'Elsa ungeheuer' - Seiten 242 - Ende

  • Ein großartiger letzter Abschnitt, der fast alle Motive des Buches aufgreift.
    "Jeder hat seine eigene Geschichte" und "Mach die Augen auf! Nur so erkennst du Hund oder Wolf!" - das sind für mich die entscheidenden Leitgedanken in diesem Abschnitt.
    Mich hat Irinas Erbe noch eine Weile beschäftigt. Sie hat wohl nie in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Mitglieder fürsorglich zueinander sind. Je mehr sie von den Graugänsen las, um so einsamer kam sie mir vor. Sie wurde bestimmt ebenfalls als Kind missbraucht und konnte sich mit 18 Jahren befreien oder weggehen, hat sich dann aber durch die Wahl ihres Lebensentwurfes selbst an einen neuen Felsen gefesselt. Inklusive Dasein im Rollstuhl. Die Sehnsucht nach Beziehungen zu anderen Menschen konnte sie nie befriedigen.


    Karl erbt das Graugansbuch und bei ihm ist es in guten Händen. Er hat das beste Erbe erwischt, denn er hat die Hände frei zum gestalten.


    Der Besuch bei Elsa hat mich sehr berührt. Die tiefe, unerwiderte Liebe, die Karl empfindet, das gemeinsame Wissen ohne Schuldzuweisungen, den Respekt, den die beiden sich zollen, all das kommt so deutlich rüber. Aber auch die endgültige Gewissheit, dass sie eben nicht zusammen gehören. Sehr traurig, aber auch erlösend. Karl ist in der Beziehung zu elsa absolut Hund, ein treuer Freund. So empfindet sie das ja auch.


    Elsas neuer Felsen ist die Farm. Schweine-Willi konnte sie zwar von den Ketten und dem Ungeheuer befreien, nun ist sie aber in einer neuen Abhängigkeit. Ob Elsa jemals auf eigenen Füßen stehen kann? Sie hat sich von den Bandagen befreit, vielleicht schafft sie es eines Tages, einen eigenen Weg zu gehen. Das braucht manchmal ganz schön viel Zeit.


    Zu dem Hund-Wolf-Motiv habe ich mich ja im letzten Abschnitt schon geäußert. Mir hat sehr imponiert, wie gut durchkomponiert dieser Roman ist. Rosenfeld zeigt viel Fingerspitzengefühl, wann ein Motiv noch trägt, wann es fallen gelassen wird, was gesagt wird, was offen bleibt.
    Ein wirklich ungeheuer gutes Buch.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von harimau
    ...
    Im selben Zusammenhang sehe ich das mehrfach behandelte Thema "Unschuld". Das Murmeltier gelangt zu der Erkenntnis, dass man sie nicht zwischen den Beinen trägt (und dort verliert), sondern dass gerade die vielen Frauen seine Unschuld gerettet haben. Es geht also definitiv nicht um die Unschuld des Körpers, sondern die der Seele. Später im Text denkt Karl über seine eigene Unschuld nach - leider finde ich die Stelle nicht wieder. :fetch Ist es ein Symbol für zurückgewonnene Unschuld oder zumindest die Sehnsucht danach, als er den Hund klaut?
    ...


    Ich weiß nicht, ob es eine Stelle gibt. Immer wieder tauchen Traumfetzen in Karl auf, in denen er Elsa nicht retten konnte. Zum Beispiel auf einer Zugfahrt oder als er den Onkel wiedertrifft und sich fragt, warum er ihm das rostige Messer nicht in den Bauch rammt. Die Auseinandersetzuung mit der Schuld sehe ich als Karls Dauerthema, vielleicht Lebensthema.
    In diesem Zusammenhang empfand ich die Szene im Epilog, als Karl das Gemälde Schicht um Schicht freikratzt, als Erlösung. Er geht den Weg der Schuld rückwärts und gelangt zur Erlösung, zur Gnade.


