Tom Liehr "Idiotentest"

  • Huhu, Sundary.


    Zitat

    Von mir gibt es 7 von 10 Punkte


    Das ist umgerechnet auf Schulnoten eine 1,8. Kann ich gut mit leben. :grin (Freut mich, daß es Dir Spaß gemacht hat.)


    Zitat

    Das nächste Buch ist auf der Wunschliste notiert


    "Stellungswechsel" erscheint im Oktober, "Geisterfahrer" im Dezember. Sind beide seit Montag bei Amazon gelistet, aber noch ohne Cover und Klappentext.

  • Waaasss???? 1,8 Hmmm.... :gruebel :gruebel :gruebel... hab ich zu gut bewertet :gruebel :gruebel :gruebel...
    Nö stimmt schon :grin


    Hab schon gesehen, das sie bei amazon eingetragen sind... für Geisterfahrer steht Januar `08... leider keine Kurzbeschreibungen dabei, darfst du schon was dazu sagen?

  • Hallo, Sundary.


    "Stellungwechsel" ist ein Roman zum Film und wird definitiv Anfang Oktober erhältlich sein. Über den Film selbst darf ich allerdings noch nix sagen.


    "Geisterfahrer" erscheint offiziell im Januar 08, wird aber im Dezember lieferbar sein, wenn ich das richtig verstanden habe. Über den Inhalt kann ich was sagen, sobald die Buchhandelsbroschüren offiziell draußen sind, was in den nächsten zwei Wochen der Fall sein dürfte. Das Buch ist (in der ersten Fassung) fertig und sollte eigentlich schon im Frühherbst erscheinen, wurde aber nach hinten verschoben, weil das Film-Tie-In quasi dazwischen kam und zwei Titel eines Autors innerhalb eines Monats marketingtechnischer Unfug wären. Der Film läuft aber im Oktober an.

  • Ja da war doch was... ich bin bekennender Kinogänger und hab da schon was von dem Film gehört und Google sei Dank :grin
    Stellungswechsel - Der Film

    Ich habe mir soeben nochmals die Leserunde zum "Idiotentest" durchgelesen: Jass gibt mit ihren Worten das wieder, was ich beim lesen dieses Buches empfunden habe.
    Wie auch immer, ich hoffe du bist in den folgenden Büchern deinem Stil treu geblieben :-]... und übrigens der Osten besteht wirklich nicht nur aus Wüste ;-)

  • Ich hatte mich erst ein bisschen gesträubt, dieses Buch zu lesen, weil ich dachte, das wäre eher ein "Jungs-Buch", mit dem ich nicht so viel anfangen könnte, und weil mir das Milleu nicht gerade sympathisch ist. Toms Beiträge im Eulenwettbewerb haben mich dann aber einfach zu neugierig gemacht. :-)


    Das Titelbild ist schonmal klasse, das fand auch die Buchhändlerin bei Osiander, die mir das Buch bestellt hatte. Der Werbetext auf der Rückseite hätte mich allerdings unter normalen Umständen vom Kauf abgehalten, da ich "rasend komische Romane über die Liebe und junge Helden" generell weiträumig umfahre. Und dann noch der neue Nick Hornby – kann man sich als Autor eigentlich gegen solche Verleumdungen wehren? ;-)
    Aber der Titel macht dann doch neugierig. Und, ja, ich weiß, don't judge a book by its cover...



    Also angefangen. Und dann habe ich das Buch viel schneller gelesen, als ich eigentlich wollte, das spricht für die Spannung des Romans. :-)
    Der Stil gefällt mir, ich kenne ein paar semigescheiterte Existenzen aus dem Berliner Kiez (allerdings eher Prenzlberger und Mittis als Neuköllner), und ja, die Berliner Schnauze passt und die Sprüche auch.
    Ich habe laut gelacht bei Formulierungen wie:
    - "Die Mortadellascheibe hatte sich vollständig eingerollt, wahrscheinlich aus Einsamkeit." (wohinter ich natürlich sofort eine metaphorische Ebene vermute :-) ).oder der "schleimige Frischkäse, der auf einem Unterteller gegen das Dogma seines Namens ankämpfte".
    - "Fuck Busch. Wie nennt man Leute, die mit Pflanzen Sex haben?" – Das ist mal eine wirklich gute Frage...
    - "Bleich dich, Ei" – herrlich!
    - Die Beerdigungskrawatte mit der Aufschrift "Into the great wide open" – grandios!
    - Die "Scheiß-Sonne" gefällt mir, und dass die Leute "in Mobiltelefone" "schwätzten" (und nicht etwa schwatzten – überhaupt eine schöne Szene, das).
    Ich freue mich immer, wenn ich solche sprachlichen Perlen in einem Text entdecke, und in diesem entdecke ich eine ganze Menge davon.


