Fragen an Steffanie Burrow

  • Lieber Herr Palomar,
    entschuldige, dass ich dich so lange habe warten lassen – ich war auf dem Land bei einer rauschenden Geburtstagsparty und heute dementsprechend laaangsam. Um nicht zu sagen, ich hatte, passend zum Jadepferd, einen Antritt wie 'ne Wanderdüne ;-)


    Die Frage nach der Schreibzeit kann ich nicht pauschal beantworten, deshalb werde ich etwas ausführlicher:


    Die erste diffuse Idee hatte ich etwa 2002. Es dauerte dann aber noch bis zum Frühling 2004, bis ich mich ernsthaft mit dem Plot befasste. Dann begann ich, Material zu sammeln und stellte bald fest, dass ich noch einmal nach Xinjiang reisen musste, wenn es authentisch werden sollte – was ich Ende 2004 auch tat.
    Und in 2005 habe ich dann geschrieben, netto etwa neun Monate, inkl. Recherche. Ich habe massenhaft Bücher über chinesische Geschichte im Allgemeinen und die Geschichte der Seidenstraße gewälzt und hätte mich auch fast verhoben an dem Thema – im Buch mag es nicht so scheinen, aber es war eine unglaubliche Puzzlearbeit, alle historischen Fakten unter einen Hut zu bringen. Da ich mich in dem Roman durch Zeit UND Raum bewege, das ganze auch noch in einer Weltecke, die für ihren Durchgangsverkehr an Völkern berüchtigt ist, dazu Pilger und Räuber und, und, und, war es manchmal zum Haareraufen: Wer hat wann wo gelebt, wer hat wann wen vertrieben, welche Religion hier, welche da??? Eigentlich hatte ich den Ehrgeiz, die Mongolen durchreiten zu lassen, aber DAS wäre wirklich zu viel geworden. :reiter
    Also, wo war ich? Drei Monate Vorarbeit, neun Monate schreiben - es fehlt noch die Überarbeitung. Da es mein Erstling ist, hat sie lange gedauert: drei Monate. Macht summa summarum 15 Monate, netto. Brutto hat es eine gefühlte Ewigkeit vom ersten "Spatenstich" bis zum fertigen Buch gedauert
    :grin
    Mein zweiter Roman ist nicht so rechercheaufwändig, für die Fassung, die ich für gut genug befand, sie meiner Lektorin vorzulegen, habe ich netto knapp acht Monate gebraucht. Ich weiß, es gibt (auch hier im Forum) Autoren, die schaffen ein 500-Seiten-Buch locker in der halben Zeit, aber ich bin eine ziemliche Schreibschnecke. Macht nix. Ist halt mein Tempo ;-)


    Liebe Grüße von
    SteffiB

  • Darf ich bitte fragen? Im Jadepferd-Thread hattest Du gesagt, wir sollen besser hier posten.


    In den letzten Tagen habe ich mir einiges zusammensuchen können und auch viel gelesen, aber wie sieht das aus Deiner Sicht aus. Welchen Rückhalt haben die uighurischen Aktivisten, die, so entnehme ich der Presse, auch vor Bombenattentaten nicht zurückschrecken, bei "ihrer" Volksgruppe. Und wie schlimm sind diese Aktivitäten wirklich?


    Wie muss ich mir überhaupt vorstellen, wie das Zusammenleben klappt zwischen Uighuren und Han-Chinesen? Überhaupt nicht - jeder lebt für sich? Oder kauft schon mal der eine beim andere ein? Gibt es so etwas wie Ghettobildung?
    Warum sind die Uighuren von der 1-Kind-Politik ausgeschlossen gewesen (ich finde den Artikel jetzt so schnell nicht wieder, sorry)? Oder gilt das für andere Minderheiten auch?
    Wie geduldet ist der Islam dieser Volksgruppe denn nun eigentlich wirklich? Wie sieht das im Alltag aus?
    Ist das aus Deiner Erfahrung auch richtig, dass die Minderheiten konsequent von Führungspositionen ferngehalten werden? Gibt es eigentlich so etwas wie uighurische Firmen oder so? Werden sie so massiv diskriminiert wie stets berichtet wird?
    Wie gehen die Menschen denn dort eigentlich miteinander um? Kann ein Han-Chinese ohne Probleme beispielsweis eine hübsche uighurische Frau heiraten oder umgekehrt? Oder sind die Mauern in den Köpfen so hoch, dass das undenkbar ist?