    Zitat

    Original von harimau
    ...
    Rätselhaft bleibt mir in Stücken weiterhin der Epilog. Wieder taucht der Begriff "Gnade" auf. Die dritte Lösung? Kurz dachte ich, dass der Begriff ironisch verwendet wird, aber das erscheint mir doch zu billig. Wollte Irina tatsächlich Gnade walten lassen, indem sie das zerstörerische Spiel um Lorenz und Mirberg Kraft ihres letzten Willens beendet, nur um dann von einem gnadenlosen Schicksal überstimmt zu werden? Oder erreicht sie dieses Ziel auf verschlungenen Pfaden tatsächlich, indem die Beteiligten alles Materielle verlieren und so mehr oder weniger ihre Unschuld wiederfinden? :help
    ....


    Ich empfinde den Epilog so, dass Rosenfeld alle Facetten der Gnade ausleuchtet.
    Irina stirbt, der Tod ist die einzige Erlösung, die sie finden kann- also wird ihr so Gnade gewährt.
    Die Hinterbliebenen sind ihr gnädig, indem die keine Blumen aufs Grab legen. Mehr Gnade haben sie nicht für sie übrig.
    Die Anzeigen gegen Mirberg- eine Gnade für alle folgenden Praktikantinnen, dass dieser Wolf in Ketten gelegt wird.
    Jaap befreit sich von dem Haus und verliert seinen Besitz. Dadurch wird er wieder unabhängig. Unabhängigkeit als Form der Gnade.


    Vera verlässt Lorenz. Für ihn eine Gnade. Die Wohnung ohne Badewanne deute ich als Ende der Einsamkeit.
    Lorenz begibt sich wieder auf die Suche nach der Ewigkeit, diesmal hoffentlich mit offenen Augen. Hoffentlich findet er sich selbst wieder. Dieser Weg ist seine Gnade.


    Schließlich hat Lorenz in seinem Gemälde Elsa befreit. Ich kann schon wieder heulen, wenn ich die Szene noch einmal lese. Karl sitzt abseits auf dem Bild und Lorenz mals Elsa ohne Ketten als Königin des Murmeltiers. Die Freundschaft zu den Jungen hat sie befreit. Wenn man mal überlegt, in welchem Zustand Elsa ankam und in welchem Zustand sie abreist, haben Karl, Lorenz und das Murmeltier in ihr den Samen zur Königin gelegt. Das heilt zwar nicht, aber hilft.


    Ein grandioser Epilog! :anbet

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Saiya
    ...
    Sehr berührt hat mich Elsas Gutenachtgeschichte und ihr Satz zu ihrem Sohn: "Gute Nacht, du herrliches Kind." Ich glaube, hier erkennt man ganz gut, dass Elsa zwar nicht das Leben führt, was sie sich erträumt hat, aber sie hat ihr Kind, das ihr einen gewissen inneren Frieden schenkt und alles ertragen lässt. Schweine-Wille muss sie jedenfalls sehr lieben, dass er das alles mitträgt. Einfach ist es sicherlich für beide nicht....


    :write
    Die Beziehung zu Anton hat mich auch sehr berührt. Die Stimme des Murmeltiers lebt weiter. as finde ich sehr tröstlich.


    Zitat

    Original von Saiya
    ...


    Ich finde sowieso, dass hier die Verknüpfung oder Gegenüberstellung der Teile "Hunde" und "Wölfe" immer stärker zu spüren ist.
    Am Ende des "Hunde-Teils" steht die Unschuld, am Ende der "Wölfe" die Gnade. ...


    :write


    Zitat

    Original von Saiya
    ...
    Ich empfinde hier deshalb auch eine große Verbindung zwischen Irina und Elsa, die nicht nur mit der Andromeda zu tun hat. Hat Irina sich am Ende für den Wolf entschieden und Elsa für den Hund? Wer hat mehr Seelenfrieden gefunden? ...