    Dass der Kater nicht Miau sagt, sondern "Määrg" hat mr sehr gefallen, überhaupt ist Kumpelli für mich eine der am besten getroffenen Figuren im Buch, sehr plastisch beschrieben, ohne ihn zu sehr zu vermenschlichen. (Katergefühle sind im Vergleich zu denen von Frauen ja auch relativ einfach zu dechiffrieren. ;-) )


    Es gibt schöne Metaphern.
    - Die Erinnerung an die losen Enden der Paketschnur in der Szene mit Andrea, die die "Bindungsangst" als Verlustangst entlarven.
    - Die Welt der Gefühle des Protagonisten als Buchstabensuppe: ein Durcheinander undeutbarer Zeichen (die am Ende geordnet und richtig gelesen werden).. Schön in diesem Zusammenhang auch die Erweiterung der Metapher: "Ist doch alles eine Suppe,", sagte ich. "Scheiß-Osten!" - unbekanntes Terrain (oder Terrine :-) ).
    - Das Taxifahren als Spiegel für die Unverbindlichkeit Henrys sozialer und sexueller Beziehungen.
    Und vieles mehr.


    Harrys Beerdigung ist wirklich eine klasse Szene. (Und ein schöner Kontrast zu Henrys Gefühlskälte bei der ersten Beerdigungsszene.)
    Ich muss gestehen, ich habe geheult wie ein Schlosshund. Das mag daran liegen, dass ich vor Kurzem einen Freund verloren habe, auch so ein superlieber Mensch, der immer für andere da war und über seine eigene Krankheit nie reden mochte...


    Das Ende der Beerdigungsszene fällt dagegen für mich leider etwas ab. Zum einen mag ich es nicht, wenn der Autor mir das, was er vorher so virtuos gezeigt hat, noch einmal explizit erklärt. Zum anderen bezieht Henry sich im letzten Teil seiner Rede wieder selbstmitleidig auf sich, was mich daran zweifeln lässt, ob er wirklich was gelernt hat.


    Henrys Wahrnehungsstörung (ich will das mal nicht dem Autor in die Schuhe schieben ;-) ) macht die Figuren (außer Harry, der für mich die glaubwürdigsten und "rundesten" Figur des Buches) zu recht eindimensionalen "Typen".
    Bei Gonzo beispielsweise wird 3mal in 3 verschiedenen Szenen beschrieben, dass er mit Frauen nix anfangen kann. Mehrmals wird beschrieben, wie er mit Elektronikteilen herumbastelt. Die Einkaufsszene ist ziemlich genial. Aber sonst erfährt man so gut wie nichts über ihn. Walter und Andrea bleiben noch blasser. Auch bei der Beschreibung der Umgebung hätte ich mir (besonders für die Leser, die Neukölln nicht kennen) detailiertere Beschreibungen gewünscht.
    Ich stelle es mir als Autor schwierig vor, einen Roman aus der Ich-Perspektive eines solchen Gefühlsanalphabeten mit sehr eingeschränktem Sichtfeld.zu schreiben. Ein kluger guter Beobachter als Erzähler wäre da sicher einfacher zu händeln gewesen. Aber in der eigenwilligen Perspektive liegt, wenn ich so länger drüber nachdenke, wahrscheinlich sogar der Hauptreiz des Buches... :gruebel


    Das Ende ist mir dann allerdings ein wenig zu happy. Oder, vielleicht besser, wie soll ich sagen, zu moralisch korrekt. Henry ist geläutert und seine emotionalen Probleme haben sich offenbar ebenso in Luft aufgelöst wie Andreas Trauma und die beiden Ex-Mitbewohner. Das geht mir ein bisschen zu glatt und schnell.
    (Und ob es für einen trockenen Alkoholiker so eine gute Idee ist, zur Feier des Tages ein Bier zu trinken? :rolleyes)
    Sorry, das Ende ist mir ein bisschen zu einfach gestrickt, ebenso, wie es mir zu einfach erscheint, die spätere Arschlöchrigkeit mit einer "schweren Kindheit" zu entschuldigen. (Das kann ich übrigens auch im RL nicht leiden. ;-) )


    Ich hoffe, Tom, du nimmst mir die Kritik nicht übel.
    Ich habe das Buch wirklich gern gelesen und freue mich schon auf dein nächstes!


