trotz seines Alters um Vieles besser ist, als das, was heute in dieser Liga am Buchmarkt angeboten wird.

    Hast du einmal versucht, einige Teile einfach zu überblättern, mit denen du nun einmal nichts anfangen kannst?


    Abgesehen davon ist natürlich zu beachten, dass das Buch bereits in den 1980er-Jahren geschrieben wurde und ein Autor beziehungsweise eine Autorin damals von einer Leserschaft aus der damaligen "Mittelschicht" mehr an Lesefähigkeit und Lesekönnen voraussetzen konnte als heute.


    Die einmalige Stärke des Buches (und es ist sicher kein Zufall, dass Eco ein vergleichbares Buch danach nicht mehr gelungen ist), liegt eigentlich darin, dass hier der Unterhaltungsfaktor, der intellektuelle Tiefgang und weitere philosophische Extras insofern gelungen sind, als (meine Erfahrung) selbst die, welche nur eine simple Krimihandlung wollen, doch so gut bedient sind, dass ihnen die übrigen Teile eher als unnötig erscheinen, letztlich aber nicht den Lesegenuss total zerstören.


    Nicht zufällig gehört "Der Name der Rose" auch zu jenen Büchern, die bei einem Re-Read (wenn die Handlung bereits bekannt ist) gewinnen, da es dann eine ganze Menge weiterer Dinge zu entdecken gibt. Und das Buch bietet gerade wegen seiner zusätzlichen Informationen, die hier im Unterschied zu heutigen Büchern in die Handlung integriert oder anhand der Handlung angeboten werden, die Möglichkeit, sein Wissen (nicht nur Fakten), sondern auch das Denken zu erweitern. (Wobei das Buch noch genug Unterhaltung bietet und funktioniert, wenn sich Leser/in nur auf die Krimihandlung beschränkt.)

    Nur eine Frage, da ich selbst mit dem Lesen noch nicht an dieser Stelle bin?


    Bezieht sich der Ausdruck Negerdialekt im Roman tatsächlich auf eine Person, die einen Menschen meint, der heute als Schwarzafrikaner bezeichnet würde? Immerhin hatte der Ausdruck Neger in Wien ursprünglich eine andere Bedeutung, er bezog sich auf jemanden, der "ne ga" war, das meinte eine Person, die nichts besitzt, war also ursprünglich (also um die Jahrhundertwende) noch eine Bezeichnung für arme Leute.

    Charakteristisch für das Buch scheint mir ein langsamer Erzählton der sich sehr viel Zeit nimmt und sozusagen zunächst erst einmal, wie im Theater, die "Bühne" seiner Geschichte aufbaut. Im Unterschied zu den heutigen Romanen werden wir, mein Eindruck, nicht sofort im Geschehen geworfen, sondern erst langsam an diese Geschichte herangeführt. Auffällig ist, dass wir zunächst das Haus und die Anfänge der Familie kennenlernen, also sozusagen die Fundament und das Umfeld, erst dann sind die Figuren, von denen diese Geschichte erzählt dran. Es wird daher wohl für das weitere Lesen, mein persönlicher Eindruck, notwendig sein, darauf zu achten, inwieweit das Haus ebenfalls als eine "handelnde Figur" zu verstehen sein wird.


    Was mir sehr gut gefällt, ist die Sprache, die jedenfalls dem Meisten aus dem 21. Jahrhundert, was ich am Buchmarkt bisher gelesen habe, haushoch überlegen ist. Das ist allerdings etwas, was mir schon oft aufgefallen ist. Offensichtlich war die Unterhaltungsliteratur im 20. Jahrhundert sprachlich auf einem höheren Level als in der Gegenwart.

    Die kuk Monarchie Österreich hatte sicher ihre Mängel (wie andere Staaten übrigens auch), aber die Dinge lassen sich nicht einfach auf ein Pauschal(vor-)urteil reduzieren. Dass mit dem stockkatholischen Ständestaat ist eindeutig ein unzulässiges Vorurteil, und aus meiner Sicht zudem sehr verletzend für die Menschen, die dort gelebt haben.


    Daneben wäre auch die Frage zu stellen, ob dieser himmelweite Unterschied zu unserer heutigen Gesellschaft tatsächlich existiert und wenn ja, ob unsere heutige Gesellschaft wirklich so viel besser ist.