Beiträge von Googol

    Und geschafft haben es auf die Shortlist:


    Fatma Aydemir - Dschinns

    Kristine Bilkau - Nebenan

    Daniela Dröscher - Lügen über meine Mutter

    Jan Faktor - Trottel

    Kim de l'Horizon - Blutbuch

    Eckhart Nickel - Spitzweg



    Tippspielergebnisse:

    Herr Palomar, 3 Treffer

    Googol, 3 Treffer


    Bis auf Kristine Bilkau hatten wir alle shortgelisteten Titel in unseren Tipps.


    Von den Wunschlisten:

    Herr Palomar, 1 Treffer

    Googol, 1 Treffer

    So, morgen wird also die Shortlist veröffentlicht. Vielleicht mag ja sonst noch jemand einen Tipp abgeben.


    Ich habe gelesen oder gehört: Fatma Aydemir - Dschinns (2 von 5 Punkten), Daniela Dröscher - Lügen über meine Mutter (3/5), Theresia Enzensberger - Auf See (3/5), Gabriele Riedle - In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg (5/5), Heinz Strunk - Ein Sommer in Niendorf (4/5) und ich lese gerade Carl-Christian Elze - Freudenberg (gefällt mir bisher gut, Potential auf 4 Punkte oder mehr).


    Meine Wunschliste (die drei besten gelesenen Bücher + die drei ungelesenen, auf die ich aktuell die größte Lust hätte):


    Gabriele Riedle: In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.

    Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf

    Carl-Christian Elze: Freudenberg

    Anna Kim: Geschichte eines Kindes

    Dagmar Leupold: Dagegen die Elefanten!

    Jan Faktor: Trottel


    Was ich tippe (die ersten 4 halte ich für sehr wahrscheinlich, die letzen beiden sind geraten)


    Fatma Aydemir: Dschinns

    Gabriele Riedle: In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.

    Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer

    Anna Kim: Geschichte eines Kindes

    Kim de l'Horizon: Blutbuch

    Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

    Liska Jacobs - The Worst Kind of Want


    ASIN/ISBN: 0374272662


    Der zweite Roman, der aus LA stammenden und jetzt in Berlin lebenden Autorin Liska Jacobs. Ihren ersten Catalina und ihren letzten The Pink Hotel fand ich bereits sehr gelungen.


    Hier geht es um eine Frau in ihren Vierzigern, die sich um ihre kranke Mutter kümmert, dann aber nach Italien gerufen wird, um auf ihre Nichte im Teenager-Alter aufzupassen. Sie scheint sich statt dessen dort zusammen mit ihrer Nichte in das Partyleben zu werfen und verliebt sich in einen viel jüngeren Mann. Ein umgekehrte Variante von Lolita.

    Shehan Karunatilaka - The Seven Moons of Maali Almeida

    ASIN/ISBN: 1908745908


    Dieses Buch steht auf der Shortlist für den diesjährigen Booker-Prize. Der Autor stammt aus Sri Lanka und sein Debut-Roman Chinaman hat 2011 den Commonwealth Prize gewonnen.


    Es geht anscheinend um einen gerade verstorbenen Kriegsfotografen, der in einem behördenartigen Nachleben aufwacht und die sieben Monde aus dem Titel Zeit hat herauszufinden wer sein Mörder ist. Klingt wie eine Satire auf das vom Bürgerkrieg gebeutelte Sri Lanka der 1990er Jahre.


    Bin gespannt.

    Ich komme gerade von einer Lesung mit Hernan Diaz im Literaturhaus München (tatsächlich war es eine Doppellesung mit Lauren Groff und ihrem Roman MATRIX).


    Einige interessante Infos zu dem Roman, insbesondere auch zu dem zweiten Teil, der ja aus der Perspektive dieses selbstherrlichen Macho-Tycoons geschrieben ist. Er meinte, dass er ja eigentlich Allegorien in Roman hassen würde, aber als er an dem Teil arbeitete, fielen ihm natürlich die Parallelen in der Politik der republikanischen Partei in den 1920ern und 2020ern auf. Auch damals gab es ja Steuersenkungen für Reiche, verstärkte Immigrationsgesetze für Italiener und Asiaten (Deutsche waren ok). Die Parallelen zu Trump, auch wenn er den Namen nicht nannte, waren offensichtlich.


