'Die Pest' - Kapitel 1

  • Ich lese die schöne „Nobelpreis für Literatur“-Ausgabe. Ok, mein Exemplar ist schon etwas angeschmutzt und auch nach 2 Jahren Quarantäne im Lavendelblütensack wird das Buch seinen leicht muffigen Geruch nicht los. Wenn das nicht die beste Voraussetzung für die Geschichte ist, na dann weiß ich auch nicht. ;-)


    Bevor ich das Buch zur Hand nahm, wusste ich nicht viel mehr als den Titel und dass es ein Buch ist, welches ich gelesen haben muss.


    Der Autor beginnt die algerische Stadt Oran zu beschreiben. Modern, nüchtern, kalt. Ich hatte in dem Fall immer Casablanca vor Augen, vielleicht weil ich da etwas mehr Bezug dazu habe.


    Dann tauchen Ratten auf, erst wenige, dann immer mehr. Ich habe ein mulmiges Gefühl. Als der Hauswart stirbt, ahne ich Schlimmstes. Er starb durch die Pest, die bestimmt von den Ratten verursacht wurde. Und keiner will es zugeben.


    Es herrscht eine gewisse Endzeitstimmung, nüchtern und kalt.


    Amüsieren kann ich mich über die Sprache. Größtenteils flüssig zu lesen, dann aber gespickt mit Worten wie Entrattungsdienst oder Richtungsweiser statt Blinker. Schön.

  • Schon im ersten Satz stutze ich. Als Jahr des Geschehens steht da "194...". Warum lässt Camus das offen? Um der Geschichte den Anschein eines Tatsachenberichtes zu geben, etwas Chronikhaftes? In der Art, wie bei realen Personen in Reportagen manchmal deren Namen nur mit einem Buchstaben abgekürzt werden, um sie zu schützen. Die Bewohner der Stadt Oran schützen?
    Die Beschreibung der Stadt, des Lebens darin und der Bewohner und ihrer Gewohnheiten ist sehr trist und ernüchternd - tot, ohne Tauben, grau und einförmig, bewohnt von gleichgültigen Menschen. Und ich fühle mich an Sodom und Gomorrha erinnert. Kurz darauf bricht dann auch die Katastrophe über sie herein.



    Zitat

    Original von Patricia_k34
    ...
    Dann tauchen Ratten auf, erst wenige, dann immer mehr. Ich habe ein mulmiges Gefühl. ...


    Geht mir auch so.
    Absoluter Horror - wenn ich mir vorstelle: überall Ratten, tote Ratten, kranke Ratten, und sie bringen den Tod!

  • Ich habe den Roman vor Jahren mal flüchtig gelesen, kann mich aber kaum an Details erinnen.
    Die Betonung des hässlichen und nüchternen der Stadt führe ich auf die Entstehungszeit des Romans zurück: Die Kriegsjahre.


    1992 gab es auch mal eine Verfilmung von Die Pest von Luis Puenzo mit guter Besetzung: William Hurt, Sandrine Bonnaire, Jean-Marc Barr, Robert Duvall, Raul Julia. Den fand ich auch ganz gelungen!

  • Ich kenne leider keine Verfilmung.


    Mein Erstkontakt mit dem Buch war vor fast 20 Jahren. Jetzt habe ich gemerkt, dass ich kaum noch Erinnerungen an das Buch hatte. Vielleicht war es damals auch einfach zu früh für mich :gruebel


    Zitat

    Original von Herr PalomarDie Betonung des hässlichen und nüchternen der Stadt führe ich auf die Entstehungszeit des Romans zurück: Die Kriegsjahre.


    Hm, interpretiere ich zu viel hinein?
    Passiert mir bei manchen Klassikern. Dabei ist der Text manchmal einfach nur was er ist...

  • Mit den hinein-interpretieren ist das immer so eine Sache, ich neige oft dazu, zu viel reinzudeuten. Aber ich denke, Camus spricht auch von dem Inneren des Menschen, daher beschäftigt mich die Bemerkung mit den gleichgültigen Bewohnern Orans.


    Auffällig ist auch der Erzähler, den man laut Camus "noch früh genug kennen lernen wird". Ich vermute, der Erzähler ist der Arzt Rieux! Aber warum diese Umständlichkeit?

