Historische Romane - Bevorzugt ihr Realität oder Wunschvorstellung?

  • Hi Gheron!


    Zitat

    Original von Gheron
    Meistens hätte bereits ein kurzer Blick der AutorInnen in ein Konversationslexikon geholfen, um die größten Böcke zu vermeiden.


    Das ist es, was mich bei manchen Romanen so rasend macht. Die Autoren hätten nicht mal ein Buch lesen müssen, ein kurzer Blick auf eine simple Zeitlinie (geboren, geherrscht, gestorben) hätte es meist schon getan.
    Meistens geht es einfach nur um solche Dinge. Das ist für mich genauso schlampige Schreiberei, wie wenn jemand in einem Artikel schreiben würde, Paris wäre die Hauptstadt von England.


    Bye,


    Grisel

  • Damit sind wir aber auch nicht mehr so ganz beim Thema. In der Eingangsfrage ging es ja darum, ob die Leser nun eher historisch korrekte Romane bevorzugen oder eben in erster Linie gut unterhalten werden wollen.
    Die Verantwortung eines Autors gegenüber simplen nachprüfbaren Fakten steht beim historischen Roman doch eh ausser Frage. Wobei natürlich nicht nur der Autor, sondern Lektoren und Redakteure in den Verlagen ebenso eine gewisse Mitschuld an Totalaussetzern tragen.
    So wie ich das sehe ist eben den meisten Lesern erst einmal ein gut zu lesender, d. h. gut geschriebener Roman wichtig. Wenn nebenher echte Fakten vermittelt werden, neben das wohl alle gerne mit. Das z. B. mit der Päpstin ein Etikettenschwindel seitens Autorin und Verlag erfolgte ist mittlerweile, zumindest hier, bekannt und wir sind uns ja alle soweit einig, dass eine korrekte Genre-Schublade (Fantasy statt Historie) seitens der Verlage und Autoren zwar eine schöne, aber wohl aus kommerziellen Gründen nicht gemachte Verkaufspolitik wäre.


    Gruss,


    Doc

  • Jetzt die entscheidende Frage. Was ist besser?


    Ein Roman, der unterhält, aber der einen Mist erzählt und voller Fehler steckt


    ODER


    Ein Roman, der unterhält, und wo die meisten Fakten stimmen, der gut recherchiert ist etc.


    Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass 2. die bessere Variante ist.


    Was mich eigentlich zur Themenerstellung bewogen hat, ist das langjährige Beobachten der Bestsellerlisten meinerseits.


    Ich frage mich: Wie kann es sein, dass die fehlerhaften Bücher immer am meisten verkauft werden? Ich sehe es jedenfalls nicht als Zufall an, dass selbst von vielen Büchhändlern der größte Mist empfohlen wird, wenn ein gut recherchierter Hist- Roman gefordert wird.
    Wer es wissen will, mache den Test. ;-)


    Ich finde es schlimm, dass Unterhaltung in der heutigen Zeit Qualität und Seriösität völlig überdeckt. Egal, ob nun Roman nach Historisch steht oder nicht.
    Mir macht es Angst, dass jene Bücher bevorzugt werden, die Klischees und vorgezimmerte Weltbilder befriedigen. Mir macht es Angst, dass offensichtlich immer unkritischer Information aufgenommen wird.


    mfg

  • Einigen wir uns halt darauf, dass historische Romane, die diese Bezeichnung auch wirklich verdienen, historisch korrekt UND unterhaltsam sein müssen - ansonsten gehören sie entweder gar nicht erst geschrieben oder ins Fantasy-Genre.
    Desweiteren könnten wir uns doch darauf verständigen, dass Autoren, Verlage, Buchhändler und Leser kritischer im Umgang mit sogenannten Fakten umgehen sollten und das, was in manchen Romanen als wahr verkauft wird, ab und zu mit wachsamen Blick, und nicht ohne zu hinterfragen, beäugen müssten.


