Jidi/Ageng: Der freie Vogel fliegt. Mittelschuljahre in China (1.) [ab 14 J.] [Graphic Novel]

  • Jidi/Ageng: Der freie Vogel fliegt. Mittelschuljahre in China (1.)

    Autorin: Jidi (d. i. Yale Zu)

    Illustratorin: Ageng

    Verlag: Chinabooks E. Wolf. 2018. 144+152 Seiten. 24,90€

    ISBN: 978-3905816723

    Von Verlag empfohlen ab 14 Jahre

    zweisprachig Chinesisch-Deutsch

    Originaltitel: 阿梗: 踮脚张望1, Dianjiao zhangwang 1 ("When You're Standing on Your Tiptoe 1")

    Übersetzerin: Martina Hasse


    Die Reihe: 踮脚张望寂地,Der freie Vogel fliegt - Mittelschuljahre in China, 6 Bände erscheinen bis Ende 2018

    Die Romanvorlage des halb-autobiografischen Romans erschien 2008, der erste Band der Graphic Novel 2010.

    Zur deutsch-chinesischen Ausgabe: Band 1 besteht aus 139 Seiten mit deutschem Text, einem Nachwort der Autorinnen, 139 Seiten chinesischem Text, einem Vokabelverzeichnis mit Pinyin-Lautschrift. Die Seitenzählung in beiden Texten ist identisch, so dass man z. B. eine Redewendung von der deutschen Seite 23 auf der chinesischen Seite 23 nachschlagen kann. Die Ladenschilder und Banner der Abbildungen sind von der Übersetzerin ins Deutsche übersetzt und auf der jeweiligen Seite zu finden.


    Verlagstext zur Reihe

    In "Der freie Vogel fliegt" erzählt Jidi über die zentrale Figur in der Geschichte, ihr fiktives Alter Ego der Lin Xiaolu, eine semi-autobiographische Geschichte über das Heranwachsen einer Gruppe von Jugendlichen in der westchinesischen Stadt Chengdu in den 90er Jahren.

    Die Reihe hat in China, Japan und Korea die wichtigsten Auszeichnungen im Bereich Comic/Graphic Novel erhalten, u.a. den Japan International Manga Award, den ICC Comic Award aus Südkorea und den China Animation & Comic Competition Golden Dragon Award.

    Sehr realistisch erfährt man in der Reihe von den seelischen Nöten und Sorgen chinesischer Heranwachsender. Die Autorinnen greifen auch schwierige Themen auf, wie Aufwachsen als Scheidungskind, Mobbing in der Schule, massiver Schuldruck und Prüfungsstress, die manchmal in Suiziden enden, die Entfremdung zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen, in der chinesischen Gesellschaft tabuisierte frühe Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen, der erste grosse Liebeskummer, heimliche Abtreibungen.

    Trotz der Schwere mancher Themen spürt man die Lebenslust und den Lebenshunger der Jugendlichen. Lin Xiaolu sammelt Lebenserfahrungen und entwickelt sich im Verlauf der Geschichte von einer Aussenseiterin und grauen Maus zu einer reifen Persönlichkeit, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt.


    Verlagstext zu Band 1

    Das Mädchen Lin Xiaolu besucht in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in der westchinesischen Stadt Chengdu eine Mittelschule mit Schwerpunkt Kunst und Gestaltung. Während ihrer Grundschulzeit war sie von ihrem Vater und ihrer Klassenlehrerin zum „Taugenichts“ abgestempelt worden, weil sie astronomisch schlecht in der Schule war und lieber zeichnete als zu lernen.Dem Augenschein nach wirkt sie etwas autistisch veranlagt, hinter ihrem ausdrucklosen Gesicht mit nicht zu deutender Miene verbergen sich jedoch eine reiche innere Gedankenwelt und eine Seele voller Imagination und Einbildungskraft. Sie hat Angst vor dem Umgang mit anderen allzu lebendigen Mitgliedern der menschlichen Spezies und sie hat panische Angst davor, ins Blickfeld anderer Menschen zu geraten und sich vor ihnen blosszustellen. Aber dennoch interessiert sie sich lebhaft für die Schicksale anderer Menschen. In ihrer Phantasie gibt es einen Schutzgeist, der sich im Verborgenen um den Kummer der Menschen rundherum annimmt und deren Probleme im Stillen löst. Als sie klein war schwärmte sie für Saint Seiya, ein Held aus einem Manga, jetzt schwärmt sie für einen Jungen namens Han Che. Doch selbst wenn morgen der Weltuntergang bevorstünde, so würde sie doch niemals ihre Gefühle gegenüber Han Che offenbaren …