  • Camus schafft einige gute Szenen über die Stadt Oran: Das Rauschen des Meeres mit langgezogenen Tuten der Schiffe, die Sonne (natürlich), das Dösen der Stadt in der Hitze, der süße Duft der Rosen, der die Stadt durchzieht.


    Schade, dass die Pest das alles überlagert!

  • Interessant finde ich die Vergleiche zwischen Pest und Krieg, die Camus offen macht.
    "Es hat auf der Erde ebenso viele Pestseuchen gegeben wie Kriege. und doch finden Pest und Krieg die Menschen immer gleich wehrlos."
    Es dauert so lange, bevor auf die Seuche reagiert wird, sowohl von den Behörden, als auch von den Einwohnern der Stadt. Sogar Rieux, der die ersten Zeichen wohl sieht, wartet sehr lange ab. Und dann ist es zu spät, um noch irgendetwas, geschweige denn ein Ausbreiten, zu verhindern.


    Der Erzähler philosophiert recht viel, über Krieg und Pest, über Leben und Vergehen, Sinn und Leere - auf jeden Fall kein Buch, das man einfach so weglesen kann.

  • Zitat

    Original von Patricia_k34


    Das ist ja gerade das Außergewöhnliche :-)


    Hm, ich weiß nicht :gruebel
    Ich halte nichts davon , dass der Erzähler sich so geheimnisvoll gibt. Für meinen Geschmack passt das eher in einen Thriller/Krimi, aber nicht in dieses Buch. Welchen Zweck soll das haben? Das erschließt sich mir nicht. Die Geschichte hat genug zu bieten und braucht keinen Erzähler, der hinter der Ecke steht und uns überraschen will.

  • Zu meiner großen Schande muß ich gestehen, daß ich Oran für einen fiktiven Ort gehalten habe. Irgendwie habe ich nicht erwartet, daß Camus eine reale Stadt für diesen Pestausbruch wählt. Nun bin ich natürlich eines besseren belehrt ..... nicht umsonst heißt es ja: Lesen bildet. :grin


    Anfangs war ich etwas überrascht von diesem nüchternen Schreibstil, der mich manchmal sogar an einen Tatsachenbericht erinnert. Umso mehr ich jedoch lese, desto besser wird mir klar, wie gut es doch zu dieser Geschichte paßt. Auch die Beschreibung Orans und deren Bewohner empfinde ich nun als sehr gelungen. Da ich nun weiß, daß es sich bei Oran nicht um eine Fiktion handelt, würde ich mich als Einwohner Orans jedoch, ehrlich gesagt, etwas angegriffen fühlen, als trostlos beschrieben zu werden. :lache


    Zitat

    Original von Herr Palomar
    Die Betonung des hässlichen und nüchternen der Stadt führe ich auf die Entstehungszeit des Romans zurück: Die Kriegsjahre.


    Wiki sagt hierzu: "Die von Albert Camus erlebte Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der nationalsozialistischen Konzentrationslager und der Judenvernichtung, der Stalinschen Schauprozesse sowie des ersten Atombombenabwurfs forderte für ihn eine Reflexion. „Die Pest“ bietet ihm entsprechende Möglichkeiten, die persönlichen Elemente seines Belagerungszustandes in Oran, die lange Trennung von seiner Frau und auch seine Erfahrungen der monatelangen Krankenhausaufenthalte wegen seiner Tuberkulose zu verarbeiten."

  • Zitat

    Original von -Christine-
    Zu meiner großen Schande muß ich gestehen, daß ich Oran für einen fiktiven Ort gehalten habe. Irgendwie habe ich nicht erwartet, daß Camus eine reale Stadt für diesen Pestausbruch wählt. Nun bin ich natürlich eines besseren belehrt ..... nicht umsonst heißt es ja: Lesen bildet. :grin


    ...


    Da ich das Kapitel im Zug am Sonntag schon gelesen habe, konnte ich nicht gleich nachsehen, aber in meinen Lesenotizen steht ganz am Anfang die Frage: "Oran - reale Stadt?"
    Du bist also nicht die Einzige, die es nicht wusste. Ich hätte mir für diesen fiktiven Pestausbruch durchaus auch eine erfundene Stadt vorstellen können.

