Beiträge von finsbury

    Die letzten Kapitel des Buches räumen ganz schön: Nachdem Barry Lyndon nun alles Hab und Gut, soweit er darankam, verschleudert hat, gibt es wohl nicht mehr viel zu erzählen. Ziemlich heftig finde ich wieder, wie er mit seiner Frau umgeht. Zuerst will er ihr, nach dem Tod des gemeinsamen Sohnes, bei dem er zum ersten Mal annähernd echte Gefühle außer Egoismus zeigt, ein Kuckuckskind als Erben unterschieben, dann beraubt er sie ihrer Freiheit, da er berechtigterweise Angst hat, sie könne ihm weglaufen und er wäre dann ohne ihr Einkommen ungeschützt vor den Gläubigern. So kommt es dann auch im zweiten Anlauf, der ältere Sohn und Erbe taucht auch wieder auf und unser Ich-Erzähler landet schließlich im Schuldgefängnis. Der Rest wird dann summarisch in auctorialer Erzählweise zusammengefasst.

    Im zweiten Teil, nachdem ich mich mit dem unsympathischsten Ich-Erzähler, der mir bisher in meinem Leserleben über den Weg gelaufen ist, arrangiert hatte, machte mir die Lektüre durchaus Spaß und man hat nebenher noch einiges über die englisch-irischen Verhältnisse im 18. Jahrhundert und überhaupt über dieses dazugelernt, auch mal einen ganz anderen Blick auf Friedrich den Großen erhalten, der ja in Deutschland eher positiv annotiert ist.

    William Makepeace Thackeray (1811-1863): Die Memoiren des Barry Lyndon (1856)


    Dieser vergleichsweise kurze Roman des berühmten Satirikers und Gesellschaftskritikers Thackeray ist eine Zeitreise ins 18., das sogenannte „galante“ Jahrhundert.

    Redmond Barry ist ein Antiheld reinsten Wassers.

    Geboren in eine heruntergekommene irische Familie mit Verbindungen zum niederen Landadel, aber Ansprüchen mindestens auf die Abstammung von den irischen Königen, wenn nicht überhaupt von dem ältesten Adelsgeschlecht der Welt, ist schon Redmonds Vater ein Aufschneider und Filou reinsten Wassers, der seinen älteren Bruder um dessen Erbe bringt, indem er zum protestantischen Glauben übertritt und dadurch in der Erbfolge in dem von den protestantischen Engländern besetzten Irland vor den katholischen Bruder tritt. Sehr schnell hat er aber dieses Erbe durch Spiel- und Geltungssucht durchgebracht und stirbt früh, nicht ohne eine adelsstolze Frau und einen Sohn zu hinterlassen, der sehr erfolgreich in seine Fußstapfen tritt. Redmond Barry tritt mit sechzehn Jahren in einem Duell gegen einen Hauptmann an, der seine Cousine Nora, in die er leidenschaftlich verliebt ist, heiraten will und verletzt diesen scheinbar tödlich. Von den Verwandten, die den lästigen Heißsporn loswerden wollen, zur Flucht gezwungen, fällt er in Dublin in die Hände von Berufsspielern, verliert das wenige, was ihm die Mutter mitgeben konnte und verdingt sich als Gemeiner bei der englischen Armee. Verschiedene Abenteuer im Siebenjährigen Krieg (1756-11763) stoßen ihm auf dem europäischen Festland zu, treiben ihn durch Belgien nach Preußen, wo er nach der Desertion aus der britischen Armee sogleich von einer preußischen Werbertruppe gepresst wird und vom Regen in die Traufe kommt. In diesem Zusammenhang erhält man ein ganz anderes, sehr viel kritischeres Bild von den militärischen Praktiken des in Deutschland doch immer noch in recht hohem Ansehen stehenden Friedrich des Großen.

    In Berlin trifft Redmond Barry seinen Onkel, den älteren Bruder seines Vaters, von diesem um sein Erbe betrogen, wieder. Dieser ist inzwischen ein recht erfolgreicher Berufsspieler geworden, der Spitz auf Knopf in scheinbarem Luxus lebt und Redmond, dem er wegen des Vergangenen nicht gram ist, in seinen Broterwerb einweist. Gemeinsam ziehen beide durch die Fürstentümer Deutschlands und Europas mit wechselndem, doch zumeist großem Spielglück.

    Schließlich eröffnet sich Redmond die Möglichkeit einer traumhaften Heirat mit der reichen Witwe Gräfin Lyndon, der besten Partie der britischen Inseln.


