Beiträge von Googol

    Migraine - Samuel Fisher


    Eigentlich kann ich ja Dystopien nicht mehr sehen, vor allem keine Covid-inspirierten, aber diese hier, in der durch eine Art Mini-Eiszeit die meisten Menschen Migräne-Symptome entwickeln und eine eher kleinere, private Geschichte eines Mannes erzählt wird, der sich in diesem London-Roman auf dem Weg von Hackney nach Islington macht, um seine Ex-Freundin vielleicht zurückzugewinnen, hat mich überzeugt.

    ASIN/ISBN: 1472158288

    Der Zauberberg - Thomas Mann


    Der Klassiker, zum ersten Mal ungekürzt eingesprochen, und das fantastisch von Thomas Sarbacher. Ich habe dieses Buch über Wochen ausschließlich beim Laufen gehört und hatte so den Vorteil, den Roman sehr genau zu hören und jedes Detail aufnehmen zu können. Zumindest so weit, wie es mein Puls gerade zuließ.

    ASIN/ISBN: B0DYDTCQFW

    Jonathan Lethem

    Dieses Jahr habe ich mir einen alten Lieblingsautor noch einmal vorgenommen und auch eine Lesung mit ihm auf der lit.cologne gesehen. Zwei Romane habe ich wiedergelesen, The Feral Detective und vor allem Chronic City, einen meiner Lieblingsromane von ihm. Kürzere Sachen aus Cellophane Bricks und jetzt lese ich mich gerade chronologisch durch die Selected Stories von ihm. Das alles bildet sein Schaffen der letzten 35 Jahre ab, das ich beinahe von Anfang an als Leser mitbegleitet habe.

    ASIN/ISBN: 0063388847

    Ich weiß ja nicht, was deine weitere Strategie mit dem Buch ist, aber ich weiß nicht, ob der „Klappentext“ jetzt so entscheidend ist, sondern viel allgemeiner, was die Leser an dem Roman ansprechen soll. Der Weg vom unvollendeten ersten Draft zur Publikation ist manchmal erschreckend schnell. Das Problem mit den Infos zum Roman in diesem Thread ist eben die Abwesenheit von Information, die erklärt, wieso die 16-Jährige mit dem 52-Jährigen abhängt und umgekehrt. Wenn da nichts ist, ja, dann füllt man als potenzieller Leser eben die Lücken, und das ist nicht unbedingt von Vorteil. Sobald da eine richtige Story ist, dann sehe ich da auch nicht das Problem.


    Dass ohne weitere Infos ein Klappentext, der genauso gut von einer KI stammen könnte, den tatsächlichen Plot widerspiegelt, ist nicht unbedingt schmeichelhaft für den Roman. Das, was einen Roman interessant machen würde, ist ja gerade das, was man nicht so einfach erraten kann.

    Ich finde es bemerkenswert, wie wir alle in unseren Listen von Comedians, die wir so überhaupt nicht mögen, zwei Kategorien vermischen.


    Einerseits die plumpe Unterschichtscomedy (Barth, wie es sich anhört, auch König), die komplett unpolitisch ist, dafür bewegt sie sich auf einem intellektuell zu niedrigen Level, und andererseits, je nach unserer politischen Gesinnung, dann eben entweder Böhmermann, Welke, Bosetti aus dem einen Lager oder Nuhr aus dem anderen.

    Heute 22.30 deutscher Zeit wird der Preis vergeben.


    Ich habe die Shortlist gelesen und insgesamt 9 Titel der Longlist, und mein persönliches Ranking sieht so aus:


    1. Katie Kitamura - Audition (5 von 5 Sternen)

    Ein sehr dichtes und kühles Experiment über das Performative im Leben, ohne eindeutige Auflösung und Interpretation. Wird Leser, die eine geradlinige Geschichte wollen, frustrieren, mich hat der verspielte, experimentelle Ansatz aber begeistert.