  • Auf meiner Liste stand auch als erstes: Oran - fiktiver Ort ? :lache:lache:lache


    Zu den Personen herrscht bei mir noch etwas Unklarheit. Richard und Castel ..... handelt es sich hier um eine Person ? Richard Castel ? Oder sind das zwei Ärzte ?


    Was den Erzähler angeht, schließe ich mich Clare an. Wer das letztendlich ist, finde ich für die Geschichte unerheblich, tippe aber auch darauf, daß es der Arzt Rieux ist. Ich wollte jetzt bei Wiki nicht zu viel stöbern, da ich das Buch noch nicht gelesen habe und dort einiges verraten wird.

  • Ich habe gestern auch begonnen und muß sagen, ich mag den Ort nicht. Ich finde es dann auch sehr schwierig, etwas zu lesen, was mich derart "abstößt" (ist ein recht heftiges Wort, aber mir fällt kein besseres ein)


    Ich glaube, es muß noch einen Grund geben, warum Camus diesen Ort so grauenvoll, unpersönlich und häßlich beschreibt.


    Die Sprache finde ich eigentlich recht angenehm, ich habe mir ellenslange Sätze und komplizierte Ausdrücke erwartet.

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  • Ja, die Nüchternheit und Farblosigkeit, mit der die Stadt beschrieben wird, hat mir auch ein Frösteln verschafft. Besonders bemerkenswert finde ich, dass es scheinbar keine Vögel gibt. Und kurz danach tauchen die Ratten auf.
    Die Menschen werden als genauso angepasst beschrieben. Deshalb hatte ich in diesem Abschnitt auch die Assoziation einer Gottesstrafe, obwohl Camus, wie man überall lesen kann, alles eher auf den Krieg bezieht.


    Christine
    So wie ich es verstehe, ist Richard ein ärztlicher Kollege. Ich glaube, Castels Vorname wird nicht genannt. Während Castel immer wieder im Buch auftaucht, verschwindet dieser Richard.

  • Interessant ist bereits die Einführung. Oran wird einerseits als ein Ort beschrieben, dessen besondere Eigenschaft es ist, über keine besonderen Eigenschaften zu verfügen. Zugleich hebt sich dieser Ort von anderen durch seine Trostlosigkeit ab. Die Stadt selbst verfügt über keine Vegetation, der Winter ist hier die schönste Jahreszeit, und obwohl die Lage vermeintlich malerisch ist, inmitten von Bergen und nahe am Meer, ist das Meer von der Stadt aus nicht zu sehen. Das Alltagsleben ist streng automatisiert, das Liebesleben wird aufs Wochenende verschoben, alles rationalisiert um möglichst Spontanes und Unvorhersehbares zu vermeiden. Unabhängig vom Wissen, dass über diesen Flecken bald die Pest hereinbrechen wird, verlangt diese anfängliche Schilderung geradezu nach etwas Ungeheuerlichem, dass das stumpfe und festgefahrene Gefüge auseinander reißen wird.


    Interessant ist auch die ungenaue und ambivalente Position des Erzählers. Hatte ich zunächst noch den Eindruck, es müsse sich um einen Zeitzeugen handeln, wird kurz daraufhin angedeutet, sein Wissen entstamme seiner besonderen Position, in welcher ihm viele Dokumente zukamen usw., was also keinesfalls ausschließt, dass er nur schildert ohne selbst beteiligt gewesen zu sein. Auch, dass er sich selbst als Geschichtsschreiber bezeichnet, verstärkt diesen Eindruck. Geschichtsschreibung ist immer subjektiv, sei es durch den hier anzutreffenden Erzähler selbst oder in den zahlreichen Dokumenten von verschiedensten Personen, die ihm vorlagen. Nicht zuletzt frage ich mich, warum jemand, der sich als Geschichtsschreiber bezeichnet und mehrfach betont, es handele sich um einen Bericht, seine eigene Identität verheimlicht, auf ein Später verweist und so insgeheim Zweifel beim Leser schürt.


