Auster, Paul: Die New York Trilogie

  • In der "New York Trilogie" von Paul Auster sind drei Bücher enthalten.
    Ich mache es mal andersherum - ich schreibe zuerst meine Meinung nieder, weiter unten bringe ich dann die amazon-Zusammenfassung für jedes einzelne Buch und einen Pressebericht.



    MENE MEINUNG:


    Alle drei Bücher der Trilogie haben mir sehr gut gefallen, und alle aus demselben Grund. Es ist eine raffinierte und ungewöhnliche Art des Autors, in die Tiefen der eigenen Psyche hinabzusteigen. Er schafft eine Distanz zum eigenen Dasein anhand fiktiver Personen, um am Ende sich selbst gegenüberzustehen.
    Die Handlung entpuppt sich als Spiegel, in diesem Spiegel ist er imstande zu sehen, woran er selbst scheitert, in welchen Emotionen er gefangen ist, wovon er getrieben wird. Eine Lösung gibt es zum Schluss nicht, es bleibt offen, ob diese Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis zu einer Veränderung führen kann.


    Es sind interessante Bücher.


    Das Prinzip und die Aussage sind in jeder Geschichte dieselbe - sie entwickeln sich jedoch in jeder Geschichte auf eigene Weise.
    Allgemein etwa so:


    Herr X ist überrascht: Jemand nimmt Kontakt zu ihm auf, den er nicht kennt. Es scheint sich um eine Verwechslung zu handeln, man bittet ihn, sich um einen schwierigen Fall zu kümmern. Herr X könnte nun sagen "ich bin nicht der, für den Sie mich halten", doch er fühlt sich von der Sache angezogen und tut nun so, als ob er derjenige wäre, mit dem man ihn verwechselt hat. So wird er durch einen Zufall in eine Kriminalgeschichte hineingezogen.


    Um den Fall zu lösen, beobachtet er die darin verwickelten Personen. Und nun beginnt der Leser nach und nach zu ahnen, dass es nicht um den Kriminalfall geht, sondern einzig und allein um Herrn X selbst.
    Das Leben der beobachteten Personen wird zum Spiegel seines eigenen Lebens, seiner eigenen Psyche. Die Realität der Welt verschmilzt mit der Realität der eigenen Lebensgeschichte. Die beobachteten Personen sind Teile seines Selbst, sie tun, was er getan hat.


    Wie besessen vertieft er sich in ihr Leben und ist sich dabei selbst auf der Spur. Dabei droht ihm die Entfremdung von der realen Welt, er droht, zum Aussenseiter zu werden, zum Einsiedler, zum Ausgestossenen.


    _____________________________________________
    Und hier die amazon-Zusamenfassungen:


    1. STADT AUS GLAS. Daniel Quinn, ein Kriminalautor, erhält mitten in der Nacht den Anruf eines Fremden und wird auf Grund eines Mißverständnisses in eine Affäre hineingezogen, die komplizierter und undurchsichtiger ist als alles, was er bisher in seinen eigenen Büchern geschrieben hat: Quinn wird, ohne daß ihm Zeit zum Nachdenken bleibt, als Detektiv unter dem Namen Paul Auster eingesetzt.
    Wer ist dieser Peter Stillman, den er zu bewachen hat? Und warum versucht sein Vater ihn zu töten? Oder ist der Vater in Wirklichkeit jemand anderer? Und wenn, wer ist der Mann, der ermordet werden soll? Quinn verfolgt alle erdenklichen Spuren, um eine Antwort zu finden. Die Stadt New York wird für ihn zu einem unerschöpflich weiten Raum, zu einem Labyrinth nicht enden wollender Gänge. Naheliegende Schlußfolgerungen scheinen immer mehr ihre Eindeutigkeit zu verlieren. Aus der vordergründig einfachen Aufgabe, einen Mann aufzuspüren, wird schließlich eine aufreibende Suche nach sich selbst.


    2. SCHLAGSCHATTEN. Blue bekommt von White den Auftrag, Black zu beobachten. Ohne über die Hintergründe aufgeklärt worden zu sein, läßt der junge Privatdetektiv sich auf den Fall ein und beschattet Black tagein und tagaus. Bald muß er feststellen, daß seine bewährten Methoden nicht greifen und daß sich Realität und Täuschung nicht mehr ohne weiteres voneinander unterscheiden lassen. Er verliert die Gelassenheit des routinierten Profis und ist besessen von dem Wunsch, Blacks Geheimnis zu ergründen. Sein Leben gerät aus den Fugen, die Konturen seiner Identität lösen sich auf.


