'Phantastische Erzählungen' - Kapitel "Der Rabe"

  • Zitat

    Original von buttercup
    Mit Gedichten kann ich irgendwie nicht soviel anfangen :rolleyes
    Naja, ich habe es gelesen
    und bin immer wieder über "Lenor" gestolpert :lache


    Ich spreche es auch öfter so aus :rolleyes. Wobei ich mir aber auch vorstellen könnte, dass es wie "Linor" ausgesprochen wird.

    Mir fällt leider kein guter Spruch für eine Signatur ein, aber wenn ich keine habe, stehen die Verlinkungen zu Amazon immer zu dicht unter der letzten Zeile meines Beitrages :rofl.

  • Ich habe gerade beide Versionen im Internet gegenüber gestellt.


    Im Original (auch in meinem Buch) endet der erste Absatz mit: Only this, and nothing more.'


    In der Übersetzung im Internet - Einer von den Kameraden


    Wie ist es bei Euch?

    Don't live down to expectations. Go out there and do something remarkable.
    Wendy Wasserstein

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  • Zitat

    Original von buttercup
    Mit Gedichten kann ich irgendwie nicht soviel anfangen :rolleyes
    Naja, ich habe es gelesen
    und bin immer wieder über "Lenor" gestolpert :lache


    ich habe zwei übersetzungen gelesen bei der einen heißt es auch "lenor" und bei der anderen "leonore", natürlich hab ich "lenor" erster gelsen und es geisterte bei der zweiten version immer noch in meinem kopf herum. :lache


    lieben gruß


    Beatrice

  • Zur Form: Das Gedicht umfasst 28 Strophen. Jede Strophe (des Originaltextes) enthält 5 – relativ lange – Zeilen; häufig reimt sich ein Wort ungefähr in der Mitte der Zeile mit dem ganz am Schluss. Ebenso häufig reimen sich die Zeilenenden aufeinander – vielfach wird das Schlusswort am Ende der nächsten Zeile wiederholt. Trotzdem klingt das Ganze keineswegs harmonisch: gleich die zweite Textzeile durchbricht den Rhythmus und den Reim der umschließenden Zeilen. Damit wird m.E. sichergestellt, dass der Text den Leser nicht „einlullt“ und quasi vom Anfang bis zum Ende unberechenbar bleibt. Ich habe keine Ahnung, ob es für den komplizierten Aufbau der Strophen einen Fachbegriff oder ein Muster gibt – vielleicht weiß hier jemand, der sich ebenfalls mit dem Originaltext beschäftigt hat, besser Bescheid?


    Inhaltlich haben wir es mit drei Teilen zu tun: dem Vorspann (Strophen 1 – 6); dem Hauptteil (Strophen 7 – 27) und dem Schluss (Strophe 28). Über den Erzähler – sein Alter, seine Stellung, seinen Beruf – erfahren wir so gut wie nichts. Da die zweite Strophe besagt, dass sich der Erzähler „zurückerinnert“ ist es denkbar, dass hier ein älterer Mann über ein länger zurückliegendes Ereignis berichtet. Auch über Lenore gibt es nur wenige Hinweise. Es ist zu vermuten, dass es sich um die verstorbene Geliebte des Erzählers handelt; vielleicht muss man sich die beiden als frischvermähltes Paar vorstellen. Durch den Tod der Geliebten wird das Leben des Erzählers (für immer) aus der Bahn geworfen.


    Der Rabe steht m. E. stellvertretend für alles, was im Leben unerklärlich, unvernünftig, zweifelhaft und, letzten Endes, nicht gut ist. Der Erzähler wird in der besagten Nacht unausweichlich mit dem Nichts, mit der Finsternis und auch der Hoffnungslosigkeit konfrontiert: sechsmal schallt ihm das keinen Widerspruch duldende „Nevermore“ des Raben entgegen (als Name des Raben; als Antwort auf die Fragen, ob der Rabe den Erzähler wieder verlassen wird; ob er von Gott gesandt wurde; ob es im Leben Trost, Linderung oder Hoffnung gibt; ob er Leonore eines Tages wieder in den Armen halten wird; schließlich als Antwort auf die Forderung, den Erzähler zu verlassen) – bis es sich endgültig in die Seele des Erzählers einfrisst.


