Beiträge von Brigitte H. H.

    Und die Moral von der Geschicht? Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Etwas, was für Aktivisten aller Zeiten Gültigkeit hat. Ich habe nämlich (meistens) den Eindruck, daß man - wie Mr. Bold - alles nur sehr einseitig durch eine getönte Brille sieht, danach handelt - und das große Ganze völlig aus dem Blick verliert. Mit entsprechenden Konsequenzen. Aber an die denken diese Aktivisten ja nicht, denn für die müssen sie weder gerade stehen noch gar Verantwortung übernehmen.

    Ich stimme Dir auch völlig zu, SiCollier. Du hast das Dilemma auf den Punkt gebracht. Ich wollte in Bold zumindest noch jemanden sehen, dessen Engagement nicht nur aus purer Eitelkeit geschieht. Aber die Tatsache, wie wenig ihn der Ausgang und damit das Desaster für die Armenhäusler im Nachhinein interessiert, zeigt seinen blinden Aktionismus.


    Was mich besonders an der Geschichte berührt hat, war, wie einfühlsam Trollope die Folgen des Rufmords an Mr. Harding beschreibt. Wie sehr geschriebene/gedruckte Worte verletzen können. Darüber - habe ich das Gefühl - machen sich heute viele, die munter im Internet auf andere verbal eindreschen, überhaupt keine Gedanken. Mich hat versöhnt, dass Mr. Harding für sich einen Weg aus dem Dilemma gefunden hat. Er konnte sich am Ende auch noch glücklich schätzen. Bei denen, um deren Verbesserung der Lebensumstände es angeblich gehen sollte, sieht das ja ganz anders aus. Mehr konnten sie nicht verlieren. Einen schlechteren Dienst denen, die nach ihnen von der Einrichtung hätten profitieren können, nicht erweisen können.


    Abschließend stelle ich einmal mehr fest, egal wie alt ein Text ist, es finden sich immer (erstaunliche/erschreckende) Parallelen zu unserer heutigen Zeit. So höre ich zurzeit Manzonis Die Verlobten. Das Buch erschien 1825-27. Die Handlung spielt im 17. Jahrhundert. In unpathetischer Direktheit beschreibt Manzoni die Pest, die im Jahre 1630 von Landsknechten des Dreißigjährigen Krieges nach Oberitalien eingeschleppt wird. Als ich vor dreißig Jahren das Buch zum ersten Mal las, hätte ich mir nicht träumen lassen, jemals ähnliche Zeiten der Unsicherheit zu erleben.

    Yellowstones  

    Geht es Bold wirklich nur um Anerkennung?


    Obwohl Bold den Prozess, wie er glaubt, erfolgreich vorantreibt, wähnt er seine Liebe zu Eleanor nicht davon betroffen. Er wälzt einige Pläne in seinem Kopf.


    "... er wollte den Prozeß aufgeben, nach Australien auswandern - natürlich mit ihr - und den Jupiter und Mr. Finney die Sache allein ausfechten lassen. Manchmal, wenn er morgens aufgeregt und gereizt erwachte, wollte er sich eine Kugel durch den Kopf jagen und all seinen Sorgen ein Ende bereiten - aber diese Idee kam ihm gewöhnlich nur nach einem unvorsichtigen Nachtmahl mit Tom Towers." (Ott, S.184)


    Bolds Freundschaft zu Tom Towers besteht schon länger. Der Einfluss von diesem speziellen Journalisten auf Bold, denke ich, trägt manches zum Verhalten Bolds bei.


    Köstlich in Bezug auf Tom Towers fand ich folgende Stelle:


    "Es gibt welche, die am Jupiter zweifeln! Sie leben und atmen irdische Luft, sie gehen unbehelligt, wenn auch verachtet, umher - Menschen, geboren von britischen Müttern und aufgezogen mit englischer Milch, die sich nicht scheuen, zu behaupten, daß der Olymp seinen Preis hat, daß Tom Towers für Gold gekauft werden kann!" (Ott, S.230-231)

    Das Kapitel 11 "Iphigenie" fand ich köstlich.


    Hinsichtlich Eleanors Absicht und dem Mitgefühl ihrer Geschlechtsgenossinnen:


    "Mädchen unter zwanzig und alte Damen über sechzig werden ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen, ... Aber ich fürchte, daß die Mehrheit der Frauen zwischen diesen beiden Lebensaltern Eleanors Plan nicht gutheißen wird. Ich fürchte, unverheiratete Damen um die fünfunddreißig werden behaupten, es sei völlig unwahrscheinlich, daß sich ein so aberwitziger Plan durchführen lasse; ..." (Ott, S.176-177)


    Die Einteilung allein der mit Romanen und der menschlichen Natur vertrauten Damen zeigt den wunderbaren Humor von Trollope.


