Hilfe bei Erzählart

  • Hallo an alle, ich wollte mich mal nach eurer Meinung erkundigen. Und zwar wollte ich eine kleine Kurzgeschichte schreiben, deren Anfang ich hier unten einfüge. Ich habe den Text einer Freundin zum Drüberlesen gegeben, und sie meinte, dass ihr der Text ganz gut gefallen hat. Allerdings hat sie sich gefragt, ob mein Stil hier passend ist. Denn ich „zoome“ hier ein wenig in die Geschichte rein, sprich ich erzähle es etwas „langsamer“ und dann plötzlich geht wieder alles ganz schnell. Als ich meine, dass man einmal sehr detailliert die Gefühle hier Bescheid, aber im anderen Moment geht die Geschichte wieder sehr schnell weiter. Also einmal etwas in Zeitlupe, und einmal passiert die Handlung wieder etwas schneller. Ich hoffe, ihr versteht was ich meine! :D

    Und sie meinte, dass sie mal als Feedback bekommen hat, dass dieser Hin-und-Her nicht gemacht werden sollte… Was meint ihr dazu? Ist mein Stil hier in Ordnung oder sollte man lieber einen Weg einschlagen und bei dem dann auch bleiben? Ich habe dann damit argumentiert, dass es nun mal mein Stil ist. Oder gibt es hier schon gewisse Spielregeln, an die man sich halten muss? Danke schon mal für euer Feedback!! :)



    Die Ankunft:


    Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie alles, was Sie lieben, zurücklassen würden, um in einem Land mit besseren Lebensbedingungen zu leben? Heute möchte ich eine Geschichte über einen Vater erzählen. Ein tapferer Mann. Ein Mann, der genau das durchgemacht hat. Ein Mann, der seine Familie über alles andere stellte.

    Die Geschichte ist im Land der Drachen angesiedelt. Es ist ein Ort, an dem Drachen herrschen und alles und jeden kontrollieren und die Stadt in Angst und Schrecken versetzen. An einem bewölkten Tag verbringt der Vater seine letzte Nacht mit seiner Familie. In Vorbereitung auf seine lange, beschwerliche Reise packt der Mann mit Bedacht das für ihn Wichtigste in seinen Koffer: ein Porträt seiner Familie. Mit Tränen in den Augen und großem Schmerz im Herzen begleitet ihn die Familie zum Bahnhof. Dort versucht der Vater, seine kleine Tochter mit einem kleinen Papiervogel zu ermutigen, den er unter seinem braunen Hut versteckt hat. In den Gesichtern der drei zeigt sich Hoffnung und Sorge zugleich. Mutter und Tochter verabschieden sich liebevoll vom Vater und beobachten schweigend die Abfahrt des Zuges. Nach ein paar Minuten, die ihnen wie Stunden vorkamen, kehren sie nach Hause zurück und laufen verängstigt durch die dunklen Straßen, allein.

  • Da du deinen Text hier und nicht im Anfängerforum eingestellt hast, gehe ich davon aus, dass du eine offene Kritik möchtest. Also, hier mein Feedback. :)


    Allgemeine »Spielregeln« und »Gesetze« gibt es natürlich nicht. Im Prinzip kannst du alles machen, was du willst. Nur, ob das dann jemand lesen will, ist eine andere Geschichte. ;)

    Es gibt einige Handgriffe, die Texte lesbarer und Geschichten satter machen. Wenn man die erstmal kennt, entwickelt sich ein Stil von ganz alleine.

    Foreshadowing (oder Vorausdeutung) wirkt meistens altbacken und übertrieben. Viele Leser hassen es (ich z.B., außer beim King, der darf das :grin), andere mögen es - wenn es richtig eingesetzt wird.


    Ich verstehe, dass du mit dem Foreshadowing Interesse wecken willst. Allerdings hat das bei mir den gegenteiligen Effekt. Wäre der Text länger gewesen, hätte ich da schon mit dem Lesen aufgehört.

    Foreshadowing - wie dein erster Absatz - finde ich besonders bei einer Kurzgeschichte eher schwierig. Das nimmt alle Knackigkeit raus und hält nur auf.

    Am besten steigt man sofort in die Handlung ein, ohne groß rumzueiern. Die Bahnhofszene wäre da viel geeigneter. Dann fragt der Leser sich, wie es dazu gekommen ist, dass der Mann seine Familie verlassen muss.