    2. Kiran Desai - The Loneliness of Sonia and Sunny (5/5)

    Fast 700 Seiten. Die Geschichte über zwei Inder, teilweise in den USA. Eine Art literarischer Liebesroman mit einem internationalen, geopolitischen Hintergrund, den ich spannend und zeitgemäß fand. Teilweise durch die Länge aber auch geradezu ausufernd in der Detailfülle und den Nebenplots. Das komplette Gegenteil zur Dichte und Kühle von Audition.

    Dann lange nichts, weil jetzt wird die Qualität eher gruselig.


    3. David Szalay - Flesh (2.5/5)

    Soll wohl ein Roman über moderne maskuline Toxizität sein und ist so umgesetzt, dass die Unfähigkeit der Hauptfigur, Emotionen auszudrücken, in einer Sprache widergespiegelt wird, die komplett ohne Beschreibung von Emotionen, Sensorik, Haptik und deskriptiven Details auskommt. So reduziert und runtergekühlt, dass es einerseits interessant, andererseits wiederum frustrierend zu lesen ist. Zudem scheint mir die Idee dieses Experiments doch recht banal umzusetzen zu sein, und ich werde das Gefühl nicht los, Juroren und Kritiker werden hier mit relativ wenig Aufwand verarscht, indem man ihnen diesen pseudo-literarischen Happen hinwirft. Trotzdem für den Versuch und die Chuzpe noch mein dritter Platz.


    4. Susan Choi - Flashlight (2.5/5)

    Das erste Kapitel hat mir gefallen, das auch so vor ein paar Jahren im New Yorker als Kurzgeschichte abgedruckt wurde. Die sprachliche Qualität nimmt dann doch über den Rest dieser koreanisch-japanisch-amerikanischen Mehrgenerationensaga deutlich ab, als hätten da die New Yorker-Lektoren gefehlt. Ist mir insgesamt viel zu konventionell erzählt. Der politische Hintergrund mag interessant sein. Wen ein Familienmysterium mit einem nordkoreanischen Setting interessiert und es nicht zu literarisch ausgearbeitet braucht, mag hier auf seine Kosten kommen.


    5. Andrew Miller - The Land in Winter (2/5)

    Langweilig. Sehr gewöhnliche Geschichte im England der 60er Jahre, wo es um die Beziehung zweier Paare geht, sonst eigentlich nichts. Sehr minutiöse Sprache (die literarisch besten zwei Seiten über die Zubereitung von Rührei, die ich je gelesen habe). Die angedeuteten Post-Weltkriegs-Traumata fand ich nicht ausgearbeitet, einfach nur da für so etwas wie minimal anspruchsvollen Hintergrund.

    6. Ben Markovits - The Rest of Our Lives (2/5)

    Midlife-Crisis als Roadtrip. Der Roman enthält nichts, was man nicht schon in x Filmen oder Büchern gesehen hat. Keine Originalität, kein Subtext, keine Sprache.


    Von den anderen drei Büchern, die es nicht auf die Shortlist schafften, waren Endling und Seascraper (Der Krabbenfischer) exzellent und hätten bei mir mit Audition um Platz 1 konkurriert.


    Mein Tipp für den Sieger wäre Flesh, aber außer The Rest of Our Lives könnte es eigentlich jeder Titel schaffen.


    One Boat war indiskutabel.

    Interessantes Buch, vor allem für die heutige Zeit. Danke für die Rezi!


    Aber Scheck hätte es natürlich nicht in die Mülltonne gekloppt. Du hast doch erst kürzlich seine Liste mit seinen Favoriten des 21. Jahrhunderts hier gepostet. Da stand das Buch doch drauf. Bei Druckfrisch kann man auch ein Interview von ihm mit der Autorin sehen.

