Zur Erinnerung - hier die Kennlernszene zwischen Bruno und Eddy in "Die Stimmlosen" in der Nachkriegszeit in Hamburg.
Bruno war nicht sehr begeistert, als Lottchen ihn
bat, vor seinem ersten Auftrag des Tages noch schnell bei Arthur
vorbeizuschauen, denn anhand ihrer Schilderung bezweifelte er, dass er einen
derart zertrümmerten Schrank innerhalb einer halben Stunde ordentlich
reparieren könnte. Andererseits hatte Arthur der Familie bereits so viele
Gefälligkeiten erwiesen, dass Bruno sich verpflichtet fühlte. Daher nahm er
gleich die erste Kleinbahn am nächsten Morgen und hatte auch Glück mit der
Straßenbahnverbindung. Und so stand er bereits um Viertel nach sieben vor
Arthurs Wohnungstür und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis die Tür von einem
Mann geöffnet wurde.
Er war etwa in seinem Alter, hatte blondes Haar und seine Augen
leuchteten in einem intensiven Grün, wie es Bruno noch nie gesehen hatte. Und
außerdem war er bis auf das Handtuch um seine Hüften komplett unbekleidet.
»Oh, Entschuldigung, ich weiß, dass ich etwas zu früh dran
bin«, sagte Bruno verlegen und musterte verstohlen den gut gebauten Oberkörper
seines Gegenübers. »Ich bin Bruno und komme wegen des Schranks, aber ich kann
auch noch warten, wenn …«
»Nein, alles gut. Komm rein, ich bin Eddy.«
»Habe ich mir fast gedacht«, gab Bruno zurück und trat
ein.
»Ich zeig dir der Küche«, sagte Eddy. »Möchtest du was
trinken?«
Bruno war unsicher, was er darauf erwidern sollte, doch
Eddy schien gar keine Antwort zu erwarten, sondern setzte einen Teekessel auf. »Tee
oder Ersatzkaffee? Bohnenkaffee haben wir leider nicht.«
»Ich glaube, zum Wachwerden ist Ersatzkaffee besser
geeignet als Tee«, antwortete Bruno. Dann stellte er seine Werkzeugtasche ab
und begutachtete die Holzteile auf dem Küchentisch. Eddy nahm eine Tasse und
das Glas mit dem löslichen Kaffeepulver.
»Bedienst du dich selbst, wenn der Kessel pfeift?«, fragte
er dann. »Ich muss mich fertig machen. Nicht, dass du denkst, ich laufe immer
so rum.«
»Handtuch steht dir«, rutschte es Bruno heraus. Im
nächsten Moment verfluchte er sich für sein loses Mundwerk.
»Ist das Redewendung?«, fragte Eddy. »Mein Deutsch ist
nicht perfekt.«
Bruno spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg, und
überlegte kurz, ob er den peinlichen Moment einfach dadurch beenden sollte,
dass er die Frage bejahte. Andererseits widerstrebte es ihm, den jungen Briten
zu belügen.
»Nein … nicht direkt, mehr ein …« Er räusperte
sich. »Man sagt, etwas steht jemandem, wenn er gut darin aussieht.«
»Oh, danke, das freut mich. Dir würde Handtuch bestimmt auch
gut stehen.« Eddy strahlte ihn lächelnd mit seinen grünen Augen an und Bruno
merkte, wie ihn ein seltsames Kribbeln durchzog, als ihre Blicke sich trafen.
Verdammt, was ging hier vor? War das der britische Humor, so eine Bemerkung
sofort zurückzugeben, oder … oder steckte mehr dahinter?
»Ähm … ja …, ich mache mich dann mal an die
Arbeit.« Er wandte sich den Überresten des Schranks zu, allerdings nicht ohne
Eddy noch einen letzten Blick zuzuwerfen. Der lächelte ihn erstaunlich offen
an, als er es bemerkte – ganz so, als würde es ihm gefallen, was Bruno nur
noch mehr verwirrte. Oder amüsierte Eddy sich einfach nur über seine
Unsicherheit?
»Wenn du was brauchst, rufst du, ja?«
Bruno nickte und Eddy ging zurück ins Bad.
Der Schrank sah genauso schlimm aus, wie Bruno es nach
Lottchens Schilderung befürchtet hatte. An eine schnelle Reparatur war nicht zu
denken, aber immerhin konnte er die zerbrochenen Teile leimen und musste nichts
austauschen.
Der Teekessel pfiff und Bruno brühte sich das Kaffeepulver
auf. Er trank einen Schluck. Ersatzkaffee hin oder her, besser als das Zeug,
das seine Mutter aufgetrieben hatte, war der hier allemal.
Während er damit beschäftigt war, den Schrank
zusammenzuleimen, hatte Eddy sich angezogen und kam in die Küche zurück.
»Das sieht fast wie vorher aus«, sagte er bewundernd.
»Ja, aber das muss noch austrocknen und anschließend
müssen von innen neue Leisten zur Verstärkung eingefügt werden, sonst bricht
das womöglich gleich wieder auseinander. Ich müsste heute Abend noch mal
vorbeikommen, um den Schrank fertig zu machen.«
»Dann komm nach sieben, dann ist er ganz sicher trocken.«
»Das ist er bestimmt auch schon um fünf.«
»Ja, aber dann habe ich noch nicht Feierabend. Wenn du um
sieben kommst, kann ich Bier mitbringen. Oder trinkst du lieber was anderes?«
»Bier klingt gut.«
»Dann du kommst um sieben?«
»Ja, in Ordnung«, erwiderte Bruno und packte sein Werkzeug
zusammen.
Als Eddy ihn zur Tür begleitete und ihn dabei scheinbar unabsichtlich
am Oberarm berührte, ging erneut dieses Kribbeln durch Brunos Eingeweide. Als
er Eddy ansah, fiel ihm wieder dieses Funkeln in den Augen auf – als würde
sein Gegenüber ähnlich fühlen –, und er fragte sich, ob er zum ersten Mal
jemandem begegnet war, der ähnliche Empfindungen hatte wie er selbst. Das musste
er heute Abend unbedingt herausfinden, auch wenn er noch keine Ahnung hatte,
wie er das anstellen sollte.