    Nicht erklären konnte ich mir eine gewisse Doppeldeutigkeit, die der Erscheinung des Raben m.E. anhaftet: dieser ist einerseits eine grimmige, gespenstische, den Erzähler zutiefst verstörende und beängstigende Kreatur – andererseits eine „stattliche“ und elegante Erscheinung, die ihn stellenweise sogar erheitert. Vielleicht ein Hinweis auf die mitunter verführerischen Kräfte „des Bösen“?


    (PS: Lenor(e) – der Name wird m.E. tatsächlich genau so wie das bei uns erhältliche Waschmittel ausgesprochen; die Werbeindustrie schreckt vor nichts zurück...)


    Edit: Tippfehler

  • Ich habe auch zwei Übersetzungen gelesen, muss das Gedicht erst mal "sacken" lassen.Hat mich bewegt...
    Irgendwie kam es mir auch bekannt vor, weiss nur nicht wo ich es schon mal gelesen habe, ist wohl zu lang her...


    Edit: Tippfehler

  • Zitat

    Original von John Dowland
    Zur Form: Das Gedicht umfasst 28 Strophen.


    Die oben verlinkte, die ich gelesen habe, nur 18 :wow Aber da sind wahrscheinlich mehrere Strophen zu einer zusammengefasst :gruebel


    Zitat

    Original von John Dowland
    Der Rabe steht m. E. stellvertretend für alles, was im Leben unerklärlich, unvernünftig, zweifelhaft und, letzten Endes, nicht gut ist.


    Hmm an letzteres kann ich mich anschließen, die Zweifel sind unnötig, Hoffnung gibt es keine, Besserung auch nicht.


    Zitat

    Original von John Dowland
    Nicht erklären konnte ich mir eine gewisse Doppeldeutigkeit, die der Erscheinung des Raben m.E. anhaftet: dieser ist einerseits eine grimmige, gespenstische, den Erzähler zutiefst verstörende und beängstigende Kreatur – andererseits eine „stattliche“ und elegante Erscheinung, die ihn stellenweise sogar erheitert. Vielleicht ein Hinweis auf die mitunter verführerischen Kräfte „des Bösen“?


    Für mich war gerade diese "stattliche und elegante Erscheinung" das eigentlich beängstigende, verstörende. Also für mich kein Widerspruch.


    Was ich allerdings nicht verstehe, der Erzähler vermutet (doch ganz vernünftig), dass der Rabe möglicherweise nur dieses eine Wort "nimmermehr" gelernt hat und deshalb nur damit antwortet. Wenn er das aber tatsächlich annimmt, wieso stellt er dann diese existentiellen Fragen, die ihn so belasten und die der Rabe zwangsläufig mit "nimmermehr" beantworten muss? Damit stiehlt er sich doch selbst die Hoffnung und den Glauben.

  • Zitat

    Original von milla


    Was ich allerdings nicht verstehe, der Erzähler vermutet (doch ganz vernünftig), dass der Rabe möglicherweise nur dieses eine Wort "nimmermehr" gelernt hat und deshalb nur damit antwortet. Wenn er das aber tatsächlich annimmt, wieso stellt er dann diese existentiellen Fragen, die ihn so belasten und die der Rabe zwangsläufig mit "nimmermehr" beantworten muss? Damit stiehlt er sich doch selbst die Hoffnung und den Glauben.


    Damit hast Du recht. Der Rabe ist natürlich zunächst ein Eindringling; einer, dessen Ankunft der Erzähler nicht erwartet oder gar bestellt hat. Und diesem Eindringling haftet etwas Übernatürliches, Furcht und Angst Einflößendes an – der Erzähler versucht ja immer wieder (vergeblich), sich durch natürliche Erklärungsversuche zu beruhigen (es ist „nur ein Besucher“, es ist „nur der Wind“, nichts mehr...) Auch die Sache mit dem auswendig gelernten Wort ist vielleicht so ein Erklärungsversuch. Einmal hereingelassen, wird er den Raben aber nicht mehr los.