    Hoffentlich hab ich das "uighurische" jetzt immer richtig geschrieben?
    Und hoffentlich sind es nicht zu viele Fragen? Pardon auf jeden Fall!

  • Liebe Lipperin,
    entschuldige, dass ich erst jetzt antworte, ich war den ganzen Tag unterwegs ...
    Ich werde mich deinen Fragen gleich ausführlich widmen. Sie kommen mir sehr gelegen, da ich morgen eine Lesung habe und, falls niemand Fragen stellt, ich deine Fragen aufwerfen werde.
    Es wird sicher einen Moment dauern, aber das Posting kommt heute noch.
    Liebe Grüße von
    SteffiB

  • So, liebe Lipperin, liebe Eulen, ich hoffe, ein wenig Licht ins Dunkel bringen zu können. Aber genießt meine Antworten mit Vorsicht, sie sind wirklich meine persönliche Meinung.



    Vorab: Da sich in den Zeitungen die Schreibweise „Uiguren“ statt „Uighuren“ durchsetzt, werde ich das „h“ in Zukunft auch weglassen, tatsächlich sind beide Schreibweisen gebräuchlich.


    Frage von Lipperin:
    Welchen Rückhalt haben die uighurischen Aktivisten, die, so entnehme ich der Presse, auch vor Bombenattentaten nicht zurückschrecken, bei "ihrer" Volksgruppe. Und wie schlimm sind diese Aktivitäten wirklich?


    SteffiB:
    Diese Fragen kann ich natürlich nicht genau beantworten, zumal mein letzter Besuch der Region mittlerweile viereinhalb Jahre zurückliegt. Sicher haben die Journalisten vor Ort, trotzdem ihnen die Berichtserstattung erschwert wird, einen wesentlich besseren Einblick. Was in jedem Falle stimmt: Die Uighuren – oder besser: eine gewaltbereite Minderheit der Uighuren – schreckt vor Bombenattentaten nicht zurück. Ich erinnere hier an den Zwischenfall wenige Tage vor Eröffnung der olympischen Spiele, als eine Bombe in Xinjiang mehrere chinesische Soldaten tötete. Jede einzelne Aktion, bei der Menschen getötet werden, ist in meinen Augen schlimm, im Vergleich zu anderen Brennpunkten gesehen ist in Xinjiang in den letzten Jahren allerdings relativ wenig geschehen. Das liegt meines Erachtens einmal daran, dass die chinesische Regierung die gesamte Provinz mit Argusaugen überwacht und jeder noch so kleinen Unmutsbekundung mit drakonischer Härte begegnet: Verhaftungen, Verurteilungen, Internierungen, Todesstrafe.
    Ich persönlich glaube, dass die wirklich gewaltbereiten Aktivisten wenig Rückhalt in der Bevölkerung haben. Dem Großteil der Bevölkerung geht es auch nicht um die Separation von China (obwohl, wenn friedlich erreicht, sie sicherlich begrüßt würde), sondern um echte Autonomie und Partizipation am wirtschaftlichen Aufschwung.
    Xinjiang ist reich an Bodenschätzen und steht ganz oben auf der Liste der zu entwickelnden Provinzen in China. Leider profitieren die han-chinesischen Neu-Siedler wesentlich stärker von der aufblühenden Wirtschaft. Uiguren kämpfen mit Sprachproblemen und oft auch dem „Problem“, Moslems zu sein. Religionszugehörigkeit und -ausübung ist in China zwar nicht verboten, wird aber mit Arbeitsverboten in öffentlichen Ämtern und sonstigen Sanktionen abgestraft. Die Arbeitlosenquote unter den uigurischen, kasachischen und sonstigen Minderheiten ist in Xinjiang wesentlich höher als bei den Han-Chinesen (bitte nagelt mich jetzt nicht auf Zahlen und Quellen fest, ich begründe diese Aussage auf alten Zahlen und Aussagen der Bewohner).



    Frage von Lipperin:
    Wie muss ich mir überhaupt vorstellen, wie das Zusammenleben klappt zwischen Uighuren und Han-Chinesen? Überhaupt nicht - jeder lebt für sich? Oder kauft schon mal der eine beim andere ein? Gibt es so etwas wie Ghettobildung?


