'Zeiten des Aufruhrs' - Seiten 001 - 132

  • So, ich bin jetzt mit etwas Verspätung auch dabei. Den ersten Teil habe ich durch und ich muss sagen, im Vergleich mit den beiden anderen Büchern von Yates, die ich bisher gelesen habe, ist dieses das deprimierendste. Wahrscheinlich liegt es daran, daß die Beziehung der Beiden schon von Anfang an so kaputt ist. Wie es so weit kommen konnte, wird nicht erklärt. Vielleicht geht der Autor ja in den nachfolgenden Teilen noch darauf ein. Auch im ersten Teil hat er ja schon mit Rückblenden gearbeitet.


    So richtig sympathisch sind mir weder Frank noch April. Franks Einstellung zu seinem Beruf ist exemplarisch für sein ganzes Leben. Bei den Beschreibungen zu seiner Arbeit hätte ich Kotzen können. Hat der Mann denn überhaupt keine Träume? Wenn jemand einen langweiligen Job hat und aus Bequemlichkeit nichts daran ändert, nun gut. Aber seine Aussage bei der Jobvermittlung:

    Zitat

    Was ich auf keinen Fall gebrauchen kann, ist eine Arbeit, die als <anspruchsvoll> gilt. Ich will nichts, was mich womöglich interessiert. [...] In so einen Laden will ich, und denen sag ich dann, bitteschön, für so und so viele Stunden am Tag kriegt ihr mich und mein freundliches Collegelächeln und dafür krieg ist so und so viele Dollar und ansonsten läßt jeder den anderen schön zufrieden. Kapiert?" (S.86)


    -ganz schlimm finde ich das!
    Es ist ja nun nicht so, daß er ein erfüllendes Hobby hätte, dann könnte ich sein berufliches Desinteresse vielleicht nachvollziehen. Nein, so wie er arbeitet, lebt er doch auch in der Gesellschaft, oder sehe ich das falsch?
    Bei April hingegen liegt die Sache etwas anders. Sie könnte durchaus sympathisch sein. Da der Roman allerdings aus der Perspektive Franks erzählt wird, wird Aprils Persönlichkeit aus der Distanz beschrieben. Da Frank seine Frau ja ganz offensichtlich nicht versteht, erfährt der Leser auch nicht direkt, was in ihr vorgeht. Das Wenige, was man erfährt ist aber auf jeden Fall positiver, als Franks Verhalten. Sie hat wenigstens Pläne für die Zukunft, auch wenn ihre "Flucht" nach Europa wahrscheinlich keine Lösung für ihre verfahrene Ehe bieten wird. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.


    Noch ein Wort dazu, daß Frank und April uns allen wesentlich älter vorkommen, als Ende 20. Ich glaube, das liegt zum großen Teil auch an der zeitlichen Distanz. Zu der Zeit war es völlig selbstverständlich, mit 29 im Leben schon voll etabliert zu sein. Da brauche ich nur an meine ELtern zu denken. Dieses späte Erwachsenwerden gibt es noch gar nicht so lange.


    EDIT Nachtrag: Bei all diesen negativen Ausführungen möchte ich nur noch mal betonen, daß mir das Buch trotzdem sehr gut gefällt. Ich liebe depressive Bücher über gescheiterte Existenzen. :cry

  • Zitat

    Zitat Seerose:EDIT Nachtrag: Bei all diesen negativen Ausführungen möchte ich nur noch mal betonen, daß mir das Buch trotzdem sehr gut gefällt. Ich liebe depressive Bücher über gescheiterte Existenzen. Cry


    Mir geht es genauso -und Zeiten des Aufruhrs gefällt mir sehr :-)

    Jeder trägt die Vergangenheit in sich eingeschlossen wie die Seiten eines Buches, das er auswendig kennt und von dem seine Freunde nur den Titel lesen können.
    Virginia Woolf

  • Das kann ich unterschreiben. :-)


    Zitat

    Original von Seerose
    Es ist ja nun nicht so, daß er ein erfüllendes Hobby hätte, dann könnte ich sein berufliches Desinteresse vielleicht nachvollziehen. Nein, so wie er arbeitet, lebt er doch auch in der Gesellschaft, oder sehe ich das falsch?


    Ne, sehe ich ganz genau so. Deswegen habe ich mich gefragt, warum die beiden überhaupt das Gefühl haben zu scheitern. So ziellos kann man ja schlecht zufrieden werden. Ich finde auch, Frank wird letztendlich nur von seiner Frau getrieben. Wäre es nicht um sie, er würde ständig so weiterleben, über die dämlichen Nachbarn lästernd und selber in der Masse untergehen. Mir erscheint April eigentlich als die extrem unglückliche und ruhelose Person.


