'Franziska Linkerhand' - Kapitel 13 - 15

  • Ich muss gestehen, ich habe die letzten Kapitel nur noch überflogen; die letzten Seiten allerdings wieder Wort für Wort gelesen. Das Buch lässt mich zwiespältig zurück. Sicher ein wichtiges und gutes Buch, dabei aber sehr anstrengend zu lesen.


    Eine wirklich harte Lesearbeit.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Du bist schon fertig, vor mir :wow :yikes
    Was soll man nur von mir halten, wo ich doch sonst eher als Erste anschlage... :grin


    Ich bin fast durch, und ich habe nicht quer gelesen. Kapitel 13 fand ich sogar interessant, denn hier geht es um Ben, der, wie ich erfahren durfte, gar nicht Ben heißt, sondern Wolfgang (?) Trojanowicz. Ich hatte immer vermutet, dass er eher ein Intellektueller ist, übrigens zu manchen Zeiten in der DDR ein Begriff, der Verdacht erregte und Grübler in oppositioneller Richtung beschrieb, nicht "nur" Kipperfahrer. Er war 4 Jahre im "gelben Elend" inhaftiert, und wir erfahren auch warum und wie es dazu kam, auch wie er zu Sigrid kam, der Einzigen, die zu ihm stand. dabei hätte er Beziehungen nach Oben gehabt, von einem Bruder in einem Ministerium in Moskau ist die Rede. Ein Standhafter also, nun ja.
    Franziska hat ihn sich gedanklich erschaffen, daher auch immer noch die Rede von Ben. Ob dieser geträumte Mann der Wirklichkeit standhält, weiß ich noch nicht.


    Aufgefallen ist mit die Erwähnung einer Chruschtschow-Rede, geheimsache wie so vieles, dass in der DDR nie wieder erwähnt wurde, wenn es nicht ins Idealbild geänderter Politik passte. Diese Rede sagt mir nichts, das muss ich erstmal recherchieren. Es geht um Umsiedlungen, wohl... und wer ist der Dichter Mandelstam?


    Gut, nachgelesen. Der Dichter starb in einem sowj. Lager, fiel den "Säuberungen" Stalins unter Intellektuellen und Künstlern zum Opfer.
    Aha, wusste ich nicht.
    Aber wieder ein Vorwurf an die Autorin und Franziska, und eigentlich ziemlich typisch für den Roman. Man wirft uns einen Namen vor, ohne wirklichen Zusammenhang und auch nur so erwähnt.


    Nun werfe ich aber auch nicht mehr das Handtuch. Ich bin wie gesagt gleich durch.

  • Zitat

    Original von Clare


    Aufgefallen ist mit die Erwähnung einer Chruschtschow-Rede, geheimsache wie so vieles, dass in der DDR nie wieder erwähnt wurde, wenn es nicht ins Idealbild geänderter Politik passte. Diese Rede sagt mir nichts, das muss ich erstmal recherchieren. Es geht um Umsiedlungen, wohl... und wer ist der Dichter Mandelstam?


    Diese Rede hat Chruschtschow auf dem 23. Parteitag der KPdSU gehalten. Es ging in dieser Rede um die Abrechnung mit der Stalin-Ära. Zudem sollten auch im kulturellen Leben der UdSSR Lockerungen erfolgen. Für eine kommunistische Partei war es ein "unerhörter" Vorgang. Leider wurden nur wenige Dinge aus dieser Rede dann auch in der Praxis umgesetzt.


    Ossip Emiljewitsch Mandelstam war ein russischer Dichter. Neben Anna Achmatowa und Nikolai Gumiljow war er der entschiedenste Vertreter des Akmeismus. Wikipedia
    Geboren: 15. Januar 1891, Warschau, Polen
    Gestorben: 27. Dezember 1938, Gulag


    Die Biographie von Ralph Dutli ist ganz lesenswert.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)

  • Falls die Rede gemeint ist, ist es die, die in Anlehnung eines weltberühmten Romans die Periode einleitete, die man "Tauwetter" nannte. Selbstverständlich kennen wir ihn alle...



    Ossip Mandelstam ist einer der wunderbarsten russischen Dichter, der übrigens nicht nur Lyrik im Programm hatte.

  • Manchmal macht es mir Angst, Leute, wie belesen ihr seid! :anbet
    danke, dass ihr mich erleuchtet habt, so spare ich mir das Suchen. ;-)


    Mandelstam hatte ich schon selbst gefunden und nachgelesen.



    Ich habe fertig! Lange habe ich nicht mehr so sehr mit einem Buch gekämpft.


    Noch kurz zu den letzten zwei Kapiteln.
    Wilhelm kommt zurück. Dass er und Ben sich äußerlich so ähneln war mir auch entgangen, wie sicherlich Vieles, was beachtenswert gewesen wäre. Das finde ich sehr schade. Über die Gründe habe ich genug geschrieben.
    Wussten wir, dass ihr Bruder verheiratet ist? Ich dachte nur plötzlich: Wer ist Inge???
    Ein endgültiger Wendepunkt ist für Franziska Gertruds Freitod. Sie bricht zusammen und erwacht nach drei Tagen als anderer Mensch. F. tritt heraus, so wie sie es immer schon wollte. Ihr eigenes Schicksal scheint ihr zu dem Zeitpunkt schon egal zu sein. Ich denke, dass es für sie zu spät ist, auch für Veränderungen, die sie bewirken wollte, denn sie ist gebrochen.
    Auch Ben trifft sie wieder und beide merken, dass es vielleicht auch für sie beide zu spät ist.