    SteffiB:
    Es klappt im Grunde überhaupt nicht. Die Ghetto-Bildung ist sehr ausgeprägt: Hier die verwinkelten Altstädte mit niedrigen Häusern in traditioneller (und klimatechnisch angemessener) Lehmbauweise, mit Bazaren, Geschäften, Teehäusern – und zum Teil offensichtlicher Armut.
    Da die Neubauviertel der Chinesen: Plattenbauten mit eigenen WCs, Hochglanzkaufhäusern, breiten Straßen. Sicherlich ist auch hier der Lebensstandard oft eher niedrig, doch offenkundige Armut konnte ich nicht entdecken.
    Aber Vorsicht: Dies sind lediglich meine Eindrücke.


    Die beiden Bevölkerungsgruppen Uiguren (ich fasse Uiguren und andere, wesentlich weniger Menschen umfassende Bevölkerungsgruppen zusammen) und Han-Chinesen haben im Grunde nichts gemeinsam und begegnen sich mit Misstrauen und enormer Ignoranz. Man macht sich gar nicht erst die Mühe, die anderen zu verstehen. Die Chinesen sehen in den Kulturen der Minderheiten oft nur putzige Folklore mit kuriosen Trachten und hübscher Musik – nicht unbedingt der Boden, auf dem gegenseitige Achtung wächst.
    Die Uiguren wiederum betrachten die Chinesen als Usurpatoren – womit sie sicher Recht haben. Allerdings muss man, wie so oft in China, alles mit einem weiten Blickwinkel betrachten, in diesem Fall reicht die Historie des Tauziehens um die Provinz Xinjiang bummelige zweitausend und mehr Jahre zurück. Mal gehörte es zu China, dann wieder nicht, dann wieder doch, dann war es an China über Handelbeziehungen und sonstige Verträge gebunden ... es ist endlos. Die Region Xinjiang ist ein klassisches Durchzugsgebiet, Völker ließen sich nieder, wurden vertrieben, neue kamen nach, dann drückten die Araber von links, die Chinesen von rechts, die Mongolen von oben und die Tibeter von unten. Die Uiguren behaupten sich im Vergleich zu anderen Völkern allerdings schon sehr lange im Tarimbecken. Ihre Einwanderung begann ca. 800 nach Christi.


    Man darf bei dem Konflikt allerdings nicht außer Acht lassen, dass viele der in Xinjiang ansässigen Chinesen aus von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Ostprovinzen nach Xinjiang gelockt wurden. Sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen, sondern die Gelegenheit beim Schopf gepackt, die ihnen geboten wurde, sie haben die Zähne zusammengebissen und sich in einer äußerst unwirtlichen und von Seiten der Bevölkerung her eher misstrauischen bis feindseligen Gegend ein neues zu Hause geschaffen. Auch die Han-Chinesen bekommen nichts geschenkt und reißen sich ein Bein aus, um es zu bescheidenem Wohlstand zu bringen.


    Etwas, was mich übrigens ziemlich verwirrt, ist die Tatsache, dass die Uiguren gestern und vorgestern offenbar auch Hui-Chinesen angegriffen haben, Angehörige einer großen Bevölkerungsgruppe von moslemischen Chinesen (etwa 10 Mio in ganz China), die sich durchaus selbstbewusst als solche mit weißen Kappen zu erkennen geben. Dass die Ausschreitungen nur in sehr geringem Maße religiös motiviert sind, hatte ich vermutet, aber dies kann ich nicht erklären. Warten wir auf weitere Hintergrundberichte.



    Frage von Lipperin:
    Warum sind die Uighuren von der 1-Kind-Politik ausgeschlossen gewesen (ich finde den Artikel jetzt so schnell nicht wieder, sorry)? Oder gilt das für andere Minderheiten auch?