    Soweit so gut, kommen wir nun zu Redmonds Charakter. Er ist der Ich-Erzähler dieser Lebensbeschreibung, die er als Greis im Rückblick erzählt, wie man im Laufe der Handlung beiläufig erfährt, als gesundheitlich und finanziell ruinierter Säufer im Schuldgefängnis zu London. Redmond Barry verkörpert so ziemlich alle verabscheuungswürdigen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die man sich vorstellen kann. Er ist maßlos überheblich, jähzornig, geht über Leichen, ist bindungsunfähig, beutet Bedienstete und jeden, der es sich gefallen lässt, aus und blickt dabei weinerlich auf sein ach so hartes Schicksal zurück, das er sich in jeder Einzelheit selbst eingebrockt hat. Alles Geld, zu dem er kommt, gibt er unverzüglich wieder aus, ob an Spieltischen oder um auf protzigste Art zu renommieren. Seine Frau, deren Namen er seinem hinzufügt, behandelt er sehr grausam, macht sich über sie lustig, schlägt sie, wenn ihm danach ist und hält sie am Ende sogar gefangen.

    Es fiel mir zu Anfang schwer, diesen Ich-Erzähler zu ertragen. Er entlarvt sich jedoch durch naive Anmerkungen über seine Reinfälle, kurze Anfälle von Ehrlichkeit und seine maßlose Angeberei immer wieder selbst und ist gleichzeitig das Sprachrohr von Thackerays Gesellschaftssatire, so dass ihm Beobachtungen zu den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen gelingen, die eigentlich nicht zu seiner intellektuellen Ausrüstung passen. Natürlich ist die Handlung auch sehr farbig und durchaus spannend, sodass man diesem Roman, wenn man sich mit dem ekligen Helden abgefunden hat, doch einiges an Lesevergnügen abgewinnen kann.

    Von der Klassifikation her sind „Die Memoiren des Barry Lyndon“ einzuordnen als ein Beispiel für den Schelmenroman (wobei der Schelm hier ein ausgesprochener Schuft ist), für den negativen Bildungsroman und natürlich für die Gesellschaftssatire, die Thackeray in allen seinen großen Romanen unternimmt, normalerweise allerdings auf die zeitgenössischen Verhältnisse gemünzt.


    Stanley Kubrick hat den Roman als Vorlage zu seinem meisterhaften Kostümfilm „Barry Lyndon“ von 1975 benutzt.

    ASIN/ISBN: 3717520849

    Ich galoppiere wohl ein bisschen voraus, wollte das Buch noch vor Ende März gelesen haben, aber das wird mir wohl nicht mehr gelingen.

    Mittlerweile ist es Redmond Barry mithilfe übelster Machenschaften gelungen, die auch wenig sympathische Lady Lyndon zu "erobern", und zwar meistenteils gegen ihren Willen, durch Stalken, EInschüchterung, übelste Erpressung und rohe Gewalt gegenüber Konkurrenten. Das verharmlost er natürlich mit dem berühmten Sprichwort "Der Zweck heiligt die Mittel".

    In Kapitel 17 (Manesse-Ausgabe S. 522 ff) gibt es eine interessante Anmerkung des Autors, in der er die Auswahl seines Protagonisten zum Helden verteidigt. Er stellt es so dar, dass seine zeitgenössischen Kollegen immer unwahrscheinliche Gutmenschen zu Helden ihrer Romane machten, aber die weitaus häufigere Ausprägung der Menschen moralisch nicht so hochstehend seien und daher Redmond Barry als Beispiel eines Schurken ein Gegengewicht zu den romantischen Helden bildet.

    Manchmal finde ich diesen Ich-Erzähler immer noch sperrig, ergötze mich jetzt aber eher an der Chuzpe, mit der er sein Vorrecht schildert, den ihm zugefallenen Reichtum zu verschleudern sowie seine Frau und seinen Stiefsohn zu quälen. Wobei er gegenüber seinen Gegnern immer relativ gerecht argumentiert, natürlich immer erst, nachdem er sie fertiggemacht hat.

    Liebe Lorelle , es freut mich, dass du den Roman gerne liest, denn inzwischen bin ich auch so weit. Es ist auch ein Klassiker der Weltliteratur, da muss man auch an sich arbeiten, ehe das Werk einen in sich reinlässt. Ich habe inzwischen das merkwürdige Konstrukt akzeptiert, dass der Ich-Erzähler durch seine Ichbezogenheit und Überheblichkeit sowie dadurch, dass er in etwas konstruiert naiver Weise auch immer wieder Kritik an seinem Verhalten und seiner Einstellung referiert, eine Karikatur darstellt, die wir Leser genießen sollten, anstatt Barry Lyndon als Menschen ernst zu nehmen. Ich brauche auch in der gegenwärtigen Situation keine Flucht in die Vergangenheit, aber die Vergangenheit ist immer auch ein Spiegel, um die Gegenwart besser zu verstehen. Die Selbstverliebtheit Barry Lyndons und seine Kritikunfähigkeit an sich selbst sind ja nun auch an etlichen Politikern dieser Tage zu beobachten.

