Einer gegen das Kapital
von R. Bote
„Ich fürchte, wir haben ein Problem“, verkündete Baudezernent Schrader in der Stadtratssitzung. Stadtrat Helmer wusste, warum der Verwaltungsbeamte dabei ihn ansah. „Auf dem Gelände wurde irgendeine bedrohte Vogelart gefunden. Fragen Sie mich nicht nach dem Namen!“ „Die haben bestimmt wieder irgendwelche Umweltschützer da hingeschleppt!“, warf Schroff von der Stadtpartei ein. Ihn als „wirtschaftsnah“ zu bezeichnen, war fast noch untertrieben. „Nein“, widersprach Helmer ruhig. „Die brüten augenscheinlich schon lange da.“ „Quatsch!“, behauptete Schroff. „Da gibt‘s nichts außer verlotterten Bäumen und wilden Müllkippen. Wird Zeit, dass die Drecksecke endlich verschwindet.“ „Keiner hindert Sie daran, loszuziehen und den Müll einzusammeln“, versetzte Helmer. „Das würde Mensch und Tier helfen.“
Bürgermeister Bäcker seufzte. „Na toll! Dann brauchen wir einen Gutachter, der bescheinigt, dass wir das als Bauland ausweisen können. Was das wieder an Zeit frisst!“ „Kein Gutachter wird Ihnen die Fläche freibescheinigen“, prophezeite Helmer. „Auf jeden Fall keiner, der sein Fach versteht und schreibt, was richtig ist, und nicht, was ihm der Auftraggeber in die Feder diktiert.“ „Wollen Sie das Projekt mit aller Gewalt zum Scheitern bringen?“, fuhr der Bürgermeister ihn an. „Mann, überlegen Sie mal, was das für die Stadt bedeutet! Arbeitsplätze, Gewerbesteuer ...“ „Das ist mir schon klar.“ Innerlich kochte Helmer ob der Wirtschaftshörigkeit des Bürgermeisters und der Mehrheit der Abgeordneten. „Und Sie kennen meine Position dazu.“ „Nicht schon wieder die Leier!“, beschied ihn der Bürgermeister. „Das haben wir doch schon oft genug durchgekaut.“ „Offensichtlich nicht oft genug, dass alle es verstanden haben“, meinte Helmer. „Wir haben genug alte Industrieflächen, die sich perfekt dafür eignen würden. Erschlossen, Verkehrsanbindung ist da.“ „Die aber teuer wieder aufbereitet werden müssten“, wandte Schrader ein. Er war natürlich instruiert worden, welche Position die Verwaltung zu vertreten hatte. „Und die HGDT AG hat sich entschieden, sie will die Fläche am Schmiedewäldchen.“ „Sie will die Fläche, die den niedrigsten Quadratmeterpreis hat“, stellte Helmer klar. „Aber wir können der Wirtschaft nicht ständig erlauben, uns vor sich herzutreiben. Wir haben eine Verantwortung für die ganze Stadt, auch für zukünftige Generationen.“
Der Bürgermeister schlug mit der Hand auf den Tisch. „Das sind doch unnötige Debatten!“, behauptete er. „Wir werden den Deal durchziehen, das werden auch ein paar Vögel nicht verhindern.“ „Sie irren!“, bremste Helmer ihn. „Sie glauben doch nicht, dass ich mich nicht vergewissert habe, wie die Lage ist? Eine streng geschützte Art, das hat mir die Naturschutzvereinigung bereits bestätigt. Ihre Fabrik kriegen Sie nur ans Schmiedewäldchen, wenn Sie für eine artgerechte Umsiedlung sorgen. Das würde viel Geld kosten, das Sie Ihren Freunden von der HGDT AG ja unbedingt sparen wollen, und es ist auch gar nicht machbar. Es gibt rundrum nichts mit vergleichbaren Bedingungen, das hat die Naturschutzvereinigung auch schon festgestellt.“
Der Bürgermeister schnaubte. „Das habe Sie sauber eingefädelt“, knurrte er. Helmer dachte bei sich, dass er das durchaus als Kompliment sehen durfte, auch wenn Bäcker es anders meinte. „Was hab ich verbrochen, dass ich mit einem Abgeordneten gestraft werde, der jeden vernünftigen Beschluss torpediert?“ Da wären Helmer einige Schandtaten eingefallen, denn der Bürgermeister hatte sich im Lauf seiner Amtsjahre gut vernetzen lassen von denen, die ein Interesse daran hatten, die Lokalpolitik in ihrem Sinne zu beeinflussen.
„Eins sage ich Ihnen:“, drohte Bäcker. Man merkte, dass er kurz davor war, die Beherrschung endgültig zu verlieren. „Bei den nächsten Wahlen bekommen Sie kein Mandat mehr!“ „Das entscheiden immer noch die Wähler!“, erinnerte Helmer ihn. „Und kein Bürgermeister, der seine Politik danach macht, dass er weiter ein gern gesehener Gast auf den Partys der Wirtschaftsbosse bleibt. Fakt ist, die Fabrik am Schmiedewäldchen wird nicht kommen, und das ist gut so, auch wenn mir einige hier jetzt am liebsten den Hals umdrehen würden.“