    SteffiB:
    Die Minderheiten in China dürfen bis zu drei Kinder haben. Ich nehme an, dass es etwas damit zu tun hat, dass die ethnischen Minderheiten prinzipiell geschützt sind und zumindest auf dem Papier ein Recht auf ihre Sprache und Kultur besitzen. Da die Ein-Kind-Politik aber auf ein Negativ-Wachstum abzielt, wäre dieser Schutz nicht mehr gewährleistet, die zahlenmäßig geringen Gruppen würden recht schnell von der Bildfläche verschwinden. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: China begreift sich als Vielvölkerstaat, in dem alle Bewohner nach den Maximen des maoistischen Kommunismus ein anständiges Leben führen können und sollen. Andererseits begegnet man den Gruppen, die sich nicht so glücklich damit fühlen, mit Härte (inklusive der eigenen Han-Jugend, man denke an Tiananmen). Das langsame Ersticken von fremder Kultur durch die eigene zahlenmäßige Übermacht ist ein probates Langzeitmittel – und hat sich in der Geschichte in allen Teilen dieser Welt hervorragend bewährt. Die Minderheiten wissen dies – und wehren sich.
    Ich möchte auch noch ein Wort zu dem Wort „Minderheit“ verlieren. Tatsächlich sind die Uiguren eine Minderheit in China, aber mit sage und schreibe 9 Millionen Menschen. Zum Vergleich hier ein paar Staaten mit etwa 8-10 Millionen Einwohnern: Bolivien, Österreich, Serbien, Somalia, Ungarn, Weißrussland (!) ...
    Ich führe diese Länder an um deutlich zu machen, dass es sich bei den Uiguren um wirklich viele Menschen handelt, deren Wunsch beispielsweise nach Universitäten, in denen in uigurischer Sprache gelehrt wird, nicht die spinnerte Idee von 3000 Menschen ist (und selbst da dürfte man den Wunsch nicht einfach ignorieren).



    Frage von Lipperin:
    Wie geduldet ist der Islam dieser Volksgruppe denn nun eigentlich wirklich? Wie sieht das im Alltag aus?


    SteffiB:
    Wie schon oben erwähnt: Religionsausübung ist erlaubt und wird mittlerweile auch offen praktiziert. Allerdings disqualifiziert man sich dadurch für gute Jobs insbesondere im Staatsdienst. Im Kommunismus ist Religion ja eigentlich nicht vorgesehen, und bei allem Manchester-Kapitalismus ist dies nun mal noch immer die politische Ideologie, auf die sich China beruft.
    Geduldet? Nun, ich habe hunderte Männer zum Freitaggebet gehen sehen, es wird offen nach islamischen Regeln gelebt, gegessen, geheiratet. Aber: Imame unterliegen strengen Kontrollen.



    Frage Lipperin:
    Ist das aus Deiner Erfahrung auch richtig, dass die Minderheiten konsequent von Führungspositionen ferngehalten werden?


    SteffiB:
    (Edit: Ich habe deine Frage falsch verstanden und formuliere meine Antwort um.)
    Ich weiß nicht, wie konsequent das passiert, aber sicher wird niemand mit kontroverser Meinung es zu etwas bringen. Natürlich fühlen sich die Minderheiten dadurch übergangen. Sie haben keine Stimme, sie können sich nicht legal äußern, sie sind machtlos. Wie überall auf der Welt und zu allen Zeiten entlädt sich eine solche Situation früher oder später in einer großen Explosion, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Wer nichts sagen darf, schreit irgendwann.



    Frage von Lipperin:
    Gibt es eigentlich so etwas wie uighurische Firmen oder so?


    SteffiB:
    Gibt es, aber wohl eher auf kleinem Level. Ausnahmen bestätigen die Regel, so hat z.B. Rebiya Kadeer (die uigurische Widerstandsikone, die in Amerika im Exil lebt) eine große Firma gehabt und es zur Multimillionärin gebracht – ihr Vermögen allerdings auch wieder verloren. Buchtipp: Rebiya Kadeer – Die Himmelsstürmerin. Diese Biographie ist allerdings mit sehr wachem Blick zu lesen, da sie ausschließlich Kadeers Sicht der Dinge darstellt und der Gegenseite keinerlei Raum gibt.



    Lipperin:
    Werden sie so massiv diskriminiert wie stets berichtet wird?


    SteffiB:
    Ich befürchte, dass es tatsächlich ziemlich schlimm ist. Von außen betrachtet war zumindest 2000 und auch 2004 alles soweit okay, aber sobald man genauer hingehört hat und die Chance hatte, mit mutigen Uiguren zu sprechen, kam eine enorme Bitterkeit zu Tage. Es reicht eben nicht, sein Auskommen zu haben, auch kulturelle Freiheit und das Wissen, gerecht behandelt zu werden, gehören dazu.