    Kommentar: Lin Xiaolo wirkt gegenüber älteren Schülern und Erwachsenen zwar schüchtern und einzelgängerisch; den Begriff "autistisch" finde ich hier unpassend, weil es sich dabei um eine psychiatrische Diagnose handelt..


    Die Autorinnen

    Jidi 寂地 (d. i. Yale Zu) (*1983) und Ageng 阿梗 gehören in China zu den wichtigsten Comic-Künstlerinnen ihrer Generation. Für die Reihe Dianjiao zhangwang 踮脚张望, die unter dem Titel „Der freie Vogel fliegt“ bei Chinabooks.ch in einer Übersetzung von Martina Hasse in deutscher Sprache erscheint, spannten sich die beiden im Team zusammen: Jidi als Szenaristin, von Ageng stammen die Bilder. Jidi erzählt über die zentrale Figur, ihr fiktives Alter Ego der Lin Xiaolu, eine semi-autobiographische Geschichte vom Heranwachsen einer Gruppe von Jugendlichen in der westchinesischen Stadt Chengdu in den 90er Jahren. Ageng hat nach eigener Aussage 10 Jahre lang täglich 12 Stunden an dieser Graphic Novel gearbeitet, die als Fortsetzung in einer Comiczeitschrift erschien.

    Inhalt Band 1

    Die Hauptfigur Lin Xiaolu besucht eine Mittelschule mit Schwerpunkt Kunst. In Rückblenden wird - ausgelöst durch einen Schulaufsatz - deutlich, dass das Mädchen nach der Trennung der Eltern zuerst beim Vater lebte. Als es zu Konflikten um ihre Schulleistungen kam, nahm ihre Mutter sie zu sich und zog mit ihr nach Chengdu, damit Xiaolu dort eine Schule besuchen kann, die ihren Talenten entspricht. Auf die Trennung der Eltern hatte Xiaolu zunächst mit Rückzug reagiert und die Ansicht ihrer Mutter übernommen, dass eine Trennung für alle Beteiligten auch ein Neuanfang sein könnte. Diese Ansicht und vermutlich Xiaolus kindliche Erscheinung waren Anlass für Mobbing durch ihre Klassenkameraden. Früh lernt die Hautfigur dadurch, dass es klüger ist, seine Ansichten für sich zu behalten. Deutlich wird in diesem Rückblick der gnadenlose Druck, der von Eltern und Lehrern auf chinesische Schüler ausgeübt wird, damit sie später die Aufnahmeprüfung für die Universität schaffen. Zum Zeitpunkt der Prüfungen geht ganz China förmlich auf Zehnspitzen, um nur ja die Prüflinge nicht zu stören; über das Thema wird sogar im Fernsehen berichtet.


    Xiaolu ist eine fantasievolle Person, die sich unter Druck oder in ihrer Freizeit gern in die Welt der Anime und Manga wegträumt. In der ersten Szene stiehlt sie von einer Anschlagtafel/Schaukasten ihrer Schule eine Bleistiftzeichnung der Kathedrale Sagrada Familia von Gaudi in Barcelona, in deren Zeichner sie sich später verlieben wird. Das Bild der Kathedrale steht stellvertretend für Xiaolus Träume von einer Karriere als Künstlerin, von einer Welt außerhalb Chinas, die ihr bisher völlig unbekannt ist, und von einer großen, glücklichen Liebe. Durch ihre Schwärmerei für Han Che lernt Xiaolu den Besitzer eines kleinen Ladens kennen, der zusätzlich freiberuflich als Künstler arbeitet und ebenfalls eine ihr noch unbekannte Welt repräsentiert.


