John Mellencamp, 25.6.2011, Berlin - Tempodrom

  • Der Abend begann ungut. Am Tag zuvor hatte der Kumpel, der mich eigentlich begleiten wollte, kurzfristig abgesagt, und ich verbrachte den Samstag damit, Leute abzutelefonieren, die einspringen könnten - immerhin hatten die Karten schlappe 80 Öcken pro Stück gekostet, Sitzplätze im Unterrang des vollbestuhlten Berliner Tempodroms. Etwa ein Dutzend Mal hörte ich "Mellen-wer?", und die wenigen Freunde, die mit dem Namen etwas anfangen konnten, hatten gute Ausreden parat. Also schlurfte ich alleine in die Möckernstraße. Etwa zwanzig Meter vor dem Areal fing mich der erste Karten-Aufkäufer ab - und bot zwanzig Euro. Der nächste fünfundzwanzig. Zwei Biere später hatte ich die Karte für fünfzig vertickt. Der Mann, der schließlich neben mir saß, war natürlich ein anderer, und er hatte noch sechzig Euro abgedrückt.


    Ich habe Mellencamp zuletzt 1992 in Hamburg gesehen, auf der "Whenever We Wanted"-Tour, zusammen mit einem sehr guten Freund, der inzwischen an den Folgen von AIDS gestorben ist. Das damalige Konzert war überraschend gut. Inzwischen ist das eigentlich nicht mehr meine Mucke, ich besitze auch das aktuelle Album nicht. Weiß der Geier, was mich geritten hat, als ich die Karten bestellt habe.


    Schlag zwanzig Uhr, es gongt. Der Saal wird halbdunkel, und auf der Leinwand vor der Bühne beginnt ein Film, der wohl aus aufgepeppten Super-8-Aufnahmen besteht. Er zeigt das Entstehen des aktuellen, sehr bluesigen Mellencamp-Albums "No Better Than This", das ich nicht besitze (meine letzte Platte von ihm ist "Dance Naked" aus dem Jahr 1994, die ich zuletzt vermutlich 1996 angehört habe). Der Streifen, der von einem schlechten Sprecher auf Englisch kommentiert wird, dauert quälende sechzig Minuten, zeigt kurze Aufnahmen von Live-Auftritten, ein paar Sessions in alten Studios und Hotelzimmern und solches Zeug. Das Publikum ist unruhig. Warum sollte man vor dem Auftritt eines Musikers Filmaufnahmen von Auftritten dieses Musikers anschauen? Mit der Frage bin ich nicht alleine, es wird gepfiffen und gebuht, aber verhalten - die meisten freuen sich auf den amerikanischen Superstar, der vor neunzehn Jahren zum letzten Mal in Deutschland aufgetreten ist. In Amerika füllt er Stadien. Das Tempodrom ist zu vier Fünfteln besetzt.


    Nach einer Stunde endet der Filmspuk, nur ein paar Hartgesottene applaudieren. Ein Ansager erklärt, dass es jetzt noch zwanzig Minuten Pause gäbe, und dann käme John. Etwa die Hälfte der zumeist um die fünfzig Jahre alten, männlichen Zuschauer stürmt zur Tür, um draußen ein oder zwei Fluppen zu rauchen.


    Um zwanzig nach neun wird es wieder dunkel. Mellencamp und seine neunköpfige Band betreten der Bühne, der Meister im dunklen Anzug. Der Opener ist "I Fought The Law" in einer kurzen, aber druckvollen Fassung, das große Schlagzeug in der Bühnenmitte bleibt vorläufig unbenutzt, stattdessen steht ein Percussionist hinter einem kleineren. Es folgen drei oder vier bluesige Nummern vom aktuellen Album, wie ich vermute, dann verschwindet die Band von der Bühne und Mellencamp singt ein paar Stücke zur Akustikgitarre, darunter eine wirklich beeindruckende Fassung von "Small Town". Er erzählt, dass er am Nachmittag in der Stadt einen Mann getroffen habe, der ihn gefragt hat, ob er am Abend auch die alten Kracher spielen würde. Der Dialog ging angeblich so: Mellencamp: "Alte Kracher?" Mann: "Na die Hits von vor zwanzig, dreißig Jahren." Mellencamp: "Mmh. Wie würdest Du es finden, wenn Du alte Freunde nach zwanzig, dreißig Jahren wiedertreffen würdest, und diese Leute würden von Dir erwarten, dass Du noch immer wie früher bist?"
    Und dann singt er "Cherry Bomb" á capella. Es folgt "Jack & Diane" in einer wirklich schönen Version, aber ohne den berühmten Gitarrenriff. Am Ende des Songs bleiben die Geigerin und der Akkordeonspieler auf der Bühne, überbrücken etwa fünf Minuten. Danach kehren Mellencamp und die Band zurück, Mellencamp im schwarzen Shirt und mit zurückgegelter Tolle, und, endlich!, das große Schlagzeug wird besetzt. Die letzte Stunde des Konzerts, das insgesamt etwa 110 Minuten dauert, rockt. Es sind hauptsächlich Stücke von "Scarecrow", "Whatever We Wanted" und "The Lonesome Jubilee", darunter das kongeniale "Paper In Fire". Für die Zugabe lässt sich Mellencamp nicht lange bitten, aber es wird nur ein Stück: "R.O.C.K. In The USA". Die meisten Zuschauer sind längst von den Stühlen aufgesprungen und tanzen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie das so oder so getan hätten. Die Show ist unprätentiös, das Licht ist zurückhaltend, die Musiker sind fraglos exzellent, der Sound ist großartig, und der Abend ist erkennbar perfekt inszeniert - dieses Konzert hat eins zu eins in genau dieser Form schon einige Dutzend Male stattgefunden. Und vermutlich hat er an jedem dieser Abende auch schon von der Zufallsbegegnung in der Stadt erzählt.


    Und ich? Nun, es gab ein paar Momente, in denen ich leichte Gänsehäute bekam, vor allem vermutlich, weil ich an jenen Abend vor neunzehn Jahren denken musste. Aber, um ehrlich zu sein: In der Hauptsache habe ich mich gelangweilt. Mellencamp hat recht, wenn er meint, man müsse sich als Musiker entwickeln dürfen, sich auch lösen dürfen. Dasselbe gilt für mich als Zuschauer. Es gab eine Zeit, in der ich diese Mucke wirklich mochte, aber diese Zeit ist vorbei. Fraglos standen da Meister ihres Fachs auf der Bühne, aber ich bin inzwischen in einem anderen unterwegs. Es war genauso fraglos weit origineller und irgendwie besser als eines dieser Dinosaurier-Konzerte, bei denen Sechzigjährige Rocker so tun, als wären sie noch immer dreißig, um dann auch nur die Mucke von vor dreißig Jahren zu spielen, doch das ändert wenig. Ich gehe heute Abend zu Death Cab For Cutie, da freue ich mich wirklich drauf. Und Mellencamp? Der ist mir, ehrlich gesagt, inzwischen egal. War er auch schon, als ich die Karten gekauft habe. Ich wollte es nur nicht wahrhaben.

  • Ich habe John Cougar Mellencamp in den Achtzigern mal gehört und gesehen. Nicht schlecht - aber eben auch nicht der Hammer-Act. Gut, solide - mehr aber leider nicht. Allerdings würde ich ihn gern heute nocheinmal erleben.


    Ich wäre gern für deinen Kumpel eingesprungen..... :grin :wave

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.