    Lipperin:
    Wie gehen die Menschen denn dort eigentlich miteinander um? Kann ein Han-Chinese ohne Probleme beispielsweise eine hübsche uighurische Frau heiraten oder umgekehrt? Oder sind die Mauern in den Köpfen so hoch, dass das undenkbar ist?


    SteffiB:
    Mal abgesehen davon, dass jemand, der einen Muslim/eine Muslimin heiraten möchte, zum Islam konvertieren muss (wobei ich nicht weiß, wie dies in Xinjiang gehandhabt würde), sollte es eigentlich, rechtlich gesehen, keine Probleme geben. Ich habe in vielen Monaten in Xinjiang allerdings kein gemischtes Paar gesehen/kennengelernt. Man bleibt unter sich. Die Mauern sind furchtbar hoch.
    In der ganzen Zeit habe ich lediglich einen Chinesen getroffen – ich erwähnte die Anekdote irgendwo in der Leserunde – der nicht nur die uigurische Sprache freiwillig gelernt hatte, sondern sich um kulturelles Verständnis bemühte. Bei den Uiguren sah es nicht viel besser aus. Aber es gibt sie, jene wenigen, die in der Lage sind, Mauern einzureißen, und ihnen habe ich, unverbesserlicher Optimist, der ich bin, meinen Yandao und meine Batügül gewidmet.



    Ich möchte hiermit noch einmal sagen, dass es sich wirklich nur um meine persönliche Meinung und Einschätzung handelt. Ich habe meine Antworten nicht wie ein ordentlicher Journalist mit Zahlen untermauert, sondern „aus dem Bauch heraus“ beantwortet, gestützt auf Erfahrungen und Wissen, das ich mir bei der Recherche des Buches angeeignet, das aber, es sei noch einmal deutlich gesagt, kein politisches Sachbuch, sondern ein Roman ist, in dem ich die Probleme Xinjiangs streife.
    Trotz der schlimmen Ereignisse der letzten Tage hege ich nach wie vor starke Sympathien für die hart arbeitenden, freundlichen, hilfsbereiten, lustigen, ehrlichen Uiguren UND Chinesen. Gewaltbereite, auf welcher Seite auch immer, ob direkt oder indirekt, haben meine Sympathien nicht. Niemals. Wen ich insbesondere bei der Gruppe der indirekt Gewaltbereiten meine, kann sich sicher jeder denken.


    Ihr Lieben, ich werde leider erst wieder Sonntag Abend online sein, aber dann stehe ich gerne Rede und Antwort.


    Liebe Grüße von
    SteffiB


    Edit: Falsch verstandene Frage

  • Danke, SteffiB! :wave Ich hatte zwar nicht gefragt, den Beitrag aber trotzdem mit großem Interesse gelesen.


    Ich bin derzeit lesemäßig (wieder mal) in einem ganz anderen Winkel der Welt bei ganz anderen Menschen unterwegs. Aber seltsamerweise kommen mir Deine Beschreibungen unheimlich vertraut vor. Ein paar Dinge ändern, und es paßt auf die Native Americans, sprich die Indianer. Früher wie heute. Die Welt ist doch recht klein. Kleiner, als einem bisweilen bewußt ist.

    Unter den Büchern finden wir wieder, was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer Umgebung.
    (Gustav Freytag, 1816 - 1895, aus "Die verlorene Handschrift")

  • Steffi , ganz herzlichen Dank für Deine ausführlichen Antworten! :knuddel
    Bei dem vielen, was ich bisher gelesen habe, war mir eben auch eine Stimme sehr wichtig, die keinerlei "offizielle" Meinung, egal in welche Richtung, egal in welcher Funktion, hat. Eben Dein ganz persönlicher Eindruck.


    Dass Yandao und Batügül nicht gerade repräsentativ für ihre jeweilige Volksgruppe sind, habe ich aus der Lektüre auch so verstanden. Und dabei hätte ich doch irgendwo vermutet, zumindest in den größeren Städten mit Schulen, eventuell Universitäten würde eine Annäherung stattfinden. Oder sind die jeweiligen Gruppen auch dort voneinander getrennt? Sieht man gar auf uighurischer Seite nicht unbedingt die Notwendigkeit einer erstklassigen Ausbildung, weil sie chinesisches Wissen (Entschuldigung, ich weiß auf die Schnelle nicht, wie ich das anders ausdrücken soll), aber so gut wie keine Traditionen der Minderheiten vermitteln? Und weil sie sowieso das Gefühl haben, außen vor zu sein?