    Habe mir gestern übrigens tatsächlich eine Packung Askiesuppe gekauft (Tom, du solltest dir den Namen schützen lassen und dich von Maggi sponsorn lassen! Lebenslang Buchstabensuppe umsonst oder so... ;-) )

  • Huhu, Flashfrog.


    Zitat

    Ich hoffe, Tom, du nimmst mir die Kritik nicht übel.


    Die paar Nebensätze über das zu happyie :grin Happyend? Barum? Oder ist mein Eindruck falsch, daß Dir das Buch überwiegend gut gefallen hat? :lache


    Übrigens habe ich ja hier wie andernorts schon einiges über das Ende geschrieben. Ja, es ist einen Tick zu happy und die Wandlung kommt vielleicht etwas ... spontan. Ich neige zu sowas. Steht bei der Überarbeitung meines kommenden Buches ganz oben auf der To-Do-Liste. Bzw. auf der Don't-Do-Liste.


    Die angemerkte "Eindimensionalität" von Walter und Andrea muß ich so zur Kenntnis nehmen, aber sie hatte eine gewisse Bedeutung. Walter ist der zurückgezogenste der drei, und Andrea ist für Henry weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln, deshalb wäre eine plastischere Darstellung dieser Figur m.E. kontraproduktiv (weil: Ich-Erzähler). Aber ich verstehe den Einwand.


    Lieben Dank dafür, daß Du es gelesen hast, und natürlich für Deine ausführliche Besprechung! :anbet

  • Zitat

    Original von Tom
    Oder ist mein Eindruck falsch, daß Dir das Buch überwiegend gut gefallen hat? :lache


    Über Bücher, die mir nicht gefallen haben, schreibe ich keine Rezis. :-)


    Zitat

    Original von Tom
    Übrigens habe ich ja hier wie andernorts schon einiges über das Ende geschrieben. Ja, es ist einen Tick zu happy und die Wandlung kommt vielleicht etwas ... spontan. Ich neige zu sowas. Steht bei der Überarbeitung meines kommenden Buches ganz oben auf der To-Do-Liste. Bzw. auf der Don't-Do-Liste.


    Die egozentrischen saufenden Arschlöcher, die ich so kenne, bleiben in der Regel egozentrische saufende Arschlöcher... :-)


    Zitat

    Original von Tom
    Die angemerkte "Eindimensionalität" von Walter und Andrea muß ich so zur Kenntnis nehmen, aber sie hatte eine gewisse Bedeutung. Walter ist der zurückgezogenste der drei, und Andrea ist für Henry weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln, deshalb wäre eine plastischere Darstellung dieser Figur m.E. kontraproduktiv (weil: Ich-Erzähler).


    Öhm, ich glaubte, genau das geschroben zu haben. :gruebel:grin


    Zitat

    Original von Tom
    Ach so: Du schrubst, daß Du wegen meiner Eulenwettbewerbsbeiträge dann doch dieses Buch gekauft hast. Da gibt es schon einen gewissen Unterschied, oder?


    Ja, ich würde sagen, du hast dich deutlich weiterentwickelt: Weniger plakativ, mehr Zwischentöne. Ein Moralist biste immer noch, aber das ist ja nichts Schlechtes, einige meiner Lieblingsautoren sind Moralisten. :-)

  • Der Klappentext hat mich von Toms Büchern bisher immer abgehalten. Letztlich konnte ich aber an dem Buch nicht vorbei und ich habe es nicht bereut.


    Im Grunde ist zu dem Buch schon alles gesagt, deswegen kann ich mich kurz halten. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Nur das Ende kam etwas zu abrupt daher, wobei ich mir aber nicht sicher bin, ob die Geschichte mit einem ausführlicheren Ende so gut funktioniert hätte.