    Diaz redete über keinen Teil mehr als diesen, vielleicht auch um sich zu rechtfertigen, denn er meinte er hasse diese Figur und dessen Stimme. Er hätte als Recherche für diesen Abschnitt Biographien von Hoover und anderen prominenten Männern der Zeit gelesen. Das hätte ihn über Wochen in eine negative Stimmung versetzt. Auch interessant da, dass es sich bei dem Teil ja quasi um unvollendete Memoiren handelt, Fragmenten nur, dass der Abschnitt ursprünglich viel länger war und dass ihm gute Freunde überzeugt hätten diesen doch lieber zu kürzen. Gute Idee, weil ich dachte beim Lesen auch wieviele Leser bei diesem Teil wohl aufgeben. Weil schön zu lesen, ist das nicht. Diaz wies aber auf die visuelle Komponente in diesem Teil hin: die Auslassungen. wie zum Beispiel das Kapitel "Apprenticeship" das nur aus der Kapitelüberschrift besteht, ohne Inhalt. Weil natürlich musste dieser Mensch nichts lernen, seine Genialität war angeboren.


    Es wurde aus allen vier Teilen vorgelesen. Aus der deutschen Übersetzung las Thomas Loibl, kongenial, Hernan Diaz war sichtlich begeistert und ergriffen. Jede Passage las er in einem eigenen Ton und den zweiten so treffend in diesen breitbeinig maskulinen Ton.


    Der dritte Teil aus der Sicht von Ida und wie die Moderatorin erwähnte die erste "likeable" Figur. Auch Diaz liebt diese Figur, ihren Ton, aber das wäre nicht sein natürlicher Schreibton, meinte er, auch er musste Idas Sound erst einmal lernen, und da fiel mir wieder auf, wie sehr aus schreibtechnischer Perspektive dieser Roman ein Roman der verschiedenen Stimmen ist. Man weiß eigentlich gar nicht wie sich die Originalschreibstimme von Diaz anhört, ob sie in diesem Roman überhaupt vorkommt.

    Das ist so falsch. Ich vermute die 2-3 Tage beziehen sich auf das Datum, wann man eine Besprechung veröffentlichen sollte.


    Sollte ich meine Rezension direkt veröffentlichen oder bis zum Erscheinungstermin warten?


    Bücher sind oftmals Monate vor Veröffentlichungstermin komplett verfügbar. Das ist ja auch irgendwie der Sinn von Rezensionsexemplaren, dass man die Bücher vorab lesen und die Rezensionen vorbereiten kann.


    Natürlich kann es sein, dass buchregal123 auf eine andere, vielleicht komplett abenteuerliche, Art und Weise an das Buch gekommen ist. Vielleicht Oceans Eleven-mäßig in das Verlagshaus eingebrochen ist, aber im Zweifelsfall ist immer die einfachere Antwort die richtige.

    Verstehe ich nicht. Vorablesen sagt: "noch 12 Tage bis zur Leseprobe" (wohlgemerkt Leseprobe, nicht das ganze Buch) und auf netgalley ist ebenfalls nach Anmeldung nur eine Leseprobe verfügbar. Und nun?

    Ich bin jetzt nicht der Netgalley Profi, aber in der Regel musst du die Bücher erst einmal anfragen. Es sind nicht alle Bücher vollständig direkt verfügbar.


    Die Details sind da auch nicht so wichtig, entscheidend ist, dass es das Buch als Vorabexamplar dort gibt oder gab.

    Ich finde es auch schade, dass Hernan Diaz es nicht in die nächste Runde geschafft hat. Bin gespannt, welcher Titel dann am Ende die Nase vorn hat. Hast du neben Trust noch andere Bücher der Longlist gelesen, Googol ?

    Nein, noch nicht. Hätte ich mehr Zeit gehabt, dann hätte ich vielleicht noch The Colony gelesen. Von der Shortlist spricht mich eigentlich nur The Seven Moons of Maali Almeida an. Habe ich mir mal bestellt. Vielleicht noch The Trees. Die anderen Bücher werde ich vermutlich nicht lesen.

    Und auf der Shortlist sind:


    Elizabeth Strout - Oh, William!