    Als Graphic Novel wirkt die Geschichte besonders durch den Focus auf die Hauptfigur, die auf zahlreichen Panels in einem aufgeräumten Szenario allein in der Stadt unterwegs ist, durch die gedeckten Farbtöne und durch ihre farbenfrohen geträumten Fantasiewelten. Der Blick ins Klassenzimmer, die Schuluniformen und die Wohnverhältnisse geben intensiven Einblick in den chinesischen Alltag, wenn auch der strahlend blaue Himmel reichlich märchenhaft wirkt. Xiaolu wird im Vergleich zu ihren Klassenkameraden mit einer noch sehr kindlichen Figur dargestellt und mit einem runden „Dampfnudelgesicht“, in das sie auch später noch zurückfällt, wenn Emotionen sie überrollen. Die Figuren genügen westlich geprägten Schönheitsvorstellungen; die Jugendlichen sind schlank, langgliedrig, mit westlichen Gesichtern und runden westlichen Augen.


    Stililstisch wirkt die Übersetzung ins Deutsche flüssig, wenn auch einige Inhalte mit betulichen Ausdrücken und in langen Satzkonstruktionen erklärt werden. Die Lautmalerei der Sprechblasen wirkt auf mich ausgesprochen gelungen: kritzel, schmacht, schnief, schluchz … Sehr hilfreich fand ich im deutschen Text die Erklärung von Handzeichen auf der jeweiligen Seite, die Europäern unbekannt sein werden, wie man z. B. „komm her“ oder „bleib weg“ signalisiert.


    Fazit

    Die Autorin wendet sich in ihrem halb-autobiografischen Text bewusst auch an Erwachsene, von denen sie sich mehr Verständnis für die komplizierte Zeit der Pubertät und der ersten Liebe wünscht. Der erste Band von „Der freie Vogel fliegt“ hat mich als Erwachsene mit seiner Darstellung berührt und intensiv beschäftigt. Meine Befürchtung, dass ein Setting mit Bezug zur Welt der Mangas und Anime kitschig sein würde, hat sich nicht bewahrheitet.


    10 von 10 Punkten

  • Lesereise der Autorinnen

    Beim diesjährigen GCT ist auch eine Leseprobe aus dem ersten Band der Reihe Der freie Vogel der chinesischen Künstlerinnen Jidi und Ageng fliegt dabei.


    Jidi und Ageng gehören in China zu den einflussreichsten Comic-Künstlerinnen der Gegenwart. In der sechsbändigen Reihe Der freie Vogel fliegt werfen die beiden einen ungeschminkten, dafür aber umso authentischeren Blick auf die chinesische Jugend in all ihren Nöten und Sorgen aber auch Träumen und Hoffnungen. Die Graphic Novel basiert auf Jugenderinnerungen von Jidi und ist in vielen Teilen autobiographisch.


    Jidi und Ageng machen Ende Mai / Anfang Juni eine Lesereise quer durch Deutschland und die Schweiz, mit folgenden Stationen:


    31.05. - 03.06.2018, Erlangen: 18. Internationaler Comic-Salon Erlangen

    04.06.2018, Würzburg: Universität Würzburg - Sinologie

    05.06.2018, Basel: Konfuzius-Institut Basel

    06.06.2018, Zürich: Asien-Orient-Institut der Universität Zürich

    07.06.2018, Frankfurt: Konfuzius-Institut Frankfurt

    08.06.2018, Berlin: Mundo Azul

    09.06.2018, Köln: Cöln Comic Haus