Nagars Nacht – Astrid Dehe, Achim Engstler

  • Über das Buch:
    Shalom Nagar erzählt um sein Leben. Er wiederholt sich, widerspricht sich, seine Geschichten haben Löcher, durch die passt eine ganze Faust. Doch das spielt keine Rolle. Darum geht es nicht. Um Adolf Eichmann geht es hier, immer wieder um Eichmann. Shalom, sein Henker wider Willen, muss Blut vergießen, um Eichmanns Blut abzuwaschen, er muss von ihm erzählen, um seinen Fluch zu übertonen. Nur so übersteht er die Nacht des 31. Mai 1962, in der Eichmann gerichtet wurde und die für Shalom nicht enden will.
    Moshe und Ben hören ihm zu, am Feuer auf dem staubigen Rastplatz hinter den Schafställen. Trinken Tee und teilen Birnen mit ihrem kauzigen und zutiefst berührenden Freund, lauschen seinen Geschichten. Doch dann beginnt Moshe zu schreiben, schreibt um sein Leben, wie Nagar um seines erzählt. Zwei ganz unterschiedliche Stimmen erheben sich, jede auf ihre Weise, in ihrer Tonlage, ringen miteinander, ringen um Frieden, endlich.



    Die Autoren:
    Astrid Dehe und Achim Engstler bilden seit 2008 ein Autorenteam. Sie lebt und arbeitet in Münster, er lebt und arbeitet in Friesland.



    Meine Meinung:
    Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, insgesamt 239 Seiten Romantext.
    Erwähnt sei, dass die zitierten und auf einer Schreibmaschine geschriebenen Texte Moshes auch im Schriftbild so daherkommen, sich also von der Roman“handlung“ deutlich sichtbar abheben.
    Erwähnt sei außerdem, dass der erste Absatz zur oben stehenden "Inhaltsangabe" von Moshe stammt, der zweite von dem, der für diese "Inhaltsangabe" verantwortlich ist.


    „Ich will euch eine Geschichte erzählen“, so steht es da, wiederholt sich, sagt er wieder und wieder, der Shalom Nagar. Er erzählt immer dieselbe Geschichte und doch immer eine andere. Gleich sind nur zwei Dinge: Shalom erzählt und er erzählt von Eichmann. Von seinem Eichmann. Den, den er zu bewachen hatte, damals, in Israel, als man ihm den Prozess machte. Den, dessen Henker er wurde. Und von dem, dessen Blut über ihn kam, was – ganz prosaisch – passieren kann, wenn es nicht so glatt läuft wie in den Handbüchern erläutert bei dieser Prozedur. Und von dem er glaubt, er werde sein letztes Opfer.


    „Alle Stimmen will ich reden lassen“ (Seite 87) sagt Moshe und schreibt. Schreibt und schreibt ab, wie er es formuliert, schreibt, was er hört, was er weiß, was er ahnt. Schreibt, um die Alpträume zu bannen. Schreibt, um zu verstehen. Weiß, dass beide nicht gelingen kann.


    Wenn einer erzählt und einer schreibt, muss da nicht einer sein, der zuhört, der liest? Ja. Ben. Zuständig fürs Hören. Und für die richtigen Fragen. Und für das Schweigen. Für die Vorwürfe. Und dafür, dass ein Rollstuhl dahin kommt, wohin Geschichten erzählt werden.


    Ein wenig kryptisch klingt das alles? Man könnte auch sagen: Drei Männer, drei Kapitel, der eine erzählt, der andere schreibt, der dritte hört zu und liest, was man ihm zu lesen aufgegeben hat. Im Mittelpunkt ist Eichmann. Adolf Eichmann. Hitlers Garant für die Vernichtung der Juden. Shalom wird nicht nur zu seinem Wächter bestellt, sondern auch zu seinem Henker. Moshe, Sohn eines Täters, entscheidet sich für das Volk der Opfer. Ben ist da, vielleicht symbolisiert er den Versuch, so etwas wie Normalität nicht völlig aus den Augen zu verlieren angesichts des Grauens und des Schreckens, die den beiden anderen Männern zu folgen scheinen, die sie nicht loslassen.


