Beiträge von Brigitte H. H.

    Ich komme in letzter Zeit leider kaum zum Lesen. :cry Und wenn ich es schaffe, dann fallen mir vor Müdigkeit die Augen zu. Ich möchte diesem Buch aber meine volle Aufmerksamkeit schenken. Die hat es wahrlich verdient.


    So muss ich mich damit abfinden, den Anschluss gründlich verpasst zu haben. Ich werde das Buch auf jeden Fall zu Ende lesen und dann Eure jeweiligen Kommentare zu den Abschnitten. Aber ich glaube, ich werde keine Einträge mehr machen. Dafür hinke ich zu weit hinterher. :winkt

    Genau die meinte ich, Sasaornifee.


    Hier ein Link zu einem interessanten Artikel über diese Übersetzung:


    Martynova: Hier hört man den Meister


    Demnach sind alle anderen Übersetzungen gekürzt, die Sätze teilweise in mehrere aufgespalten, um das Epos lesbarer/verständlicher zu machen.


    P.S. Sollte der Artikel von Zeit Online über den Link nicht zu lesen sein, einfach googeln. Dann wird er komplett dargestellt.

    Kap. 27 Ein Dienst geht zu Ende


    Die Beschreibung der Einsamkeit am Ende vom Leben des Kaisers Franz Josef, der nur noch zwei kleine Räume im Schloss Schönbrunn bewohnte, hat mich sehr erschüttert. Der Kaiser war in keiner Weise zu beneiden. Als 86jähriger immer noch um 4 Uhr aufstehen und um halb 5 Uhr über den Akten sitzen! :yikes Dann das banale Ende: "Zum ersten Mal im Leben nahmen Seine Majestät die Akten nicht." (S.282)

    Dass der Verbrecher Hitler ein Möchtegernkünstler war, wusste ich. Die Szene in der Akademie war zwar recht banal konstruiert, aber doch recht interessant.


    :write


    Ich hatte das Gefühl, Lothar wollte mit den Einschüben aus den Erinnerungen von Alfred Roller der Erzählung möglichst viel Authentizität verleihen. Später klingelte bei mir etwas. Vor Jahren habe ich Hitlers Wien von der Historikerin Brigitte Hamann gelesen.


    Alfred Roller war Bühnenausstatter an der Wiener Staatsoper. Zudem war er Mitbegründer und Präsident der Wiener Secession, also der modernen Bewegung gegen die konservative Ausrichtung der Akademie.


    Interessant ist, dass Lothar in seinem Roman eine Aufnahmeprüfung in der Kunstgewerbeschule beschreibt, an der Hitler am 19. Oktober 1907 teilgenommen haben soll. Denn die Kunstgewerbeschule war der moderne Gegenpol zur Akademie, dem Hort der Konservativen.


    Historisch belegt ist, dass Hitler an den Prüfungen der Akademie am 1. und 2. Oktober 1907 teilnahm!


    Professor Alfred Roller war außerdem 1907 an der Kunstgewerbeschule beurlaubt. Laut Hamann seien sich Hitler und Roller erstmals am 16. Februar 1934 in der Berliner Reichskanzlei begegnet. Über dieses Treffen gibt es Aufzeichnungen Rollers, die ähnlich klingen, wie die Einschübe in Lothars Roman. Laut Roller, "habe H. lachend die Episode erzählt, 'wie er mir Zeichnungen und Bühnenentwürfe vorlegen wollte, sich zu diesem Zweck durch eine Verwandte... [sic] ein Empfehlungsschreiben an mich verschafft, im letzten Augenblick aber doch sich nicht getraut habe, bei mir vorzusprechen.' " (Zitat aus: Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 11996, 51997, S.88.)

    Das mag jetzt ganz abgehoben klingen, aber wenn ich Eure Kommentare lese, frage ich mich, ob Henriette nicht für sich durch die Unerreichbarkeit einer ehelichen Bindung mit Rudolf sozusagen beschlossen hat, sie müsse unglücklich sein. Mit anderen Worten: Glück ist nicht für sie vorherbestimmt. Sie fügt sich quasi in ihr Unglück. Und deshalb versucht sie gar nicht, Glück in ihrer Ehe zu finden! Vielleicht ist ihr Unglück auch ihre selbstgewählte Strafe, weil sie nicht fähig war, Rudolf vor sich selbst zu retten. Wobei ich dies nicht anklagend meine. Denn ich bin davon überzeugt, dass sie Rudolf nicht von seinem Selbstmord hätte abhalten können. Aber da der Suizid nun einmal an ihrem Hochzeitstag stattfand, könnte sie hier für sich selbst eine Anklage/Schuld sehen.


