Dieser Text hier ist ein kleines Geschenk – außerhalb der Wertung, ohne Anspruch, ohne Punkte.
Die Texte, die eure Aufmerksamkeit verdienen, liegen nebenan.
Dort haben sich Autor:innen Mühe gemacht, geschliffen, verworfen, neu angesetzt.
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Aber genau davon lebt so ein Wettbewerb.
Die Wand
Ben war sich sicher, dass die Stimmen erst nach dem Einzug begonnen hatten. Die Wohnung war lächerlich günstig gewesen, zu günstig für diese Gegend. Der Flur roch noch nach altem Teppichreiniger, und die Fenster rahmten die Straße wie Augenhöhlen. Makler sagten gern: »Der Preis hat seine Gründe.« Keiner hatte erklärt, welche.
Am dritten Abend hörte er es zum ersten Mal.
Ein Flüstern. Kaum mehr als ein verwehter Atemzug, so nah, dass es die Härchen am Nacken bewegte.
Ben fuhr herum. Nichts als die kahle Wand, die er irgendwann streichen wollte. Er redete sich ein, das Geräusch sei Einbildung. Müdigkeit. Ein Rest des Tages, der sich in den Nerven verfing.
Doch die Nächte wurden länger.
Und das Geflüster formte sich.
Anfangs waren es zufällige Silben, ein brüchiges, nervöses Raunen. Dann schälten sich Worte heraus. Straße. Uhrzeiten. Namen.
Seinen Namen.
»Beeeeeen…«
Er schaltete das Licht an. Die Wohnung antwortete mit Grabesstille.
Ein Teil von ihm wollte einen Arzt aufsuchen. Ein anderer fürchtete, was dieser finden würde.
Am vierten Tag bemerkte er die Risse. Feine Linien, kaum sichtbar, doch sie zogen sich wie Adern über die Schlafzimmerwand. Er war sicher, dass sie zuvor nicht dagewesen waren. Als er die Fingerspitzen darübergleiten ließ, vibrierte die Wand – ein kurzes, flüchtiges Zurückweichen, als berührte er etwas Lebendes.
Da begann das Flüstern erneut. Mitten am Tag, hinter seinem Rücken.
»Nicht… öffnen…«
Ben taumelte einen Schritt zurück. »Was soll ich nicht öffnen? Wer bist du?«
Keine Antwort – nur ein Rascheln, als kratzten Fingernägel über Stein entlang. Dann, ganz nah:
»Sie… warten…«
Panisch floh er aus der Wohnung, stolperte die Treppen hinunter. Erst draußen bekam er wieder Luft. Er suchte den Himmel ab, als würde ihn jemand von oben beobachten.
Fürs erste buchte er ein Hotelzimmer. Und er schwor sich, die Wohnung am nächsten Morgen zu kündigen.
Doch in dieser Nacht träumte er zum ersten Mal von dem, was hinter der Wand lauerte.
Dunkelheit. Bewegungen. Schatten, die keine menschliche Form kannten. Und ein Gesicht wie seines, nur blasser, wächserner, mit Augen, die zu groß wirkten.
Das Gesicht beugte sich zu ihm, flüsterte Worte, von denen nur eines klar blieb:
»Zurück.«
Ben wachte schreiend auf.
Am nächsten Morgen stand er wieder vor seiner Wohnungstür, ohne sich an den Weg dorthin erinnern zu können.
Die Tür stand einen Spalt offen.
Er sollte umkehren. Er wusste es. Doch in ihm regte sich ein anderes Flüstern – leiser, vertrauter:
Nur ein Blick.
Er trat ein.
Alles sah aus wie zuvor. Bis auf die Wand. Die Risse hatten sich geöffnet, groß genug, dass Splitter des Putzes wie abgestreifte Schuppen auf dem Boden lagen.
Hinter den Spalten lag Dunkelheit. Nicht Abwesenheit von Licht – sondern ein Raum, der wie ein gähnender Schlund aussah.
Dann hörte er sie. Die Stimmen. Mehr als eine. Ein Chor aus wispernden Kehlen, durcheinander murmelnd, bittend, warnend, lockend.
»Ben… Ben, hör uns…«
»Komm…«
»Lauf…!«
Ein kalter Atem strich aus dem Riss, und etwas darin bewegte sich – ein Schatten, der sich löste, als hätte er nur auf ihn gewartet.
Ben wich zurück.
Die Wand flüsterte nicht mehr. Sie sprach.
Klar. Hart.
»Wir haben dich gewarnt.«
Der Riss barst auf. Dunkle Hände – zu viele Finger, zu lang – tasteten nach ihm.
Ben schrie, doch seine Stimme brach ab, als ihn die Finsternis packte und hineinriss.
Im Fallen hörte er die Stimmen neu, lauter, dichter. Sie verschmolzen, zogen sich zusammen wie Fäden, die verknotet wurden.
Dann erkannte er eine davon.
Seine eigene.
Nicht gesprochen.
Geflüstert.
Und als die Dunkelheit sich über ihn schloss, verstand er, warum die Wohnung so günstig gewesen war.
Die Wände hatten schon lange auf eine neue Stimme gewartet.