    In meinem Freundeskreis haben wir die Situation dort mehrfach diskutiert und - nachdem ich Dein Jadepferd einigen anderen zur Lektüre überlassen hatte - es kam eine Frage auf, die ich mir allerdings auch gestellt habe. Wenn ich noch darf, stelle ich sie hier:
    Mal angenommen, Fräulein Ma wäre Uighurin, hätte dann Yandao - und eventuell auch sie, wenn sie arbeiten würde - mit Sanktionen zu rechnen, sprich würde er bei Beförderungen/Gehaltserhöhungen (wobei ich nicht einmal weiß, ob es das überhaupt in dem Maße gibt wie bei uns) übergangen, würde er an einen noch - aus Sicht der "Oberen" - unattraktiveren Ort versetzt o. ä., weil die beiden verheiratet wären? Auch wenn Du da keinerlei Erfahrungen hast oder so etwas schlicht nicht vorkommt, könntest du diese Frage aus dem Bauch heraus beantworten?


    Beowulfs Frage unterschreibe ich mal.


    SiCollier : Man hat doch immer wieder den Eindruck, es ändert sich nichts, egal zu welchen Zeiten, egal an welchen Orten. Es läuft immer wieder nach dem gleichen Schema ab.


    Edit: Und nun sind auch noch die Moscheen geschlossen worden. Wird es dann nicht noch schlimmer?

  • Da ich erst durch Steffis Jadepferd auf die Lebensumstände der Uiguren aufmerksam wurde, verfolge ich ebenfalls sehr interessiert das aktuelle Geschehen in China und den hier stattfindenden Dialog!


    Lipperin


    Mit deinen gut durchdachten Fragen hast du tatsächlich alles abgedeckt, was mir in den letzten Tagen so durch den Kopf gegangen ist! Vielen Dank -besser hätte ich es nicht ausdrücken können! :anbet


    Steffi


    Es ist schön, jemanden wie dich hier zu wissen, der zu dem Thema Erfahrungen aus erster Hand beisteuern kann. Deine persönliche Meinung über die bislang zum Scheitern verurteilte Integration der uigurischen Minderheit war wie immer sehr aufschluss- und hilfreich! Danke!!! :knuddel1


    __________

  • Zitat

    Original von Lipperin
    Edit: Und nun sind auch noch die Moscheen geschlossen worden. Wird es dann nicht noch schlimmer?


    Das ist in meinen Augen eine sehr schlechte Nachricht. :bonk


    Steffi ist zur Zeit für eine Lesung auf Sylt, wird aber sicher auf eure Fragen eingehen, sobald sie wieder online ist.


    harimau :wave

  • Heute am frühen Abend gab es auf Arte eine Sendung zu/über R. Kadeer. Leider habe ich es zu spät erfahren, um es hier posten zu können.


    Eine sehr beeindruckende Frau, die es versteht, ihr Anliegen eindrucksvoll zu erläutern. Ich hatte dabei nur immer Steffis leise Mahnung im Ohr, aber ich glaube, die Umstände, die zu ihrer Verhaftung führten, die Zustände und ja fast schon Repressalien, denen die Uighuren (sorry, aber ich bleibe bei dem "h", ich mag es einfach viel zu sehr) ausgesetzt sind, wurden doch nicht nur plausibel, sondern mit so viel Objektivität, wie man von einer Reportage, die sich zum Ziel gesetzt hat, R. Kadeer zu porträtieren, erwarten kann und darf, präsentiert. Es war jedenfalls bedrückend, als beispielsweise R. Kadeer von ihrer Zeit im Gefängnis erzählte oder als von dem, was vor und während der olympischen Spiele geschah, berichtet wurde. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals, als ich den Fernseher wieder ausgemacht habe.


    Eine wunderschöne Kleinigkeit war aber trotzdem dabei: R. Kadeer erzählte, dass ihr zweiter Mann ihr Gedichte geschrieben hatte, als sie noch nicht verheiratet waren. Sie hat auch eines aufgesagt. Es war wunderschön. Und mich, ja, mich erinnerte diese Szene an eine andere, die ich mal gelesen habe, nämlich an Xue Lian und Li Jun.