    Bemerkenswert finde ich die allgemeine Blindheit und das Desinteresse gegenüber der vielen toten Ratten und den ersten Anzeichen der Pest. Betont wird dieses absurde Wegsehen durch die Figur des Arztes Rieux, der ja aufgrund seines Berufs noch am ehesten die Anzeichen erkennen sollte. Nicht nur das ungewöhnliche Rattensterben interessiert ihn nicht, auch beim ersten Todesfall, dem Concierge, handelt er nicht und begegnet dem Ganzen seltsam apathisch. Gekrönt wird sein Verhalten von der lapidaren Feststellung: „Er ist tot“.
    Die zweite Figur ist Tarrou, dessen persönliche Aufzeichnungen erwähnt und zitiert werden. Auch hier ist es wieder auffällig, mit welcher Genauigkeit er die Stadt, ihre Menschen und scheinbare Belanglosigkeiten akribisch beschreibt. Wann immer es aber um die Pest geht, wendet auch er den Blick ab.


    Verwirrt hat mich die allgemeine Unkenntnis über die Pest zum Zeitpunkt der Handlung (20. Jahrhundert). Zwar wird später von einigen Ärzten eingeräumt, dass sie schon wissen, um was es sich da handelt, auch wenn sie es sich nicht anfangs nicht eingestehen wollen. Aber ist es glaubhaft, dass sonst niemand aus der Bevölkerung anhand der klaren Anzeichen (Pestbeulen etc.) erkennt, womit man es zu tun hat?


    Vielleicht zeigt sich hierin der allegorische Charakter der Pest, der zum Ende des Kapitels hin noch genauer erörtert wird: nicht nur für den Krieg oder andere Übel; sondern schlicht für Alles, was den Menschen unvorbereitet trifft, über ihn „hereinbricht“; dazu zählen auch Ideologien oder Ideen jedweder Art, und hierbei schweiften meine Gedanken auch immer wieder um die Anfänge des Christentums.

    Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
    - Wittgenstein -

  • Zitat

    Original von Voland
    Bemerkenswert finde ich die allgemeine Blindheit und das Desinteresse gegenüber der vielen toten Ratten und den ersten Anzeichen der Pest. Betont wird dieses absurde Wegsehen durch die Figur des Arztes Rieux, der ja aufgrund seines Berufs noch am ehesten die Anzeichen erkennen sollte. Nicht nur das ungewöhnliche Rattensterben interessiert ihn nicht, auch beim ersten Todesfall, dem Concierge, handelt er nicht und begegnet dem Ganzen seltsam apathisch. Gekrönt wird sein Verhalten von der lapidaren Feststellung: „Er ist tot“.


    Ich hatte auch das Gefühl, daß sich bewußt niemand mit dieser Situation auseinandersetzen wollte. Niemand scheint sich für irgendetwas verantwortlich zu fühlen, nicht die Stadt, nicht die Ärzte, nicht einmal die "Abteilung für Rattenbekämpfung".


    Zitat

    Original von Voland
    Verwirrt hat mich die allgemeine Unkenntnis über die Pest zum Zeitpunkt der Handlung (20. Jahrhundert). Zwar wird später von einigen Ärzten eingeräumt, dass sie schon wissen, um was es sich da handelt, auch wenn sie es sich nicht anfangs nicht eingestehen wollen. Aber ist es glaubhaft, dass sonst niemand aus der Bevölkerung anhand der klaren Anzeichen (Pestbeulen etc.) erkennt, womit man es zu tun hat?


    Das hat mich auch sehr überrascht. Ich kam mir vor in einem historischen Roman aus dem Mittelalter.

  • Ich bin im Moment der Langsamleser und komme daher nicht so weiter. Gleichzeitig kann ich dieses Buch nicht so husch wusch lesen.


    Der Schreibstil und die Beschreibungen sind richtig beklemmend. Fast möchte ich sagen, der Inhalt macht mir Angst bzw. zieht mich runter. Diese Distanz mit der berichtet wird, sind echt fast zu viel. Hat diese abwertende Schilderung noch einen anderen Sinn, als mich als Leserin total abzuschrecken bzw. keine Sympathien für die Figuren und die Stadt zu erwecken?


    Echt ungewöhnlich - ich kann echt noch nicht sagen, ob mir das Buch gefällt.


    Wird es noch schlimmer?

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  • Zitat

    Original von sollhaben
    ...
    Wird es noch schlimmer?


    Der distanzierte Erzählstil setzt sich fort, ja, und die Pest schreitet auch voran, was natürlich Konsequenzen für die Bewohner der Stadt hat. Schlimmer? Sagen wir mal, Camus schont den Leser nicht.