    Zu kompliziert gedacht? :/

    Gespenstisch auf andere Art auch, wie nach seinem Selbstmord von den Behörden versucht wurde, Henriette zu beeinflussen oder gar zur Schuldigen zu machen. Da blieb mir fast die Luft weg, als ich das Gespräch mit „Seiner Exzellenz“ gelesen habe. Da wird, losgelöst von den offensichtlichen wie nicht so offensichtlichen Fakten alles so hingedreht, daß es ins Weltbild paßt. Na ja, ist heute vermutlich auch nicht viel anders. Und dem Kaiser darf man natürlich auf keinen Fall die unangenehme Wahrheit sagen. Warum eigentlich nicht? So, wie der sich verhalten hat, wäre das, um künftigen Schaden abzuwenden, sicherlich gut gewesen. Aber was soll’s - das ist lange her und wer weiß, was der Henriette geblüht hätte, hätte sie ihm die Wahrheit gesagt.

    Ein Suizid in der damaligen Zeit konnte zur Verweigerung eines kirchlichen Begräbnisses führen. Der Selbstmord des Kronprinzen war ein Skandal ohnegleichen. Der klägliche Versuch, die Baroness Vetsera aus der Geschichte zu streichen, zeigt das Ausmaß des Dilemmas. Es darf nicht sein, was nicht sein darf!


    Dem Kaiser die Wahrheit zu sagen, denke ich, wäre einem treuen Untertan nicht in den Sinn gekommen. Bei der Kaiserin bin ich mir da nicht so sicher. Ich könnte mir vorstellen, dass sie ihrem Gatten Vorwürfe machte, sei es auch nur durch Blicke oder Distanz. Das schlechte Verhältnis zwischen Vater und Sohn war bekannt. Die unterschiedlichen politischen Auffassungen beider offensichtlich.


    Dass Henriette kniff und seiner Majestät nicht die Wahrheit sagte, hatte für mich in dem Moment etwas mit Mitleid zu tun. Sie sprach mit einem Vater, der gerade seinen Sohn durch einen Suizid verloren hatte. Einen Mann, den die letzten Tage sichtlich altern ließen. Sollte sie ihm bestätigen, was er ohnehin annahm? Denn er spricht es ja direkt an, nachdem sie behauptet hatte, keinen Grund für den Selbstmord zu kennen. "Hat Ihnen mein Sohn vielleicht jemals Mitteilungen darüber gemacht, dass er sich mit mir uneinig gefühlt hat?" (S.134) Sie log, um ihn zu schonen. Ob er ihr glaubte, ist fraglich.


    Eine andere Frage wäre, ob Henriette jemanden über Rudolfs Plan hätte berichten müssen. Aber hielt sie es überhaupt für möglich, dass er diesen verwirklichen würde? Ich denke, eher nicht. Es mag der Weltschmerz sein, von dem die Rede ist, den sie in Rudolfs Anwandlung sah. Wem hätte sie auch davon erzählen können? Wer hätte ihr geglaubt? :gruebel

    Danke, Rumpelstilzchen, dass Du meinen Kommentar in den richtigen Abschnitt gebracht hast. :bluemchen


    Wie groß die Verzweiflung sein muss, die einen Menschen in den Selbstmord treibt, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Doch fand ich Rudolfs Wahl von Henriettes Hochzeitstag für seinen Suizid schon recht perfide. Gleichsam als wolle er sie strafen, weil sie sich weigerte, ihn auf diesem letzten Weg zu begleiten. (Falls dies überhaupt möglich ist.)

    Über die Frage der Übersetzung hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht - aber klar, das Buch ist ursprünglich in englischer Sprache erschienen.

    Genau so ist es. 1944 ist der Roman in Englisch erschienen, 1946 in Deutsch. Also habe ich die gleichen Schlüsse wie Ihr gezogen: Es muss sich hier um eine Übersetzung handeln. Dann habe ich mich gefragt, wie klingt eigentlich der wienerische Dialekt auf Englisch? :gruebel Deshalb habe ich im Internet in das Buch "The Vienna Melody" hineingelesen. Eine Übersetzung von 2015! Ein Blick in meine deutsche Ausgabe zeigte mir, es wird kein Übersetzer genannt! Die Erstausgabe 1944 hatte übrigens auch den Titel "The angel with the trumpet". Laut OCLC World Cat wurde das Buch von Elizabeth Reynolds Hapgood übersetzt.


    Folglich muss Ernst Lothar in seiner Muttersprache geschrieben haben. Wir haben keine Übersetzung vor uns liegen! ;)