    Damit wäre doch dann Alles in Butter, oder? :-)


    Gruss,


    Doc, schon mal die Friedenspfeife anschürend

  • Hallo His,


    womit wir wieder beim Thema wären, warum ein Hist. Roman der spannend und unterhalten ist, aber ein paar kleine Fehler hat, mir nicht gefallen darf.



    Tschüß Micha !!!


    Hallo Doc reich die Pfeife rüber, ich will auch ein mal ziehen.

    Auf dem Dachboden lebten wir vier, Christopher, Carrie, Cory und ich.
    Nur drei gehen wieder fort von hier.


    V.C. Andrews

  • Zitat

    Original von Fdlmich
    Hallo Doc reich die Pfeife rüber, ich will auch ein mal ziehen.


    Aber gerne doch.... *rüberreich*


    Gruss,


    Doc


    PS @His: Hab' ich mir doch gleich gedacht, dass Du einer dieser furchtbaren jungen Leute bist, die weder trinken noch rauchen, noch ganz dreckigen Sex haben. Schlimm diese Jugend heutzutage!! :-)

  • Hallo allerseits,


    ich möchte an dieser Stelle noch kurz auf das Thema dieser Diskussion eingehen, nämlich auf Relität und Wunschvorstellung.


    Bei unserem Roman "Die Kastratin" wurde in einer Zeitungsrezension etwas augenzwinkernd gefragt, ob denn alles historisch so richtig wäre, weil wir Kaiser Maximilian II. als Freund und Förderer der Protestanten dargestellt hätten.
    Der gute Mann hätte sich mit einem Blick in das in einer Zeitungsredaktion sicher vorhandene Konversationslexikon davon überzeugen können, dass es so war.
    Durch den dreißigjährigen Krieg und der Protestantenvertreibungen und -umsiedlungen bis in die Zeit Maria Theresias hinein ist der Name Habsburg für die meisten Leute jedoch gleichbedeutend mit dem Begriff Erzkatholisch.


    Als Autor historischer Romane schreibt man daher in manchen Fällen sogar gegen die Erwartungshaltung der Leser an, die es schon immer besser gewusst haben als selbst gut recherchierende Autoren.
    Wie sagte einmal ein befreundeter Autor zu uns: Wenn ihr einmal etwas über Katharina II. schreibt, dürft ihr den Hengst nicht vergessen. Die Leute wären sonst enttäuscht.
    Man muss sich als Autor auch mit der Propaganda vergangener Zeiten auseinander setzen, die oft ein Bild zeichnet, das manchmal doch sehr von der historischen Wahrheit entfernt ist.


    Liebe Grüße
    Gheron

  • Zitat

    Original von Antiope
    Ich war gestern zu drei Bewerbungsgesprächen in München und habe nebenher DEN TEST gemacht.
    Welchen Test? Na, ich bin in jede Buchhandlung marschiert, die auf meinen Wegen lag und habe nach "gut recherchierten und spannenden historischen Romanen" gefragt.
    Empfohlen wurden mir zuallererst eigentlich überall dieselben Bücher: Donna Cross' "Die Päpstin"....


    ich war gestern in einem kleinen buchladen, der auf meinem arbeitsweg liegt. das ergebnis war genau das selbe wie bei antiope!
    die verkäuferin kannte nur die klassiker aus den bestenlisten. als ich nach iris fragte, war sie ratlos! ich hab aber den tribun bestellt und ihr empfohlen, das auch gleich mal zu lesen! :]


    bo

  • Ich kriege die Krise, wenn ich im Buchladen mitbekomme, wenn ein Buch mit den Worten "nehmen Sie das, das wird immer gerne genommen - da können Sie praktisch gar nix falsch machen" angepriesen wird.


    Allerdings gibt es auch in den größeren Buchläden bei uns kompetente Beratung - man muß sie nur finden ;).


    Es kommt halt immer drauf an, an wen man gerät: Jemand, der den Beruf des Buchhändlers gelernt hat... oder jemand, der Buchhändler aus Berufung ist.


    Ersterer kann mir immerhin noch sagen, wo ein Buch steht und es abkassieren. Zweiterer ist Hilfe und Inspiration zugleich.