  • So, da bin ich wieder ...


    @ Si Collier: Ich habe auch oft das Gefühl, dass sich ein und derselbe Sch.... immer und immer wiederholt. Traurig ...


    @ beowulf: So richtig hat es das Interesse nicht geweckt. Eulen und andere Freunde, die das Jadepferd gelesen haben, haben sich sofort gemeldet, aber die anderen? Ich muss gestehen, dass die Lesung aufgrund einer Mischung aus schlechtem Wetter (bei dem sich alle Urlauber in ihren Ferienwohnungen verschanzt hielten, wie mir einige Sylter tröstend betätigten) und mangelnder Presse ausgesprochen mau besucht war. Spontan haben wir paar Leutchen dann beschlossen, das Jadepferd Jadepferd sein zu lassen, zwei Flaschen Wein aufgemacht, uns an den Tresen gehockt, und ich habe ein paar Kostproben aus dem gerade entstehenden Werk vorgelesen. Die Uighuren waren dann kein Thema mehr.


    Zitat

    Original von Lipperin
    Dass Yandao und Batügül nicht gerade repräsentativ für ihre jeweilige Volksgruppe sind, habe ich aus der Lektüre auch so verstanden. Und dabei hätte ich doch irgendwo vermutet, zumindest in den größeren Städten mit Schulen, eventuell Universitäten würde eine Annäherung stattfinden. Oder sind die jeweiligen Gruppen auch dort voneinander getrennt? Sieht man gar auf uighurischer Seite nicht unbedingt die Notwendigkeit einer erstklassigen Ausbildung, weil sie chinesisches Wissen (Entschuldigung, ich weiß auf die Schnelle nicht, wie ich das anders ausdrücken soll), aber so gut wie keine Traditionen der Minderheiten vermitteln? Und weil sie sowieso das Gefühl haben, außen vor zu sein?


    Wie ich gerade in der Zeitung gelesen habe, teilen sich Uighuren und Chinesen sogar Mehrbettzimmer in Studentenwohnheimen. Das Problem liegt wahrscheinlich eher in dem Umstand, dass an den Universitäten grundsätzlich auf chinesisch unterrichtet wird, bzw. chinesische Inhalte. Aber da möchte ich mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster hängen.
    Die Notwendigkeit einer erstklassigen Ausbildung wird aber durchaus gesehen. Sicherlich nicht bei allen, aber das ist auch hier in unserem Land nicht anders.


    Zitat

    Original von Lipperin
    Mal angenommen, Fräulein Ma wäre Uighurin, hätte dann Yandao - und eventuell auch sie, wenn sie arbeiten würde - mit Sanktionen zu rechnen, sprich würde er bei Beförderungen/Gehaltserhöhungen (wobei ich nicht einmal weiß, ob es das überhaupt in dem Maße gibt wie bei uns) übergangen, würde er an einen noch - aus Sicht der "Oberen" - unattraktiveren Ort versetzt o. ä., weil die beiden verheiratet wären? Auch wenn Du da keinerlei Erfahrungen hast oder so etwas schlicht nicht vorkommt, könntest du diese Frage aus dem Bauch heraus beantworten?


    Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, sie würden Schwierigkeiten bekommen. Wenn ich allerdings länger darüber nachdenke, dann ist es wohl spezifischer. Wie man bei Yandao ja schon sieht - wer sich einmal nonkonform benimmt, kein Parteibuch hat oder was weiß ich, hat sowieso Probleme. Wären Yandao und das uigurische Fräulein Ma Parteikader, wäre bestimmt alles in Butter.


    Die Sendung über Frau Kadeer habe ich auch verpasst – schade. Was das "wache Auge" betrifft – davon ist natürlich nicht nur Frau Kadeer betroffen. Jede Biographie birgt diese Gefahr in sich. Und als Opfer eines Staates wird niemand an den Tätern ein gutes Haar lassen. Ich weise einfach immer wieder darauf hin, dass es eben nicht reicht, nur eine Seite anzuhören. Ich weiß, dass du, Lipperin, und viele Eulen sich sowieso umfassend informieren, aber ich möchte auch die still Mitlesenden, die vielleicht bisher China nur als furchtbar aggressives Volk erkennen (so wie es die Medien ja auch darstellen), darauf hinweisen, dass China eben nicht nur aus Parteibonzen besteht, sondern dass es eine sehr große Zahl mitfühlender Chinesen gibt, die das, was in Xinjiang und Tibet passiert, mit Sicherheit nicht gutheißen.