    Inzwischen bin ich ein wenig mit der Lektüre versöhnt: Ab dem Aufenthalt beim Herzog X (wohl der württembergischen Herzog der damaligen Zeit auf dem erst vor kurzem erbauten Schloss Ludwigsburg) wird die Handlung spannend, und es bleibt weniger Platz für Barrys Aufschneidereien. Insbesondere das 12. Kapitel, das die Ereignisse nach dem Verlassen des Hofes durch Barry aus der Sicht der alt gewordenen ehemaligen Favoritin des alten Herzogs schildert, gefiel mir gut. Auch eine sehr schöne Retourkutsche für Barry gibt es da: Die alte Dame erwähnt, dass sich, wie die junge Herzogin, das weibliche Geschlecht meist in üble Männer vergaffe. Darauf Barry:


    ""Nicht immer, Madame", warf ich ein. "Ihr gehorsamer Diener hat oft derartige Neigungen hervorgerufen."
    "Ich wüsste nicht, dass das die Wahrheit in meinen Feststellungen berührte", sagte die alte Dame trocken ... .!

    Nette Stelle!

    Nun beginne ich mit dem 14. Kapitel. Barry hat die noch verheiratete Lady Lyndon schon weichgekocht, doch ihr Gemahl tut ihm erst jetzt den Gefallen zu sterben. Und schwupps hat ihn seine Heimatinsel wieder, da sich Lady Lyndon dort aufhält, um ihren Gemahl zu Grabe zu tragen.

    Die meisten spielen im Bildungsbürgertum bzw. niederem Adel, insofern sind akademische Anklänge oft da, kirchliche Schauplätze immer. Wobei die anderen Heldinnen deutlich weniger in die Kirchenarbeit involviert sind als Mildred aus "Vortreffliche Frauen". Ich habe sieben Romane auf Deutsch gefunden und bis auf die beiden neu herausgegebenen alle anderen antiquarisch erworben. Gelesen habe ich "Tee und blauer Samt", "Vortreffliche Frauen, "Ein Glas voll Segen" und "In feiner Gesellschaft". Hier stehen noch drei etwas spätere Romane "Die Frau des Professors", "Quartett im Herbst" und "Das Täubchen". Bei Wikipedia sind noch fünf unübersetzte Romane oder Erzählungen gelistet. Mir haben alle gut gefallen, am anrührendsten fand ich bisher "Tee und blauer Samt" (ìm Original "Crampton Hodnet") und "Ein Glas voll Segen".

    Dir auch viel Freude weiterhin beim Lesen. War ganz entsetzt, als ich letztens eine Rezension gesehen habe, in der das Buch Ein Monat auf dem Land als belanglos angesehen wurde. Mir kann ein Buch nicht liegen, auch gegen alle Erwartungen und alle positiven Meinungen von anderen Lesern, aber belanglos???

    Oh, es gibt schon belanglose Bücher, so Massenwerke billigster Machart. Aber dazu gehört Carr, wenn ich die Stimmen über ihn richtig verstehe, sicherlich nicht - und Pym auch nicht. Ich denke, dass einige Leser leise Bücher mit zurückhaltender, aber lang anhaltender Wirkung nicht zu schätzen wissen. Dann muss man sie aber nicht so abstempeln, da hast du völlig Recht.

    Es scheint mir, dass wir wirklich alle mit dem Barry Lyndon Schwierigkeiten haben, mindestens weil er uns so unsympathisch ist, vielleicht auch, wie du SiCollier ausführst, wegen der Hohlheit der geschilderten Gesellschaftsschicht.
    Mir stößt es zum Beispiel unangenehm auf, wenn Barry sein Spielerhandwerk an körperlicher und seelischer Härte mit normalen bürgerlichen Berufen vergleicht und natürlich viel höher einschätzt. Selbstverständlich ist das Satire des im VIktorianischen Zeitalters lebenden Autors, aber weil der Ich-Erzähler es sagt, hat man Schwierigkeiten, die Kritik auf der Metaebene zu verstehen. Im Nachwort der Manesse-Ausgabe steht auch, dass der Roman beim Erscheinen ein ziemlicher Flop war. Ich könnte mir vorstellen, aus den gleichen Gründen wie bei uns.