Anna Maschik - Wenn du es heimlich machen willst. musst du die Schafe töten

  • Dat du min Leevsten büst

    Den trockenen Humor Anna Maschiks muss man erst mal bringen, begreifen und auf der Zunge zergehen lassen. Einen Absatz im gleichen Wortlaut wiederholen und nur der erste und der letzte, kürzeste Satz ist leicht geändert. Welch ein Unterschied!

    Dabei sagt sie Unsägliches, wie Leben in einer Diktatur oder wie der Krieg auf die Daheim gebliebenen wirkt. Wenn alles plötzlich für kriegswichtig erklärt wird, muss man ein Schaf heimlich schlachten, um die Familie zu ernähren.

    Mein Urgroßvater hatte damals, in Siebenbürgen, einen Weinberg. Als die Wehrmacht ins Dorf einmarschierte, wurde der Wein plötzlich auch für kriegswichtig erklärt. Die Soldaten machten im Herbst die Weinlese, kelterten den Wein und füllten ihn in Fässern ab, die auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Pferde, Rinder, die Weizenernte, alles war kriegswichtig und verschwand. Nur die Offiziere und Soldaten die unentgeltlich bei den Dorfbewohner einquartiert waren, blieben bis der Befehl zum Abzug kam. Da war nichts mit heimlich schlachten, die Besatzer wohnten ja mit im Haus. Also ja, ich kann Henrike gut verstehen, die in der verhangenen Waschküche das Schaf heimlich schlachten muss. Oder wieso dem Metzger der Prozess gemacht wird, weil er einen Schweinehuf zu viel bei einer Überprüfung hatte. Das gab es im Dorf meines Urgroßvaters auch.

    Mit ganz wenigen Worten und 21 Wiederholungen stellt Anna Maschik das Drama einer Mutter dar, die um ihren schlafenden Sohn bangt und die Tochter dabei vernachlässigt. Zum Glück hat Hilde noch den Vater, der versucht, die Kälte der Mutter wettzumachen. Als der schlafende Sohn nach 16 Jahren aufwacht, lebt auch die Mutter auf. “An diesem Tag ist nicht nur Benedikt erwacht, sondern Henrike mit ihm. Georg verzeiht ihr nicht, dass sie nicht auch für Hilde erwachen konnte.” (S. 56) Dieser letzte Satz macht das ganze Drama dieser Familie offensichtlich.

    Als der Krieg nun endgültig ins Land kommt und die Flieger über das Dorf hinwegfliegen, wendet Maschik wieder das Stilmittel der Wiederholung an: Vier Absätze beginnen mit dem gleichen Satz: “Als die Flieger kommen, ist…” und die Position und Haltung der Mitglieder dieser Familie wird beschrieben: Hilde, die Mutter ist bei den Schafen im Stall, ihr erster Gedanke ist, wie gut, dass die Vorratskammern gefüllt sind, weil auch dieser Krieg länger dauern wird. Sie hat kein Vertrauen in Kriege, den ersten hat sie noch nicht richtig verwunden. Georg, ihr Mann, ist mit dem Pflug auf dem Feld. “Es wäre besser, denkt er, wenn sein Sohn noch nicht aufgewacht wäre” (S. 72). Denn der Sohn hängt braunem Gedankengut nach. Benedikt selbst ist beim Schuster im Dorf. “Er denkt, das wurde aber auch Zeit”. (S. 73) Allein Hilde ist auf einer Brücke über dem Bach. Das ist bezeichnend. Brücken sind eine Verbindung zwischen Wegen, zwischen hier und dort, zwischen morgen und gestern. Hilde weiß nicht, was Krieg bedeutet, Sie lacht mit der ganzen Unschuld eines unwissenden Kindes. Danach, als der Krieg sich jahrelang hinzieht und immer mehr Opfer fordert, wird sie den Krieg in all seiner Bitterkeit kennenlernen. Vater und Bruder werden eingezogen, ihr Verlobter, ein österreichischer Soldat, muss auch an die Ostfront.

    Die Geschichte wiederholt sich einigermaßen. Hilde hat mit Konrad zuerst einen Sohn, Wolfgang, der die ersten Jahre Vaterlos aufwächst, nach Konrads Heimkehr zieht die junge Familie nach Österreich, zu seiner Familie. Wolfgang wird von der Großmutter geliebt und aufgezogen, die Mutter muss im Betrieb des Vaters mithelfen, der Vater kann keine richtige Beziehung zum Kind aufbauen. Erst das zweite Kind, David, wird von den Eltern mit Liebe überschüttet und Wolfgang weiter an den Rand gedrängt. Und wieder wird die Wiederholung zum Stilmittel der Wahl, an Davids Bett singt die Mutter immer ein und dasselbe Lied, für Wolfgang sind keine Lieder übrig. Wolfgang versteht das nicht und lässt seinen Frust an David aus, während David aus einer anderen Perspektive sieht: “Er fragt sich, was Wolfgang falsch gemacht hat, und nimmt ihm übel, dass er die Eltern ganz allein glücklich machen muss.” (S. 145)

    Egal wo die Familie ist, ob im hohen Norden, an der See oder in Österreich, jedes Mal kommt die Hebamme Anna zu den Geburten und Nora, um die Toten zu begleiten. Und die schon Vorausgegangenen, die Verstorbenen kommen um die Sterbenden abzuholen, ihnen den Weg zu weisen. Dies ist auch so eine Art Wiederholung, die sich durch das Buch zieht und auf die Kontinuität der Familie hinweist. Als Hilde an der Reihe ist, steht Nora schon da, hinter ihr stehen Henrike, Georg, Benedikt und Konrad. Genauso auch bei Miriams Tod, der Mutter der Ich-Erzählerin. Es kommen Henrike, Georg, Benedikt, Ludwig, Maria, Ludwig, Hilde, Wolfgang, David. Zuletzt kommen Anna, die Hebamme und Nora, die freundliche Todesbotin. Das ist die letzte Wiederholung im Roman, sie schließt und rundet die Geschichte ab. Es liegt nun an Miriams Tochter, die Geschichte fortzusetzen, mit den Wiederholungen und der Gewissheit, die Vorangegangenen sind in irgendeiner Form immer noch dabei.

    Die Wiederholungen ziehen sich durch das Buch, als Stilmittel und als Wegweiser



    ASIN/ISBN: 3630878148