    Sheran Karunatilika - The Seven Moons of Maali Almeida

    Percival Everett - The Trees

    Claire Keegan - Small Things like These

    NoViolet Bulawayo - Glory

    Alan Garner - Treacle Walker


    Ein paar Überraschungen. Finde es schade, dass TRUST von Hernan Diaz es nicht geschafft hat. Strout ist ja umstritten (wieso gerade dieses Buch, ist es wirklich ihr stärkstes?). Treacle Walker als eine Art Geheimtipp, ältester nominierter Autor aller Zeiten (87 Jahre) und anscheinend ein sehr britischer, mythologisch-phantastischer Roman. Ich hätte auch auf Colony getippt.


    Mein TIpp für den Sieger wäre jetzt THE SEVEN MOONS OF MAALI ALMEIDA!

    Du erwähnst, dass der Roman sprachlich manchmal ein wenig zu schlicht und fast banal in seinen Motiven sei. Diesem Eindruck kann ich mich nach der Leseprobe völlig anschließen, doch dachte ich gleichzeitig nicht an T.C. Boyle sondern eher daran, dass die familiären Fußstapfen für die Autorin etwas zu groß sind und sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Im letzteren Punkt beziehe ich mich nur auf das sprachliche Vermögen, denn die Leseprobe gibt letztlich nicht mehr her.


    Du sprichst darüberhinaus die Tech-Branche an. Ist sie tatsächlich testosterongesteuert oder ist die Presse nicht insgesamt zu fokussiert auf Elon Musk? Die Antwort auf diese Frage kann offen bleiben; jedenfalls taugt die literarische Verarbeitung dieses Typ Manns mit Sicherheit für einen utopischen Roman.


    Ingesamt finde ich den Roman natürlich nicht wirklich gelungen und die Frage des Stammbaums der Autorin mag naheliegend sein. Sie wird es mit Sicherheit einfacher gehabt haben, einen Verlag zu finden, aber ich finde den literarischen Vergleich mit ihrem Vater irgendwie müßig und außerliterarisch. Ich sehe da literarisch keinerlei Zusammenhänge. T.C. Boyle erwähnte ich zum einen weil ich an Romane wie Die Terranauten denken musste und zum anderen weil ich die Autorin viel eher in dieses Genre einordnen würde. Das Genre des auf Unterhaltung geschriebenen Konzeptromans zu einem aktuellen Thema mit teilweise sehr holzschnittartigen Figuren.


    Wieso sie also in einen literarischen Topf schmeißen, in dem sie einfach nicht gehört?


    Was die Tech-Branche angeht. Ich arbeite in dieser Branche und das ist ein Aspekt der vor allem in späteren Teilen des Romans behandelt wird und da habe ich so einiges aus meinem Arbeitsleben wiedererkannt. Diese gediegene Ästhetik, die schockfarbenen Einrichtungen, diese politisch komische Mischung aus progressiv und libertär. Solche Figuren wie Elon Musk finde ich übrigens für die Branche nicht nur als dominante Einzelfiguren interessant. Auf der Ebene der "Individual Contributors", der einzelnen Entwickler, wird seine Philosophie komplett idealisiert. Das sind dann die Leute die man dann gerne als "Tech-Bros" bezeichnet. Und umso mehr eine Arbeitskultur der Silicon Valley-Arbeitskultur nachempfunden ist, desto wahrscheinlicher ist es auf solche toxische Strukturen zu treffen. Ich empfehle da auch Bücher wie Anna Wieners Uncanny Valley.


    Und zumindest in diesem Aspekt, dem Gespür für diese Kultur und der Frage welche Art von Utopien aus so einer Kultur entstehen können, fand ich den Roman gelungen.


    Literarisch... darüber brauchen wir nicht reden... ist der Roman natürlich ein Leichtgewicht und hat somit eigentlich auch nichts auf so einer Longlist zu suchen.

    Nach der Leseprobe würde ich die "aktivistische Note" als den Punkt ansehen, der mich stört.

    Dieser Artikel beschreibt das sehr gut:

    https://www.deutschlandfunk.de/enzensberger-auf-see-100.html


    Ich mag eigentlich überhaupt nicht Aktivismus in Romanen, zumindest keinen, der sich nicht direkt aus der Handlung ergibt, sondern dem Roman übergestülpt wird. Thesenromane eben. Aber insbesondere für einen Roman, der sich mit Dystopie und Utopien beschäftigt, die ja wirklich häufig mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben scheinen und mit dieser gleichzeitig anklagenden, aber selbstverliebten, gutmenschelnden Patina überzogen sind, fand ich diesen Roman überraschend nüchtern und sachlich. Was dabei auch half, war dass die beiden Hauptpersonen eher zufällig in solche Utopien hineingeraten, weil sie entweder hineingeboren werden oder weil ein Kunstprojekt schiefläuft. Und auch die Autorin bezieht für mich nicht eindeutig Stellung welche Utopien oder Lösungsansätze die richtigen wären, nur eben welche eindeutig die falschen sind.