    Was der Rabe hier anrichtet und wofür er letzten Endes steht, ergibt sich für mich aus der Situation, in der sich der Erzähler gerade befunden hat – er berichtet ja, in alten Büchern Trost für die verlorene Lenore gesucht zu haben. Man kann darüber spekulieren, um welche alten Bücher oder „Lehren“ es sich hier gehandelt hat. Es mögen religiöse oder auch philosophische Werke gewesen sein. Dann käme mit dem Raben einer daher, der sein „Nimmermehr“ auch dem Ewigkeitsversprechen der Religion entgegenkrächzt. Und der Posten, den er da auf der Büste von Pallas Athene bezogen hat, stellt dann eine Verhöhnung philosophischer Heilsversprechen dar. (Man kann sich ja vorstellen, was er dort oben alles gemacht hat...) Es gibt kein Wiedersehen mit Lenore, so sehr „alte Lehren“ auch darüber hinwegtrösten mögen – das ist m. E. der Punkt, der den Erzähler hier aus der Bahn wirft.


    Vielleicht hast Du mit Deiner Frage genau das ausgesprochen, was Poe zum Ausdruck bringen wollte: es gelingt dem armen Erzähler gerade nicht, die Fragen, die ihm in der Seele brennen, nicht zu stellen. Und den Antworten, die ihm der Rabe gibt, zu entkommen. Denn dieser wird seinen Wachtposten ja nun nicht mehr verlassen.

  • Zitat

    Original von Lesebiene:


    Ich habe gerade beide Versionen im Internet gegenüber gestellt. Im Original (auch in meinem Buch) endet der erste Absatz mit: Only this, and nothing more.' In der Übersetzung im Internet - Einer von den Kameraden


    Zitat

    Original von milla:


    Die oben verlinkte, die ich gelesen habe, nur 18 Wow Aber da sind wahrscheinlich mehrere Strophen zu einer zusammengefasst


    Wenn Ihr die Übersetzung bei „onlinekunst“ meint (mit dem schönen vorangestellten Bild): die ist m. E. als deutsche Fassung nicht schlecht und enthält auch viele Details des Originals. Andererseits lehnt sich der Übersetzer (um die Reime hinzubekommen) mit seinen Formulierungen bisweilen ziemlich weit aus dem Fenster. Darüber hinaus wird einiges, was für das Verständnis des Gedichts notwendig ist, nicht deutlich genug gesagt oder schlicht weggelassen. Drei Beispiele:


    Erste Strophe: Als er das leise Klopfen an seiner Tür hört, vermutet der Erzähler zunächst, dass es sich um einen (unbekannten) Besucher handelt („´Tis some visitor´, I mutterered...“) Von einem „Kameraden“ ist weit und breit nicht die Rede. Der Begriff ist auch nicht gut. Er klingt viel zu soldatisch und weckt damit Assoziationen, die im Original nicht enthalten sind.


    Zweite Strophe: Hier wird beschrieben, womit der Erzähler gerade beschäftigt war, als er das Klopfen hörte. Im Original steht: „...vainly I had sought to borrow / from my books surcease of sorrow – sorrow for the lost Lenore –". Soll heißen: hier hat sich einer vergebens bemüht, die Trauer über die verlorene Geliebte durch das Studium seiner Bücher zu überwinden. Diese Bedeutung kommt in Strophe 2 der Übersetzung nicht rüber.


    Vorletzte Strophe: Im Original fleht der (völlig verzweifelte) Erzähler den Raben an, dessen „Schnabel“ aus dem eigenen Herzen zu ziehen („Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!“) Vielleicht hab´ ich´s überlesen. Aber auch dieses wichtige Bild kommt in der Übersetzung nicht vor.


    Fazit: ich bin kein Anglist und meine Englisch-Kenntnisse mögen ein wenig von vorgestern sein. Aber das Ansinnen, Poes Gedichte in der deutschen Sprache zu reimen, halte ich für ziemlich gewagt. Und auch für die Leserunde ist es natürlich nicht gut, wenn die Texte zu stark differieren.