    Zitat

    Original von Seerose
    Noch ein Wort dazu, daß Frank und April uns allen wesentlich älter vorkommen, als Ende 20. Ich glaube, das liegt zum großen Teil auch an der zeitlichen Distanz. Zu der Zeit war es völlig selbstverständlich, mit 29 im Leben schon voll etabliert zu sein. Da brauche ich nur an meine ELtern zu denken. Dieses späte Erwachsenwerden gibt es noch gar nicht so lange.


    Das stimmt natürlich. Ich bin selbst in genau diesem Alter, komme mir aber bei weitem nicht so fest gefahren vor. Das kann natürlich auch eine komplette Fehleinschätzung meiner selbst sein.
    Eigentlich finde ich auch alle doof und mich aussergewöhnlich. Und über meine Nachbarn lästere ich selbstverständlich den ganzen Tag. Die Spießer... :lache

  • Ich habe das Buch heute bekommen und die ersten 40 Seiten gleich am Stück weggelesen (was an sich nix besonderes für eine Büchereule ist, ich muss gerade aber viel für die Uni tun). Bis jetzt gefällt mir das Buch sehr gut, insbesondere der etwas nüchterne Stil hat es mir angetan. Ich werde heute Abend dann mal weiterlesen und berichte wohl morgen.


    Achja, ich denke, dass Kate Winslet bestimmt eine grossartige April abgibt. Genau so kann man sie sich vorstellen.

  • Zitat

    Original von buzzaldrin


    Das denke ich auch, Kate Winslet ist in meinen Augen wirklich genau die richtige Wahl - aber auch DiCaprio ist gut ausgewählt. Ich freue mich schon auf den Kinostart nächste Woche. :-)


    Oh ja, ich auch! Dies ist einer der wenigen Fälle, bei denen ich glaube, dass der Film sogar noch besser sein könnte als das Buch.

  • Zitat

    Original von Conor


    Mir geht es genauso -und Zeiten des Aufruhrs gefällt mir sehr :-)


    Dito! Ich musste heute morgen einfach den ersten Teil lesen und bin sehr begeistert.
    Allerdings weiss ich jetzt nicht genau, bis wo genau der erste Abschnitt geht, da ja ich ja englisch lese. Bei mir ist Frank gerade mit Maureen in ein Taxi gestiegen.


    Was das Auswandern angeht: das ist doch nur ein Wunsch danach, dass alles ganz anders wird. Es wurde hier ja auch schon einmal betont, dass man seine Probleme immer mitnimmt. Die Wheelers wären weder glücklicher noch erfüllter woanders.


    Zwei grundsätzlich unterschiedliche Menschen finden aus den falschen Gründen zueinander (Frank findet April so toll, weil sie seine erste richtig hübsche Eroberung ist/ April hat in ihrer Vergangenheit nie Liebe erfahren, und liebt Frank besonders wenn er nett zu ihr ist), bringen ihre Neurosen mit (fandet ihr die Szene wo Frank über seine verkorksten Familienverhältnisse nachdenkt, und feststellt, dass ein Psy ganze Hefte mit seinen Neurosen füllen könnte, dass er bei April aber noch mehr Arbeit hätte, auch so gelungen?), Heiraten jung und bekommen "7 Jahre zu früh" Kinder. Und auch das nur, weil sie unfähig sind, miteinander vernünftig zu kommunizieren. Tragisch, die Szene, wo beide eigentlich eine Abtreibung wollen, aber so schlecht miteinander kommunizieren, und sich so sehr aufreiben, dass sie doch Kinder bekommen?
    Der arme Frank nimmt als private joke einen belanglosen Job in der gleichen Firma wie sein Vater an (in der Erwartung, seinen Lebenssinn zu entdecken) und April wird eine Vorstadtsmutti. Genau das, was sie nie werden wollten!
    Sie treffen sich mit Leuten, die wie sie denken, die Campbells, die mit ihnen über die spiessigen Nachbarn lästern und nie so werden wollen wie diese...es aber eignetlich schon längst sind.
    Da hilft auch kein Theaterstück mehr.


    Dass beide uns alt vorkommen, liegt wohl daran, dass sie sich selbst auch so fühlen. So nach dem Motto "jetzt kommt eh nix mehr".
    Toll auch, wie Yates Frank beschreibt, der in der Bahn sitzt und der jüngste und strahlendste aller Passagieren ist, sich selbst aber "middle-aged" fühlt.