    Lieben Gruß,


    Batcat


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Lieber Gheron!


    Zitat

    Original von Gheron
    Als Autor historischer Romane schreibt man daher in manchen Fällen sogar gegen die Erwartungshaltung der Leser an, die es schon immer besser gewusst haben als selbst gut recherchierende Autoren.
    Wie sagte einmal ein befreundeter Autor zu uns: Wenn ihr einmal etwas über Katharina II. schreibt, dürft ihr den Hengst nicht vergessen. Die Leute wären sonst enttäuscht.
    Man muss sich als Autor auch mit der Propaganda vergangener Zeiten auseinander setzen, die oft ein Bild zeichnet, das manchmal doch sehr von der historischen Wahrheit entfernt ist.


    Für diese Worte möchte ich das Glas erheben und dir danken ... :o)


    Außerdem nehme ich einen Zug aus der Pfeife des Docs, der da sagt, die AutorInnen und Verlagsmenschen sollen sich mal mehr Mühe geben.
    Wenn LeserInnen mal einen wunden Punkt in einem Schmöker finden, ist es andererseits ihre Aufgabe, mit salzigem Finger draufzutippen: "Schönes Buch, aber wieso war jetzt das da nötig?"
    Und die Fans springen dem scheinbaren Spielverderber dann bitte nicht gleich mit dem Popo ins Gesicht. Denn wenn ihr euch gegen Macken wehrt, kriegt ihr die Ware nächstes Mal mit weniger Macken und im Glücksfall ganz ohne. ;o)


    Herzliche Grüße,


    Iris

  • Ich habe mit "dem Flug des Feuervogels" von E.W.Heine begonnen und muss sagen: Es strotzt vor schlechter Recherche! Kürbisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts?
    Tee, der doch erst im 17. Jhrh. zu uns kam? Weiters werden Pfeffersack und Feuerwerk (16. Jahrhundert), Kalesche und Taschenspielertrick (17. Jahrhundert), sowie Gobelin und Kormoran (18. Jahrhundert) verwendet...
    HISTORICUS! was sagst DU dazu??? Ich selbst bin mächtig enttäuscht! ?(



    Kurzbeschreibung
    Unzählige Leser haben sich bereits auf den "Flug des Feuervogels" mitnehmen lassen. In diesem "prallen Schmöker für alle, die alles wollen: Spannung, Spaß und Seelen-Schokolade" (SWR) erzählt Erfolgsautor E.W. Heine die Geschichte der schönen Jüdin Judith und des Christen Attila. Sie leben im Rothenburg ob der Tauber des 14. Jahrhunderts, dem der berühmte Bürgermeister Heinrich Toppler Wohlstand und Toleranz gebracht hat. Doch jetzt bedroht ein Feuerteufel die Stadt, und die Liebenden werden in einen Strudel aus Hass, Aberglauben und Machtgier hineingerissen. Heines packender Roman, der auf exakt recherchierten Fakten beruht, berichtet von starken Frauen und lebensklugen Männern, die ihrer Zeit gefährlich weit voraus sind. Eine atemberaubende Geschichte, überbordend in ihren Bildern, deftig in der Sprache und mit einem furiosen Finale.

  • Hi Biloxi,


    tja, genau solche Bücher tun mir immer sehr, sehr weh! ;-)


    Das sind schon keine kleinen Fehler mehr, und bei den Amazon Rezensionen wird mir immer ganz schlecht. Da werden jedesmal solche Bücher hochgelobt. :-(


    mfg

  • Jetzt hab ich doch das leidige Thema wieder ausgegraben, man möge mir verzeihen...:-)


    Aber da das irgendwie grad auch "meins" ist...würde ich hier gern noch was dazu sagen...


    Ich habe ja gerade erst - seit ich hier rumeule - überhaupt klassische historische Romane gelesen: nämlich den Tribun und die Magistra (wenn ich jetzt meine pubertären Erfahrungen mit Marion Zimmer Bradley mal aussen vor lasse :-)).


