Mick Herron – Bad Actors

  • Stellenweise genial, aber oft auch überzogen


    Buchmeinung zu Mick Herron – »Bad Actors«


    »Bad Actors« ist ein Kriminalroman von Mick Herron, der 2025 bei Diogenes in der Übersetzung von Stefanie Schäfer erschienen ist. Der Titel der englischen Originalausgabe lautet »Bad Actors« und ist 2022 erschienen. Dies ist der achte Band mit den Slow Horses.


    Zum Autor:

    Mick Herron, geboren 1963 in Newcastle-upon-Tyne, studierte Englische Literatur in Oxford, wo er auch lebt. Seit 2024 ist er Mitglied der Royal Society of Literature. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Theakston's Old Peculier Crime Novel und dem Ellery Queen Readers Award; für sein Lebenswerk erhielt er 2025 den CWA Diamond Dagger.


    Zum Inhalt:

    Das Verschwinden einer wichtigen Mitarbeiterin des Premierministers bringt das fragile Gleichgewicht zwischen Politik und leitenden Spionen ins Wanken. Natürlich sind auch Jackson Lamb und seine Slow Horses involviert und tragen ihren Teil zum ausufernden Chaos bei.


    Meine Meinung:

    Dieses Buch ist meine erste Begegnung mit den Slow Horses und sie war anders als ich es erwartet hatte. Schwarz humorig bis zum Abwinken, Figuren jenseits jeder Normalität, ans Absurde grenzende Handlung unnd gnadenlos überzeichnete Gewaltszenen. Die Krone gebührt aber der grauen Eminenz Jackson Lamb. Seine Sympathiewerte sind unterirdisch und sein Auftreten ist abstoßend und doch ist er die Figur, die der Handlung Sinn und Leben einhaucht. Ihm scheint Erfolg unwichtig zu sein, aber er sieht und lenkt Entwicklungen und bringt die Leser auf den Stand. Wer sich mit ihm anlegt hat schon verloren. Zeuge ich Jackson Lamb etwa Respekt? Nur durch ihn blieb ich bei der Stange und die total überzogenen Szenen wurden erträglich. Manche Stellen gefielen mir sehr, aber das ausufernde Chaos nervte mich zunehmend. Das Ende war dann überraschend normal. Noch bin ich im Unklaren, ob ich ein weiteres Buch der Serie lesen will, denn diese Mischung war trotz grandioser Szenen nicht meins.


    Fazit:

    Dieser Titel mag an einigen Stellen genial sein, aber insgesamt konnte er mich nicht begeistern, weil er zu überzogen auf mich wirkte. Deshalb bewerte ich dieses Teil mit drei von fünf Sternen (60 von 100 Punkten).


    ASIN/ISBN: 3257301146

    :lesend Beate Maly - Tod am Semmering

    :lesendEmily Rudolf - Das Dinner

    :lesend Achim Zons - Von Schafen und Wölfen

  • Tiefschwarzer britischer Humor at its best

    Jedes Buch der Reihe Slow Horses ist ein Genuß, ist ein sprachliches Feuerwerk und eine herrliche Fundgrube an Beleidigungen und Seitenhiebe, die präzise verteilt, immer den Solar Plexus des Gegenüber treffen. In dem vorliegenden Buch - Bad Actors - sind es entweder das billige Essen (Kaviar) in der russischen Botschaft während des Gala-Empfangs, oder die Intrigen des MI5 und der grauen (gar nicht so grau, aber niederträchtig) Eminenz aus der Downing Street 10, die Flatulenz Attacken von Jackson Lamb, und mein persönlicher Hochgenuss: die Anspielungen auf den hochrangigsten und blondesten Politiker Englands während der Corona-Pandemie, der zwar Wasser predigt, aber selbst bis zum Abwinken Party feiert und den Engländern ein Schlaraffenland nach dem Brexit verspricht. Da im Buch keine Namen genannt werden, wollen wir es hier auch nicht tun, allein die Adresse Downing Street 10, London, sagt schon alles.

    Bad Actors bedeutet schlechte Schauspieler. Aber wer sind hier Bad Actors? Die Mitglieder des Slow House, also die Slow Horses, sind es einmal definitiv nicht. Sie tauchen irgendwie immer am falschen Ort auf, verhindern aber dadurch Entführungen (zwei Mal) und Verhaftungen (1 Mal).

    MI5 (britischer Inlandsgeheimdienst), da gibt es so manche Bad Actors, könnte sein. Downing Street 10 - definitiv ja, Bad Actors auf jedem Schritt und Tritt. Angefangen mit der möchte gern grauen Eminenz Anthony Sparrow, der für seine eigene Karriere über Leichen geht und Intrigen spinnt. Nur leider mischen da die realen grauen Eminenzen mit, wie Jackson Lamb, der Leiter des Slow House.