    Ich finde es sehr spannend, dass ihr April, die wir ja quasi nur durch Franks Gedankengänge kennen, sympathischer findet. Warum? Weil sie sich weigert mit Frank zu reden? Weil sie alles mit sich selbst ausmacht? Oder erahnt ihr eine Vorgeschichte, die ihr preziöses, selbstverliebtes Verhalten entschuldigen? Frank ist ja auch nicht gerade besser: aufbrausend, in einer Routine die er hasst festgefahren...


    Ich finde beide genau so sympathisch oder unsympathisch, wie man halt Menschen finden kann, die selbstverschuldet unglücklich sind, und sich darin suhlen. Aber gerade das finde ich so spannend in diesem Buch: alle sind so schrecklich menschlich. Yates hat ein grosses Talent dafür, Mitleid und Mitgefühl da zu erwecken, wo man normalerweise verächtlich lächeln könnte. Jeder kann sich wiedererkennen. Und jeder erkennt schaudernd andere wieder (siehe Franks alkoholischen Kollegen). Yates schreibt sarkastisch, aber auch sehr menschlich.


    Und jetzt geh ich gebannt weiterlesen! :wave

  • Zitat

    Original von Cookiemonster
    Ich finde es sehr spannend, dass ihr April, die wir ja quasi nur durch Franks Gedankengänge kennen, sympathischer findet. Warum? Weil sie sich weigert mit Frank zu reden? Weil sie alles mit sich selbst ausmacht? Oder erahnt ihr eine Vorgeschichte, die ihr preziöses, selbstverliebtes Verhalten entschuldigen? Frank ist ja auch nicht gerade besser: aufbrausend, in einer Routine die er hasst festgefahren...


    Ich hatte ja schon geschrieben, dass mir April einfach sympathischer erscheint, da man den Eindruck gewinnt, dass sie wirklich daran glaubt, dass durch Europa alles besser werden könnte und alles dafür tut, um diesen gemeinsamen Traum zu erreichen.



    Frank erweckt dagegen bei mir den Eindruck, dass er eigentlich nie wirklich an die Alternative Auswandern glaubt und diesen Plan dann auch eher halbherzig verfolgt.

  • Zitat

    Original von Cookiemonster
    Ich finde es sehr spannend, dass ihr April, die wir ja quasi nur durch Franks Gedankengänge kennen, sympathischer findet. Warum? Weil sie sich weigert mit Frank zu reden? Weil sie alles mit sich selbst ausmacht? Oder erahnt ihr eine Vorgeschichte, die ihr preziöses, selbstverliebtes Verhalten entschuldigen? Frank ist ja auch nicht gerade besser: aufbrausend, in einer Routine die er hasst festgefahren...


    Hm... ich glaube ich neige dazu, April ihr labiles Verhalten über ihre Kindheit zu entschuldigen. April hatte wirklich eine traurige Kindheit (die Szenen, bei der sie über ihre Eltern nachdenkt, schmerzte auch mich :-( ), aber Frank hatte eigentlich "nur" ein schlechtes Verhältnis zu seinem Vater - wie so viele auf dieser Welt, die trotzdem noch was mit sich anfangen können. Ich weiß, dass es natürlich völlig ungerechtfertigt ist, aus dieser Kenntnis heraus so zu urteilen, aber Yates zwingt mich es doch zu tun, ich kann's nicht ändern.:lache
    Wenn jemand wirklich nicht weiß, wer er ist, so ist es meiner Ansicht nach definitiv Frank. So eine orientierungslose Figur ist mir selten untergekommen.
    Frank ist ein Mitläufer par Excellence, und das Schlimme daran ist nicht, dass er es insgeheim auch weiß, sondern, die ständige Verleugnung der Tatsache, dass es ihm eigentlich auch ganz gut gefällt ein solcher Mitläufer zu sein und damit seiner Familie und vor allem April erheblichen Schaden zufügt. Gerade April geht davon aus, dass Frank ihrer Meinung ist. Er theatralisiert ja nur zu oft über die langweiligen Dinge, die sie tagtäglich erleben. Aber April weiß eigentlich, dass ihr Mann von Grund auf ebenfalls so gestrickt ist. Das macht sie fertig.
    April sieht sich zwar ebenfalls in dieser Falle gefangen, aber sie hasst die Situation wirklich und will tatsächlich heraus brechen. Und ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob nicht wenigstens für April die Geschichte ein gutes Ende hätte finden können, wäre Europa wahr geworden. Wer weiß, vielleicht wäre es ihr Traumjob geworden, vielleicht hätte sie zu sich selbst gefunden... Frank wäre es sicherlich auch nicht schlechter oder besser ergangen dort. Der läuft überall mit, soviel ist klar. :lache