Olivias Weg zur Künstlerin...
Ich kenne von Susanne Goga jetzt (leider!!!) alle
vorhandenen Leo-Wechsler-Romane (Krimi-Reihe aus Berlin der 1920-er Jahre) und
einen ihrer historischen Romane „Das Haus in der Nebelgasse“ (ebenfalls
empfehlenswert!). Nun jetzt also ihr neuestes Buch „Glasgow Girls“…
Schon das Cover empfand ich als wohltuend, es war endlich
mal keine Frau von hinten, von vorn, von der Seite auf einem hellblauen Cover
mit einer Stadt-Silhouette im Hintergrund, sondern es ist der Ausschnitt eines
Gemäldes von John Atkinson Grimshaw (1836 – 1893) und stellt wohl eine Straße
in Glasgow in der Dämmerung dar, den genauen Titel habe ich bisher noch nicht
herausbekommen – schon einmal der erste Pluspunkt, obwohl ich eigentlich gar
kein Cover-Typ bin!
Ich mag historische Romane, bei denen man sich noch
weiterführende Informationen einholen kann und dieser Leidenschaft konnte ich
ja schon gleich mit dem Cover frönen, aber das Buch ist insgesamt eine
gelungene Mischung zwischen Historie und Fiktion, so dass ich häufig weitere
Erklärungen lesen konnte.
1892: Olivia ist künstlerisch hochbegabt, aber ihre Chance,
an der Glasgow Schools of Art (GSA) studieren zu können, ist äußerst gering, da
sie nach dem Tod des Vaters zum Lebensunterhalt für sich und ihre Mutter
beitragen muss. Eigentlich soll sie in einer Fabrik arbeiten, aber sie sucht sich
gegen den Willen der Mutter eine Stelle als Servierhilfe in Miss Cranstons
Teesalon (Kate Cranston: 1849 – 1934, war eine der führenden Persönlichkeiten
in der Entwicklung von Teesalons, Olivias Arbeitsplatz hat tatsächlich
existiert. Miss Cranston war eine Mäzenin der GSA). Auch Miss Cranston entdeckt
Olivias Talent und macht ihr das Angebot, sie finanziell zu unterstützen,
während sie das Kunststudium absolviert. Aber trotz allem ist Olivia ihren
Mitstudentinnen nicht gleichgestellt, kommen sie doch alle aus wohlhabenden
Elternhäusern, während Olivia weiterhin bei Miss Cranston arbeitet, um ihre
Mutter zu unterstützen.
Aber Olivia findet im Leiter der GSA, Francis Newbery und
seiner Frau Jessie (auch historische Persönlichkeiten), Menschen, die sie in ihrem
Weg bestärken und ermutigen.
Wir begleiten Olivia über mehrere Jahre während ihrer
Ausbildung, erleben Höhen und Tiefen ihres kreativen Schaffens und ihres
persönlichen Lebens, freuen uns über ihre Erfolge, trauern mit ihr bei
Misserfolgen. Immer wieder kreuzen Künstler ihren Weg, die es tatsächlich
gegeben hat…Aber natürlich: auch schon damals war der Kunstmarkt voll von
Fallstricken und Intrigen, in die Olivia naiv und unvorbereitet hineinstolpert
und durch die sie sogar fast ihren ehrlichen Ruf verliert.
Ein interessantes, z.T. auch mich berührendes Buch, dass ich
von der ersten bis zur letzten Seite mit Spannung gelesen habe. Zum einen fand
ich Olivia und ihren Werdegang ausgezeichnet dargestellt, zum anderen
faszinierte mich auch die Beschreibung der GSA (teilweise erinnerte mich das
Konzept an das „Bauhaus“ in seinen frühen Jahren), für die damalige Zeit
unkonventionell und fortschrittlich!
Ich kannte ja schon diverse Romane der Autorin, aber ich war
wieder einmal beeindruckt von ihrem anschaulichen und lebendigen Schreibstil,
die Personen (egal, ob historisch oder fiktiv) agieren alle vollkommen
authentisch, so dass bei mir als Leserin der Eindruck entstand, ich sei
mittendrin im Geschehen und könne Olivia zur Seite stehen…
Ein Nachwort rundet das Buch sehr gut ab, dort erfahren wir
u.a., dass die Frauen der GSA sich selbst nie als „Glasgow Girls“ bezeichnet
haben, dieser Name wurde erst 1990 bei einer Ausstellung von der Kuratorin
„erfunden“.
Wieder mal ein Roman von Susanne Goga, der mich begeistert
in seinen Bann gezogen hat und den ich selbstverständlich gern weiterempfehle!