    Und wieder taucht die Frage auf: Sind im Slow House wirklich nur Geheimdienstler, die im aktiven Dienst versagt haben, auf dem Abstellgleis für Statistiken zuständig? Oder wurden sie unter diversen Vorwänden hierher verwiesen, weitab von den Kabalen und Intrigen des MI5, um schwierige und kritische Fälle zu lösen. Wir lernen die aktuellen Mitglieder des Slow House detailliert kennen. Roderick Ho, der Computer As und Freak, Louisa Guy, die durchgeknallte Shirley Dander, die findige Ashley Khan, Catherine und Lech Wicinski. Jeder/Jede auf seine/ihre Art ein Außenseiter, aber im Slow House werden sie zu einem unschlagbaren Team. Es ist ein Genuß zu sehen, wie die Rädchen ineinander greifen, die Slow Horses zur Höchstform auflaufen und ihre Zusammenarbeit bis ins Detail klappt. Während im MI5 oder Downing Street die Bad Actors sich gegenseitig behindern oder Fallen stellen und tödliche Intrigen spinnen. Aber wie heißt es so schön: Wer anderen eine Grube gräbt … landet selbst im Wald!

    Die Sprachbilder im Buch sind einfach unübertroffen. Die offizielle Tätigkeit bei Slow Horses ist: “eine Menge Arbeit, nichts davon wichtig und alles komplett hirnverbrannt.” (S. 175)

    Details, die Spurensicherung und MI5 übersehen, werden plötzlich wichtig, wie zwei verschwundene Whiskyflaschen, die an einer ganz anderen Stelle wieder auftauchen und interessante Tatsachen enthüllen.

    Kein Wunder, dass die Slow Horses als erfolgreicher Serienfilm auf Apple TV zu sehen sind. Leider nur auf Apple TV.




    [buch][/buch ISBN 9783257301144

  • Intrigen aus der Downing Street

    So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ist daher alles anderes als amused, als sich vor einem scheinbar harmlosen Fest der russischen Botschaft herausstellt, dass ihr russischer Amtskollege seit mehr als 24 Stunden unerkannt in London unterwegs sind, weil einige der "boys and girls" der MI5-Zentrale beim Monitoring der anreisenden Russen leider gepennt haben.

    Doch noch etwas anderes gibt Rätsel aus: Die Schweizer Superforecasterin, die ein Sonderberater des Premierministers angeheuert hat, ist verschwunden. Und Jack Sparrow, besagter Sonderberater, ist nicht nur ein gewaltiger Intrigant, sondern gewissermaßen die graue Eminenz in der Downing Street, der ausgerechnet Taverners Vorgänger, den glücklosen Claude Whelan, damit beauftragt, zum Verbleib seiner Mitarbeiterin zu recherchieren. Ihr letzter Anruf, so stellt sich heraus, ging an die Nummer von Jackson Lamb, den exzentrischen Chef des "Slough House" für abgehalfterte Spione.

    Mit "Bad Actors" lässt Mick Herron zum achten Mal die "slow horses" los. Mit Jack Sparrow hat er einen Intriganten geschaffen, der in den Spielchen, die man zwischen Taverner und Lamb kennt, durchaus ebenbürtig ist.

    Die zuletzt entstandenen Lücken in Slough House wurden mit der neuen Mitarbeiterin Ashley Singh aufgefüllt, die zugleich für einen gewissen Generationswechsel steht, ist sie doch relativ frisch aus der Ausbildung und ähnelt auch in ihrem Verhalten eher einem spätpubertären Teenager. Shirley Danders wiederum, bekannt für Koks und Krawall, ist gerade in einem Zwangsurlaub in einem "Sanatorium" des Service, um ihre Aggressionsimpulse besser unter Kontrolle zu bekommen. Dass ihre Schlagkräftigkeit dort mal gefragt sein könnte, hätte sie sich vermutlich nicht träumen können.

    Auch in "Bad Actors" liefert Herron einmal mehr tiefschwarzen britischen Humor, boshafte Dialoge und das übliche Sparring zwischen Lamb und Taverner. Kalter Krieg und eine neue Generation von Spionen, Machtspiele zwischen Downing Street und Regent Park, das Chaos, das unausweichlich scheint, wenn die "lahmen Gäule" galoppieren - es macht einfach Spaß, den Abenteuern der MI5-Outcasts zu folgen.