    Scheck wird ja nicht zufällig die Bestsellerliste für seine Papiertonnen-Nummer ausgewählt haben, das ist das klassische Nach-oben-Treten, das nun einmal eine andere moralische Note hat, als würde man nach unten treten. Insofern kann ich, wie Tom, diesen Beschützerdrang hier nicht so recht verstehen, gibt es doch so viele andere Ungerechtigkeiten in der Welt.


    Ich vermute eher, dass sich in den meisten Fällen die Leser auf den Schlips getreten fühlen, nicht die Autoren selbst. Wie bereits erläutert, einen wirtschaftlichen Schaden werden sie dadurch nicht erfahren, einen psychischen sehr wahrscheinlich auch nicht.


    Nun mag Denis Scheck vielleicht einen plakativeren Stil haben, aber Literaturkritik im Allgemeinen ist wichtig. Deren Bedeutung nimmt jedoch immer mehr ab mit den niedrigeren Auflagen der Feuilletons und dem allgemeinen Trend zur besseren Inhaltsangabe statt zur kritischen Analyse von Texten, manchmal sogar zum Hofieren von Bestsellerautoren in den Feuilletons. Man sehe Caroline Wahl, die interessanterweise von ihrem Publikum härter verrissen wurde als von der insgesamt eher zahmen Literaturkritik.


    Insofern haben Denis Schecks Verrisse im Fernsehen ebenso ihren Platz verdient wie Iris Radischs Verrisse in der Presse und die Voltaires Verrisse hier auf der Büchereule.

    Unangebracht aber ist es, wenn jemand Bücher die er nicht mag verächtlicht macht und sie wie Dreck in eine Mülltonne wirft. Das ist fast schon "Literatur-Faschismus". Scheck ist nur ein Populist, mehr nicht und wird auch nichts anderes mehr werden.


    Lass ihn doch. Wir lassen dich doch auch ;)

    Willkürliches Zitat von dir aus einer Rezi: „Seine Lebenszeit kann man wahrlich sinnvoller verbringen als mit diesem Thriller-Flop. Ein Buch für die Mülltonne.“ Super viele „Müll“-Treffer in der Suche bei dir.


    Er tut niemandem weh. Selbst die Bücher, die er in die Tonne wirft, verkaufen sich wahrscheinlich immer noch besser, als hätten er sie gar nicht erwähnt.

    Diese Listen, auch genau diese spezielle (Das Beste aus dem 21. Jahrhundert), sind ja sehr beliebt. Hatten die New York Times und, ich meine, The Guardian auch schon. Da ist dann ja meistens eine Gruppe von Leuten, die das ermittelt, hier eben nur eine Person. Entsprechend subjektiv ist das vielleicht auch, aber ich denke mal, dass bei den besagten Leuten Kracht, Murakami, Zeh viele gute Bücher eben aus den 90ern stammen. Ja klar, Faserland ist bedeutender als Eurotrash, und bei Murakami gäbe es selbst aus den letzten 25 Jahren noch mehr Konkurrenz, und Karte und Gebiet ist vielleicht auch eine überraschende Auswahl bei Houellebecq. Aber diese Listen sind ja hauptsächlich dazu da, dass es dann Diskussionen über die Titel gibt.

    Natürlich gibt es die objektiv besten Bücher nicht, ich finde hier aber interessant, einmal eine nicht angelsächsisch gefärbte Version, sondern eine mit einer deutschsprachigen Färbung zu sehen.

    Typisch für Scheck ist eben auch sein Faible für SF, Chiang und Le Guin sind halt seine persönlichen Lieblinge, dadurch auch mehr Genre auf der Liste als vielleicht üblich.


    Im Detail finde ich auch ein paar Dinge bei Denis Scheck kritisch, finde aber immer gut, wenn jemand im TV Literatur präsentiert. „Literaturclown“ und „Möchtegern-MRR“ sind natürlich Spitzen und Übertreibungen, die man im Krawallmodus eben gerne mal so macht, die ich aber unangebracht finde.