    Liebe Grüße von
    SteffiB

  • Hoffentlich hat der Wein geschmeckt!


    Die Sendung ist wohl, wenn ich das richtig verstanden hat, aus "aktuellem Anlass" eingeschoben - oder wie immer man das nennt - worden. Geplant war etwas anderes, jedenfalls kam es an dem Sendeplatz, an dem die Geo-Reportagen gesendet werden.

  • So, nu ist mir noch etwas eingefallen, und das wo ich das Buch ja nun doch schon ein wenig länger ausgelesen habe... Da sieht man mal, wie lange mich Marion & Co. noch zu begleiten scheinen :-].


    Also; auf Seite 433 (hab extra das Buch erneut wälzen wollen, aber da war sogar noch ein Post-it an betr. Stelle :-)) geht es um "die wilde Jagd", die Marion hinter sich hatte und Li Yandao empfiehlt ihr, doch ein Buch darüber zu schreiben.


    Wurde dieser Satz nur zur Neugierde eingebaut (was, wie man sieht, funktioniert hätte :grin) oder hast du, liebe Steffi, auch eine Art von "wilder Jagd" im fernen Ausland erlebt? Und genau die hat dich (u.A.) inspiriert??


    Würde mich tatsächlich interessieren :wave.

    "Man muss die Leute an ihren Einfluss glauben lassen – Hauptsache ist, dass sie keinen haben." Ludwig Thoma :grin

  • Liebe Amanita, da bin ich endlich ...
    Zu deiner Frage: Nein, ich habe so eine wilde Jagd nicht hinter mir. ich glaube, ich hätte das Pferdchen auch gleich zu Anfang dem netten Kommissar anvertraut, und dann wäre die Geschichte für mich vorbei gewesen. Ich schätze, allein der Fund der Leiche wäre schon Aufregung genug gewesen :grin Und das Reisen in dieser Region ist auch ohne Schmuggler an den Hacken ziemlich spannend.
    Inspiriert, überhaupt ein Buch in dieser Region zu schreiben haben mich zwei Details, die ich in einem Sachbuch über die Seidenstraße gelesen hatte. Einmal der Fund von Münzen mit dem Konterfei Alexanders des Großen – ich wollte sofort wissen, wie die in die Taklamakanwüste geraten waren, denn Alexander war ja "nur" bis zum Indus gekommen. Naja, und dann hatte mich die Geschichte der Seidenstraße regelrecht am Haken.
    Das zweite war der Bericht über einen gruseligen Fund in einer der Geisterstädte: Dutzende von menschlichen Skeletten in einem kleinen Raum. Wahrscheinlich waren die Menschen buddhistische Mönche. Niemand weiß, wie sie dorthingekommen waren, welches Drama sich abgespielt hatte. Meine Fantasie begann auf Hochtouren zu laufen. Weder Alexander noch die Mönche tauchten später im Buch auf, aber sie waren die Initialzündung.
    :wave SteffiB

    Ship me somewhere's east of Suez,
    where the best is like the worst,
    where there aren't no ten commandments
    an' a man can raise a thirst


    Kipling

  • Zitat

    Original von SteffiB
    Wahrscheinlich waren die Menschen buddhistische Mönche. Niemand weiß, wie sie dorthingekommen waren, welches Drama sich abgespielt hatte. Meine Fantasie begann auf Hochtouren zu laufen. Weder Alexander noch die Mönche tauchten später im Buch auf, aber sie waren die Initialzündung.


    Liebe Steffi,
    dicken Dank dir für die Befriedigung meiner Neugier :-]. Auf Alexander habe ich im Nachhinein gerne verzichtet und selbst die Mönche habe ich nicht vermisst, zumal deine "Auflösungen" mich mehr als in (Lese)Atem gehalten haben. Ich wünsche dir und deinen Lesern noch viiiiiele solcher Initialzündungen :knuddel1.


    :wave

    "Man muss die Leute an ihren Einfluss glauben lassen – Hauptsache ist, dass sie keinen haben." Ludwig Thoma :grin