    3. HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN. Der Schriftsteller Fanshawe verschwindet eines Tages spurlos und läßt seine junge Frau Sophie mit dem gemeinsamen Kind zurück. Sein Freund aus frühester Kindheit, der Erzähler der Geschichte, übernimmt die Rolle des Nachlaßverwalters und setzt sich erfolgreich dafür ein, daß die vielen Romane und Gedichte veröffentlicht werden. Und er heiratet schließlich Sophie und dringt immer tiefer in das Leben Fanshawes ein. Die Welt bricht für ihn zusammen, als er eines Tages den Hinweis bekommt, daß Fanshawe noch lebt. Fieberhaft versucht er den Freund zu finden und durchlebt eine schwere Krise, in der er seine eigene Existenz in Frage stellt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



    Pressestimmen
    "Jeder der drei Romane wirkt zunächst wie eine klassische, spannungsgeladene Kriminalgeschichte, die den Leser mit raffiniert ausgelegten 'Ködern' in den Bann zieht. Aber bald scheinen die vordergründig logischen Zusammenhänge nicht mehr zu stimmen. Die Rollen der Täter und der Opfer, der Verfolger und der Verfolgten verschieben sich auf rätselhafte Weise. Schritt für Schritt wird der Beobacheter - der Detektiv, Autor, Leser - aus seiner sicheren Distanz gelockt und in ein Spiel mit seinen eigenen Erwartungen verstrickt." (Sunday Times)
    ________________________________________________

  • Auch wenn ich mit einigen deiner Deutungsansätze nicht einverstanden bin, muss ich doch sagen: Auch mir hat die Trilogie sehr gut gefallen!


    Das Verwirrspiel der Identitäten, zwischen Wahrheit, Fitkion, Realität, Phantasie, Wirklichkeit und Einbildung wird in allen drei Romanen eingehend durchexerziert. Interessant ist, dass immer wieder Motive aus den anderen beiden Romanen in jeder der drei Erzählungen auftauchen.
    So befindet sich auch der Leser, genau wie die Figuren der Romane, immer auf der zwespältigen Schneide zwischen Bekanntem und Unbekanntem.


    Sehr interessant zu lesen und - auch wenn der Vergleich sehr gewagt ist - ich muss sagen, dass das Gefühl, mit dem mich diese Romane zurück gelassen haben, mich an die Eindrücke erinnern, dich ich sonst nur bei Kafka habe: Völliges Unverständnis, Verwirrung und Durcheinander im Kopf, das dann genau deshalb zu einem Eindruck von knapp entgangener Klarheit führt. 9 Punkte.

    Unser Unglück erreicht erst dann seinen Tiefpunkt, wenn die in greifbare Nähe gerückte praktische Möglichkeit des Glücks erblickt worden ist. (Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

  • Die New York-Trilogie hat mir auch unglaublich gut gefallen, so richtig schön mysteriös - allerdings hat meine Begeisterung bei der letzten Geschichte etwas nachgelassen, die empfand ich als weniger stark als die ersten.


    Gruß, Bell

  • Inhaltszusammenfassung von "Stadt aus Glas":
    Krimi-Autor Quinn erhält Anrufe von einer Frau, die ihn für einen Detektiv namens Paul Auster hält. Zunächst verneint er, gibt sich aber schließlich doch als der Ermittler auf und trifft sich mit der Frau. Sie beauftragt ihn, einen alten Mann zu beschatten, der in Kürze aus der Haft entlassen wird, weil sie Angst hat, dass dieser seinem bereits erwachsenen Sohn etwas antun könnte. Quinn willigt ein und folgt dem Mann zwei Wochen lang. Als der Mann plötzlich verschwindet, verzweifelt Quinn beinahe daran und legt sich monatelang vor dem Haus seiner Klientin auf die Lauer. Schließlich erfährt er, dass der Gesuchte schon vor längerer Zeit Selbstmord begangen hat. Diese Information bringt Quinn noch weiter an den Rand der Verzweiflung, bis er am Ende der Geschichte spurlos verschwindet.
    Das ist die gesamte Handlung der knapp 180 Seiten, die weder besonders spannend noch unterhaltsam sind. Meine Hoffnung, hier - wie auf dem Buchrücken versprochen - mit einem packenden Krimi voller Wendungen vorgelegt zu bekommen, erfüllte sich nicht mal ansatzweise.


