Zwischen den Zeilen von Breumel
Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte in einer Welt voller geheimnisvoller Symbole. Als es in die Schule kam, lernte es, diesen Symbolen Laute zuzuordnen, und sie zu Wörtern zusammenzufügen. Überall um es herum wimmelte es von Wörtern. Und manchmal ergaben sie Geschichten.
Das Mädchen liebte Geschichten. Als es die Magie der Bücher erkannte, und welche Wunder sich zwischen den Buchdeckeln verbergen konnten, erfüllte es eine unstillbare Leidenschaft nach immer neuen Geschichten. Fortan fand sich immer ein Buch in ihrer Reichweite.
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Wie jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit fuhr, suchte sie sich einen Fensterplatz, schlug ihr Buch auf und begann zu lesen. Ihre Haltestelle war am Anfang der Linie und das Abteil noch leer. Kurz sah sie auf, als sich ihr gegenüber jemand hinsetzte, dann vertiefte sie sich wieder in ihren Roman. Doch aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, noch einmal hinsehen zu müssen. Sie hob den Blick und betrachtete den jungen Mann, der ihr gegenüber saß und genau wie sie ein Buch auf dem Schoß hielt. Er sah nett aus, aber nicht so, dass es ihr aufgefallen wäre. Was war es dann? Das Buch! Er las das gleiche Buch wie sie. Mit einem Lächeln senkte sie den Blick und las weiter.
Am nächsten Morgen setzte er sich wieder in ihre Sitzgruppe. Neugierig wagte sie einen Blick auf sein Buch. Er hatte weitergelesen, war aber noch nicht so weit wie sie. Als er den Blick hob, schaute sie schnell wieder zurück auf ihre eigenen Zeilen. Die Lesezeit in der Bahn gehörte ihr, eine Unterhaltung hätte nur gestört.
So ging es einige Tage, dann hatte sie den Roman beendet und begann ein neues Werk. Der junge Mann interessierte sie nicht mehr. Bis er sich mit einem neuen Roman ihr gegenüber niederließ. Es war erneut der gleiche Titel wie ihrer...
Es konnte ein Zufall sein. Beide Bücher waren populäre Bestseller, welche in jeder Buchhandlung auf den vorderen Tischen auslagen. Vielleicht hatte er sich auch einfach von ihr inspirieren lassen. Sie sah ihn nicht an, aber es irritierte sie.
Jeden Morgen setzte er sich in ihre Sitzgruppe. Sie fing an, ihn zu beobachten. Wie lange würde es dauern, bis er das Buch beendet hatte? Manchmal fing er ihren Blick auf, und sie sah schnell nach unten, da es ihr peinlich war. Schließlich hatte sie die letzten Seiten in ihrem Buch gelesen und entschied sich, das Genre zu wechseln.
Drei Tage später hatte auch er sein Buch beendet. Als er die Tasche öffnete, um ein neues hervorzuholen, hielt sie unwillkürlich die Luft an. Jetzt musste es doch ein Ende haben mit den Zufällen.
Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Das gleich Buch - erneut! Das konnte kein Zufall mehr sein. War der Kerl ein Stalker?
Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Wie geht man mit so einer Situation um? Was er tat, war nicht verboten. Er hatte sie auch nie bedrängt, er saß einfach nur mit einem Buch in der Straßenbahn und las. Sollte sie eine andere Bahn nehmen? Sie bemerkte, dass er sie ansah. Als sie aufschaute sah er nicht weg. Normalerweise hätte sie wieder den Blick abgewandt, aber heute reichte es ihr.
“Verfolgen sie mich? Was soll das? Wieso lesen sie schon wieder das gleiche Buch wie ich?“
Verlegen sah er sie an.
“Ich wollte sie gerne kennen lernen, aber sie haben nie auf mein Lächeln reagiert. Und sie sind immer so in ihr Buch vertieft. Ich dachte, wenn ich das gleiche Buch lese, könnte ich mich mit ihnen darüber unterhalten. Und gefallen haben mir die Bücher auch...“