    Diese beiden Bücher haben mir schon soweit ganz gut gefallen, dazu hatte ich mich ja an anderer Stelle schon geäussert.


    Trotzdem - irgendwie bleibt da so der üble Beigeschmack - *warum* liest man historische Romane?


    Ich interessiere mich sehr für Geschichte, lese aber eben normalerweise Sachbücher zum jeweiligen Thema. Ich würde also nie auf die Idee kommen, mir Wissen mittels eines historischen Romans anzueignen.


    Wenn ich etwas (belletristisches) lese, das kein historischer Roman ist, befriedigt mich das. Ich denke lange darüber nach. Das Buch bewegt mich, verändert mich vielleicht sogar. Ich kann in schöner Sprache versinken. Dann lese ich vielleicht nicht so schnell und nicht so viel am Tag (wie es jetzt bie den beiden oben genannten Büchern der Fall war), aber dafür viel intensiver.


    Ein historischer Roman unterhält mich. Entdecke ich darin verdrehte Fakten (wie bei MZB) ärgere ich mich (das muss dann allerdings eine Zeit voraussetzen, mit der ich mich relativ gut auskenne). Das römische Reich ist so gar nicht "meine Zeit", daher gefiel mir "der Tribun" vorbehaltlos. ;-)
    Ich hatte mich ein bisschen mit meinem Mann darüber unterhalten, der meinte aus meiner Erzählung gewisse Unstimmigkeiten herauszuhören, das kann aber auch an mir gelegen habe ;-) - ich werde dem aber noch nachgehen und ihn vielleicht überzeugen können, das Buch auch mal zu lesen. Dann melde ich mich dazu nochmal.


    Ähm, was wollte ich jetzt eigentlich sagen? :gruebel


    Ich schick das jetzt einfach mal so ab :wave
    - auch wenn ich nicht weiss, ob das jetzt im richtigen der vielen vergangenen Threads untergebracht ist, die ich grad gelesen hab.

  • Zitat

    Ich interessiere mich sehr für Geschichte, lese aber eben normalerweise Sachbücher zum jeweiligen Thema. Ich würde also nie auf die Idee kommen, mir Wissen mittels eines historischen Romans anzueignen.


    Es geht gar nicht darum, bewusst oder unbewusst gezielt oder nicht gezielt aus Historischen Romanen zu lernen.


    Viel mehr geht es darum, dass ein Leser aus allen Büchern ganz sicher unbewusst Satzfetzen, Gedanken, Bilder mitbekommt und sie gegebenfalls in seiner Meinungsbildung verwendet.


    Bei Historischen Romanen ist das problematisch: Aus falschen Geschichtsbildern können sich schwerwiegende Vorurteile bzw. Missverständnisse entwickeln, bis hin zu falschen Gesellschaftsbildern und dergleichen. So etwas darf man nicht unterschätzen!


    Deshalb ist für mich im Genre des Historischen Romans erforderlich, dass der Autor, worüber er schreibt, er es zumindet versucht, sich an möglichst viele Tatsachen zu halten, denn ein Historischer Roman ist ein Historischer Roman, und kein Fantasyroman!


    Bestes Beispiel findet man im Päpstin Thread. Mindestens 5 Leute haben nach der Lektüre dieses Buches geglaubt, dass es eine Päpstin gegeben hat, bis einige Leute, die historisch versiert sind, ihnen eines besseren belehrt haben.


    Gruß

  • Weisst Du, ich kenne dies Problem noch aus einem anderen Bereich - dem Reenactment.


    Ich habe überhaupt kein Problem damit gehabt, wenn jemand in lustigster Fantasy-Klamotte rumgelaufen ist, so lange er nicht gesagt hat, sein Hobby ist Mittelalterdarstellung. Das ist dann einfach Etikettenschwindel.


    Selbiges gillt für einen Roman - wo historisch "draufsteht" erwarte ich dann auch historischen Inhalt. Sonst soll man bitteschön Fantasy drauf schreiben.


    Ich denke, wir sind uns da einig, oder?