    „... wie kannst du diesem Vieh eine Stimme geben!“ (Seite 87). Nein, Dehe und Engstler haben Eichmann keine Stimme gegeben. Er ist präsent durch von Anderen Erzähltes. Die Autoren haben Opfer sprechen lassen, Menschen, die leiden mussten, auch wenn sie vordergründig nicht der Mordmaschinerie der Nazis ausgeliefert waren. Ihr Leiden ist nicht nur ihr eigenes, es ist das Leiden der Geschundenen, es ist immer ein anderes und immer ihr ganz eigenes. Mir schien es, als sei ein Vergessen für sie nicht möglich, als sei das Erinnern die Daseinsform, die ihnen maßgeschneidert angepasst wurde, als gebäre jeder Versuch, dem Erinnern zu entkommen, eine neue Erinnerung. Moshes Versuch, nüchtern zu schreiben, was ist, was er erfuhr, erlebte, erlitt, von anderen hörte und las, steht dabei in einem fast krassen Kontrast zu dem manchmal fast überbordenden Erzählen Shaloms, bei dem sich nicht nur Ben und Moshe fragen, was ist wahr, was ist es nicht?


    „Er hat alle getäuscht“ (Seite 107), so hält Shalom ihnen vor, wenn sie Einwände erheben, seine Freunde, seine Leser vielleicht auch. Und er hat ja Recht, wie sehr, konnte er wohl fühlen, was für ihn dann sicher zu einem „Wissen“ wurde. Wie nah ist er mit diesem Satz dem gekommen, was Bettina Stangneth in ihrem nach meinem Verständnis ganz hervorragenden Buch „Eichmann vor Jerusalem“ beschrieben hat, diese Frage hat mich permanent begleitet. Vielleicht ist dieser Roman auch ein Versuch, Eichmann zu fassen zu bekommen, den Ansatz einer Erklärung zu finden. Was man über ihn weiß, was wissenschaftlich erforscht ist, findet sich verdichtet im Erzählten, ist nachprüfbar. Aber ist es der ganze Eichmann? Jeder, so macht der Text deutlich, hat ein eigenes Bild, jeweils andere Facetten werden wichtiger, sind die Konturen schärfer oder nicht. Widerspruch ist da auch nicht ausgeschlossen, er muss ausgehalten werden.


    Drei Männer, drei Kapitel. Ein Anfang, der Fragen aufwirft. Ein Mittelteil, ausführlich, jedem Raum gebend. Ein Ende, das keines ist, aber wenigstens den Hauch einer Erklärung bieten kann. Weil das Böse nicht aus der Welt zu schaffen ist. Vielleicht ist das ja die eigentliche Banalität.


    Der Text bereitet meiner Meinung nach keine Schwierigkeiten beim Lesen, trotzdem ist mir die Lektüre des Buches nicht leicht gefallen. Gut möglich, dass es das Highlight des Lesejahres 2014 für mich sein wird.


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  • Wie jede Buchvorstellung von dir - so hört sich auch diese Buchvorstellung wieder hochinteressant an. Nur! Wann soll das alles gelesen werden? :gruebel :gruebel


    Ganz herzlichen Dank für deinen Beitrag. :wave

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.

  • Zitat

    Original von Voltaire
    Wie jede Buchvorstellung von dir - so hört sich auch diese Buchvorstellung wieder hochinteressant an. Nur! Wann soll das alles gelesen werden? :gruebel :gruebel


    Ganz herzlichen Dank für deinen Beitrag. :wave


    Danke!
    Letzten Monat hatte ich so wunderbar interessante Bücher, wenn ich Zeit finde, wollte ich noch das eine oder andere vorstellen. Soll ich mich lieber zurückhalten?

  • Zitat

    Original von Lipperin


    Danke!
    Letzten Monat hatte ich so wunderbar interessante Bücher, wenn ich Zeit finde, wollte ich noch das eine oder andere vorstellen. Soll ich mich lieber zurückhalten?


    Bitte nicht! Ich Auch wenn der Wunschzettel um Längen anwächst. :grin

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Lipperin


    Danke!
    Letzten Monat hatte ich so wunderbar interessante Bücher, wenn ich Zeit finde, wollte ich noch das eine oder andere vorstellen. Soll ich mich lieber zurückhalten?


    Mach keinen Scheiss!!!! :bruell :bruell ;-) ;-) ;-) ;-) ;-) ;-) ;-)

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall) ich wünsche allen einen schönen Tod und eine geruchslose Verwesenung.


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.