    Und so kommt unvermeidbar:


    Bold "schwor wie alle Männer einiges Wahres und viel Erdichtetes, ..." "... ob sie selbst einen Widerwillen gegen ihn empfinde (Widerwille! Gott helfe ihr, dem armen Mädchen! Schon bei dem Wort sprang sie ihm fast in die Arme), ... (Ott, S.196)


    :rofl

    Ich stelle immer wieder fest, daß meine Lesezeit sich nicht mit meiner Onlinezeit in Einklang bringen läßt. Lies, wenn ein Abschnitt zu Ende ist, kann ich nicht direkt hier posten. Wenn ich aber das Lesen unterbreche, bis ich erst posten kann, würde ich oft mehr als doppelt so lange für ein Buch brauchen, was auch nicht sehr ersprießlich ist.

    Mir geht es genauso. Ich habe mich fürs Weiterlesen entschieden; stelle aber fest, dass es mir dann nicht mehr leichtfällt, darüber zu schreiben.

    Geht es Bold wirklich nur um Anerkennung? Ich bin mir dessen nicht sicher. Seinen Charakter richtig einzuschätzen, fällt mir nicht leicht.


    "Bold ist in seinem patriotischen Bestreben, die Menschheit zu verbessern, durchaus aufrichtig, und die Energie, mit der er auf dieses Ziel hinarbeitet, allem Übel abzuhelfen und der Ungerechtigkeit Einhalt zu gebieten, hat etwas Bewundernswertes; ..." (Kap. 2 Ott, S.23)


    Bold ist sehr von sich überzeugt. Und ja, er schießt über das Ziel hinaus.

    Besteht generelles Interesse, eventuell etwas von William Makepeace Thackeray zu lesen?


    Mir hat "Vanity Fair" sehr gut gefallen und ich habe hier seit einer halben Ewigkeit eine alte Ausgabe von "Barry Lyndon" liegen, die noch darauf wartet, gelesen zu werden. Im frisch gekauften "Septimus Harding" liegt Werbung für eine Neuübersetzung aus dem Manesse Verlag, dass hat mir das Buch in Erinnerung gerufen.

    Sollte hier generell kein Interesse für eine Leserunde bestehen, würde ich mir "Barry Lyndon" in nächster Zeit allein vornehmen.

    Ich habe auch vor vielen Jahren mit großem Vergnügen Vanity Fair gelesen.


    Die Neuübersetzung von Barry London war mir im beigelegten Prospekt auch gleich ins Auge gesprungen. Ich hätte sehr großes Interesse dieses Buch zu lesen.

    Ich kann mich Euch nur anschließen. Mir gefällt das Buch auch außerordentlich gut.


    Interessant finde ich, wie einfühlsam sich Mr. Harding in Bezug auf John Bold seiner Tochter Eleanor gegenüber verhält. Ich muss unweigerlich an Mr. Woodhouse denken, der Vater von Emma im gleichnamigen Roman von Jane Austen. Wie ganz anders benimmt sich dieser Gentleman, der seine Tochter vor allem in seiner Nähe wissen will und dem es absolut passt, dass sie unverheiratet bleibt.


    Die Sprache von Trollope und sein Sinn für Humor ist herrlich erfrischend.


    Zitat:

    "daß John Bold, wenn er nur die Macht hätte, alle Kathedralen und wahrscheinlich auch alle Pfarrkirchen schließen, den Zehnten unter die Methodisten, Baptisten und andere wilde Stämme aufteilen [würde]..." (Ott, S.55)

    Wie schaut es denn mit Faraday und Brigitte H. H. aus?:wave Habt ihr Lust bei einem der genannten Vorschäge mitzulesen?



    Ja, wie schaut es bei mir aus, Rouge? :gruebel


    Gestern Nacht habe ich Deine Frage entdeckt. Da ich im Moment ganz andere Lektüre lese und die Brontë-Leserunde für mich regelrecht zur Qual wurde, denn ich konnte mich damals überhaupt nicht für den langatmigen Stil erwärmen, wäre meine Antwort gewesen: Nein, ich möchte nicht mitlesen. Aber ... es war schon sehr sehr sehr spät, ich war zudem seeeeehr müde und dachte mir, ich sollte wenigstens eine Nacht darüber schlafen.


    Heute bin ich nicht mehr so abgeneigt. Zumal Septimus Harding mit fast 400 Seiten zu bewältigen sein sollte. Denn immerhin habe ich 600 (!) Seiten von Shirley gelesen, bevor ich aufgab, weil es für mich das falsche Buch zur falschen Zeit war.