    Die Mutter/Vaterkonstellation mit Yada fand ich spannend. Klar: sehr überzeichnet, aber die Männerfigur in Dröschers "Lügen über meine Mutter" fand ich noch überzeichneter. Das Anti-Patriarchische hat für mich hier etwas sehr Silicon-Valley-mäßiges. Man stellt sich vor Elon Musk würde in seinem männlichen Größenwahn versuchen die Klimakrise zu lösen. Und wir sind ja wirklich sehr nah an so einer Konstellation und ich zumindest finde dass die Tech-Industrie mit solchen Testosteron-getriebenden Strukturen geradezu durchzogen ist. Ich fand diesen Aspekt in diesen Roman also eigentlich stark.


    Den dritten Erzählstrang neben denen von Yada und Helena, Archiv, fand ich persönlich maximal überflüssig und eher schwach. Ich brauche nicht diese länglichen Erklärungen über L. Ron Hubbard und Scientology, solche Parallelen würde ich als Leser lieber selber aus der Handlung ziehen. Das ist tatsächlich ein wenig zu belehrend.


    Insgesamt fand ich den Roman recht gut lesbar, vielleicht sprachlich manchmal ein wenig zu schlicht und fast banal in seinen Motiven, aber in den stärkeren Momenten erinnerte mich der Roman an einen etwas weniger starken T.C. Boyle, der seine Figuren ja auch gerne utopische Weltentwürfe schmeißt und dann wie in einem wissenschaftlichen Experiment beobachtet, was sich daraus entwickelt.

    Lügen über meine Mutter überzeugt mich stofflich. Das habe ich in der Form einfach noch nicht gelesen. Das Portrait einer Frau, die ihres Gewichtes wegen von ihrem Mann schikaniert wird.


    Literarisch hat mich das Buch aber kaum überzeugt und da das Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, hat mich das ein wenig überrascht. Dabei hat mich der Roman zunächst auf die falsche Fährte geführt. Wir haben zwei Erzählebenen: die Erzählung aus der Sicht der Tochter, perspektivisch passend in einer schlichten, einfachen Sprache geschrieben, und wir haben den Meta-Kommentar der Autorin in den kursiven Passagen. Nach dem ersten Abschnitt, dem Dialog zwischen dem erwachsenen Kind und der Mutter, der Autorin und der Hauptfigur, dachte ich noch: das ist ja interessant. Autofiktion, vielleicht eine unglaubwürdige Erzählerin, wieviel der Erzählung ist wahr und wieviel hinzugedichtet? Es heißt im ersten Satz "Mutter passt in keinen Sarg" und wie passt das zu der darauffolgenden Szene, wo der Mann an der Tankstelle mit ihr, die dort mit hochhackigen Schuhen stolziert, flirtet? Das ist ja spannend, dachte ich, und hoffte, dass sich diese beiden Erzählebenen auf eine interessante Art und Weise aneinander reiben, eine Art Spannungsfeld erzeugt wird.


    Dem war dann aber überhaupt nicht so. Die Autorin nutzt diese Passagen, um zu erklären und zu kommentieren. Das liest sich dann irgendwann mehr wie ein Traktat oder wie ein Selbsthilfebuch. Diese Passagen nehmen dem Haupttext jede Spannung und jedes Rätsel, weil einfach alles erklärt und belegt wird.


    Die 80er-Jahre Atmosphäre hat mich zunehmend dann auch nicht mehr überzeugt. Challenger-Unglück, Tschernobyl, Boris Becker und Steffi Graf... Das las sich wie Jahresrückblicke von Günter Jauch, bei der kein Großereignis fehlen durfte.


    Also ein wichtiges Thema, interessante Figurenzeichnung der Mutter, aber in der Gestaltung ein unglaublich langweiliges Buch und somit für mich auch nicht preiswürdig.

    Da würde ich mich über einen (kurzen) Eindruck freuen, die beiden Bücher interessieren mich auch sehr. :)


    Ging bei Hernan Diaz leider nicht in kurz. Vollständige Rezi ist hier. Eine Empfehlung von mir. Der Roman hat mir Spaß gemacht.

