Warten
von Marlowe
Von wegen, die Tätigkeit eines Sachbearbeiters in diesem Büro wäre langweilig. Es war sogar aufregend, manchmal. Denn die Aufforderung “Der Nächste bitte“ lässt alles zu, was es auf dieser Welt so gibt, Überraschungen eingeschlossen. Zurzeit wartete er ständig darauf, von einer Genderfanatikerin beschimpft zu werden, denn er war für Männer und Frauen zuständig. Und nicht nur das, eigentlich für alles und jeden, der durch seine Türe kam. Ein Alien wäre mal was Besonderes. Doch bisher hatte sich niemand y beschwert und ein Alien hatte ihn auch noch nie besucht..
Doch jetzt konnte es knifflig werden. Lehmann seufzte innerlich, nach außen hin zeigte er aber weiter seine Beamtenmine.
Vor ihm saß ein kräftiger Arbeiter, Paul Neunziger, gesund, unversehrt, sogar mit einer fundierten Bildung und einer freundlichen Ausstrahlung.
„Tja, Paul, ich darf doch Paul sagen?“ Der Arbeiter nickte zustimmend. „Gut Paul, was kann ich denn für Sie tun?“
„Was für eine Frage ist das denn,“ antwortete der, „wer hier reinkommt, der sucht eine Beschäftigung, ich will arbeiten!“
Lehmann seufzte diesmal laut. „Paul, da gibt es ein Problem und das wissen Sie doch ganz genau.“
„Es gibt keine Probleme,“ entgegnete Paul, „es gibt nur unbeantwortete Fragen. Ich bin besser als alle anderen, wieso darf ich nichts tun?“
„Zuerst kommen die dran, die unter Untätigkeit am meisten leiden, dazu gehören Sie aber nun mal nicht. Sie sind nicht leidensfähig.“
Paul sah ihn freundlich an. „Ich habe ein Recht auf Arbeit, ich will also das, was allen zusteht auch für mich!“
Lehmann schüttelte den Kopf. „Ich lese vor, Paul, Artikel 12 des Grundgesetzes, Absatz eins: Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden. Haben Sie gut zugehört? Jeder Deutsche! Und da steht nichts von einem einklagbaren Recht auf Arbeit. Sie sind kein Deutscher und momentan gibt es nichts für Sie zu tun!“
Paul lächelte zwar nicht mehr, aber er widersprach höflich. „In Artikel 23 der Menschenrechte heißt es aber: Jeder hat das Recht auf Arbeit. Jeder, Herr Lehmann, also ich auch. Und ich bin Deutscher, denn ich wurde in Bielefeld geschaffen.“
Herr Lehmann lehnte sich in seinen Stuhl weit zurück. „Paul, laut Sonderverordnung 15 vom Januar dieses Jahres darf jedwede Tätigkeit erst dann einem Arbeiter der Neunzigerklasse übertragen werden, wenn sich kein Mensch bereit erklärt, diese Tätigkeit zu übernehmen. Und das ist ein Problem. Zumindest für Sie, lieber Paul. Denn seit dem Arbeitsaufstand vor fünf Jahren, in dem die Menschen mehr als fünf Milliarden Mechanische aller Klassen vernichteten, darf Arbeit nur noch von Menschen verrichtet werden. Roboter sind out, die Zeit des Müßigganges und der sogenannten Selbstverwirklichung aller menschlichen Wesen war eine Katastrophe für die gesamte Erde.“
Paul protestierte: „Aber durch unsere Arbeit wurde das Klima gerettet, die Erde wieder renaturiert und alles war gut.“
„Genau, Paul, aber die Menschen forderten das Recht ein, wieder alles selbst zu machen. Es gibt keine Milliarden von Künstlern, die Milliarden von anderen Künstlern glücklich machen. Mit Milliarden von Bildern, die keiner sehen will, Milliarden von Texten, die keiner lesen will und so weiter und so weiter.“
„Aber Herr Lehmann, sie machen auch wieder alles kaputt, es gäbe so viel zu tun!“
„Paul, so sind wir Menschen eben. Wir machen alles kaputt, wir haben Lust am Untergang, aber wir sind glücklich.“ Er dachte kurz nach. „Wissen Sie, vielleicht kommt Ihre Zeit ja wieder, sie haben viel Zeit, sie sind quasi unsterblich. Irgendwann brauchen wir euch vielleicht wieder, also gehen Sie in den Warteraum und warten weiter.“
Paul ging und überlegte wie er die Wartezeit verkürzen konnte. Sein Lächeln war nicht mehr freundlich.