    Inhaltszusammenfassung von "Schlagschatten":
    Mr. Blue bekommt von Mr. White den Auftrag, Mr. Black zu überwachen und bezieht daraufhin das Appartement bei ihm gegenüber. Von nun an beobachtet Blue Tag für Tag und Woche für Woche den Mann, der scheinbar nichts anderes tut, als von früh bis spät an seinem Schreibtisch zu schreiben. Er verfolgt ihn bei seinen spärlichen Spaziergängen, bis er – genau wie Quinn in der Geschichte davor – irgendwann genug von dem tristen Alltag hat und in verschiedener Verkleidung Kontakt zu Black aufnimmt. Die beiden kommen ins Gespräch und philosophieren sogar über den amerikanischen Autor Nathaniel Hawthorne und dessen Werk „Wakefield“, in dem ein Mann seine Frau verlässt und sie jahrelang vom Haus gegenüber aus beobachtet, ohne wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen. Was offenbar eine Parabel auf diese Geschichte hier ist, denn am Schluss von „Schlagschatten“ findet Blue endlich den Mut, Black ohne Verkleidung gegenüber zu treten.
    Auch diese Geschichte birgt nicht wirklich viel Spannung und ist dadurch, dass alles in einem einzigen durchgehenden Text erzählt wird, etwas anstrengender zu lesen. Die Parallelen zu „Stadt aus Glas“ sind unverkennbar, ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass „Schlagschatten“ einfach eine leicht abweichende Version des vorherigen Kurzromans ist. In beiden Geschichten geht es um ereignislose Beobachtungen über einen längeren Zeitraum und wie dies den Beobachtern irgendwann unerträglich wird.

    Inhaltszusammenfassung von „Hinter verschlossenen Türen“:
    Dies ist der letzte Band der Trilogie und zunächst scheint auch er absolut nichts mit den vorherigen Teilen gemeinsam zu haben. Die Hauptperson ist ein Tierarzt, der seit Kindestagen im Schatten seines Freundes Fanshawe steht. Als dieser verschwindet, bittet ihn dessen Frau Sophie, nach ihm zu suchen. Aber Fanshawe will für tot gehalten werden, wie der Arzt nach einer Weile einsieht. Er und Sophie werden ein Paar und heiraten. In Fanshawes Nachlass finden sie mehrere Manuskripte, die nach ihrer Veröffentlichung ein großer Erfolg werden. Schließlich bitten die Verleger den Arzt, eine Biographie über den Autor zu verfassen. Einer Aufforderung der er zunächst gern nachkommt, schon bald verliert er aber die Lust daran. Um den Schein zu wahren, forscht er trotzdem weiter über die Vergangenheit seines Freundes nach und reist dafür sogar nach Paris, wo dieser für einige Zeit lebte. Hier verliert sich der Arzt immer mehr in seinen Pseudo-Nachforschungen, bis er am Ende kaum mehr selbst weiß, wer er ist. In einem Bordell trifft er einen Mann namens Stillman und glaubt, dass dieser Fanshawe ist. Später gesteht der Arzt, dass er daher seine Inspiration für die Figur aus dem ersten Roman „Stadt aus Glas“ bekam. Der Detektiv Quinn, den er mal beauftragt hatte, Fanshawe aufzuspüren, stand Pate für den Protagonisten von „Schlagschatten“. Womit es endlich die lang vermisste Verbindung zwischen den drei Bänden der Trilogie gibt.
    Am Schluss des dritten Buches kommt es zum unvermeidlichen Aufeinandertreffen des Tierarztes mit Fanshawe und der Doktor erfährt, dass es Fanshawes Absicht gewesen war, dass er und Sophie zusammenkommen. Er sollte seinen Platz einnehmen, damit er problemlos verschwinden kann. Das Buch endet damit, dass der Arzt von Fanshawe ein rotes Notizbuch bekommt (jenes welches auch in den beiden anderen Bänden seine Erwähnung fand), es liest, aber den Inhalt sofort wieder vergisst. Deshalb hat er auch keine Probleme damit, die einzelnen Buchseiten eine nach der anderen auszureißen.


    Fazit:
    Alles in allem war es eine sehr seltsame Trilogie, die mit einem Krimi überhaupt nichts zu tun hat, sondern eher im Bereich Drama und/oder Zeitgenössisches einzuordnen ist. Ob sie wirklich lesenswert ist, darf jeder selbst beurteilen. Ein bisschen tiefgründig ist sie durchaus, allerdings ist nicht jeder Absatz wirklich notwendig, geschweige denn so subtil, wie es hätte sein können.
    Von den drei Geschichten ist die letzte zweifellos die packendste und interessanteste. Dennoch war ich froh, als ich mit „Der New York Trilogie“ fertig war.