    Oder man steigt noch viel später ein und erfährt im Nachhinein erst, was der Mann aufgegeben hat (aber nicht gleich am Anfang - Rückblenden am Anfang outen einen als Anfänger, hab ich mal gehört ;)).


    Der ganze Text ist leider sehr distanziert und kalt. Er weckt weder Emotionen noch Interesse - und beides ist essenziell für eine gute Geschichte.

    Es wird viel über Gefühle gesprochen (»in Angst und Schrecken versetzen«, »lange, beschwerliche Reise«, »Mit Tränen in den Augen und großem Schmerz im Herzen«), aber es berührt mich nicht.

    Das liegt an der Kombi aus Foreshadowing, Infodump und zu viel »tell«. Du versuchst, so viel Infos wie möglich unterzubringen und verlierst damit den Leser. Aber das passiert uns allen und ist leichter zu beheben als vieles andere.


    Zu dem Thema kann ich dir zwei YT-Kanäle empfehlen, die ich auch regelmäßig anschaue:


    Zum einen »Die Schreibdilettanten«, die jeden Mittwoch ein neues Video posten und auch viele zusammenhängende Themen besprechen. Die hatten gerade letzte Woche das Thema »Show don't tell im Detail«, welches ich sehr gut fand. Klick mich


    Zum anderen »Vom Schreiben leben«, wo es neben Interviews mit Autoren jede Menge Tipps in knackigen Videos gibt. Besonders zu empfehlen sind die Lektorate. Klick mich auch


    Ich hoffe, ich konnte dir bei deiner Frage/Bitte etwas weiterhelfen.

    Gib nicht auf. Man braucht 10.000 Stunden Übung, um ein Handwerk zu beherrschen, das ist beim Schreiben nicht anders. :caipieule

    Viele Grüße
    Inks



    bokmal.gif


    Aktuell: Robert Galbraith - Weißer Tod

    SuB: 40

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Inkslinger ()

  • Hallo Inkslinger, danke für die Antwort und danke für deine Kritik. Kritik ist immer gut – so lange sie konstruktiv ist – denn nur so kann man auch lernen und sich verbessern. Also danke, dass du dir dafür Zeit genommen hast!!

    Ich habe auch damit argumentiert, dass es solche Spielregeln oder Gesetze beim Schreiben prinzipiell nicht geben soll, aber anscheinend gibt es gewisse Konventionen, an die man sich halten sollte.

    Vorausdeutung finde ich persönlich immer ganz angenehm, weil ich so der Geschichte besser folgen kann und sie für mich nachvollziehbar beziehungsweise logischer ist.

    Aber wie du sagst, das ist natürlich auch vom Geschmack des Lesers abhängig.

    Ich kann nachvollziehen, dass es bei einer Kurzgeschichte aber weniger gut geeignet ist… danke dir dafür, denn an das hätte ich sonst nicht gedacht…

    Dass der ganze Text sehr distanziert und kalt wirkt, war eigentlich auch meine Intention. Aber natürlich war es nicht mein Ziel, dass weder Emotionen noch Interesse geweckt werden. Denn sonst bleibt der Leser ja nicht dabei und würde die Geschichte lesen…

    Mir war nicht klar, dass ich hier „zu viele Informationen“ bieten würde… ich dachte eigentlich, je mehr desto besser. ;-) Aber wie so oft dürfte auch hier zählen: Weniger ist mehr.

    Rückblenden finde ich übrigens auch ganz schrecklich… auch bei Filmen… irgendwie entsteht dadurch Chaos, wenn die Zeitstränge nicht klar voneinander abgegrenzt sind.

    Vielen Dank auch für die Empfehlungen der Kanäle. Das werde ich auch mal rein sehen.

    Gerade diese Interviews mit diesen Autoren interessieren mich brennend. Ich glaube, ich weiß schon, was ich heute Abend tun werde. :D

    Also danke nochmal für deine Hilfe und dein Feedback! Es hat mir sehr geholfen und ich weiß, woran ich arbeiten kann (und fühle mich nicht niedergemacht oder so – denn hilfreiches Feedback geben ist mindestens genauso schwer wie Schreiben ;-))