    Ich denke, das man das so klar nicht sehen kann. Elsa ist für mich ein Stück erlöst von ihrem Schicksal, weil sie trotz allem in Kalr, Lorenz und dem Murmeltier Gänse an ihrer Seite hatte, die sich gekümmert haben und sie zwar nicht gerettet, aber ein Stück begleitet haben.
    Irina hat sich nur unter Wölfe begeben. Ein Wolf unter Wölfen. Ganz an Ende hatte sie ihre Gänse in Form von Jaap und Larl, die ihr vorgelesen haben. Ich interpretiere ihr Erbe so, dass Karl der einzige Mensch war, der ihr wirklich etwas bedeutet hat. Deshalb gibt sie ihm das Gänse-Vermächtnis mit auf seinen Lebensweg. Auch eien Art Erlösung.
    In beiden steckt ein Stück Hund und Wolf. In jeder Figur.


    Zitat

    Original von Saiya
    ...
    Das Murmeltier steht auch für mich für den Hund, die Mirbergs für den Wolf.
    Karl und auch Lorenz werden zwischen den beiden Teilen zerrieben. Ein wirkliches Happy Ende findet am Ende niemand, nur ein bisschen Frieden und eine Chance zu leben.
    ...


    Und das gefällt mir so außerordentlich gut.


    Zitat

    Original von Saiya
    ...
    Ich habe mir mal die Definitionen von "Unschuld" und "Gnade" angeschaut. Beides steht in Verbindung mit "Erlösung". Das finde ich im Zusammenhang mit Lorenz "Ewigkeit" und die Auflösung des untersten Motivs, die gekrönte, von allen Fesseln befreite Königen, sehr faszinierend.


    :write


    Liebe Saiya, danke, dass du mit mir dieses Buch gelesen hast. Unsere kleine Runde hat mich viel Freude bereitet und hat mich sehr berührt! :knuddel

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Ich habe ganz vergessen, die wunderbare Begegnung Karls mit dem kleinen Jonas zu erwähnen. Das Gespräch mit Martin und der Brief des Jungen ist für mich ebenfalls eine Schlüsselszene.
    Es leben die EInhörner!

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Regenfisch


    Ich denke, das man das so klar nicht sehen kann. Elsa ist für mich ein Stück erlöst von ihrem Schicksal, weil sie trotz allem in Kalr, Lorenz und dem Murmeltier Gänse an ihrer Seite hatte, die sich gekümmert haben und sie zwar nicht gerettet, aber ein Stück begleitet haben.
    Irina hat sich nur unter Wölfe begeben. Ein Wolf unter Wölfen. Ganz an Ende hatte sie ihre Gänse in Form von Jaap und Larl, die ihr vorgelesen haben. Ich interpretiere ihr Erbe so, dass Karl der einzige Mensch war, der ihr wirklich etwas bedeutet hat. Deshalb gibt sie ihm das Gänse-Vermächtnis mit auf seinen Lebensweg. Auch eien Art Erlösung.
    In beiden steckt ein Stück Hund und Wolf. In jeder Figur.


    Genauso habe ich das auch empfunden. Deshalb habe ich meine Eindrücke dazu als Fragen formuliert. Mir fehlten noch die richtigen Worte, die du nun formuliert hast. :-)


    Zitat

    Original von Regenfisch


    Und das gefällt mir so außerordentlich gut.


    Mir auch! Ich bin froh, dass das Buch das weitere Leben von Elsa und den beiden Brüdern hoffen lässt. Das rundet dieses wunderbare Buch perfekt ab.



    Zitat

    Original von Regenfisch
    Liebe Saiya, danke, dass du mit mir dieses Buch gelesen hast. Unsere kleine Runde hat mich viel Freude bereitet und hat mich sehr berührt! :knuddel


    Ich danke dir auch sehr, denn mir ging es genauso. :knuddel1