    So lasse ich mich überraschen und sage: Ich mache die Leserunde mit! :wave

    Yellowstones


    Ich sehe gerade erst Deine Frage am Schluss: Ob es damals üblich war, dass es ein Happy End gab.


    Ich denke, das hängt vom Autor ab. Im Falle von Jane Austen würde ich bei Sinn und Sinnlichkeit zwar letztendlich von einem Happy End beider Schwestern sprechen. Aber die zentrale Liebesgeschichte zwischen Willoughby und Marianne endet tragisch! Sie fällt dem Wunsch nach einem Vermögen vonseiten Willoughbys zum Opfer. Zudem würde ich die Verbindung von Wickham und Lydia in Stolz und Vorurteil nicht als glücklich bezeichnen.

    Ah ja, das, was ich im ersten Abschnitt schon als ein Problem für mich identifiziert habe. Vielleicht ist das wirklich der Hauptgrund für mein "Grummeln" mit dem Buch (und vielleicht ist es auch das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt, weil ich lesegedanklich oft in anderen Zeiten unterwegs bin und schon über das nächste Buch, welches ich nach diesem lesen will, nachdenke. :rolleyes )

    Lieber SiCollier, ich kann Dich gut verstehen. So erging es mir letztes Jahr mit Shirley. Ich konnte mich nicht auf den langsamen Erzählstil einstellen. Und Northanger Abbey ist, meiner Meinung nach, kein leicht zu lesender Roman. Wegen der vielen Übertreibungen hatte ich es sehr schwer mit ihm. Aber wie die Leserunde gezeigt hat, wenn jemand in der richtigen Stimmung ist, kann das Buch auch auf Anhieb begeistern.

    Lese-rina


    Sehr gerne geschehen.


    Ich könnte mir denken, dass der General es gar nicht so eilig hat, seinen ältesten Sohn zu verheiraten, weil das hieße, dass er dann ihm und seiner Auserwählten mit zu erwartenden Nacherben das Hauptvermögen überlassen und sich auf ein Altenteil zurückziehen müsste. Dafür ist er viel zu gern selber Schlossherr und Gutsbesitzer. Seine Frauenverachtung hat er aber auf diesen Sohn leider schon übertragen.

    Ich stimme Dir völlig zu, Tante Li. Zudem ist der älteste Sohn ja abgesichert. Er erbt einmal Northanger Abbey. Der jüngere Sohn hingegen geht leer aus (wie alle jüngeren Kinder). Deshalb ist der General erpicht darauf, dessen Situation zu verbessern. Wobei seine Methoden mehr als fraglich sind.


    Ich schreib mal lieber auch hier über den General, im Abschnitt vorher könnte sonst schon spoilern.

    Ich auch nicht. Die Sache mit dem Rauswurf wird ja geklärt, die finde ich ja noch einigermaßen stimmig (wobei es auch schon fraglich ist, warum sich jemand in seiner Stellung hinreißen lässt, so extrem unhöflich zu sein - wo doch Höflichkeit in der Zeit alles bedeutete). Aber vorher? Die Erklärung, er wolle sie für seinen Sohn beeindrucken

    Der Rauswurf von Catherine ist eine Ungeheuerlichkeit, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Das hat nichts mit fehlendem Anstand oder mangelnder Höflichkeit zu tun. Eine unverheiratete, junge Frau ohne Schutz im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße zu werfen und ihrem Schicksal zu überlassen, das ist skandalös! Was hätte nicht alles passieren können.


    Ich brauche aber die Liebesgeschichte dahinter, und das nicht nur mit solchen Worten wie: „Ich überlasse es dem Leser ...“ Ein bisschen mehr Romantik wäre schön gewesen. Im Grunde genommen endete das Buch dann doch irgendwie in dieser rosaroten Wolke, weil der Leser ja ein Happyend möchte. Vielleicht kann ich diesbezüglich einmal eine Frage stellen: War es damals so üblich, dass es ein Happyend gab ?


    In der Tat schreibt Jane Austen eigentlich keine Liebesromane, sondern Gesellschaftsromane. Daher ist sie auch nicht an Heiratsanträgen etc. interessiert, es sei denn, die junge Dame lehnt einen solchen ab. Dann weiß sie, ausführlich zu berichten. Da denke ich natürlich an Stolz und Vorurteil! :-]

    Lese-rina


    (Irgendwie wollen diese zwei Zeilen beim Zitieren nicht erscheinen. Deshalb mach ich es so.)


    Zitat:

    Die Stelle fand ich auch wirklich köstlich! Mich hat die Reaktion Thorpes aber an so manche Zeitgenossen erinnert, die auch alle schon vor dem Lesen eines Buches wissen, was sie davon zu halten haben. :grin




    Es ist doch immer wieder verblüffend, dass sich manche Dingen nie ändern werden. :-]