    Das Letzte Kapitel ist ein unvollendetes und wurde so, wie es im Manuskript stand, teilweise unleserlich und mit Streichungen, übernommen. So wirkt es lückenhaft, besonders zum Ende hin, aber eigentlich auch nicht mehr als das, was uns die Autorin im ganzen Roman abverlangt.

  • Trostlosigkeit- das ist das erste Wort, was mir nach dem Lesen des Buches einfällt.
    Und Leidenschaft- eine merkwürdige Konstellation. Beide treffen als Schlagwörter zu, finde ich.


    Die Trostlosigkeit, die Lieblosigkeit und die Zweckmäßigkeit der Architektur verseuchen ebenso die Bewohner, die in diesen künstlich erschaffenen Welten leben müssen. Schleichend durchzieht sich dieses Gift durch deren Leben, Selbstmorde, Aussichtslosigkeit sind wie Folge.


    Franziska ist zu leidenschaftlich für diese Welt. Sie ist voller Gefühle, anpassen fällt ihr schwer. Es hätte sehr viele Franziskas gebraucht!
    Ich mochte diese Figur sehr, die zwischen Alltagstrott und Zukunfftsvisionen zu Hause war. Die leidenschaftlich geliebt hat und diese Liebe so zärtlich in Worte fassen konnte.


    Dieses Buch hätte ich ganz sicher nicht ohne euch gelesen. Es war bisweilen eine monotone Lektüre und dann hat Reimann die Geschichte wieder vorangepeitscht. Der Schreibstil passt sehr gut zu Franziska.


    Danke euch!

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin

  • Zitat

    Original von Regenfisch
    Trostlosigkeit- das ist das erste Wort, was mir nach dem Lesen des Buches einfällt.
    Und Leidenschaft- eine merkwürdige Konstellation. Beide treffen als Schlagwörter zu, finde ich.


    Die Trostlosigkeit, die Lieblosigkeit und die Zweckmäßigkeit der Architektur verseuchen ebenso die Bewohner, die in diesen künstlich erschaffenen Welten leben müssen. Schleichend durchzieht sich dieses Gift durch deren Leben, Selbstmorde, Aussichtslosigkeit sind wie Folge.


    Ich habe im Nachhinein noch viel über diesen Aspekt nachgedacht. Ich war in der letzten Zeit in solchen "Neustädten", z.B. in Hoyerswerda, von dem ich ja vermutete, dass es das Neustadt im Buch ist, und in den Tagbau-Regionen. Das große Problem war, dass man für die Arbeiter in den neu entstehenden Industriegebieten Wohnungen brauchte, und das schnell und billig. So entstanden diese entwurzelten Städte für entwurzelte Menschen, leere Orte, die wie im luftleeren Raum existierten, weil sie keine gewachsene Heimat waren.
    Heimat war in der DDR nicht gerade groß geschrieben. Es sollte ja überall schön sein, die Leute sollten da wohnen wollen, wo sie und ihre Arbeit gebraucht wurden.
    Ich bin mir sicher, dass mir das damals nicht bewusst war, weil es eben so war. Ich hatte das Glück, auf dem Dorf groß zu werden und Heimat kennen zu lernen.


    Zitat

    Franziska ist zu leidenschaftlich für diese Welt. Sie ist voller Gefühle, anpassen fällt ihr schwer. Es hätte sehr viele Franziskas gebraucht!
    Ich mochte diese Figur sehr, die zwischen Alltagstrott und Zukunfftsvisionen zu Hause war. Die leidenschaftlich geliebt hat und diese Liebe so zärtlich in Worte fassen konnte.


    Es gab solche Menschen, aber vielen wurde von frühester Kindheit an ihre Individualität und Andersartigkeit gründlich ausgetrieben. Wer sich doch etwas herüber rettete, war gefährdet und in der Regel ohne Chancen, seinen Weg bis nach oben zu gehen.


    Zitat

    Dieses Buch hätte ich ganz sicher nicht ohne euch gelesen. Es war bisweilen eine monotone Lektüre und dann hat Reimann die Geschichte wieder vorangepeitscht. Der Schreibstil passt sehr gut zu Franziska.
    Danke euch!


    Mich hat der Roman nachhaltig beeindruckt, obwohl ich manchmal ganz schön kämpfen musste, auch mit eintönigen Passagen. Und ich gebe dir Recht: Genau das passte alles!
    Ich danke euch auch!



    edit versetzte mit mir [ , ] und /

    - Freiheit, die den Himmel streift -

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Clare ()

  • Danke für deine Kommentare, Clare! :kiss


    Ein eindrückliches Buch, finde ich auch. Viel echter als die anderen Bücher über die DDR, die ich bis jetzt gelesen habe.

    Die eigentliche Geschichte aber bleibt unerzählt, denn ihre wahre Sprache könnte nur die Sprachlosigkeit sein. Natascha Wodin