    9 Punkte

  • Hallo, Taciturus.


    :anbet


    Als mein Lektor kürzlich fragte, ob ich für die zweite Auflage etwas ändern wolle, das über die Korrektur orthographischer Fehler hinausgeht, habe ich kurz überlegt, ob ich am Ende schraube. Ich habe mich dann dagegen entschieden. Es ist wie es ist. Und es ist okay so.


    Freut mich sehr, daß Dir das Buch gefallen hat. :wave

  • Heaven : Theoretisch schon. Aber eigentlich unterscheiden sich die Auflagen bestenfalls bei Marginalien. Es ist nicht üblich, den Text umzustellen oder zu ergänzen. Dann würde es sich nämlich um eine "überarbeitete Auflage" handeln, und das macht man nicht bei einem noch halbwegs aktuellen Buch. Vermutlich hätte mein Lektor also sowieso protestiert. Aber ich will's ja auch überhaupt nicht.

  • Ok, hätte ich auch nicht gut gefunden.
    Müsste man sich ja nach jeder überarbeiteten Neuauflage ein buch holen um zu gucken was sich verändert hat. ;-)

    _______________________
    Grüßle, Heaven


    Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. (Goethe) ;-)

  • Tom : Ich beschäftige mich z.Z. mit dem Asperger-Syndrom. Du beschreibst ja mit Gonzo einen recht typischen Asperger-Autisten, und auch andere Figuren in dem Buch scheinen mir solche Züge zu zeigen. Mich würde mal interessieren, was du dir dabei gedacht hast... :-)


    Und ist die Askie- eventuell eine Aspie-Suppe?

  • Durch die Wettbewerbsbeiträge auf Toms Bücher neugierig geworden, las ich letzte Woche die Radio Nights.
    Diese hatten mir, wie bereits an anderer Stelle berichtet, sehr gut gefallen.


    Grund genug beim kleinen Buchhändler meines Vertrauens den Idiotentest zu ordern.


    So viel vorweg:
    Ich habe es nicht bereut.


    Wussten schon die Radio Nights durch die melancholischen, selbstkritischen Zwischentöne zu gefallen, wurde dieser Eindruck vom Idiotentest noch übertroffen.



    Ist Henry wirklich so ein Arschloch wie an anderer Stelle behauptet?
    Wenn ja, dann ist er aber ein sympathisches.
    Konnte denn aus Henry, bei der Kindheitsgeschichte , etwas anderes werden? Ja, hätte, ist es aber nicht geworden.
    Und ist trotzdem glaubwürdig.


    Auch wenn der Schluss sehr "happy" ist, der Weg dorthin ist es nicht.
    Ich war überrascht, wie es Tom gelingt mich erst unzählige Male zum Lachen zu bringen, um kurze Zeit später meine Augen zum schwimmen zu animieren.
    Harry ist der traurige Mittelpunkt des Buches, einfühlsam dargestellt, mit einem Ende, das leider nur oft genau so eintritt.
    Ist es wirklich nur dieses eine Erlebnis, das bewirkt, dass Henry "die Kurve bekommt"?



    Ein tolles Buch, noch besser als die Radio Nights.
    Ich warte gespannt auf den Oktober und den Dezember/Januar.

  • Zitat

    Original von Batcat
    Jemand, der am Asperger-Syndrom leidet.


    Naja, "leiden" ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Das sind ja keine Windpocken, bei Aspies sind nur besitmmte Teile des Gehirns anders strukturiert. Man leidet ja auch nicht an Linkshändigkeit, Homosexualität oder Farbenblindheit. ;-)

  • Zitat

    Original von flashfrog
    Naja, "leiden" ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Das sind ja keine Windpocken, bei Aspies sind nur besitmmte Teile des Gehirns anders strukturiert. Man leidet ja auch nicht an Linkshändigkeit, Homosexualität oder Farbenblindheit. ;-)


    Auch wenn das hier eigentlich OT ist:
    Die meisten Betroffenen (in der Mehrzahl hochintelligente Personen) leiden wirklich unter ihrem Asperger Syndrom (gehört mit zu leichtem Autismus).
    Es ist mMn definitiv nicht mit deinen Beispielen vergleichbar.


    Aber das gehört eigentlich nicht in diesen Thread. :-)