    Treue von Hernan Diaz erzählt die Geschichte eines Wallstreet Tycoons, vielleicht einem der reichsten Geschäftsleute der 20er und 30er-Jahre, und seiner Frau, von seinem Aufstieg bis zum großen Börsencrash von 1929 und darüber hinaus. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis macht schnell deutlich, dass wir es hier strukturell nicht mit einem normalen Roman zu tun haben. Das Buch hat vier Teile und jeder Teil ist von einem anderen Autoren geschrieben. Das Buch gibt also vor, eigentlich ein Sammelband vier komplett eigenständiger Bücher von vier unterschiedlichen Autoren zu sein. Nicht nur die Erzählperspektiven wechseln also, sondern auch die Stile und die literarischen Genres. Es ist wie eine Reise durch die literarischen Stile des 19ten und 20ten Jahrhunderts.


    Ich habe das Buch im englischsprachigen Original gelesen und an den Titeln merkt man die vielleicht etwas holzschnittartige Symbolik. Grundthema dieses Romans ist Geld. Der erste Teil heißt Bonds, der letzte Futures. Beides Begriffe aus der Wirtschaft, aber eben auch auf die Beziehungsmuster anwendbar. Bonds, Verbindungen, erzählt natürlich über die Verbindung der Eheleute. Entsprechend geht bei der Übersetzung des Titels dieses Romans Trust in Treue auch etwas verloren. Vertrauen hätte inhaltlich besser gepasst, weil es vor allem um das Vertrauen in Geschichten geht.


    In Bonds erfahren wir die Geschichte von Benjamin und Helen Rask, erzählt in einem etwas altmodischen Stil. Der Text hätte auch im 19ten Jahrhundert geschrieben worden sein und der Stil erinnert an Henry James. Benjamin wird in eine bereits reiche Familie geboren, die ihren Reichtum aus dem Geschäft mit Tabak erwirtschaftet hat. Er macht sich aber eigentlich nichts aus Tabak oder sonst irgendwas in seinem Leben, vor allem Menschen (er hasst zum Beispiel Tabak wegen der sozialen Bedeutung des Rauchens). Er ist ein echter Misanthrop. Sein einziger Lebensinhalt besteht eigentlich nur aus dem Erwirtschaften von immer mehr Geld und dem Ausüben von Macht auf andere Personen. Die Emotionslosigkeit von Benjamin mag den einen oder anderen Leser abschrecken. Es ist schwierig, sich mit ihm zu identifizieren, aber die Figur ist so psychologisch präzise beschrieben, dass zumindest ich fasziniert der Geschichte gefolgt bin. Mehr Farbe und Menschlichkeit bringt seine Frau Helen in diesen Text. Sie ist die Tochter von Aristokraten, sie versteht Benjamin, hat aber keine besondere Erwartungen an ihn. Tatsächlich erhofft sie sich Freiheit und Unabhängigkeit von dieser Beziehung. Sie weiß, dass er sie in Ruhe lassen wird und sie machen lässt und so widmet sie sich der Kunst, veranstaltet in ihrem Haus Lesungen und Konzerte, lernt Künstler kennen. Das Ehepaar wird zum sozialen Mittelpunkt des New Yorks dieser Zeit. Wer etwas auf sich hielt, verkehrte in diesem Haus entweder als Kunstliebhaber oder um sich im Dunstkreis von Benjamin Rask und seines Reichtums zu bewegen. Was mit Helen passiert möchte ich hier nicht direkt verraten, aber es wird Anlass von verschiedenen Interpretationen des Geschehenen, die in den nächsten Teilen durchgespielt werden.


    Ich mag die Intertextualität und die Finesse des Buches, die einem im zweiten Teil direkt entgegenschlägt. Der zweite Teil ist die Autobiographie eines gewissen Andrew Bevel, einem Wirtschaftstycoon, der mit Mildred verheiratet ist. Schnell wird klar, die Rasks und die Bevels sind dieselben Leute. Der erste Teil gibt vor, eine Fiktionalisierung der wirklichen Bevels zu sein. Und Andrew Bevel mag diesen Roman garnicht und fühlt sich falsch dargestellt. Man muss sich durch diesen Teil etwas durchkämpfen, denn er ist sehr selbstdarstellerisch. Man wird dann aber mit dem hervorragenden dritten Teil belohnt, der viel moderner erzählt ist und der das erzählerische Herzstück des Romanes darstellt. Erzählt wird aus der Perspektive von Andrews Bevels Sekretärin, die später eine erfolgreiche Schriftstellerin wird. Spätestens in diesem Teil beginnt man die clevere Mechanik des Buches zu verstehen. Die Perspektiven kippen hier zur weiblichen Perspektive, dem Leben der Sekretärin selber, aber eben auch von Mildred Bevel, der der Leser immer näherkommt und man merkt schließlich, dass hinter dieser männlich geprägten Wirtschaftsgeschichte die Frauenschicksale eine viel größere Rolle spielen als man zunächst denken könnte.


    Ein sehr raffinierter und gelungener Roman. Die Struktur ist insgesamt zwar experimentell, aber die einzelnen Teile für sich lesen sich sehr süffig. Auch sehr zu empfehlen all denen die Bücher lieben, in denen es um Bücher geht, ein ganz kleiner, vager Hauch von Carlos Ruiz Zafon, wenn dieser über die Wall Street statt über Barcelona geschrieben hätte. Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass der Roman manchmal sehr kühl und vielleicht zu perfekt in seiner Gestaltung wirken kann. Leider ist aber eben auch kein Roman, bei dem man kurz reinlesen kann, um einen richtigen Eindruck zu bekommen, weil der Roman sich in Stil und Inhalt einfach so sehr über die Länge des Roman verändert und immer wieder sich selbst neu erfindet.


    Der Roman steht auf der Longlist für den diesjährigen Booker Prize und eine HBO Serie ist in Planung mit Kate Winslet in einer Hauptrolle. Es ist der zweite Roman des Autors. Mit dem ersten IN DER FERNE war er für den Pulitzer Preis nominiert. Hernan Diaz wurde 1973 in Argentinien geboren, wuchs in Schweden auf, studierte in Buenos Aires und London und lebt heute in New York.


    ASIN/ISBN: B09ZXDT3SW

    Danke!


    Ich werde mir als erstes den Roman von Hernan Diaz vornehmen. Der geht im September auch auf Lesereise, zumindest liest er in München.


    Und noch einige andere interessante Titel. Von Karen Joy Fowler habe ich fast alles gelesen, nur ist das Thema vielleicht zu speziell amerikanisch? Außerdem das längste Buch auf der Liste (auch wenn's nicht übertrieben lang ist).


    Ein paar Überraschungen gab es ja wieder. BookTube ging fast 100% von Ian McEwans neuesten noch unveröffentlichten Roman "Lessons" aus (wird fast zeitgleich auch auf deutsch erscheinen). Auch nicht Franzen oder Yanaghira. Auch nicht Young Mungo von Douglas Stuart.

    Stockkonservativ ist vielleicht zu viel, aber das Wort "konservativ" wird im Zusammenhang mit Martenstein schon sehr häufig verwendet. Oder wie man teilweise auch sagt: er bewegt sie am Rand des erlaubten Meinungskorridors. Ich kenne zu wenig von ihm, um das abschließend zu beurteilen. Er scheint ein origineller Denker und Schreiber zu sein. Mir scheint, das er gerne mit der Provokation spielt, und z.B. die stockkonservative NZZ findet ihn super. Und welche Medien oder Leute ihn gut finden oder nicht, sagt auch ein wenig aus. Irgendwie wirkt das mehr wie ein Kalkül als wirklich internalisierte politische Haltung. Wirf ihn die richtigen Brocken hin: Corona-Demonstrationen, Judensterne etc. und er macht halt was draus. Anscheinend auf eine kreative Weise, manchmal glückt es wohl, manchmal nicht. Ich finde solche Talente, die vor allem auf Provokation ausgelegt sind, aber auch irgendwie verschenkt.

    Mich überraschte, dass Nora Bossongs Die Geschmeidgen im Literaturclub besprochen wurde.

    Es ist ja eigentlich ein poitisches Sachbuch, kein Roman.


    Ich glaube, Sachbücher kamen bisher nur selten im Literaturclub vor.

    Zwar nicht regelmäßig, aber immer mal wieder: Tim Parks, Yuval Harari, Bernhard Pörksen...


    Sie haben da sogar ja schon die Biographie von Michelle Obama besprochen.